Case Study (dt. Fallstudie) ist im Portfolio-Kontext eine strukturierte, narrative Darstellung eines abgeschlossenen Projekts, die Ausgangssituation, Herausforderung, Vorgehen, Lösung und messbare Ergebnisse dokumentiert und so die Denkweise und Kompetenz der Kreativperson erlebbar macht.

Rubrik: Soft Skills & Berufspraxis · Unterrubrik: Portfolio · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Projektdarstellung, Fallbeispiel, Portfolio-Case, Projektbeschreibung


Was ist eine Case Study im Portfolio?

Während ein Portfolio zeigt, was jemand gemacht hat, erklärt eine Case Study, wie und warum. Das ist ein fundamentaler Unterschied: Ein starkes Bild oder Video kann beeindrucken – aber eine gut erzählte Case Study zeigt strategisches Denken, Problemlösungskompetenz und Professionalität.

Für Kreativschaffende in der Medienbranche sind Case Studies besonders wirkungsvoll, weil viele Entscheider – vor allem im B2B-Bereich – nicht nur nach Ästhetik suchen, sondern nach jemandem, der ihr Problem versteht und lösen kann. Die Case Study gibt dieser Person die Antwort: „Ich habe genau dieses Problem schon einmal gelöst – und so bin ich vorgegangen."


Erklärung

Aufbau einer Case Study

Eine überzeugende Case Study folgt einer klaren Struktur (in Anlehnung an UX-Portfolio-Methoden wie bei Google Ventures 2016):

1. Ausgangssituation / Kontext Was war der Rahmen des Projekts? Wer war der Kunde, welche Branche, welches Medium? Welche Voraussetzungen gab es?

Beispiel: „Auftraggeber war eine Berliner Textilmarke mit Fokus auf nachhaltige Mode. Anlass war die Neueinführung einer Herbst/Winter-Kollektion."

2. Herausforderung / Problem Was war das eigentliche Problem? Warum war das Projekt nicht trivial? Was hat die Aufgabe komplex oder interessant gemacht?

Beispiel: „Die Marke hatte zuvor hauptsächlich auf retuschierte Studio-Looks gesetzt und wollte erstmals einen authentischeren, dokumentarischen Look ausprobieren – ohne dabei die Markenwerte Eleganz und Qualität aufzugeben."

3. Vorgehen / Prozess Wie wurde die Herausforderung angegangen? Welche Überlegungen, Recherchen, Konzeptentwürfe, Iterationen gab es? Dieser Teil zeigt das Denken hinter dem Ergebnis.

Beispiel: „Zu Beginn wurden drei visuelle Konzepte entwickelt: klassisches Studiofoto, natürliche Außenaufnahmen und ein hybrider Ansatz. Nach einem Moodboard-Workshop mit der Marke fiel die Entscheidung für den hybriden Ansatz – dokumentarische Stimmung in kontrollierten Außensets."

4. Lösung / Ergebnis Was wurde produziert? Wie sieht das fertige Ergebnis aus? Hier kommen die starken Visuals.

5. Wirkung / Impact Das ist der Teil, der am häufigsten fehlt – und am meisten zählt. Welche messbaren Ergebnisse hat das Projekt erzielt?

Beispiele für messbare Ergebnisse:

  • „Die Kampagne erreichte 2,3 Mio. Impressionen auf Instagram in 14 Tagen"
  • „Die Conversion Rate auf der Produktseite stieg nach dem Relaunch um 34 %"
  • „Der Erklärfilm wurde auf der Firmenhomepage 12.000 Mal aufgerufen in den ersten vier Wochen"

Zahlen und Ergebnisse nennen – statt vage zu bleiben

Einer der häufigsten Fehler in Portfolio-Case Studies: vage Aussagen wie „Das Projekt war sehr erfolgreich" oder „Der Kunde war sehr zufrieden." Das sagt nichts aus.

Wer konkrete Zahlen nennen kann – Reichweiten, Klickraten, Conversion-Steigerungen, Sales-Zahlen, Award-Gewinn, Medienberichterstattung – schafft Vertrauen und Überzeugungskraft. Wenn ein NDA keine konkreten Zahlen erlaubt, können relative Angaben genutzt werden: „Steigerung der Klickrate um ca. 40 % im Vergleich zur Vorgängerkampagne."

Prozessbilder: Skizzen, Wireframes, Iterationen

Prozessbilder sind Goldwert in einer Case Study. Sie zeigen:

  • Wie jemand denkt, nicht nur was er produziert
  • Dass ein sorgfältiger Prozess stattgefunden hat
  • Iterationen und Lernmomente (das macht den Kreativen menschlich und glaubwürdig)

Gute Prozessbilder:

  • Skizzen und Entwürfe aus frühen Projektphasen
  • Moodboards und Referenzsammlungen
  • Vorher-Nachher-Vergleiche (erster Entwurf vs. Endresultat)
  • Screenshots aus Feedback-Runden (mit Erlaubnis)

Länge und Format

Eine gute Case Study hat zwischen 200 und 600 Wörtern Text – plus Bilder. Sie sollte auf einem Bildschirm in drei bis fünf Minuten lesbar sein.

Format-Optionen:

  • Textbasiert mit eingebetteten Bildern: Am häufigsten für Web-Portfolios
  • Slide-Deck (PDF): Für direkte Versendung an Kunden oder bei Bewerbungen
  • Video-Case Study: Selten, aber wirkungsvoll für Filmemacher oder animationsspezialisten
  • Mündlich erzählt im Gespräch: Jede schriftliche Case Study sollte auch als 2-Minuten-Version mündlich erzählbar sein

Case Study für verschiedene Zielgruppen anpassen

Dieselbe Case Study kann für verschiedene Zielgruppen unterschiedlich betont werden:

  • Für eine kreative Jury / Award: Betonung auf ungewöhnliche Konzeptentscheidungen und visuelle Exzellenz
  • Für einen Business-Kunden: Betonung auf Ergebnisse, ROI, strategisches Denken
  • Für einen Arbeitgeber in einer Agentur: Betonung auf Teamarbeit, Prozess, Lernmomente und die eigene Rolle im Projekt

Beispiele

  1. Case Study einer UX-Designerin: Ausgangssituation: Eine Bank-App mit 40 % Abbruchrate im Onboarding. Herausforderung: Komplexer Prozess, der regulatorisch nicht vereinfacht werden konnte. Vorgehen: 8 Nutzer-Interviews, 3 Prototypen-Iterationen, A/B-Test. Ergebnis: Neue Onboarding-Strecke. Wirkung: Abbruchrate von 40 % auf 18 % gesenkt. Drei Prozessbilder (Wireframes, Nutzer-Journey-Map, Testing-Session-Screenshot).
  2. Case Study eines Filmemachers: Ausgangssituation: Imagefilm für ein Technologie-Startup. Herausforderung: Das Produkt (KI-Software) war schwer zu visualisieren. Vorgehen: Konzeptentwicklung mit zwei Ansätzen (abstrakter Animations-Approach vs. menschenzentrierter Storytelling-Approach), Entscheidung für Storytelling. Ergebnis: 3-minütiger Imagefilm. Wirkung: 50.000 YouTube-Aufrufe in 30 Tagen, Featured auf zwei Startup-Blogs.
  3. Case Study einer Texterin: Ausgangssituation: E-Commerce-Unternehmen mit niedriger E-Mail-Open-Rate (12 %). Herausforderung: E-Mails wirkten generisch und austauschbar. Vorgehen: Überarbeitung der Subject Lines mit Personalisierung und neugier-weckenden Formulierungen. Ergebnis: Neue E-Mail-Serie. Wirkung: Open-Rate auf 28 % gesteigert.
  4. Case Study mit Prozessbildern: Ein Grafikdesigner zeigt neben dem fertigen Logo auch: Erste Hand-Skizzen (15 Konzeptideen), drei digitale Rohversionen, zwei Moodboards aus der Konzeptphase und den finalen Styleguide. Das Portfolio wirkt nicht wie ein Ergebniskatalog, sondern wie ein Einblick in echte Designpraxis.
  5. Case Study auf Zielgruppe zugeschnitten: Dieselbe Kampagne wird für eine Award-Bewerbung (kreative Kühnheit betont), eine Agentur-Bewerbung (Teamarbeit und Prozess betont) und einen Direktkunden (Reichweite und Umsatzwirkung betont) unterschiedlich präsentiert.

In der Praxis

Case Studies zu schreiben braucht Zeit – aber diese Zeit ist eine Investition. Wer nach jedem abgeschlossenen Projekt drei Stunden investiert, um die wichtigsten Punkte zu dokumentieren, hat nach einem Jahr ein Portfolio, das auf einem anderen Niveau kommuniziert als die Konkurrenz.

Praktischer Tipp: Unmittelbar nach Projektabschluss – wenn noch alles frisch ist – eine rohe Case-Study-Notiz anlegen: Ausgangssituation, was war schwierig, wie wurde es gelöst, Ergebnis. Diese Rohdaten können später in eine ausgearbeitete Case Study verwandelt werden.


Vergleich & Abgrenzung

Bild/Video im PortfolioCase Study
Was es zeigtEndergebnisProzess + Ergebnis + Wirkung
Zeitaufwand ErstellungNiedrigMittel bis hoch
Überzeugungskraft für EntscheiderMittelHoch
Einblick in DenkenKeinerTief
Geeignet fürErste ImpressionEntscheidungsphase

Häufige Fragen (FAQ)

Was mache ich, wenn ich keine messbaren Ergebnisse habe? Nicht jedes Projekt liefert messbare KPIs. In diesem Fall: qualitative Ergebnisse nennen. Kundenstimmen (Testimonials), Medienerwähnungen, Award-Nominierungen, Weiterempfehlungen oder konkrete Folgeaufträge sind ebenfalls valide Belege für Projekterfolg. Wenn gar nichts vorliegt: Prozess und Lernmomente in den Fokus stellen.

Wie lang darf eine Case Study sein? Länger ist nicht besser. Eine Case Study, die in drei Minuten gelesen werden kann und die wichtigsten Punkte klar kommuniziert, schlägt eine ausführliche Abhandlung, die niemand zu Ende liest. Als Faustregel: 200–500 Wörter Text, ergänzt durch 5–10 visuelle Elemente (Bilder, Diagramme, Prozessscreenshots).


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Weiterführend

  • Knapp, Jake, Zeratsky, John & Kowitz, Braden (2016): Sprint. How to Solve Big Problems and Test New Ideas in Just Five Days. Simon & Schuster. (Enthält Methoden zu Prozessdokumentation und Iteration)
  • Gothelf, Jeff & Seiden, Josh (2013): Lean UX. Applying Lean Principles to Improve User Experience. O'Reilly Media.
  • Ries, Eric (2011): The Lean Startup. How Today's Entrepreneurs Use Continuous Innovation to Create Radically Successful Businesses. Crown Business.
  • Eisenberg, Bryan & Eisenberg, Jeffrey (2006): Call to Action. Secret Formulas to Improve Online Results. Thomas Nelson.
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