Hurenkind (Widow) bezeichnet eine einzelne, am Seitenanfang allein stehende letzte Zeile eines Absatzes; Schusterjunge (Orphan) ist die erste Zeile eines Absatzes, die allein am Seitenende steht – beide gelten als typografische Fehler, da sie den Lesefluss stören und das Seitenbild beeinträchtigen.
Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Typografie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Widow (Hurenkind), Orphan (Schusterjunge), Waise, verlorene Zeile
Was sind Hurenkind und Schusterjunge?
Diese beiden typografischen Begriffe beschreiben isolierte Textzeilen an falschen Stellen in einem Layout. Ein Schusterjunge ist die erste Zeile eines neuen Absatzes, die allein auf der letzten Zeile einer Seite oder Spalte steht – der Rest des Absatzes befindet sich auf der nächsten Seite. Ein Hurenkind ist das Gegenteil: die letzte Zeile eines Absatzes, die allein auf der nächsten Seite beginnt, während alle anderen Zeilen des Absatzes auf der vorherigen Seite stehen. Beide stören den Lesefluss und das ästhetische Bild einer Seite.
Erklärung
Warum sind sie ein Problem?
Das Auge des Lesers erwartet beim Umblättern einen neuen Gedankenstart oder einen geschlossenen Absatz. Eine einzelne Zeile, die allein auf einer Seite steht, wirkt verloren und unterbrochen. Besonders beim Hurenkind ist das Irritationspotenzial hoch: Die Zeile wirkt wie ein Fremdkörper am Seitenanfang und gibt dem Leser keinen klaren Startpunkt für den Absatz. Der Schusterjunge am Seitenende lässt den Leser mit einem Absatz-Anfang stehen, bevor er umblättern muss – das unterbricht den Gedankenfluss.
Wo kommen sie vor?
- Mehrseitige Dokumente: Bücher, Magazine, Broschüren, Jahresberichte
- Mehrspaltige Layouts: Zeitungen, Zeitschriften
- Digitale Publikationen (E-Books, PDFs)
Wann ist eine Zeile ein Hurenkind/Schusterjunge? Als Faustregel gilt: Eine einzelne Zeile zählt als Fehler; zwei Zeilen sind akzeptabel; drei oder mehr Zeilen sind unproblematisch. Manche Typografen setzen die Grenze bei einer kurzen letzten Zeile (unter einem Drittel der Spaltenbreite), die als Hurenkind gilt – auch wenn sie nicht allein auf einer Seite steht.
Lösungsansätze:
- Textkorrektur: Absatz kürzen oder verlängern, bis die unerwünschte Zeile verschwindet
- Zeilenabstand: Leicht anpassen, um Zeilen zu verschieben (nur in engen Grenzen)
- Tracking: Leicht positive oder negative Laufweite, um eine Zeile zu verlängern oder zu verkürzen
- Silbentrennung: Trennungen anpassen, um Zeilen unterschiedlich zu brechen
- Software: InDesign hat eine automatische Huren- und Schusterjungen-Kontrolle unter Absatzformate
Unterschied zum Flattersatz: Im Flattersatz sind Hurenkinder und Schusterjungen weniger sichtbar, weil die rechte Kante ohnehin unregelmäßig ist. Im Blocksatz fallen sie stärker auf.
Beispiele
- Buchlayout mit Hurenkind: Auf einer Buchseite beginnt die letzte Zeile eines Absatzes mit nur fünf Wörtern; der restliche Absatz steht auf der Vorseite – ein klassisches Hurenkind, das der Korrektor anzeichnen würde.
- Zeitschriftenartikel mit Schusterjunge: Der erste Satz eines neuen Abschnitts steht allein in der letzten Zeile der linken Spalte; die Folgezeilen sind in der rechten Spalte – typisches Beispiel für einen Schusterjunge in mehrspaltigem Layout.
- Jahresbericht-Korrekturabzug: Ein Lektor markiert drei Schusterjungen und zwei Hurenkinder auf dem Abzug; der Setzer löst sie durch leichte Textanpassungen im Lektorat.
- E-Book: Aufgrund von dynamischen Reflow-Textgrößen entstehen Hurenkinder automatisch – viele E-Book-CSS-Stylesheets setzen daher
orphans: 2undwidows: 2. - Webseite mit CSS-Steuerung:
widows: 3; orphans: 3im CSS verhindert, dass weniger als drei Zeilen eines Absatzes allein auf einer Seite beim Drucken erscheinen.
In der Praxis
Adobe InDesign bietet unter Absatzformate → Umbruchoptionen die Einstellung „Hurenkind verhindern" (Keep Lines Together) mit konfigurierbarer Mindestanzahl Zeilen am Anfang und Ende einer Seite. Die Funktion wird am besten für alle Fließtext-Absatzformate aktiviert. Alternativ kann die Funktion „Nächste Seite beginnen" dafür sorgen, dass Abschnitte nicht mitten in einem Absatz umbrochen werden. Im Web steuern die CSS-Eigenschaften orphans und widows das Verhalten beim Drucken; für den Bildschirm haben sie wenig Wirkung, da das Layout dynamisch ist.
Vergleich & Abgrenzung
Hurenkind und Schusterjunge sind typografische Fehler auf Absatz- und Seitenebene. Sie unterscheiden sich von anderen Satzfehlern wie falsch platzierten Trennstrichen (auf der Ebene einzelner Zeilen) oder falschen Sonderzeichen (auf Zeichenebene). In der deutschen Fachliteratur werden die Begriffe manchmal vertauscht; international ist „Widow" (Hurenkind) und „Orphan" (Schusterjunge) gebräuchlicher, da die englischen Definitionen klarer voneinander abgegrenzt sind.
Häufige Fragen (FAQ)
Welcher Fehler ist schlimmer – Hurenkind oder Schusterjunge? In der klassischen deutschen Typografietradition gilt das Hurenkind als der schlimmere Fehler, da eine einzelne Zeile am Seitenanfang den Leser besonders irritiert. Der Schusterjunge ist störender für den inhaltlichen Fluss, aber optisch etwas weniger auffällig. Beide sollten in Profi-Publikationen vermieden werden.
Gibt es Hurenkinder und Schusterjungen auch auf Webseiten? Im Browser gibt es keine echten Hurenkinder und Schusterjungen im typografischen Sinne, da die Seiten nicht „umgeblättert" werden. Allerdings können ähnliche Probleme beim Drucken von Webseiten entstehen. Für Druckstylesheets (@media print) sind orphans und widows in CSS relevant.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Forssman, F. & de Jong, R. (2002): Detailtypografie. Verlag Hermann Schmidt.
- Willberg, H. P. & Forssman, F. (2010): Lesetypografie. Verlag Hermann Schmidt.
- MDN Web Docs: orphans und widows – CSS Reference. developer.mozilla.org.
