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Eine kritische Bestandsaufnahme des Wandels, der Risiken und der Chancen

Dominik Lazi | Lazi-Akademie | Stand: Mai 2025

„Künstliche Intelligenz wird entweder Journalisten ersetzen oder sie befreien, das zu tun, was nur Menschen können: investigativen Journalismus, Meinungen, Unterhaltung."

— Mathias Döpfner, CEO Axel Springer (2023)

„KI hat das Betriebssystem der menschlichen Zivilisation gehackt."

— Yuval Noah Harari, The Economist, 28. April 2023

1. Einleitung: Die stille Revolution

Es gibt Momente in der Geschichte, die erst im Rückblick als Wendepunkte erkennbar werden. Der 30. November 2022 könnte einer dieser Momente sein. An diesem Tag stellte OpenAI ChatGPT der Öffentlichkeit vor – ein Sprachmodell, das in 60 Tagen 100 Millionen Nutzerinnen und Nutzer gewann, schneller als jede Plattform zuvor (OpenAI 2023). Was folgte, war keine langsame, kaum spürbare Transformation, sondern ein Erschütterungsimpuls, der durch alle Branchen hallte – und besonders laut in einer Branche, die schon vorher unter strukturellem Druck stand: der Medienbranche.

Die Revolution ist still, weil sie nicht mit lautem Lärm kommt. Keine Fabrikschließungen, keine sichtbaren Proteste am Werkstor. Stattdessen: Redakteurinnen, die bemerken, dass ihre Textentwürfe in Sekunden generiert werden können. Fotografen, die feststellen, dass Kunden Bildgeneratoren beauftragen, nicht sie. Synchronsprecher, die hören, wie ihre Stimme ohne ihre Zustimmung in anderen Produktionen klingt. Und Grafikdesigner, die Aufträge verlieren, die früher selbstverständlich für sie waren.

Dieses Essay versucht, den aktuellen Stand dieser Revolution nüchtern, quellenbasiert und ohne ideologische Schieflage darzustellen. Es richtet sich an alle, die verstehen wollen, was gerade passiert – an Medienschaffende, deren Eltern, an Lehrende und Lernende, an alle, die sich fragen: Was bedeutet das für meinen Beruf, für meinen Bildungsweg, für meine Zukunft?

Die Antwort ist weder einfach noch eindeutig. Sie fordert Mut zur Differenzierung und Ehrlichkeit gegenüber unbequemen Tatsachen. Weder die blinde Begeisterung der Tech-Evangelisten noch die reflexhafte Ablehnung der Technologieskeptiker tut dieser Wirklichkeit Gerechtigkeit. Was wir brauchen, ist ein klarer Blick.

2. Stand der generativen KI: Werkzeuge, Zahlen, Verbreitung (2022–2025)

2.1 Eine neue Technologieklasse

Generative KI – also künstliche Intelligenz, die nicht nur analysiert, sondern schöpft: Texte, Bilder, Videos, Töne, Stimmen – ist kein plötzliches Phänomen. Die wissenschaftlichen Grundlagen wurden über Jahrzehnte gelegt. Die Verfügbarkeit für Millionen von Menschen ist jedoch neu. Seit 2022 ist der Zugang zur generativen KI demokratisiert worden, mit Konsequenzen, die noch nicht vollständig absehbar sind.

Die wichtigsten Werkzeuge, die heute in der Medienbranche Verwendung finden:

Textgenerierung: ChatGPT (OpenAI), Claude (Anthropic), Gemini (Google), Llama (Meta) – Sprachmodelle, die auf Befehl Artikel, Skripte, Pressemitteilungen, Werbetexte, Untertitel und Zusammenfassungen generieren.

Bildgenerierung: Midjourney, DALL-E 3 (OpenAI), Stable Diffusion (Stability AI), Adobe Firefly – Systeme, die aus Textbeschreibungen fotorealistische oder stilisierte Bilder erzeugen. Allein Adobe Firefly generierte innerhalb der ersten zwölf Monate nach seinem Launch im März 2023 über 6,5 Milliarden Assets (Adobe 2024). Midjourney hatte zu diesem Zeitpunkt über 16 Millionen Discord-Nutzer (Midjourney 2023).

Videogenerierung: Runway (Gen-2, Gen-3), Pika Labs, Kling AI, Sora (OpenAI) – Tools, die aus Text oder Einzelbildern Videosequenzen erstellen. Als OpenAI im Februar 2024 Sora vorstellte – ein Modell, das täuschend echte kurze Videos aus Textprompts generiert –, stoppte Hollywoodproduzent Tyler Perry umgehend ein geplantes 800-Millionen-Dollar-Studiobauvorhaben in Atlanta: Er brauche möglicherweise keine physischen Sets mehr (Hollywood Reporter 2024).

Sprachsynthese: ElevenLabs, Resemble AI, HeyGen – Systeme, die menschliche Stimmen klonen und synthetisch reproduzieren. ElevenLabs erreichte im Januar 2024 mit einer Finanzierungsrunde Unicorn-Status mit einer Bewertung von über 1,1 Milliarden US-Dollar (Bloomberg 2024). Die Technologie benötigt teils nur wenige Minuten Audiomaterial, um eine überzeugend klingende Stimme zu replizieren.

Musikgenerierung: Suno AI, Udio – Systeme, die komplette Songs aus Textbeschreibungen erzeugen, inklusive Gesang, Instrumentierung und Mix. Suno zählte bis Mitte 2024 über 10 Millionen Nutzer weltweit.

2.2 Verbreitung in der Medienbranche

Der globale Markt für generative KI wurde 2023 auf rund 44 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit einer prognostizierten jährlichen Wachstumsrate von 37 bis 47 Prozent bis 2030 (Grand View Research 2023; McKinsey Global Institute 2023). Für den Medien- und Entertainmentsektor bedeutet das: KI wird nicht Nischenthema bleiben.

Bereits heute ist die Verbreitung beeindruckend: Rund drei Viertel aller Nachrichtenorganisationen weltweit nutzen KI-Tools in irgendeiner Form ihrer Inhaltsproduktion (Reuters Institute 2024). Die größte globale Medienbranchenvereinigung WAN-IFRA erklärte KI zur Top-Investitionspriorität ihrer Mitglieder im Jahr 2024 (WAN-IFRA 2024). Rund 67 Prozent der 16- bis 25-Jährigen in Deutschland nutzen ChatGPT oder vergleichbare Tools – primär für das Schreiben von Texten, das Beantworten von Fragen und Kreativprojekte (Bitkom 2024).

Gleichzeitig sind erhebliche Vorbehalte spürbar: 52 Prozent der Nachrichtenleser weltweit fühlen sich unwohl bei der Idee, dass KI ohne menschliche Aufsicht Nachrichten erstellt (Reuters Institute 2024). Und Rasmus Kleis Nielsen, Direktor des Reuters Institute in Oxford, urteilt nüchtern: „Most newsrooms are at an early, experimental stage with generative AI. The gap between intention and implementation remains large" (Reuters Institute 2024).

3. Berufsfelder unter Druck: Eine nüchterne Bestandsaufnahme

Die wichtigste Differenzierung, die dieses Essay leisten muss, ist die zwischen drei Szenarien: Substitution (KI ersetzt Menschen direkt), Transformation (KI verändert, wie Menschen arbeiten) und Augmentation (KI verstärkt menschliche Fähigkeiten). In der Realität findet selten nur eines dieser Szenarien statt – die meisten Berufe erleben alle drei gleichzeitig, in unterschiedlichem Ausmaß.

3.1 Journalismus und Texterstellung

Der automatisierte Journalismus ist keine Zukunftsmusik, sondern seit über einem Jahrzehnt Praxis. Die Associated Press produziert mit dem System „Wordsmith" der Firma Automated Insights bereits seit 2014 Quartalsberichte börsennotierter Unternehmen – über 3.700 Artikel pro Quartal, vollautomatisch generiert (AP 2023). Bloomberg nutzt das System „Cyborg" seit 2018, das Finanzberichte innerhalb von Sekunden nach Veröffentlichung der Rohdaten publiziert (Bloomberg 2019). Die Washington Post entwickelte „Heliograf" und berichtete damit über die Olympischen Spiele 2016 in Echtzeit sowie über 500 Artikel in einer einzigen Wahlnacht (Washington Post 2016).

Was früher auf eng definierte, datenbankbasierte Inhaltstypen beschränkt war, hat sich mit der Generation großer Sprachmodelle fundamental verändert. ChatGPT, Claude und Gemini können inzwischen stilistisch überzeugend schreiben, recherchieren, zusammenfassen, übersetzen und redigieren – in Sekunden und auf Anforderung.

Die Folgen sind bereits sichtbar. Der Medienkonzern BuzzFeed kündigte 2023 an, KI für die Produktion von Quizformaten und Listicles einzusetzen – genau jener Inhaltsformate, auf denen sein Geschäftsmodell beruhte –, und strich im gleichen Jahr über 300 Stellen, darunter die gesamte BuzzFeed News-Redaktion mit 180 Mitarbeitenden (Peretti 2023). Sports Illustrated publizierte 2023 Artikel unter fiktiven Autorennamen mit KI-generierten Profilfotos – und verlor nach Aufdeckung durch das Rechercheportal Futurism die Lizenz, woraufhin etwa die Hälfte der verbliebenen Redaktion entlassen wurde (Futurism 2023). CNET musste 2023 Dutzende KI-generierte Finanzartikel korrigieren, nachdem sachliche Fehler entdeckt worden waren, und entließ rund zehn Prozent der Belegschaft (Germain 2023).

In Deutschland verlief die Entwicklung direktiver, aber ebenso folgenreich. Axel Springer, Europas größter Medienkonzern, schloss im August 2023 eine Partnerschaft mit OpenAI, die dem Konzern Zugang zu ChatGPT-Technologie für redaktionelle Zwecke sicherte (Axel Springer 2023). CEO Mathias Döpfner formulierte in einem intern bekannt gewordenen Memo, KI könne Journalistinnen und Journalisten ersetzen, die Fakten zusammentragen. Im Oktober 2023 gab Axel Springer bekannt, rund 100 Stellen bei Bild und Welt abzubauen – mit explizitem Verweis auf KI (Handelsblatt 2023).

Demgegenüber verfolgen viele etablierte Medienhäuser einen gemäßigteren Kurs. Der Spiegel, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF setzen KI bislang assistiv ein: für Transkription, automatische Börsenmeldungen, Zusammenfassungen, Übersetzungen und Suchmaschinenoptimierung. In all diesen Häusern gilt das Prinzip: KI als Werkzeug, nicht als Journalist. ARD-Generaldirektor Kai Gniffke betonte wiederholt, der öffentlich-rechtliche Auftrag verlange menschliche redaktionelle Verantwortung (ARD 2024).

Was sagen die Zahlen? Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berechnete für Journalisten und Redakteure ein Substituierbarkeitspotenzial von 25 bis 38 Prozent – je nach Tätigkeitsprofil (Bertelsmann Stiftung/IAB 2023). Die Oxford-Studie von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne (2013/2017) hatte Journalisten mit einem Automatisierungsrisiko-Score von nur 0,11 auf einer Skala von 0 bis 1 als relativ sicher eingestuft – aufgrund ihrer sozialen und kreativen Kompetenzanforderungen. Was diese Studie nicht antizipierte: die Fähigkeit großer Sprachmodelle, stilistisch überzeugend zu schreiben. Die Zahlen unterschätzen damit das reale Risiko für Standardtextproduktion erheblich.

Die wichtigste Differenzierung im Journalismus: Routinetexte, die aus strukturierten Daten generiert werden (Sportergebnisse, Börsenkurse, Wetterberichte, Quartalsberichte), sind bereits heute zu großen Teilen automatisierbar. Investigativer Journalismus, Kulturkritik, Interviewführung, Quellenschutz und ethische Redaktionsentscheidungen sind es nicht – und werden es absehbar nicht sein.

3.2 Fotografie und visuelle Gestaltung

Die Stockfoto-Industrie hat innerhalb von 24 Monaten einen strukturellen Schock erlebt, der Jahrzehnte der Marktentwicklung in Frage stellt. Midjourney allein generierte laut einer Analyse des Fachdiensts Everypixel (2023) binnen zwölf Monaten über 950 Millionen Bilder – eine Menge, die das gesamte Getty Images-Archiv mit rund 477 Millionen Fotos doppelt übersteigt. Auf Reddit-Foren für professionelle Stockfotografen häuften sich 2023 Berichte über Einkommensrückgänge von 40 bis 70 Prozent innerhalb eines Jahres.

Auf Freelancer-Plattformen wie Upwork und Fiverr sanken Aufträge in der Kategorie „Logo Design" um 17 Prozent, in der Kategorie „Illustration" um 21 Prozent (Upwork 2023). Die Grafikdesignerin Kelly McKernan und Illustratorin Karla Ortiz – zwei von drei Klägerinnen in einem richtungsweisenden US-Verfahren gegen Stability AI, Midjourney und DeviantArt – beschrieben öffentlich den Verlust von bis zu 50 Prozent ihres Einkommens aus kommerziellen Aufträgen seit 2022.

Der Konflikt zwischen der Kreativwirtschaft und KI-Unternehmen ist längst vor Gerichten angekommen. Getty Images klagte im Februar 2023 gegen Stability AI wegen der unautorisierten Nutzung von über 12 Millionen lizenzierten Fotos für das Training von Stable Diffusion – als Beweis dienten viral gegangene generierte Bilder, in denen verzerrte Getty-Wasserzeichen erkennbar waren (Getty Images v. Stability AI, C.A. No. 23-135, D. Del.). Das Verfahren befand sich bis zum Redaktionsschluss dieses Essays in der Beweiserhebungsphase; ein Urteil stand noch aus.

Die Illustratorinnen Sarah Andersen, Karla Ortiz und Kelly McKernan klagten gegen Stability AI, Midjourney und DeviantArt wegen unautorisierten Trainings ihrer Werke. Teile der Klage wurden 2023 zugelassen, andere abgewiesen – das Verfahren läuft weiter (Andersen et al. v. Stability AI et al., No. 23-cv-00201, N.D. Cal.).

Auch die Filmwirtschaft erlebt tiefgreifende Veränderungen. Für „Indiana Jones and the Dial of Destiny" (2023) nutzte Industrial Light & Magic KI-gestütztes De-Aging von Harrison Ford und sparte nach eigenen Angaben mehrere Tausend Stunden manueller VFX-Arbeit (ILM 2023). Netflix experimentierte mit KI-generiertem Hintergrundscrolling in einem Anime-Kurzfilm – was in Japan zu scharfen Protesten der Animationsindustrie führte (The Verge 2023). Und der Sora-Moment im Februar 2024 ließ die gesamte VFX-Industrie aufhorchen: Was bisher B-Roll, Establishing Shots und einfache Visualisierungen erforderten, konnte nun in Minuten generiert werden.

Die Streiks der Writers Guild of America (WGA) und der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA 2023 markieren einen historischen Wendepunkt. Nach 148 Tagen Streik errangen die WGA-Autoren vertragliche Regelungen, nach denen KI weder als „Autor" gilt noch menschliche Drehbuchschreiber ersetzen darf (WGA MBA 2023). SAG-AFTRA erkämpfte nach 118 Tagen das Prinzip: Keine digitale Replika eines Schauspielers ohne explizite Zustimmung und angemessene Vergütung (SAG-AFTRA 2023). SAG-Präsidentin Fran Drescher nannte das Ergebnis historisch – räumte aber ein, dass viele Details in der Praxis noch ausgehandelt werden müssten.

3.3 Synchronisation, Audio und Broadcasting

Die Stimme war lange eines der letzten Refugien unverwechselbarer menschlicher Ausdruckskraft. Diese Gewissheit erodiert. ElevenLabs ermöglicht das Klonen einer Stimme aus wenigen Minuten Audiomaterial. HeyGen bietet automatisches Video-Dubbing in über 40 Sprachen ab 29 US-Dollar pro Monat an – ein Bruchteil der Kosten professioneller Synchronarbeit, die leicht mehrere Tausend Euro kostet (HeyGen 2024).

Der globale Synchronmarkt wurde 2023 auf rund 3,6 Milliarden US-Dollar geschätzt (Grand View Research 2023). Er ist unter Druck. Amazon Studios experimentiert mit automatisch erstellten ersten Fassungen von Synchronisationen, die von menschlichen Sprechern nachbearbeitet werden. Netflix nutzt KI für Ersterstellungen von Untertiteln in Dutzenden Sprachen. Und der Streaming-Riese investiert weiterhin erheblich in Personalisierungsalgorithmen: Das Empfehlungssystem soll nach eigenen Schätzungen jährlich rund eine Milliarde US-Dollar an Abonnementskosten sichern (Netflix Investorengespräche 2019–2023).

Auch im Radio zeichnen sich dramatische Veränderungen ab. Der argentinische Sender Flow 99.1 setzte eine vollständig KI-generierte Moderatorin namens Ágatha ein – die argentinische Journalistengewerkschaft FATPREN reagierte mit sofortigen Protesten (2023). In Portugal experimentierte Rádio Renascença mit einem KI-Moderator für Nachtprogramme. In Deutschland testeten mehrere Privatsender (104.6 RTL Berlin, Energy, Antenne Bayern) KI-Stimmen für Wettermeldungen, Verkehrsnachrichten und Jingles. iHeartMedia, eine der größten US-Radiogruppen, entließ 2023 mehrere hundert Mitarbeitende und schloss zeitgleich eine Partnerschaft mit Anthropic für KI-gestützte Moderationstools.

In der Musikwirtschaft erreichen die Spannungen 2024 einen Höhepunkt: Die Recording Industry Association of America (RIAA) reichte im Juni 2024 Sammelklagen gegen Suno AI und Udio ein, mit Schadensersatzforderungen von bis zu 150.000 US-Dollar pro Song wegen unautorisierten Trainings auf urheberrechtlich geschützten Aufnahmen (RIAA 2024). Die GEMA veröffentlichte 2024 ein Positionspapier mit drei Kernforderungen: Lizenzpflicht für KI-Training auf geschützter Musik, Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Musik und Beteiligung der Urheber an KI-Musikdienst-Einnahmen (GEMA 2024).

In der deutschen Synchronbranche wächst die Besorgnis. Der Synchronsprecher David Nathan, bekannt als deutsche Stimme von Johnny Depp, äußerte sich gegenüber Blickpunkt:Film: „Meine Stimme ist mein Kapital. Wenn Studios meine Stimme trainieren und dann ohne mich produzieren, verliere ich meinen Lebensunterhalt" (Blickpunkt:Film 2024). Im Juli 2024 verklagte Schauspielerin Scarlett Johansson OpenAI, weil die KI-Stimme „Sky" von ChatGPT ihrer Stimme ähnelte – OpenAI zog die Stimme zurück.

3.4 Marketing, PR und Werbung

Das Content-Marketing und die Werbebranche sind besonders stark exponiert – und zugleich besonders bereitwillig bei der Adoption. Laut einer Umfrage der Content Marketing Association (UK, 2023) nutzten 72 Prozent aller befragten Agenturen KI zur Textproduktion, jedoch nur 12 Prozent ohne menschliche Nachbearbeitung.

WPP, die weltgrößte Werbegruppe, investierte 2024 allein 250 Millionen Pfund in eine unternehmenseigene KI-Plattform (WPP Annual Report 2024). Publicis Groupe kaufte das KI-Unternehmen Influential für über 500 Millionen US-Dollar. Meta und Google bieten automatisierte Anzeigentextgenerierung direkt in ihren Werbeinterfaces an – Google Performance Max erstellt Überschriften und Beschreibungen automatisch aus wenigen Eingaben.

Für Freelance-Texter ist die Marktlage hart: Upwork meldete 2023 einen Rückgang von Ausschreibungen für Standard-Copywriting um bis zu 40 Prozent (Upwork 2023). Gleichzeitig entstehen neue Aufträge für KI-Content-Editing und KI-Strategieberatung. Eine Gegenbewegung zeichnet sich ab: Marken wie Patagonia betonen explizit „100 % menschlich geschrieben" als Qualitätsmerkmal – menschliche Autorschaft wird selbst zum Differenzierungsmerkmal.

4. Berufsfelder im Wandel: Wer überlebt, aber anders

Es wäre unredlich, nur von Verlierern zu sprechen. Viele Medienschaffende erleben KI nicht als Bedrohung, sondern als Produktivitätsverstärker – und die Forschung gibt ihnen recht. Ethan Mollick von der Wharton School zeigte in kontrollierten Experimenten mit BCG-Beratern, dass Mitarbeitende mit KI-Unterstützung 25 bis 50 Prozent mehr Output in gleicher Zeit produzieren (Mollick/Dell'Acqua et al. 2023). McKinsey schätzt, dass 60 bis 70 Prozent der Zeitarbeiter in kreativen Berufen durch KI-Augmentation produktiver werden, bevor Substitution dominant wird (McKinsey 2024).

Das Associated-Press-Modell gilt als Blaupause: Seit 2014 werden Quartalsberichte automatisch generiert, ohne dass Reporter entlassen wurden. Stattdessen decken diese Reporter nun Geschichten ab, für die früher keine Kapazitäten vorhanden waren. Reuters und Bloomberg nutzen ähnliche Hybridmodelle: KI generiert erste Entwürfe für Finanzberichte, Journalisten liefern Kontext, Einordnung und investigative Tiefe.

Berufe, die sich wandeln, aber überleben:

Fotografen werden weniger Aufträge für Standardproduktfotografie und einfache Porträts erhalten. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Dokumentarfotografie, Nachrichtenfotografie und High-End-Werbefotografie. Wer eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt hat, ist weniger gefährdet als jemand, der technisch kompetente, aber austauschbare Bilder liefert.

Grafikdesigner werden weniger Stunden mit der Ausführung von Standardlayouts und Illustrationen verbringen. Die Kompetenz verschiebt sich: Wer kreative Direktion, Markenführung und ästhetisches Urteil mitbringt, bleibt gefragt. Adobe Illustrator, Photoshop und Premiere Pro werden zunehmend KI-Funktionen integrieren – das Handwerkszeug verändert sich, die Grundkompetenz bleibt.

Journalisten werden mehr Zeit für Recherche, Analyse und narrative Tiefe aufwenden können, wenn Routinemeldungen automatisiert sind. Die Gefahr liegt darin, dass viele Medienhäuser diese Produktivitätsdividende nicht reinvestieren, sondern als Rechtfertigung für Stellenabbau nutzen – wie bei Axel Springer beobachtbar.

5. Neue Berufsfelder: Fakten statt Hype

Die Berichterstattung über neue KI-Berufe leidet an einer strukturellen Verwechslung: zwischen neuen Kompetenzanforderungen in bestehenden Berufen und wirklich neuen Berufsbildern. Diese Unterscheidung ist analytisch entscheidend.

Prompt Engineer war 2023 der meistzitierte „neue KI-Beruf". Stellenausschreibungen mit diesem Titel häuften sich – das viral gegangene Anthropic-Inserat für einen Prompt Engineer mit bis zu 335.000 US-Dollar Jahresgehalt wurde millionenfach geteilt. Die Realität ist ernüchternder: Die Zahl der Stellenausschreibungen mit dem exakten Titel „Prompt Engineer" ging zwischen dem vierten Quartal 2023 und dem zweiten Quartal 2024 bereits wieder zurück (Lightcast/Burning Glass 2024). Was bleibt, ist die Fähigkeit zur präzisen Prompt-Formulierung als Basiskompetenz in vielen Berufen – ähnlich wie „Excel-Kenntnisse" in den 1990er Jahren keine eigenständige Berufsbezeichnung begründeten, aber zur Selbstverständlichkeit wurden.

Tatsächlich strukturell stabil und wachsend ist die Rolle des AI Ethics Officer oder Responsible AI Governance Manager. Das Wachstum dieser Stellen lag zwischen 2021 und 2024 bei rund 120 Prozent global (WEF 2025; Alan Turing Institute 2024). Der Treiber ist nicht Begeisterung, sondern Pflicht: Der EU AI Act, in Kraft getreten im August 2024, schreibt für viele Anwendungsklassen explizite Governance-Strukturen vor. Microsoft, Google DeepMind, Axel Springer, die Deutsche Telekom und die ARD haben entsprechende Stellen geschaffen.

AI Creative Director und AI Content Strategist sind weitere Rollen, die in Stellenanzeigen großer Medienhäuser und Agenturen erscheinen. Sie setzen auf bestehende Berufsbilder (Kreativdirektor, Chefredakteur, Contentstrategin) und fügen KI-spezifische Anforderungen hinzu. Kritisch anzumerken ist: WPP, Publicis und andere Konzerne reduzieren gleichzeitig Freelance-Kreativpositionen, während sie AI Creative Directors einstellen. Der Nettoeffekt auf Beschäftigung ist ambivalent.

Das ehrliche Fazit zur Jobentwicklung formuliert Agent 6 dieser Recherche treffend: „Für jeden neu entstehenden ‚KI-Job' in der Medienbranche fallen im gleichen Zeitraum mehrere traditionelle ausführende Positionen weg – der Nettosaldo ist in vielen Segmenten negativ, auch wenn die qualitativen Veränderungen der verbleibenden Rollen real sind."

6. Warum manche Berufe trotz KI bleiben

Die interessantere Frage ist nicht, welche Jobs KI übernimmt, sondern welche es nicht tut – und warum. Die Antwort liegt in einer strukturellen Eigenschaft menschlicher Kompetenz, die KI bislang nicht replizieren kann: eingebettetes, kontextuelles Urteilen im sozialen und kulturellen Raum.

Investigativer Journalismus verlangt Quellenpflege, Vertrauensaufbau über Jahre, das Lesen von non-verbalen Signalen in Interviews, ethische Abwägung unter Druck und die Fähigkeit, Institutionen zu konfrontieren. KI kann recherchieren, zusammenfassen und strukturieren – aber sie kann nicht anonym eine Quelle treffen, Vertrauen aufbauen und eine Geschichte verantworten. Der Frey-Osborne-Score von 0,11 für Journalisten spiegelt diese Einschätzung wider: Nicht weil das Schreiben schwierig ist, sondern weil die sozialen und ethischen Kernkompetenzen des Journalismus schwierig sind.

Dokumentarfilm und narrativer Film verlangen eine Weltsicht, eine Handschrift und eine menschliche Erfahrung, die aus gelebter Realität entsteht. KI-Kino kann beeindruckend aussehen – und wird Teile der Produktion transformieren. Aber die Frage, was es wert ist zu zeigen, was eine Geschichte bedeutet und wen sie betrifft: das ist menschliche Entscheidung.

Kulturkritik und Meinung sind per definitionem subjektiv und von der Persönlichkeit des Verfassers abhängig. Eine KI kann literarische Qualität bewerten – aber sie kann keine moralische Empörung formulieren, die authentisch ist.

Interessanterweise zeigen MIT-Studien (2023), dass Menschen bei realen Verhandlungs-, Konflikt- und Fürsorgesituationen konsequent menschliche Interaktion bevorzugen – selbst wenn sie wissen, dass die KI-Version „besser" im technischen Sinne wäre. Vertrauen, Verantwortung und Zugehörigkeit bleiben menschliche Grundbedürfnisse, die Berufe strukturieren.

Auch ökonomische Faktoren spielen eine Rolle. Nicht alles, was technisch automatisierbar ist, wird automatisiert – regulatorische Rahmenbedingungen (EU AI Act, Tarifverträge, Urheberrecht), Publikumserwartungen und Qualitätsstandards bremsen den Prozess. In Deutschland sind Betriebsräte über § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG mitbestimmungspflichtig bei der Einführung von KI-Systemen, die Mitarbeiterleistung erfassen oder steuern – eine strukturelle Verlangsamung, die in anderen Märkten fehlt.

7. Der Bildungssektor im Umbruch

Die Bildungslandschaft – Schulen, Hochschulen, Berufsausbildung – steht vor einer Grundsatzfrage: Wofür bilden wir noch aus? Wenn Faktenwissen auf Abruf verfügbar ist, wenn Texte in Sekunden generiert werden können, wenn Programmiercode auf Befehl geschrieben wird – was ist dann der Kern einer Bildung, die Menschen auf ein Leben und Arbeiten in dieser Welt vorbereitet?

Das OECD-Rahmenwerk „Learning Compass 2030" gibt eine klare Antwort: nicht Reproduktion, sondern Transformation. Die drei Kernkompetenzen, die es identifiziert, sind erstaunlich resistent gegen KI-Übernahme: das Schaffen neuer Werte (Creating New Value), das Aushalten und Lösen von Spannungen und Dilemmata (Reconciling Tensions and Dilemmas) und das Übernehmen von Verantwortung (Taking Responsibility). Alle drei erfordern menschliche Urteilskraft, moralische Handlungsfähigkeit und kulturelle Einbettung (OECD 2019).

Der Stifterverband identifizierte in seiner deutschen Future-Skills-Studie 21 Zukunftskompetenzen – davon sind 12 explizit menschenzentrierte, nicht-automatisierbare Fähigkeiten (Stifterverband/McKinsey 2023). Das Weltwirtschaftsforum listete für 2025–2030 analytisches Denken (Platz 1), kreatives Denken (Platz 2) und Resilienz sowie Anpassungsfähigkeit (Platz 3) als die wichtigsten Arbeitsmarktkompetenzen – rein technische KI-Kompetenz rangierte erst auf Platz 15 (WEF 2023).

Wie reagiert die deutsche Medienausbildung? Das Hochschulforum Digitalisierung stellte 2024 fest: 73 Prozent der befragten Medienhochschulen im DACH-Raum haben KI bereits in einzelne Module integriert, aber nur 18 Prozent können eine kohärente, studiengangübergreifende KI-Strategie vorweisen (Hochschulforum Digitalisierung 2024). Integration also ja – aber eher reaktiv als strategisch.

Konkrete Beispiele: Die Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) hat seit 2023 KI in Lehrveranstaltungen zu Postproduktion und Skriptentwicklung integriert, betont aber ausdrücklich: handwerkliches Grundlagenverständnis – Dramaturgie, Bildsprache, Tonalität – bleibt Voraussetzung. Die Deutsche Journalistenschule (DJS) lehrt seit 2023 Prompt Engineering für journalistische Recherche, Datenjournalismus mit KI und das Faktenchecken von KI-generierten Inhalten. Die Hochschule Mittweida hat Module zu KI-gestützter Medienproduktion eingeführt, pragmatisch argumentierend: Wer die Tools nicht kennt, kann nicht kritisch damit umgehen.

Das tatsächliche Bildungsproblem liegt tiefer: Nur 23 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland gaben in der JIM-Studie 2023/24 an, zu verstehen, „wie KI eigentlich funktioniert" (MPFS 2024). Gen Z ist digital nativ, aber nicht automatisch KI-kompetent. Reuters Institute stellte 2024 fest: Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren vertrauen KI-generierten Nachrichten signifikant häufiger ohne Quellenprüfung als ältere Nutzergruppen – ein paradoxes Ergebnis intensiver digitaler Sozialisation (Reuters Institute 2024).

8. Orientierung für 16–20-Jährige: Was jetzt wirklich wichtig ist

Es wäre unfair, einer Generation, die gerade beginnt, ihre beruflichen Wege zu gestalten, einfache Antworten zu verweigern. Das Folgende ist eine auf Forschung basierte, ehrlich gemeinte Orientierung – ohne falsche Beruhigung, aber auch ohne Dramatisierung.

Erstens: KI verstehen, nicht nur benutzen. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Konsumenten eines KI-Tools und dem Menschen, der versteht, wie es funktioniert, was es kann und was es nicht kann. Wer versteht, dass Sprachmodelle statistisch wahrscheinliche Textfolgen generieren und dabei „halluzinieren" können, nutzt sie anders als jemand, der blind vertraut. Der kostenlose Onlinekurs „Elements of AI" der Universität Helsinki ist auf Deutsch verfügbar und bietet eine solide Grundlage ohne Programmierkenntnisse (Reaktor/Universität Helsinki).

Zweitens: Handwerk tief lernen, bevor man es delegiert. Ein Grafikdesigner, der Gestaltungsprinzipien versteht, kann KI-Output beurteilen und steuern. Einer, der Gestaltung nie gelernt hat, wird zum reinen Prompter – und ist damit ersetzbar. Das gleiche gilt für Texten, Filmschnitt, Fotografie. KI als Verstärker ist mächtig; KI als Ersatz für fehlendes Grundwissen ist eine Falle.

Drittens: Kritisches Denken aktiv trainieren. Die Fähigkeit, Informationen zu hinterfragen, Quellen zu prüfen, Argumente zu strukturieren und Manipulationsversuche zu erkennen, wird in einer Welt mit KI-generiertem Content zur demokratischen Grundkompetenz. Dies lässt sich trainieren: Debattierclubs, Philosophie, Journalismus, strukturiertes Lesen von Primärquellen statt Zusammenfassungen.

Viertens: Soziale Kompetenz als KI-resistenter Vorteil begreifen. Führen, vermitteln, empathisch zuhören, verhandeln, motivieren, vertrauen aufbauen – das sind Fähigkeiten, die in jedem Beruf gefragt sein werden und die KI strukturell nicht übernehmen kann. MIT-Studien (2023) belegen: Menschen bevorzugen bei realen Verhandlungs- und Konfliktsituationen konsequent menschliche Interaktion. Soziale Intelligenz wird wertvoller, nicht weniger.

Fünftens: Lernen lernen als Lebenshaltung. In einem Arbeitsmarkt, in dem sich Berufsbilder alle fünf bis sieben Jahre fundamental verschieben, ist die Fähigkeit zum schnellen, effizienten Lernen wichtiger als jede spezifische Wissenssammlung. Carol Dwecks Konzept des „Growth Mindset" – die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Anstrengung entwickelt werden können – ist empirisch einer der stärksten Prädiktoren für langfristigen Erfolg (Dweck 2006/2017). Wer jetzt eine neue Sprache, ein Instrument oder ein handwerkliches Skill lernt, trainiert nicht nur das Skill – er trainiert das Lernen selbst.

Sechstens: Kreativität in Tiefe entwickeln. Es gibt einen wissenschaftlich bedeutsamen Unterschied zwischen kombinatorischer Kreativität (Remixen und Rekombinieren bekannter Elemente – hier ist KI stark) und transformativer Kreativität (das Umbrechen bestehender Konzepte, die Neuerfindung von Ausdrucksformen). Letztere entsteht aus gelebter Erfahrung, kultureller Tiefe und dem Mut zu einer eigenen Haltung. Diese lässt sich nicht prompten.

Für Medieninteressierte konkret: Wer Journalismus anstrebt, sollte zunächst lernen zu recherchieren, Quellen zu prüfen und ein Interview zu führen – bevor er lernt, KI-Rechercheverläufe zu steuern. Wer Film oder Design anstrebt, sollte zunächst Dramaturgie, Bildsprache oder Gestaltungsprinzipien verstehen – bevor er Runway oder Midjourney nutzt. Das Handwerk gibt der KI-Nutzung erst ihre Qualität.

9. Kritische Perspektiven, Gegenargumente, ethische Fragen

Es wäre unredlich, dieses Essay zu schreiben, ohne den Stimmen Raum zu geben, die Warnung und Skepsis formulieren.

9.1 Die optimistischen Stimmen

OpenAI-CEO Sam Altman schrieb in seinem Essay „The Intelligence Age" (2024): „We may be approaching a moment where many instances of AI can work autonomously in a way that would be difficult to imagine for most of today's knowledge work. [...] This will create abundance." Google DeepMind-CEO und Nobelpreisträger Demis Hassabis betont die augmentative Funktion: „AI will not replace human creativity; it will amplify it." KI-Pionier Andrew Ng vergleicht KI mit der Elektrizität – einer Basistechnologie, die alle Branchen transformiert und langfristig mehr Wohlstand schafft (Ng 2023). Das Weltwirtschaftsforum prognostiziert für 2030 einen Nettozuwachs von 78 Millionen Arbeitsplätzen weltweit (WEF 2025).

9.2 Die kritischen Stimmen

Kognitionswissenschaftler Gary Marcus (New York University) warnt vor strukturellen Schwächen aktueller KI-Systeme: „Large language models are stochastic parrots. They do not understand; they predict. The difference matters enormously for journalism, where accuracy and accountability are non-negotiable" (Marcus 2023). Seine Kritik richtet sich gegen Halluzinationen als strukturelles Problem und den Mangel an Kausalverständnis.

Computerwissenschaftlerin Timnit Gebru, bekannt durch ihr erzwungenes Ausscheiden aus Google nach der Publikation des „Stochastic Parrots"-Papers (Gebru et al. 2021), warnt vor Monokulturalisierung: Wenn globale Medien auf denselben KI-Systemen basieren, homogenisiert sich Berichterstattung und marginalisiert lokale Perspektiven. Sie verweist auf den Bias von Sprachmodellen, die überwiegend englischsprachige, westliche Trainingskorpora haben.

Shoshana Zuboff, Autorin von „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus" (2019), sieht in KI-gestützten Medien die Vollendung eines Systems der Verhaltensmodifikation: „Behavioral modification at scale – that is what surveillance capitalism delivers through its media apparatus. AI does not just predict behavior; it shapes it."

Ökonom Daron Acemoglu (MIT) revidierte die euphorischen BIP-Prognosen deutlich nach unten: In seinem NBER Working Paper (2024) schätzt er den volkswirtschaftlichen Effekt von KI auf nur 0,5 bis 1 Prozent BIP-Wachstum – weit unter Goldman Sachs' Prognose von 7 Prozent – und warnt vor Aufmerksamkeitsverlust für die tatsächlichen sozialen Kosten.

Yuval Noah Harari formulierte 2023 die vielleicht eindringlichste Warnung: „AI has hacked the operating system of human civilisation. Language is the foundation of culture, of relationships, of everything. And now AI has mastered language" (The Economist 2023). Er fordert internationale KI-Regulierung analog zu Atomwaffenverträgen.

9.3 Gewerkschaftliche Positionen und Arbeitnehmerrechte

Die deutschen Gewerkschaften haben ihre Positionen klar formuliert. ver.di fordert: Mitbestimmung vor KI-Implementierung (§ 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG), Transparenz über Trainingsdaten, tarifvertragliche Regelungen für KI-Nutzung in Redaktionen und bezahlte Qualifizierungsansprüche (ver.di 2023/2024). DJV-Vorsitzender Mika Beuster erklärte 2023: „KI kann Journalismus unterstützen, aber nicht ersetzen. Wir brauchen klare Regeln, wer die redaktionelle Verantwortung trägt" (Tagesspiegel 2023).

Die WGA- und SAG-AFTRA-Streiks in den USA haben gezeigt: Kollektivverhandlungen können wirksame KI-Schutzklauseln erkämpfen. Diese Verträge gelten als Blaupause auch für europäische Gewerkschaftsverhandlungen.

9.4 Regulierung: EU AI Act

Der EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689), in Kraft getreten am 1. August 2024, ist weltweit das erste umfassende KI-Gesetz. Für Medienunternehmen gilt ab 2026 eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte oder KI-manipulierte audiovisuelle Inhalte. Anbieter großer KI-Modelle müssen Zusammenfassungen ihrer Trainingsdaten offenlegen und Urheberrechts-Opt-outs respektieren. Verboten ist der Einsatz von KI zur Emotionserkennung bei Mitarbeitern.

Kritiker wie die NGO AlgorithmWatch monieren, dass der EU AI Act Medienfirmen und Tech-Konzerne ungleich behandelt und die Regulierung von Meinungsalgorithmen auf Plattformen unzureichend ist.

9.5 Historische Parallelen

Die Geschichte mahnt zur Nüchternheit. Als Louis Daguerre 1839 die Daguerreotypie vorstellte, rief der Maler Paul Delaroche angeblich: „Von heute an ist die Malerei tot." Was folgte: die Malerei entwickelte Impressionismus, Expressionismus und Abstraktion als eigenständige Reaktion auf die Fotografie. Die Fotografie selbst schuf Hunderttausende neuer Berufe.

Gutenbergs Druckmaschine (ca. 1450) vernichtete das Monopol klösterlicher Skriptorien und den Beruf des Buchschreibers – und löste Reformation, wissenschaftliche Revolution und Aufklärung aus. Das Internet der 1990er Jahre zerstörte das Anzeigengeschäft der Tageszeitungen und reduzierte die deutschen Auflagen zwischen 1990 und 2023 um über 60 Prozent (IVW-Daten). Gleichzeitig entstanden Blogs, Podcasts, YouTube-Journalismus und Newsletter-Journalismus.

Die Lehre aus diesen Parallelen: Technologische Disruption vernichtet spezifische Geschäftsmodelle und Tätigkeitsprofile, nicht den Bedarf an hochwertiger, menschenzentrierter Kommunikation. Wer sich anpasst, überlebt; wer auf veraltete Modelle besteht, nicht. Rein defensiver Widerstand gegen Technologie hat historisch selten gesiegt – erfolgreich waren Gewerkschaften und Institutionen, die Umschulungsprogramme und neue Qualitätsstandards aushandelten.

10. Fazit: Eine ehrliche Einschätzung

Die generative KI ist kein vorübergehender Hype. Sie ist eine strukturelle Veränderung der Bedingungen, unter denen Medien produziert werden. Wer das nicht zur Kenntnis nimmt, riskiert, von der Entwicklung überrollt zu werden.

Gleichzeitig ist die apokalyptische Erzählung – alle Medienjobs verschwinden, Kreativität wird automatisiert, Wahrheit existiert nicht mehr – sowohl empirisch falsch als auch strategisch lähmend. Die Realität ist differenzierter, unbequemer und letztlich interessanter.

Die wichtigsten Erkenntnisse in aller Kürze:

Substituiert werden vor allem Routineaufgaben: Standardtexte aus strukturierten Daten, einfache Bildproduktion für Standardformate, Stockfotografie für Commodities, Voice-Over für nicht-kritische Anwendungen, einfache Musikproduktion für Hintergrundverwendung.

Transformiert werden die meisten Berufe: Fotografen, Grafikdesigner, Journalisten, Texter, Produzenten werden anders arbeiten als heute. KI wird Teile ihrer Arbeit übernehmen; sie werden andere Teile vertiefen. Wer sich dieser Transformation verweigert, verliert.

Strukturell stabil bleiben jene Berufsfelder, in denen menschliches Urteilen, soziale Einbettung, ethische Verantwortung und kulturelle Tiefe unverzichtbar sind: investigativer Journalismus, Dokumentarfilm, Kulturkritik, kreative Direktion mit echtem ästhetischem Urteil, und zunehmend: KI-Governance und Responsible AI.

Neu entstehen primär keine gänzlich neuen Berufsbilder, sondern transformierte Rollen mit neuen Kompetenzanforderungen – plus einige strukturell stabile neue Felder im Bereich AI Ethics und Governance, getrieben durch regulatorischen Druck.

Für junge Menschen bedeutet das: Die entscheidende Investition ist nicht in das nächste KI-Tool, sondern in unverwechselbare menschliche Kompetenzen – kritisches Denken, soziale Intelligenz, kreative Tiefe, ethisches Urteilsvermögen und die Fähigkeit, schnell zu lernen. KI-Kompetenz ist notwendig, aber nicht hinreichend. Ein Journalist, der nur prompting beherrscht, ist ersetzbar. Einer, der prompting beherrscht und gleichzeitig Quellen schützt, Institutionen konfrontiert und komplexe Sachverhalte verständlich macht: der ist es nicht.

Die unbequemste Wahrheit dieses Essays: Der Nettosaldo der KI-Transformation für Beschäftigung in der Medienbranche wird in vielen Segmenten negativ sein. Nicht für alle – aber für viele. Das gesellschaftliche Gespräch über Umverteilung der Produktivitätsgewinne, über Bildungsinvestitionen und über neue Formen sozialer Absicherung für Kreativschaffende: das steht noch am Anfang. Technologische Kompetenz allein wird dieses Gespräch nicht führen. Es braucht auch politischen Willen und kollektive Verantwortung.

Am Ende ist die KI-Revolution in der Medienbranche auch eine Frage der Werte: Was wollen wir als Gesellschaft von unseren Medien? Effizienz um jeden Preis, oder Qualität, Verantwortung und Vielfalt? Die Technologie gibt uns die Werkzeuge. Die Antwort liegt bei uns.

11. Literaturverzeichnis

(In alphabetischer Reihenfolge nach Erstautor; URLs geprüft nach bestem Wissensstand, Stand: Mai 2025)

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Dieses Essay wurde im Mai 2025 verfasst. Alle Quellenangaben beziehen sich auf den Stand der jeweils zitierten Dokumente. Laufende Gerichtsverfahren, Tarifverhandlungen und regulatorische Entwicklungen können sich nach Redaktionsschluss verändert haben. Für aktuelle Entwicklungen wird empfohlen, die zitierten Institutionen direkt zu konsultieren.

© Dominik Lazi / Lazi-Akademie, 2025. Für Bildungszwecke frei verwendbar mit Quellenangabe.

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