Broadcast WAV (BWF) ist eine von der European Broadcasting Union (EBU) standardisierte Erweiterung des WAV-Formats, die einen zusätzlichen Broadcast-Metadaten-Chunk (bext) enthält und als Pflichtformat für die Bereitstellung von Audio-Material an Rundfunkanstalten wie ARD, ZDF, ORF und BBC gilt.
Rubrik: Ausgabeformate & Technische Standards · Unterrubrik: Audio-Formate · Niveau: Profi Synonyme / Auch bekannt als: BWF, Broadcast Wave, .wav (mit bext-Chunk), EBU Tech 3285, MBWF (mehrspurig)
Was ist Broadcast WAV?
BWF wurde von der European Broadcasting Union (EBU) im EBU-Technikdokument Tech 3285 spezifiziert und 1996 erstmals veröffentlicht. Es ist kein eigenständiges Format, sondern eine Erweiterung des bestehenden WAV/RIFF-Formats: Jede BWF-Datei ist technisch eine vollständige WAV-Datei, enthält jedoch einen zusätzlichen bext-Chunk (Broadcast Extension Chunk) mit Rundfunk-spezifischen Metadaten.
Der entscheidende Vorteil gegenüber gewöhnlichem WAV: BWF-Dateien tragen vollständige Produktions-Metadaten mit sich – wer die Datei erstellt hat, wann, mit welchem Gerät, und – entscheidend – den exakten Timecode-Startpunkt der Aufnahme. In einer Rundfunkproduktionsumgebung, in der Audio von Außenübertragungen, Schnittplätzen und Archiven zusammengeführt wird, ist dieser zeitliche Referenzpunkt unverzichtbar.
Technische Eigenschaften
Standard-Parameter (Rundfunk-Norm):
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Container | RIFF/WAV mit bext-Chunk |
| Sample Rate | 48.000 Hz (Rundfunk-Norm) |
| Bittiefe | 24-bit (Profi-Aufnahme) |
| Kanalanzahl | 1 (Mono), 2 (Stereo) |
| Kompression | Keine (PCM) |
| EBU-Norm | Tech 3285 (aktuell v2.0, 2011) |
bext-Chunk – Metadaten-Felder:
| Feld | Länge | Inhalt |
|---|---|---|
| Description | 256 Bytes | Freitext-Beschreibung |
| Originator | 32 Bytes | Ersteller (Name, Institution) |
| OriginatorReference | 32 Bytes | Eindeutige Referenz (z.B. Geräte-ID) |
| OriginationDate | 10 Bytes | Erstellungsdatum (JJJJ-MM-TT) |
| OriginationTime | 8 Bytes | Erstellungszeit (HH:MM:SS) |
| TimeReference | 8 Bytes | Timecode-Startpunkt (Sample-genau) |
| Version | 2 Bytes | BWF-Version |
| UMID | 64 Bytes | Unique Material ID (SMPTE) |
| LoudnessValue | 2 Bytes | Integrierte Lautheit (EBU R128) |
| LoudnessRange | 2 Bytes | Lautheitsbereich (LRA) |
| MaxTruePeak | 2 Bytes | Maximaler True Peak Level |
| MaxMomentaryLoudness | 2 Bytes | Maximale Momentanlautheit |
| MaxShortTermLoudness | 2 Bytes | Maximale Kurzzeitlautheit |
| CodingHistory | 256+ Bytes | Encoding-Geschichte (Geräte, Formate) |
UMID (Unique Material Identifier): BWF v1 führte den UMID nach SMPTE 330M ein – eine 64-Byte eindeutige Kennung für jede Aufnahme, die in professionellen Archiven die eindeutige Identifikation und Verfolgung von Material ermöglicht.
EBU R128 Lautheits-Metadaten: BWF v2 (2011) ergänzte Felder für EBU R128-Lautheits-Normalisierungs-Metadaten, sodass gemessene Lautheits-Werte direkt in der Datei mitgeführt werden können.
iXML- und axml-Chunks: Viele professionelle Recorder (Sound Devices, Zaxcom) schreiben zusätzlich iXML-Chunks (für Produktions-Metadaten wie Szene, Take, Scene-Description) und axml-Chunks (für ADM-Metadaten bei Ambisonics-BWF oder Dolby-Atmos-ADM-BWF).
Einsatzgebiete
- ARD, ZDF, ORF, SRG, BBC (Rundfunk-Pflichtformat): Alle deutschen, österreichischen und Schweizer Rundfunkanstalten schreiben BWF als Standardformat für eingehende Audio-Produktionen vor. Technische Richtlinien (z.B. ARD ZDF netzwerK R 71/97) definieren exakte Anforderungen.
- Außenübertragungen und Reportage: Field-Recorder (Sound Devices 702/788T, Zaxcom Deva, Nagra LB) nehmen direkt in BWF auf. Die Timecode-Synchronisation zum Videobild über LTC oder MTC ermöglicht automatisches Audio-Video-Alignment im Schnitt.
- Post-Production und Schnitt: Protools, Avid Media Composer und Adobe Premiere importieren BWF-Dateien mit vollständigen Metadaten. Der Timecode-Startpunkt wird automatisch für die Timeline-Positionierung genutzt.
- Archivierung: Rundfunkarchive (Deutsches Rundfunkarchiv DRA, Österreichische Mediathek) archivieren Audio-Material in BWF. Die EBU empfiehlt BWF explizit als Langzeitarchiv-Format, da alle Metadaten in der Datei selbst liegen.
- Film-Produktion (On-Set-Audio): Tonmeister bei Film- und TV-Produktionen nehmen O-Ton auf BWF auf. iXML-Metadaten (Szene, Take, Kamera-Roll) ermöglichen automatisches Syncing in Avid und Premiere Pro.
In der Praxis
Sound Devices MixPre-Serie: Alle Sound Devices Recorder schreiben standardmäßig BWF-konformes Audio. Einstellungen: 48 kHz / 24-bit, Timecode-Sync via LTC oder über internes SMPTE-TC-Generator.
Zaxcom Nomad / Deva: Professionelle Filmton-Recorder mit vollständiger BWF/iXML-Unterstützung. iXML-Metadaten werden direkt auf dem Set eingegeben und in die BWF-Datei geschrieben.
Pro Tools: Pro Tools schreibt und liest BWF-Metadaten vollständig. Session-Setup: 48 kHz, Timecode: 25 fps (Europa), 29.97 fps (USA). Bounce: File → Bounce to → Disk, BWF automatisch wenn Broadcast-Delivery gewählt.
Adobe Audition: Unter Datei → Dateiinformationen können bext-Chunk-Metadaten eingesehen und bearbeitet werden. Export als BWF: Datei → Exportieren, Format WAV mit aktivierten Broadcast-Metadaten.
BWF MetaEdit (Kostenlos): Spezialisiertes Open-Source-Tool des Library of Congress zur Bearbeitung von BWF-Metadaten. Batch-Verarbeitung ganzer Ordner, EBU-R128-Metadaten einschreiben.
ffprobe – BWF-Metadaten auslesen: `` ffprobe -v quiet -print_format json -show_format input.wav ``
EBU-R128-Lautheitsmessung und BWF: `` ffmpeg -i input.wav -filter_complex ebur128=metadata=1 -f null /dev/null 2>&1 | grep "Summary" ``
Delivery-Checkliste für Rundfunk (BWF):
- [ ] Sample Rate: 48.000 Hz
- [ ] Bittiefe: 24-bit (mindestens 16-bit)
- [ ] Originator-Feld: Produktionsfirma / Ersteller
- [ ] OriginationDate und Time: Aufnahmedatum/-zeit
- [ ] TimeReference: korrekte Timecode-Startposition
- [ ] EBU R128: -23 LUFS Integrated, True Peak max. -1 dBTP
- [ ] CodingHistory: Aufnahme-Equipment und Software
Vergleich & Abgrenzung
| Kriterium | BWF | WAV | AIFF | RF64/BWF |
|---|---|---|---|---|
| Metadaten | Broadcast-Standard (bext) | Begrenzt (INFO) | Marker/AIFF | Broadcast + >4GB |
| Timecode | Sample-genau im bext | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden | Sample-genau |
| Rundfunk-Eignung | Standard | Unzureichend | Unzureichend | Für lange Sendungen |
| Dateigröße-Limit | 4 GB | 4 GB | ~4 GB | Unbegrenzt |
| Kompatibilität | Sehr gut | Universal | Apple | Pro-DAWs |
| Archiv-Eignung | Sehr gut | Gut | Gut | Sehr gut (lang) |
RF64: Für Aufnahmen über 4 GB (z.B. mehrstündige Sendungen) wird RF64/BWF verwendet – eine Erweiterung, die den Chunk-Size-Header auf 64-bit ausweitet. EBU Tech 3306 spezifiziert RF64 für Broadcast-Anwendungen.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie erkenne ich, ob eine WAV-Datei ein BWF ist? Äußerlich nicht – die Dateiendung ist identisch (.wav). Mit einem Hex-Editor oder BWF-spezifischen Tools (BWF MetaEdit, MediaInfo) lässt sich der bext-Chunk nachweisen. MediaInfo zeigt unter „Audio" → „bext" alle Broadcast-Metadaten an, falls vorhanden.
Muss ich für Podcast-Produktionen BWF verwenden? Nein. BWF ist spezifisch für den Rundfunk- und Broadcast-Kontext. Für Podcast-Produktionen ist normales WAV (oder AIFF) als Arbeitsformat vollständig ausreichend. BWF wird relevant, wenn man Beiträge an Radiosender oder Nachrichtenagenturen liefert.
Was sind iXML-Chunks und warum sind sie wichtig? iXML ist ein XML-basiertes Metadaten-Schema, das in einen zusätzlichen Chunk der BWF-Datei eingebettet wird. Es enthält filmproduktionstypische Metadaten: Szenen-Nummer, Take-Nummer, Mikrofon-Positionen und Kamera-Roll-Referenzen. Tools wie Soundminer, Silverlock/Cantar und moderne Schnittlösungen wie Avid können iXML automatisch auslesen und für das automatische Syncing von O-Ton und Bild nutzen.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- European Broadcasting Union (2011): EBU Tech 3285 – Broadcast Wave Format (BWF): A Format for Audio Data Files in Broadcasting. 2. Aufl. EBU.
- Online: BWF MetaEdit (Library of Congress) –
- Online: EBU Tech 3285 Dokument –
- Rumsey, Francis (2004): Spatial Audio. Focal Press.
