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Timecode ist ein standardisiertes, framegenaues Adressierungssystem für Ton- und Bildspuren, das die exakte Lokalisierung und Synchronisation von Mediensignalen in der Postproduktion ermöglicht.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Postproduktion · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: TC, SMPTE Timecode, Zeitcode, Time Address

Was ist Timecode?

Timecode ist das grundlegende Navigationssystem der professionellen Medienproduktion. Jeder Frame einer Video- oder Audioaufnahme erhält eine eindeutige Adresse im Format HH:MM:SS:FF (Stunden:Minuten:Sekunden:Frames). Dieser Adressraum ermöglicht es, in einem Schnittprogramm, auf einem Tonband oder in einer Synchronisationseinheit präzise auf jeden einzelnen Frame zuzugreifen.

Ohne Timecode wäre die nahtlose Zusammenarbeit zwischen Bild-, Ton-, VFX- und Color-Abteilungen in großen Produktionen nicht möglich. Das EDL (Edit Decision List): Schnittdaten im CMX-3600-Format-Format und die Austauschformate in OMF und AAF: Austauschformate zwischen NLE und DAW setzen korrekten Timecode voraus; auch der Offline/Online Schnitt: Proxy-Workflow und Conform in der Post-Workflow hängt fundamental vom Timecode-Matching ab.

Erklärung

SMPTE-Standard und Framerates

Der wichtigste Timecode-Standard ist SMPTE Timecode (Society of Motion Picture and Television Engineers), definiert in SMPTE ST 12M. Er kennt verschiedene Framerates:

FramerateRegion/VerwendungBesonderheit
24 fpsKino weltweitStandard für Filmproduktionen
25 fpsEuropa (PAL-TV)Standard für europäisches Broadcast
29.97 fpsUSA/Japan (NTSC-TV)Ursprung: Farbeinführung NTSC 1953
30 fpsBroadcast USA (veraltet)Heute kaum noch in Neuproduktionen
48 fpsHFR-KinoPeter Jacksons "The Hobbit"
50 / 59.94 / 60 fpsSport, Slow-MotionHigh Frame Rate

Drop Frame vs. Non-Drop Frame

Das komplizierteste Konzept beim Timecode ist der Unterschied zwischen Drop Frame (DF) und Non-Drop Frame (NDF): ausschließlich relevant bei 29.97 fps und 59.94 fps.

Das Problem: 29.97 fps ist nicht 30 fps

NTSC-Farbfernsehen läuft mit exakt 30 × 1000/1001 fps = 29.97002997... fps. Würde man dieses Signal mit Non-Drop-30fps-Timecode nummerieren, würde der Timecode gegenüber der realen Uhrzeit um 3,6 Sekunden pro Stunde davonlaufen.

Drop Frame: Kompensation durch Auslassen von Framenummern

Drop Frame TC lässt Framenummern aus (keine echten Frames gehen verloren!), um die Uhrzeit zu korrigieren. Die Regel: Frame-Nummern :00 und :01 werden zu Beginn jeder Minute übersprungen, außer bei Minuten, die durch 10 teilbar sind (also :10, :20, :30, :40, :50, :00).

Beispiel: Nach 00:00:59:29 folgt nicht 00:01:00:00, sondern 00:01:00:02.

Notation:

  • Drop Frame TC: Semikolon oder Punkt: 01:00:00;00 oder 01:00:00.00
  • Non-Drop Frame: Doppelpunkt: 01:00:00:00

Wann welches System?

  • Drop Frame: Broadcast, Live-TV, Sendungsmastering bei 29.97 fps, wenn Laufzeit mit Uhrzeit übereinstimmen muss
  • Non-Drop Frame: Post-Produktion, Filmbearbeitung, internationale Koproduktionen

LTC: Longitudinal Timecode

LTC (Linear/Longitudinal Timecode) ist ein analoges Audiosignal, das Timecode-Informationen als biphase-moduliertes Signal kodiert und auf einer eigenen Audiospur aufgezeichnet wird.

  • Kann auf jede Audiospur aufgezeichnet werden
  • Lesbar beim Vor- und Rückwärtslaufen, aber nicht im Standbild
  • Typische Verwendung: Audio-Synchronisation zwischen DAW und NLE, Filmmusik-Recording, Jam-Sync am Drehtag

VITC: Vertical Interval Timecode

VITC (Vertical Interval Timecode) wird im vertikalen Austastintervall eines analogen Videosignals eingebettet.

  • Im Standbild lesbar (kein Play erforderlich)
  • Synchron mit dem Videobild, jedes Frame trägt seinen eigenen TC
  • Standard bei professionellen Betacam-/DVCAM-Formaten

Im digitalen Zeitalter ersetzt ATC (Ancillary Timecode) in SDI-Signalen und eingebetteter Timecode in MXF/QuickTime-Dateien diese Funktion.

MTC: MIDI Timecode

MTC (MIDI Timecode) synchronisiert DAWs, Synthesizer und andere MIDI-Geräte mit Videoabspielsystemen. MTC überträgt den aktuellen Timecode-Wert als MIDI-Nachrichten (Quarter Frame Messages und Full Frame Messages) und unterstützt alle SMPTE-Framerates.

Typische Anwendung: Synchronisation einer Pro-Tools-Session mit einem NLE oder einem Hardware-Sequencer.

Timecode in digitalen Dateien

In modernen Digitalproduktionen wird Timecode in den Metadaten von Mediendateien gespeichert:

  • MXF: Timecode Track als eigenständige MXF-Spur (SMPTE 377M)
  • QuickTime/MOV: tmcd-Track (Timecode Track)
  • BWF (Broadcast Wave Format): BEXT-Chunk enthält Timecode als Sampleposition
  • MKV: keine native SMPTE-TC-Unterstützung

Beispiele

  1. Filmdreh mit Klappe: Eine Digi-Klappe zeigt TC 10:32:14:08 bei 24 fps. Kamera und Tongerät (Sound Devices 888) sind via Ambient Clockit synchronisiert.
  2. Broadcast-Live-Show: Eine Produktionsfirma liefert Material mit Drop-Frame-TC (29.97 DF) an einen US-amerikanischen Sender, da das Paketmaster auf die Sendezeit 20:00:00;00 synchronisiert sein muss.
  3. Musik für Film: Komponist und Tonmeister synchronisieren Pro Tools mit Avid Media Composer via MTC und LTC. Der Film spielt ab, Pro Tools läuft synchron, der Komponist setzt Einsätze framgenau.
  4. Archiv-Digitalisierung: Alte U-Matic-Kassetten haben VITC auf ihrem Videosignal eingebettet. Ein Capture-System liest den TC beim Digitalisieren aus und überträgt ihn als Metadaten in die Ziel-MXF-Datei.
  5. VFX-Pipeline: Der VFX-Supervisor verwendet den Timecode aus dem Kameramaterial (ARRI Alexa, 25 fps, TC-Start 10:00:00:00), um Shots in ShotGrid eindeutig zu adressieren.

In der Praxis

Timecode-Planung vor dem Dreh

Ein durchdachtes TC-Schema spart in der Post erheblich Zeit:

  • Kamerastart: 10:00:00:00 (oder pro Tag hochzählen: Tag 1 = 10:xx, Tag 2 = 11:xx)
  • Tongerät: Jam-Sync (einmalige Synchronisation via LTC oder Funksignal) zu Beginn des Drehtages
  • Konsequente Framerate: einheitlich über das gesamte Projekt

TC-Konflikte beheben

Wenn Material mit unterschiedlichen Timecodes zusammengeführt wird, bieten NLEs Werkzeuge zum TC-Remapping. Avid Media Composer bietet das Werkzeug "Modify Clip", DaVinci Resolve 21 ermöglicht Timecode-Editierung in den Clip-Metadaten.

Vergleich & Abgrenzung

SystemMediumStandbild-lesbarTypische Anwendung
LTCAudiosignalneinBandmaschinen, DAW-Sync
VITCVideosignal (vertikal)jaAnaloge Video, Broadcast
ATCSDI-DatenstromjaDigitales Broadcast, HD-SDI
MTCMIDI-SignaljaMIDI-Geräte, DAW-Sync
Eingebettet (MXF, MOV)Datei-MetadatenjaDigitale Postproduktion

Häufige Fragen (FAQ)

Warum gibt es überhaupt Drop Frame, wenn es so verwirrend ist? Drop Frame ist historisch bedingt: Als 1953 das NTSC-Farbfernsehen in den USA eingeführt wurde, musste die Framerate auf 29.97 fps gesenkt werden, um Farbträger-Interferenzen zu vermeiden. Damit Broadcast-Timecodes mit der Sendezeit übereinstimmten, erfanden SMPTE-Ingenieure das Drop-Frame-System. Es ist ein mathematischer Trick; keine Frames gehen verloren, nur einige Framenummern werden übersprungen.

Kann ich Timecode auch im Schnitt ignorieren? Bei einfachen Projekten ist Timecode im Hintergrund vorhanden, ohne dass man ihn aktiv nutzt. Bei mehrteiligen Produktionen, VFX-Projekten oder Broadcast-Deliverables ist ein konsistentes TC-System unverzichtbar, da Fehler im TC zu Synchronisationsproblemen in der gesamten Postpipeline führen.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • SMPTE ST 12-1:2014: Television, Time and Control Code. SMPTE, 2014.
  • SMPTE ST 12-2:2014: Television, Transmission of Time Code in the Ancillary Data Space. SMPTE, 2014.
  • Kauffmann, Sam: Avid Editing: A Guide for Beginning and Intermediate Users. 6. Aufl. Routledge, 2016.
  • Holman, Tomlinson: Sound for Film and Television. 3. Aufl. Focal Press, 2010.
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