Der Designprozess ist ein strukturiertes Vorgehen, das von der Problemidentifikation über Recherche, Ideation und Prototyping bis zum Test und der Umsetzung führt – mit dem Ziel, menschenzentrierte, funktionale und ästhetische Lösungen zu entwickeln.
Rubrik: Storytelling & Konzeption · Unterrubrik: Konzept · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Gestaltungsprozess, Kreativ-Workflow, Design-Workflow, Human-Centered Design Process
Was ist der Designprozess?
Design entsteht nicht durch Inspiration allein. Hinter den besten Gestaltungslösungen steckt ein strukturierter Prozess, der Probleme systematisch analysiert, Nutzer versteht, Ideen entwickelt und Lösungen testet, bevor sie finalisiert werden. Der Designprozess ist kein linearer Pfad, sondern ein iterativer Kreislauf – Schritte werden wiederholt, Ideen verworfen und neu gedacht.
Das Bewusstsein für Prozessmodelle hilft Kreativen, Teams und Auftraggebern, gemeinsam zu verstehen, wo man sich im Projekt befindet und was als nächstes kommt.
Erklärung
Double Diamond – das Modell des British Design Council
Das bekannteste Prozessmodell im Design ist der Double Diamond (Doppelter Diamant), 2005 vom British Design Council veröffentlicht. Es visualisiert zwei Phasen des divergenten (öffnenden) und konvergenten (schließenden) Denkens:
Erster Diamant – Das richtige Problem finden:
- Discover (Entdecken): Offenes Forschen und Erkunden. Was ist das tatsächliche Problem? Nutzerbefragungen, Beobachtungen, Desk Research. Divergentes Denken: möglichst viel verstehen.
- Define (Definieren): Erkenntnisse verdichten. Die eigentliche Herausforderung formulieren. Oft unterscheidet sich die echte Fragestellung von der ursprünglich gestellten. Konvergentes Denken: auf einen Punkt fokussieren.
Zweiter Diamant – Die richtige Lösung finden:
- Develop (Entwickeln): Ideen generieren, Prototypen erstellen, Lösungen ausprobieren. Divergentes Denken: viele Möglichkeiten erkunden.
- Deliver (Liefern): Die beste Lösung auswählen, finalisieren und umsetzen. Konvergentes Denken: eine Entscheidung treffen.
Der Wert des Double Diamond liegt in seiner Aussage: Vor der Lösung kommt das Verstehen des Problems. Viele Projekte scheitern, weil Teams direkt zur Lösung springen, ohne das Problem wirklich zu durchdringen.
Design Thinking
Design Thinking ist eine verwandte, aber stärker auf Nutzerforschung und Prototyping ausgerichtete Methodik. Geprägt vom Stanford d.school (Hasso Plattner Institute of Design) und dem Beratungsunternehmen IDEO:
5 Phasen (nach d.school):
- Empathize: Verstehe die Nutzer tief. Interviews, Beobachtungen, Shadowing.
- Define: Formuliere ein Nutzer-zentriertes Problem: „Wie könnten wir… für… damit…?"
- Ideate: Generiere viele Ideen ohne Bewertung.
- Prototype: Bau einfache, schnelle Modelle, um Ideen testbar zu machen.
- Test: Lass echte Nutzer mit dem Prototyp interagieren. Lerne und iteriere.
Design Thinking ist bewusst iterativ: Nach dem Test kann der Prozess an jedem früheren Punkt neu einsetzen.
Agile Design
Im digitalen Produktentwicklungsbereich ist Agile Design verbreitet – ein Ansatz, der Designarbeit in kurze Sprints aufteilt und mit regelmäßigen Feedbackschleifen arbeitet. Agile Design ist nicht ein einzelnes Modell, sondern eine Denkweise, die sich an Agile-Software-Entwicklung (Scrum, Kanban) anlehnt.
Kernprinzipien:
- Kleine, iterative Schritte statt großer Gesamtplanung
- Regelmäßige Überprüfung und Anpassung
- Enge Zusammenarbeit mit Stakeholdern während des Prozesses
- Funktionierende Ergebnisse früh zeigen statt alles am Ende liefern
Human-Centered Design (HCD)
Human-Centered Design ist ein übergeordnetes Prinzip, dem sowohl Design Thinking als auch der Double Diamond folgen. Die ISO-Norm 9241-210 (2019) definiert HCD als einen Ansatz, der Nutzerbedürfnisse, -fähigkeiten und -einschränkungen systematisch in den Gestaltungsprozess einbezieht.
Tim Brown (IDEO, Change by Design, 2009) beschreibt HCD als Schnittmenge von drei Faktoren:
- Desirability: Was wollen Menschen?
- Feasibility: Was ist technisch möglich?
- Viability: Was ist wirtschaftlich sinnvoll?
Gutes Design erfüllt alle drei.
Anwendung in der Praxis
Der Designprozess ist nicht auf Grafikdesign beschränkt. Er findet Anwendung in:
- Kommunikationsdesign: Kampagnen, Websites, Publikationen
- UX/UI-Design: Apps, Plattformen, digitale Produkte
- Service Design: Kundenerfahrungen, Dienstleistungsabläufe
- Innenarchitektur und Produktdesign: Räume und physische Gegenstände
- Organisationsentwicklung: Strukturen und Prozesse in Unternehmen
Beispiele
- British Design Council – NHS Design Challenges (2018): Das britische Gesundheitssystem nutzte den Double Diamond, um systematisch Patientenerfahrungen in Wartebereichen zu verbessern. Discover: Patienteninterviews. Define: Wartezeit nicht kürzen, sondern Ungewissheit reduzieren. Develop/Deliver: neue Informationssysteme.
- IDEO – Shopping Cart Redesign (ABC Nightline, 1999): Bekanntestes Design Thinking-Beispiel. IDEO redesignte innerhalb von fünf Tagen einen Einkaufswagen – von Nutzerforschung über Prototypen bis zur Präsentation.
- Stanford d.school – Wallet Projekt: Studenten redesignen die Brieftasche eines Kommilitonen. Alle fünf Phasen in 90 Minuten. Zeigt, dass Design Thinking in komprimierter Form lernbar ist.
- Spotify Agile Design (Spotify Model, 2012): Spotifys Entwicklungsteams arbeiten in Squads mit kurzen Sprints. Designer sind Teil dieser Squads und liefern in jeder Iteration Ergebnisse statt am Ende des Projekts.
- Apple Keynote Designprozess: Apples Produktentwicklung gilt als beispielhaft für HCD: Tiefes Nutzerverständnis (Desirability), technische Innovation (Feasibility), hochpreisiges Marktmodell (Viability).
In der Praxis
Tipps für die Anwendung von Designprozessen:
- Beginne mit dem Problem, nicht der Lösung: Die häufigste Falle: Das Team denkt von Anfang an in Lösungen. Ein bewusster Discover/Define-Schritt vor der Ideation spart langfristig Zeit.
- Nutzerforschung ernst nehmen: Annahmen über Nutzer sind keine Fakten. Selbst zwei oder drei echte Nutzerinterviews liefern überraschende Einblicke.
- Prototypen früh zeigen: Ein einfacher Papierprototyp, eine Skizze oder ein Storyboard ist besser als eine stundenlange Beschreibung. „Don't describe, show."
- Iteration ist kein Scheitern: Wenn ein Prototyp scheitert, hat man etwas gelernt. Das ist der Punkt – nicht Fehler vermeiden, sondern früh und günstig scheitern.
- Prozessmodell wählen, das passt: Double Diamond für strategische Projekte, Design Thinking für nutzerorientierte Entwicklung, Agile für iterative digitale Produkte.
Vergleich & Abgrenzung
| Modell | Double Diamond | Design Thinking | Agile Design |
|---|---|---|---|
| Ursprung | British Design Council, 2005 | Stanford d.school / IDEO | Agile Manifesto, 2001 |
| Phasen | 4 (Discover, Define, Develop, Deliver) | 5 (Empathize, Define, Ideate, Prototype, Test) | Sprints (variabel) |
| Fokus | Problemverständnis + Lösung | Nutzerempathie + Iteration | Schnelligkeit + Feedback |
| Geeignet für | strategische Gestaltungsprojekte | Nutzerzentrierte Produktentwicklung | Digitale Produkte, Software |
Häufige Fragen (FAQ)
Braucht jedes Designprojekt einen formellen Prozess? Nicht immer. Für kleine, klar definierte Aufgaben (ein Banner gestalten) braucht es kein formelles Prozessmodell. Bei komplexeren Projekten – neue Website, Kampagne, Produkt – hilft ein strukturierter Prozess, Lücken im Verständnis frühzeitig zu erkennen und teure Fehler zu vermeiden.
Was ist der Unterschied zwischen Designprozess und Projektmanagement? Das Projektmanagement beschreibt, wer wann was tut (Timeline, Budget, Ressourcen). Der Designprozess beschreibt, wie das Problem angegangen und gelöst wird (Methodik, Denkweise). Beide überlappen sich, sind aber nicht dasselbe.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- British Design Council: Eleven Lessons: Managing Design in Eleven Global Companies (2007) – Double Diamond
- Brown, Tim: Change by Design (2009) – Design Thinking bei IDEO
- Kelley, David: Creative Confidence (2013) – d.school-Methodik populär erklärt
- Norman, Don: The Design of Everyday Things (1988) – Human-Centered Design Grundlagen
- Gothelf, Jeff / Seiden, Josh: Lean UX (2013) – Agile Design in der Praxis
