Werbung 2.0: Wenn Werbung mit Promis plötzlich ganz eigene Geschichten schreibt.

Wenn Film-, Foto- und Grafikdesigner Kampagnen mit Prominenten in Szene setzen, dann ahnen sie nicht im geringsten, dass sie neben ihrer Arbeit manchmal noch ganz andere Geschichten inszenieren.

Aktuelles Beispiel: Weltmeister-Fußballer Thomas Müller. Bei einer wohl bekannten Supermarktkette geht der hochdotierte Ballathlet mit dem Einkaufszettel seiner Frau einkaufen und hat dabei teilweise seine – wenn auch dank des Anbieters alles lösbar – ganz eigenen Probleme. Bolognese vergan …? Oder: Milch leicht …? Alles kein Ding – dank dem super Supermarkt! Cut – Ende – Aus. Spot 1 vorbei.

Dann ein paar Spots weiter: Man sieht den kernigen Balljongleur erneut. Mit ein paar Freunden gemeinsam um den Grill eines anderen Auftraggebers gruppiert, dicke Steaks auf den heißen Rost werfend. So, und jetzt wird doch die Meta-Geschichte dieser zwei Werbeauftritte viel interessanter als die beiden Werbegeschichtchen selbst. Drängt sich doch dem phantasiebegabtem Zuschauer folgende Frage auf: Wie ist es denn eigentlich um die Ehe des Nationalspielers bestellt? Wir wissen aus Spot 1: Müllers Frau is(s)t vegan. Wir sehen aber auch in Spot 2, „Uns-Thomas“ dicke Steaks auflegen – und hier ist von seiner Frau nix zu sehen und nix zu hören. Gibt es im noch jungen Müller-Glück vielleicht doch schon unüberwindbare Kulinarik-Konflikte, die dann so herkömmlich gelöst werden wie in vielen anderen Lebenspartnerschaften auch? Geht Müller eben mit seinen Kumpels der Leidenschaft nach, die er zu Hause nicht leben kann oder sogar vielleicht nicht leben darf? Zotet er da vielleicht sogar „ein paar Bierchen später“ über seine Angetraute und ihre Auffassung von Genuss, wie so viele andere Ehegatten auch? Beschwert er sich eventuell – ja, heult er sich vielleicht gerade zu aus – bei seinen Freunden, über das „softige“ Küchendasein „dahoam“ zwischen Broccoli und Endiviensalat? Gibts dann noch – nochmal ein paar Weißbier später – thematisch-schlüpfrige Abstecher in Richtung Müller’sches Sexleben, das vielleicht genauso grün, sanft und fad abgeht wie die Kost auf dem täglichen Teller? Träumt der Thomas da vielleicht im Kollektiv mit seinen Grill-Kumpels dann doch von einer Raubkatze, die den Begriff der Fleischeslust vom Grill wortwörtlich ins heimische Schlafzimmer transponiert? Schon klar, nichts genaues weiß man nicht. Aber: Schon allein die Fragestellungen hinter dieser Werbespotkombination setzen zuweilen in der Phantasie des Betrachters eben doch noch ganz andere Filmchen in Gang. Anderes Beispiel: Wieder gehts da um einen Thomas. Jahrzehntelang war Thomas Gottschalk der Gummibärchen-Werbeonkel zur Verführung minder- wie auch volljähriger Naschkatzen. Und dann das: Der alternde Showmaster tritt ab und präsentiert in einem TV-Spot seinen legitimen Bärchen-Erben: Michael „Bully“ Herbig. So, und auch hier drängen sich plötzlich Phantasie-Geschichten auf, die so mit Sicherheit von den Entwicklern nicht geplant waren. Zum Beispiel diese, dass der alternde Gottschalk die Werbung schlichtweg deswegen nicht mehr mitmachen kann, weil seine „Dritten“ ihrerseits nicht mehr mitmachen. Bully Herbig dagegen ist jung und verfügt über Kauleisten, die dem adhäsiven Angriff der Klebe-Bären die kommenden Jahrzehnte locker Paroli bieten. Fazit hier: Wer es im Show- bzw. Werbebusiness ganz nach oben schaffen will, muss sich halt durchbeissen können. Und wenn’s durch ein Heer unendlich vieler Gummibären ist …           

Autor: Nils Hemmen