Sind wir viel weniger individuell als wir denken …?

Ich persönlich komme immer mehr zum Schluss, dass dem so ist. Denn ich glaube, erkannt zu haben, dass sehr, sehr viele Dinge, die wir für ausschließlich „unser Eigen“ halten dem – ich nenne es mal – „psychologischen Erbe“ unserer Vorfahren geschuldet sind.

Und das gleich vorweg: Dieses Erbe muss nicht unbedingt schlecht sein. Denn es kann durchaus zwei sehr wichtigen Zwecken dienen: dem eigenen Status in der Gruppe und der Überwindung der eigenen Sterblichkeit. Oops …, klingt erstmal gruselig, ist es aber nicht.

Ich erklär’s mal an einem Beispiel: Als ich 16, 17 Jahre alt war, war die Markenjeans „Wrangler“ irre „individuell“. Ich kaufte sie, zog sie an und fühlte … ja, ich fühlte tatsächlich „me,myself and I“, wow! Heute weiß ich, dass das Gefühl letztendlich nur eine Rückversicherung war, dazu zu gehören. Somit war das Gefühl nicht wirklich mein eigenes. Alle anderen, die diese Jeans trugen, fühlten nämlich exakt gleich oder zumindest ähnlich. Es war eine Art Kollektiv-Emotion. Genauso erging es mir im weiteren Verlauf des Lebens mit diversen Zwei- und Vierrädern, Urlaubsreisen oder auch – klingt etwas eigentümlich –  sogar Lebenspartnerinnen. Im Nachhinein kann ich mit hochprozentiger Sicherheit sagen, dass ich jahrzehntelang immer gewählt habe, was mir auch ein gewisses Ansehen in meinem Umfeld verschafft hat. Was aber – Frage – garantiert ein hoher Grad an Status in der Community wirklich? Antwort: soziale Sicherheit. Das beruhigende Gefühl, materiell auskommen zu können im Zusammenleben mit den anderen. Keinen Mangel erleiden zu müssen bedeutet, kein Dasein am Rande fristen zu müssen. Dabei verleiht einem der Status aber noch etwas ganz anderes: Nämlich – zumindest im evolutionstechnischen Sinne – die Überwindung der eigenen Sterblichkeit. Zumindest die scheinbare. Denn ein guter gesellschaftlicher Rang erhöht die Chance auf attraktive Sexualpartnerschaft(en). Und diese wiederum …? Ermöglichen Nachkommenschaft. Was aber sind im eigentlichen Sinne Nachkommen unter anderem auch? Genau, die genetische Fahrkarte, die zumindest ein bisschen wegführt vom biologischen Total-Aus! Deine strahle-blauen Augen beispielsweise leben so eventuell über Generationen weiter, weiland Du sie schon längst für immer geschlossen hast. Das ist tatsächlich weit weniger blauäugig, als es klingt. Und: Das gilt auch für ganz andere Eigenschaften.

Aber hallo, was hat das jetzt alles mit Medien-, Grafik und Fotodesign zu tun?

Peter Lindbergh, der Ausnahmefotograf, bekannte einst, „dass er erst richtig erfolgreich wurde, als er beschloss, nur noch das zu machen, was er eigentlich wollte“: Frauen zu fotografieren! Und zwar so, wie er sie sieht – ohne Ansprüche Dritter, ohne kommerzielle Hintergedanken, einfach nur aus uneigennütziger Intention. Heute ist Lindbergh ein Star. Seine Werke erreichen Höchstpreise, seine Ausstellungen traumhafte Besucherrekorde. Und das alles – jetzt kommt’s leider doch wieder – dient aber wiederum ganz vielen Menschen offensichtlich zur Zurschaustellung „ihrer ganz eigenen Individualität“. Denn wer hat sie nicht auch schon gemacht, diese Erfahrung, dass viele Menschen (oder auch ab und an man selbst?) zu einer Ausstellung gehen – am liebsten zur Vernissage – weniger um zu sehen, als vielmehr, um gesehen zu werden? Womit wir wieder bei der Frage wären: Sind wir eigentlich viel weniger individuell als wir denken?

Ich bin ich und Du bist Du – das ist Fakt.

Was aber macht uns wirklich individuell? Gleich zwei mögliche Antworten existieren hier: Leiden und die Fähigkeit zur uneigennützigen Erkenntnis. Leiden deshalb, weil es weder der Verbesserung des eigenen Status’ dient, noch der Unsterblichkeit. Oftmals sogar eher im Gegenteil. Und: Weil es den Betroffenen zwingt, sich extrem als Selbst, als Individuum wahrzunehmen. Uneigennützige Erkenntnis deshalb, weil diese – wenn wirklich uneigennützig vollzogen –  sie unser aller Leben, unser aller Weltsicht verändern kann, ohne dass eine Statusabsicht dahinter steht – Albert Einstein, Mutter Theresa und Peter Lindbergh lassen grüßen. Und wann grüßt Du zurück …?