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Die generative KI ist kein Hype – sie ist eine strukturelle Veränderung der Bedingungen, unter denen Medien produziert werden. Weder Panik noch blinder Optimismus tun dieser Realität Gerechtigkeit. Was wir brauchen, ist ein klarer Blick.

Von Dominik Lazi | Lazi-Akademie | Mai 2025 | Aktualisiert: Mai 2026

Der 30. November 2022 könnte ein historischer Wendepunkt sein. An diesem Tag stellte OpenAI ChatGPT vor – ein Sprachmodell, das in 60 Tagen 100 Millionen Nutzerinnen und Nutzer gewann, schneller als jede Plattform zuvor (OpenAI 2023). Was folgte, war kein langsamer Wandel, sondern ein Erschütterungsimpuls durch alle Medienbranchen: Redakteure, die sehen, wie ihre Textentwürfe in Sekunden generiert werden. Fotografen, die feststellen, dass Kunden Bildgeneratoren beauftragen. Synchronsprecher, deren Stimmen ohne ihre Zustimmung kopiert werden.

Dieser Artikel analysiert nüchtern und quellenbasiert, was in der Medienbranche gerade passiert – und was das für alle bedeutet, die in ihr arbeiten oder arbeiten wollen.

Wie verbreitet ist generative KI in der Medienbranche?

Generative KI ist keine Zukunftstechnologie mehr – sie ist Gegenwart. Drei Viertel aller Nachrichtenorganisationen weltweit nutzen bereits KI-Tools in ihrer Inhaltsproduktion (Reuters Institute 2024). Adobe Firefly generierte innerhalb der ersten zwölf Monate nach seinem Launch über 6,5 Milliarden Assets (Adobe 2024). Midjourney zählte Mitte 2024 über 16 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer.

Der globale Markt für generative KI wächst mit einer Rate von 37 bis 47 Prozent jährlich und soll bis 2030 deutlich über 100 Milliarden US-Dollar erreichen (Grand View Research 2023; McKinsey 2023). Rund 67 Prozent der 16- bis 25-Jährigen in Deutschland nutzen ChatGPT oder vergleichbare Tools (Bitkom 2024).

Die wichtigsten Werkzeuge, die heute in der Medienbranche eingesetzt werden:

  • Text: ChatGPT, Claude, Gemini, Llama – schreiben Artikel, Skripte, Werbetexte, Untertitel
  • Bild: Midjourney, DALL-E 3, Adobe Firefly, Stable Diffusion – generieren Fotos und Illustrationen
  • Video: Runway, Pika Labs, Kling AI, Sora – erstellen Videosequenzen aus Text oder Einzelbildern
  • Stimme: ElevenLabs, HeyGen – klonen Stimmen aus wenigen Minuten Audiomaterial
  • Musik: Suno AI, Udio – komponieren vollständige Songs auf Befehl

Die Werkzeuge der generativen KI werden schneller leistungsfähiger, als die meisten Bildungs- und Berufsinstitutionen reagieren können.

Welche Berufe stehen unter Druck?

Journalismus und Texterstellung

Automatisierter Journalismus ist keine Zukunftsmusik. Die Associated Press produziert seit 2014 vollautomatisch Quartalsberichte – über 3.700 Artikel pro Quartal. Bloomberg publiziert Finanzberichte innerhalb von Sekunden nach den Rohdaten. Die Washington Post berichtete mit einem KI-System über 500 Artikel in einer einzigen Wahlnacht (Washington Post 2016).

Die Folgen werden sichtbar: BuzzFeed strich 2023 über 300 Stellen, darunter die gesamte News-Redaktion, während es gleichzeitig KI für Inhaltsproduktion einführte. Axel Springer baute 100 Stellen bei Bild und Welt ab – mit explizitem Verweis auf KI (Handelsblatt 2023). Das IAB berechnete für Journalisten ein Substituierbarkeitspotenzial von 25 bis 38 Prozent, je nach Tätigkeitsprofil (Bertelsmann Stiftung/IAB 2023).

Die entscheidende Unterscheidung: Routinetexte aus strukturierten Daten – Börsenkurse, Sportergebnisse, Wetterberichte – sind bereits heute weitgehend automatisierbar. Investigativer Journalismus, Kulturkritik, Quellenpflege und Interviewführung sind es nicht.

Fotografie und visuelle Gestaltung

Midjourney generierte binnen zwölf Monaten über 950 Millionen Bilder – mehr als das gesamte Getty-Images-Archiv (Everypixel 2023). Auf Plattformen wie Upwork sanken Aufträge für Logodesign um 17 Prozent, für Illustration um 21 Prozent (Upwork 2023). Getty Images klagte gegen Stability AI; WGA und SAG-AFTRA erkämpften nach Streiks vertragliche Schutzklauseln für menschliche Kreative.

Für Stockfotografie und Standardillustration ist der Druck real und substanziell. High-End-Werbefotografie, Dokumentarfotografie und Fotografie mit unverwechselbarer Bildsprache sind deutlich weniger gefährdet.

Synchronisation, Audio und Broadcasting

ElevenLabs ermöglicht Stimmkloning aus wenigen Minuten Audiomaterial. HeyGen bietet automatisches Video-Dubbing in über 40 Sprachen ab 29 US-Dollar pro Monat – ein Bruchteil der Kosten professioneller Synchronarbeit. Mehrere deutsche Privatsender testen KI-Stimmen für Wettermeldungen und Jingles. Die RIAA klagte 2024 gegen Suno AI und Udio wegen unautorisierten Trainings auf urheberrechtlich geschützter Musik.

Marketing und Werbung

72 Prozent aller befragten Agenturen in Großbritannien nutzten 2023 KI zur Textproduktion (Content Marketing Association 2023). WPP investierte 250 Millionen Pfund in eine unternehmenseigene KI-Plattform. Für Standard-Copywriting sanken Freelance-Ausschreibungen auf Upwork um bis zu 40 Prozent.

Was bleibt – und warum

Die interessantere Frage ist nicht, welche Jobs KI übernimmt, sondern welche es strukturell nicht tut. Die Antwort liegt in einer Eigenschaft menschlicher Kompetenz, die KI nicht replizieren kann: eingebettetes, kontextuelles Urteilen im sozialen und kulturellen Raum.

Investigativer Journalismus verlangt Quellenpflege über Jahre, non-verbale Signale in Interviews lesen, ethische Abwägung unter Druck und die Fähigkeit, Institutionen zu konfrontieren. KI kann recherchieren und zusammenfassen – aber nicht anonym eine Quelle treffen und eine Geschichte verantworten.

Kreative Direktion mit echtem ästhetischem Urteil: Grafikdesigner verlieren Aufträge für Standardlayouts – aber wer Markenführung, konzeptuelle Arbeit und kulturelles Einordnungsvermögen mitbringt, wird weiterhin gesucht. Das Handwerkszeug verändert sich; die Grundkompetenz bleibt.

Kulturkritik und Meinung sind per Definition subjektiv und von der Persönlichkeit des Verfassers abhängig. Eine KI kann literarische Qualität bewerten – aber sie kann keine authentische moralische Empörung formulieren.

KI-Governance und Responsible AI wächst strukturell. Getrieben durch den EU AI Act (in Kraft seit August 2024) sind Stellen für AI Ethics Officers und Responsible AI Manager zwischen 2021 und 2024 um rund 120 Prozent gewachsen (WEF 2025; Alan Turing Institute 2024). Nicht aus Begeisterung, sondern aus gesetzlicher Pflicht.

McKinsey schätzt, dass 60 bis 70 Prozent der Kreativen durch KI-Augmentation produktiver werden, bevor Substitution dominant wird (McKinsey 2024). MIT-Studien zeigen: Wissensarbeiter mit KI-Unterstützung produzieren 25 bis 50 Prozent mehr Output in gleicher Zeit.

Was 16–20-Jährige jetzt wirklich brauchen

Das Weltwirtschaftsforum listete für 2025–2030 analytisches Denken (Platz 1), kreatives Denken (Platz 2) und Resilienz (Platz 3) als wichtigste Arbeitsmarktkompetenzen. Rein technische KI-Kompetenz rangierte erst auf Platz 15 (WEF 2023).

Sechs konkrete Empfehlungen auf Basis der Forschungslage:

  1. KI verstehen, nicht nur benutzen. Wer versteht, dass Sprachmodelle statistisch wahrscheinliche Textfolgen generieren und halluzinieren können, nutzt sie grundlegend anders. Der kostenlose Kurs „Elements of AI" der Universität Helsinki ist ein guter Einstieg.
  2. Handwerk tief lernen, bevor man es delegiert. Ein Grafikdesigner, der Gestaltungsprinzipien nicht versteht, kann KI-Output nicht beurteilen und wird zum reinen Prompter – und damit ersetzbar. Wer Kompositionsprinzipien kennt, steuert KI. Wer sie nicht kennt, liefert sich ihr aus.
  3. Kritisches Denken aktiv trainieren. In einer Welt mit KI-generiertem Content wird die Fähigkeit, Quellen zu prüfen und Manipulation zu erkennen, zur demokratischen Grundkompetenz.
  4. Soziale Intelligenz als KI-resistenten Vorteil begreifen. Führen, vermitteln, empathisch zuhören, vertrauen aufbauen – das sind strukturell nicht automatisierbare Fähigkeiten. MIT-Studien belegen: Menschen bevorzugen bei realen Verhandlungs- und Konfliktsituationen konsequent menschliche Interaktion.
  5. Lernen lernen als Lebenshaltung. In einem Arbeitsmarkt, in dem sich Berufsbilder alle fünf bis sieben Jahre verschieben, ist die Fähigkeit zum schnellen Lernen wichtiger als jede spezifische Wissensbasis. Carol Dwecks Konzept des Growth Mindset ist empirisch einer der stärksten Prädiktoren für langfristigen Erfolg (Dweck 2006).
  6. Kreativität in Tiefe entwickeln. KI ist stark in kombinatorischer Kreativität (Remixen bekannter Elemente). Transformative Kreativität – das Umbrechen bestehender Konzepte aus gelebter Erfahrung und kultureller Tiefe – lässt sich nicht prompten.

Häufige Fragen (FAQ)

Werden KI alle Medienjobs ersetzen?

Nein – aber viele ausführende Routinetätigkeiten werden sich verringern. Das IAB schätzt Substituierbarkeitspotenziale zwischen 25 und 38 Prozent für Journalisten, mit großen Unterschieden je nach Tätigkeitsprofil. Das WEF prognostiziert für 2030 netto 78 Millionen neue Arbeitsplätze global – durch Wegfall auf der einen, Entstehung auf der anderen Seite. Der Nettosaldo ist je nach Segment unterschiedlich.

Welche Medienberufe sind KI-sicher?

Strukturell stabil bleiben Berufe, in denen menschliches Urteilen, soziale Einbettung und ethische Verantwortung unverzichtbar sind: investigativer Journalismus, kreative Direktion mit echtem ästhetischem Urteil, Dokumentarfilm, Kulturkritik – und zunehmend: KI-Governance und Responsible AI. Auch Berufe mit hoher sozialer Komplexität (Führung, Verhandlung, Empathie) sind strukturell sicher.

Sollte ich trotz KI eine Medienausbildung beginnen?

Ja – unter einer Bedingung: Die Ausbildung muss konzeptuelle Tiefe und Handwerksgrundlagen vermitteln, nicht nur Werkzeuge. Wer versteht, wie gute Gestaltung, guter Journalismus oder gutes Film-Erzählen funktioniert, kann KI-Output beurteilen, steuern und qualitativ verbessern. Wer nur Tools bedienen lernt, ist ersetzbar.

Was ist der EU AI Act und was bedeutet er für Kreative?

Der EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689, in Kraft seit August 2024) ist das erste umfassende KI-Gesetz weltweit. Für Medienunternehmen gilt ab 2026 eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte. Anbieter großer KI-Modelle müssen Trainingsdaten offenlegen und Urheberrechts-Opt-outs respektieren. Für Kreative bedeutet das: Ihre Werke genießen mehr Schutz als bisher – aber die Rechtslage ist noch im Wandel.

Fazit

Die generative KI ist kein vorübergehender Hype. Substituiert werden Routineaufgaben – Standardtexte, einfache Bildproduktion, Voice-Over für unkritische Anwendungen. Transformiert werden die meisten Berufe. Strukturell stabil bleiben Felder, in denen menschliches Urteilen, soziale Einbettung und kulturelle Tiefe unverzichtbar sind.

Die entscheidende Investition ist nicht in das nächste KI-Tool, sondern in unverwechselbare menschliche Kompetenzen: kritisches Denken, soziale Intelligenz, kreative Tiefe und die Fähigkeit, schnell zu lernen. KI-Kompetenz ist notwendig – aber nicht hinreichend. Ein Journalist, der nur prompting beherrscht, ist ersetzbar. Einer, der prompting beherrscht und gleichzeitig Quellen schützt, Institutionen konfrontiert und komplexe Sachverhalte verständlich macht: der nicht.

Handwerk lernen – bei der Lazi-Akademie

Wer in der Medienbranche mit KI arbeiten will, braucht zuerst das Handwerk. Die Lazi-Akademie Esslingen vermittelt seit 1950 kreative Kernkompetenzen, die KI nicht ersetzen kann – von Filmdesign über Fotografie bis hin zu GenAI & Content Creation und Intermedialer Gestaltung. Ab Tag eins: echte Projekte, echte Profis, echtes Lernen.

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Quellen

Acemoglu, D. (2024): The Simple Macroeconomics of AI. NBER Working Paper No. 32487. National Bureau of Economic Research.

Adobe Inc. (2024): Adobe Firefly Milestone Report Q1 2024. San Jose: Adobe.

Bertelsmann Stiftung / IAB (2023): Berufe im Wandel: Digitalisierung und Substitutionspotenziale. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Bitkom e.V. (2024): KI-Monitor 2024: Nutzung generativer KI in Deutschland. Berlin: Bitkom.

Dell'Acqua, F. / Mollick, E. et al. (2023): Navigating the Jagged Technological Frontier. Harvard Business School Working Paper No. 24-013.

Dweck, C. S. (2006): Mindset: The New Psychology of Success. New York: Random House.

EU AI Act (2024): Verordnung (EU) 2024/1689 des Europäischen Parlaments und des Rates, August 2024. EUR-Lex.

Everypixel (2023): AI Generated Images – 2023 in Numbers. everypixel.com/journal

Grand View Research (2023): Generative AI Market Size, Share & Trends Analysis Report 2024–2030.

Handelsblatt (2023): Axel Springer baut 100 Stellen ab – wegen KI. Oktober 2023.

McKinsey Global Institute (2023): Chui, M. et al.: The Economic Potential of Generative AI. McKinsey & Company.

OpenAI (2023): ChatGPT reaches 100 million users. Blog Post, Februar 2023.

Reuters Institute for the Study of Journalism / University of Oxford (2024): Digital News Report 2024. Oxford: Reuters Institute.

Upwork Economic Research (2023): The Impact of AI on the Freelance Labor Market.

WEF (World Economic Forum) (2025): The Future of Jobs Report 2025. Genf: WEF.

© Dominik Lazi / Lazi-Akademie, 2025. Für Bildungszwecke frei verwendbar mit Quellenangabe.

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