Social Media-Design: Werden wir in Zukunft alle selbst zu „Selfie-Sticks“?

Ich bin mir jetzt sicher, der ungeheuere Erfolg des Selfie-Sticks ist gesellschaftlich v i e l ernster zu nehmen, als er sich nach aussen hin momentan darstellt.

Will damit sagen, dass der Selfie-Stick (im weiteren Textverlauf hier auch immer wieder als „SFS“ bezeichnet) auf die Dauer die gesamte Entwicklung unserer Menschheit und Menschlichkeit grundlegend beeinflussen wird. Ja, ich geh’ sogar soweit, ich behaupte er wird diese  r a d i k a l  verändern! Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Was ist denn der SFS tatsächlich? Ich meine in seinem eigentlichen Nutzen für den Menschen? Im eigentlichen Sinn ist er doch nichts anderes als ein Partnerersatz im postindustriellen Single-Zeitalter. Ich meine das folgendermaßen: Einer der ganz zentralen Wichtigkeiten der traditionellen Partnerschaft mit einem anderen Mitmenschen war/ist laut Psychologie auch die Gelegenheit für den Einzelnen, sich selbst von aussen wahrnehmen zu können. Die Eigenperspektive zu verlassen und sich sprichwörtlich durch die Augen des anderen betrachten und bewerten zu können. All das bietet jetzt auch der SFS – zumindest im übertragenen Sinne. Mittels ihm betrachten wir uns selbst und bewerten uns auch selbst. Klick, dann rein mit dem Shot in die Socials Media-Cloud und selbst „Gefällt mir“ gedrückt – fertig ist die „Fremdwahrnehmung“! Oder glaubt jemand allen Ernstes, dass anderen diese „Ich glotz mich besser mal selber an“-Bilder wirklich gefallen …? Da wird doch nur aus Mitleid oder bestenfalls aus Gefälligkeit „Gefällt mir“ gedrückt.

Gehen wir jetzt aber einen Schritt weiter: Wenn die Selfie-Sticks tatsächlich (auch) eine Art Partnerersatz sind, dann könnten sie ja durchaus – evolutionstechnisch gesehen – zur Nachfolge-Spezies des Menschen werden. Ich meine das ganz natürlich. In etwa so, wie die Dinosaurier ja auch irgendwie die Vorläufer des Menschen waren. Eine ganz natürliche Entwicklung löst die Menschheit dann eben durch die SFSs ab. SFSs werden dann heiraten, kleine sfss haben und das größte Glück dieser Familie wird „die eigene Kamera“ sein :-) Warum das alles so sein wird …? Na, weil die Selfie-Sticks ja eventuell auch die Aussenbetrachtung des eigenen – ich nenn’s mal – „Stix“ benötigen. Da werden dann SFSs Selfies von SFSs machen, die gerade sich selber „selfen“. Da werden wahrscheinlich aber auch – quasi über die SFS-Kleinfamilie hinaus – ganz eigene SFSs-Gesellschaftssysteme entstehen: Vielleicht ein kapitalistisches, das immer größere, immer komfortablere Selfie-Sticks hervorbringt. „Alpha-Sticks“ vielleicht mit nicht nur einer, sondern gleich mehreren Kamera-Aufhängungen. Und dann wird es mit Sicherheit die sozialistischen Sticksysteme geben. Alle Selfie-Sticks sind da gleich. Maximal eine Kamera pro Stick! Nur manch wenige sind „etwas gleicher“ … (und werden dann ebenfalls gleich mehrere „Kameras am Stecken“ haben).

Der Rest ist jetzt schnell erzählt: Es werden wahrscheinlich Kriege geführt werden, weil die Metall- und Plastik-Ressourcen knapp werden. Auch wird es mit Sicherheit eine „Greenpeace-Selfie-Stick-Bewegung“ geben. Die Aussenwahrnehmung von Stick zu Stick wird immer komplexer werden. Ein Selfie-Stick mit dem eventuellen Namen Edward Stickson wird der Stickheit klar machen, dass alles nur Überwachung und Bespitzelung ist und schon längst nicht mehr der erweiterten Selbstwahrnehmung dient. Und dann werden vielleicht so manch ältere Selfie-Sticks sagen: „Das ist doch alles Wahnsinn! Wo sind die guten alten Zeiten, als es noch die Menschen gab? Wo ganz klar war, für wen wir das alles machen. Für Mediendesigner, für Fotografen und Filmer. Und für all jene, die genau das so gern einmal sein würden. Und wenn’s nur für einen Augen-„Klick“ ist …“   

Autor: Nils Hemmen