Der Farbkreis nach Itten ist ein 12-teiliges, kreisförmiges Farbmodell, das der Schweizer Künstler und Bauhauslehrer Johannes Itten entwickelte, um die Beziehungen zwischen Farben systematisch darzustellen.
Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Farbtheorie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Ittenscher Farbkreis, Itten-Farbrad, englisch: Itten Color Wheel
Was ist der Farbkreis nach Itten?
Der Farbkreis nach Itten ist ein Werkzeug der Farbtheorie, das zwölf Farben kreisförmig anordnet und ihre harmonischen Beziehungen sichtbar macht. Er basiert auf drei Primärfarben (Gelb, Blau, Rot), drei Sekundärfarben und sechs Tertiärfarben. Johannes Itten entwickelte dieses Modell in den 1920er-Jahren am Bauhaus als Grundlage für die Gestaltungsausbildung. Bis heute gilt es als eines der meistgenutzten Werkzeuge in Design, Illustration und Mediengestaltung.
Erklärung
Johannes Itten (1888–1967) war Maler, Kunstpädagoge und von 1919 bis 1923 Lehrer am Staatlichen Bauhaus in Weimar. Sein Farbkreis erschien 1961 in seinem Hauptwerk „Kunst der Farbe" und prägte die Farbausbildung nachhaltig.
Das Modell basiert auf dem subtraktiven Farbmischungsprinzip, das für Pigmente und Druckfarben gilt. Im Zentrum steht ein gleichseitiges Dreieck mit den drei Primärfarben: Gelb, Blau und Rot. Diese Farben lassen sich nicht durch Mischung anderer Farben erzeugen. Um dieses Dreieck ist ein Sechseck mit den drei Sekundärfarben angeordnet: Orange (Gelb + Rot), Violett (Rot + Blau) und Grün (Blau + Gelb). Der äußere Ring des Kreises enthält schließlich sechs Tertiärfarben, die durch die Mischung je einer Primär- mit einer benachbarten Sekundärfarbe entstehen – zum Beispiel Gelb-Orange oder Blau-Violett.
Die kreisförmige Anordnung ist entscheidend: Farben, die sich gegenüberliegen, sind Komplementärfarben und erzeugen den stärksten visuellen Kontrast. Farben, die nebeneinanderliegen, sind analoge Farben und wirken harmonisch. Diese geometrischen Beziehungen im Kreis ermöglichen es Gestaltern, systematisch Farbpaletten zu erstellen.
Wichtig zu wissen: Ittens Farbkreis ist ein pigmentbasiertes Modell und unterscheidet sich vom RGB-Farbmodell, das für Bildschirme gilt. Im RGB-System gelten Rot, Grün und Blau als Primärfarben. Für Druck und Malerei bleibt Ittens Modell jedoch ein unverzichtbarer Referenzpunkt.
Beispiele
- Logodesign in Adobe Illustrator: Ein Designer wählt im Farbkreis Blau als Hauptfarbe und nutzt das gegenüberliegende Orange als Akzentfarbe – klassischer Komplementärkontrast für maximale Aufmerksamkeit.
- Plakatgestaltung in Canva: Für ein Herbstplakat werden die analogen Farben Gelb, Gelb-Orange und Orange aus dem Farbkreis ausgewählt, um eine warme, harmonische Stimmung zu erzeugen.
- Illustration in Procreate: Eine Illustratorin erstellt eine triadische Farbpalette, indem sie drei gleichmäßig im Kreis verteilte Farben wählt (z. B. Gelb, Blau, Rot).
- Farbkonzept für eine Website in Figma: Ein UX-Designer legt anhand des Farbkreises eine primäre Markenfarbe fest und leitet daraus komplementäre Akzentfarben sowie analoge Hintergrundtöne ab.
- Unterrichtsmaterial in InDesign: Eine Mediengestalterin erstellt ein Lernposter, das den Farbkreis visualisiert, und verweist dabei auf die zwölf Segmente sowie deren Mischungsverhältnisse.
In der Praxis
In Design-Applikationen wie Adobe Color (color.adobe.com) lässt sich der Ittenscher Farbkreis interaktiv erkunden: Farbharmonien wie Komplementär, Analog oder Triadisch werden automatisch auf Basis des Farbrads berechnet. In Procreate und Affinity Designer gibt es eingebaute Farbräder, die ähnlich aufgebaut sind. Wer mit Pantone oder physischen Druckfarben arbeitet, sollte beachten, dass Ittens Modell auf Pigmenten basiert – für den digitalen Bereich ist das RGB-Modell primär maßgeblich. Als konzeptionelles Werkzeug zur Auswahl harmonischer Farbpaletten bleibt Ittens Farbkreis aber plattformübergreifend wertvoll.
Vergleich & Abgrenzung
Der Farbkreis nach Itten wird häufig mit dem Munsell-Farbsystem oder dem RGB-Farbrad verwechselt. Während Itten ein pigmentbasiertes, pädagogisches Modell mit Rot, Gelb und Blau als Primärfarben nutzt, verwendet das RGB-Modell Rot, Grün und Blau als Primärfarben für Lichtmischung (additiv). Das CMYK-Modell arbeitet wiederum mit Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz für den Druck. Ittens Modell ist kein technisches Präzisionswerkzeug, sondern ein gestalterisch-konzeptionelles – es erklärt Farbbeziehungen intuitiv und ist daher besonders für die Ausbildung geeignet.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum hat Ittens Farbkreis Rot, Gelb und Blau als Primärfarben – und nicht Cyan, Magenta, Gelb? Itten entwickelte sein Modell auf Basis von Pigmenten und Malfarben, wie sie zu seiner Zeit bekannt waren. In der modernen Drucktechnik gelten Cyan, Magenta und Gelb (CMY) als Primärfarben, weil sie breitere Farbmischbereiche erlauben. Für die gestalterische Grundausbildung und die Erklärung von Farbbeziehungen bleibt Ittens System jedoch weit verbreitet, da es intuitiv verständlich ist und die wichtigsten Kontrast- und Harmonieprinzipien klar zeigt.
Kann ich den Farbkreis nach Itten direkt für mein Digitaldesign verwenden? Ja, als konzeptionelles Werkzeug zur Farbauswahl ist der Ittenscher Farbkreis sehr gut geeignet. Für die technische Umsetzung am Bildschirm arbeiten Programme jedoch mit dem RGB-Farbmodell. Tools wie Adobe Color übersetzen Harmonien aus dem Farbrad automatisch in RGB-Werte. Es empfiehlt sich, Farbentscheidungen zunächst am Farbkreis zu treffen und diese dann in die entsprechenden Farbwerte (Hex, RGB oder HSB) umzuwandeln.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Itten, Johannes (1961): Kunst der Farbe. Otto Maier Verlag, Ravensburg.
- Küppers, Harald (2005): Harmonielehre der Farben. DuMont Buchverlag, Köln.
- Eiseman, Leatrice (2017): The Complete Color Harmony. Rockport Publishers.
