Bokeh (aus dem Japanischen: „ぼけ", dt. Unschärfe, Verschwommenheit) bezeichnet die ästhetische Qualität des unscharfen Bereichs in einem Foto – insbesondere des Bildhintergrunds – und ist ein wesentliches gestalterisches Mittel in der Portraitfotografie, Produktfotografie und Naturfotografie, um das Hauptmotiv visuell vom Hintergrund zu trennen.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Optik & Objektive · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Hintergrundunschärfe, Bildunschärfe, Boke (alternative Schreibweise), Depth of Field Blur (engl.)
Was ist Bokeh?
Bokeh beschreibt nicht die Unschärfe selbst, sondern die Qualität der Unschärfe: Wirkt sie cremig-weich und angenehm, oder ist sie hart, kantig und störend? Ein gutes Bokeh lenkt den Blick auf das scharf gestellte Motiv, während ein schlechtes Bokeh den Betrachter ablenkt. Der Begriff stammt aus der japanischen Fotografie-Kultur und wurde in den 1990er-Jahren im englischsprachigen Raum popularisiert.
Erklärung
Bokeh entsteht, wenn Lichtquellen oder Objekte außerhalb der Schärfeebene unscharf abgebildet werden. Die Form und Qualität des Bokehs wird von mehreren Faktoren bestimmt:
Blendenöffnung: Je weiter die Blende geöffnet ist (kleiner Blendenwert, z. B. f/1.4 oder f/1.8), desto flacher ist die Schärfentiefe und desto ausgeprägter das Bokeh. Bei kleinen Blenden (f/11, f/16) erscheint der Hintergrund schärfer.
Objektivkonstruktion: Die Anzahl und Form der Blendenlamellen bestimmt die Blendenöffnungsform. Ein Objektiv mit kreisrunden Blendenlamellen erzeugt runde, kugelförmige Lichtpunkte (Kugelbokeh). Ein 9-lamellig gerundetes Objektiv liefert in der Regel angenehmeres Bokeh als eines mit 5 geraden Lamellen.
Brennweite: Längere Brennweiten (85 mm, 135 mm, 200 mm) erzeugen bei gleicher Blende flachere Schärfentiefe und damit stärkeres Bokeh als Weitwinkel.
Abstand Motiv–Hintergrund: Je größer der Abstand zwischen Motiv und Hintergrund, desto unschärfer und damit ausgeprägter das Bokeh.
Optische Aberrationen: Bestimmte Linsenkonstruktionen erzeugen „nervöses" oder „zwiebelförmiges" Bokeh (erkennbar an konzentrischen Ringen in den Unschärfekreisen). Hochwertige Optiken mit aufwändiger Vergütung minimieren diese Artefakte.
Beispiele
- Portraitfotografie mit 85-mm-Objektiv (f/1.8): Das Gesicht der porträtierten Person ist scharf gestellt, der grüne Hintergrund löst sich in cremige, runde Lichtflecken auf – klassisches Portraitbokeh.
- Produktfotografie mit Makroobjektiv: Eine Blume im Vordergrund scharf, der Hintergrund als weiche Farbfläche – das Bokeh unterstreicht die Detailschärfe des Motivs.
- Weihnachtslichterkette als Bokeh-Hintergrund: Unscharf fotografierte Lichterketten (f/1.4) erzeugen farbige Kugeln als Hintergrundgestaltung bei Winterportraits.
- Anamorphes Bokeh: Anamorphe Objektive (genutzt in der Filmproduktion) erzeugen charakteristische horizontale Lichtstreifen statt runder Kugeln – typisch für Kinofilme.
- Swirly Bokeh (Helios 44-2): Das Vintage-Objektiv Helios 44-2 (58 mm, f/2) erzeugt durch seine optische Konstruktion ein charakteristisches Strudel-Bokeh am Bildrand.
In der Praxis
Für ausgeprägtes, cremiges Bokeh empfehlen sich Festbrennweiten mit großer Blendenöffnung: Das Canon EF 85mm f/1.4L, das Sony FE 85mm f/1.4 GM oder das günstige Samyang/Rokinon 85mm f/1.4 gelten als besonders bokeh-stark. Im Budget-Bereich liefert das 50mm f/1.8 vieler Hersteller (Canon, Nikon, Sony) sehr gutes Bokeh für einen erschwinglichen Preis.
In der digitalen Bildbearbeitung lässt sich Bokeh nachträglich simulieren: Adobe Photoshop bietet den „Tiefenschärfe"-Filter (Linsenunschärfe), Lightroom und Capture One ermöglichen radiale Verlaufsmasken. KI-basierte Bokeh-Simulation (z. B. Apple Portrait-Modus, Google Camera) funktioniert auf Smartphones inzwischen sehr überzeugend.
Vergleich & Abgrenzung
Bokeh beschreibt die Qualität der Unschärfe. Schärfentiefe beschreibt den scharfen Bereich im Bild. Beides hängt zusammen: Eine geringe Schärfentiefe erzeugt starkes Bokeh, aber die Schärfentiefe ist ein messbarer optischer Parameter, während Bokeh eine ästhetische Bewertung der Unschärfe ist. Unschärfe als allgemeiner Begriff bezeichnet jeden unscharfen Bereich, unabhängig von der Qualität.
Häufige Fragen (FAQ)
Welches Objektiv erzeugt das beste Bokeh? Objektive mit großer Blendenöffnung (f/1.2–f/1.8), langer Brennweite (85–135 mm) und vielen, gerundeten Blendenlamellen liefern in der Regel das angenehmste Bokeh. Unter Fotografen besonders geschätzt werden das Sony FE 85mm f/1.4 GM, das Sigma Art 85mm f/1.4 und das Canon RF 85mm f/1.2L.
Kann ich Bokeh nachträglich in der Bildbearbeitung hinzufügen? Ja, aber mit Einschränkungen. KI-basierte Werkzeuge wie der Portrait-Modus auf Smartphones oder der Linsenunschärfe-Filter in Photoshop erzeugen ähnliche Effekte, erkennen aber komplexe Bildszenen nicht immer fehlerfrei. Optisch erzeugtes Bokeh bleibt qualitativ überlegen.
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Weiterführend
- Peterson, B. (2003): Learning to See Creatively. Amphoto Books.
- Prakel, D. (2007): Komposition. Stiebner Verlag.
- Online-Ressource: DPReview Bokeh Vergleich – dpreview.com
