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Kerning ist die gezielte Anpassung des Abstands zwischen zwei benachbarten Buchstaben, um optische Ungleichmäßigkeiten durch unterschiedliche Buchstabenformen auszugleichen.

Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Typografie · Niveau: Fortgeschritten

Synonyme / Auch bekannt als: Unterschneidung, Paarkerning, Buchstabenpaaranpassung, font kerning, kern pairs


Was ist Kerning?

Kerning ist die präzise, paarweise Abstandskorrektur zwischen zwei Buchstaben. Durch die unterschiedlichen Geometrien von Buchstabenformen entstehen bei bestimmten Kombinationen optisch ungleichmäßige Abstände, obwohl der gemessene Abstand identisch ist. Zwischen «A» und «V» entsteht ein visuelles Loch; «f» und «i» rücken optisch zu nah aneinander. Kerning korrigiert diese wahrgenommenen Abstände durch positive (erweiternde) oder negative (verengernde) Anpassungen.

Maßeinheit: Kerning wird, wie Tracking, in 1/1000 Geviert (em) gemessen. Bei 12 pt Schrift entspricht +10 Kerning-Einheiten = +0,12 pt Abstandsvergrößerung.


Erklärung: Die drei Kerning-Modi

1. Metrisches Kerning (Metrics)

Das metrische Kerning verwendet die in der Schriftdatei eingebetteten Kern-Paare des Schriftdesigners. Hochwertige Schriften enthalten 500–3000 oder mehr vordefinierte Paarkorrekturwerte. Diese decken die häufigsten Problemkombinationen ab.

Einsatz: Standard für Fließtext in qualitativ hochwertigen Schriften. Aktivierung in InDesign: Zeichen-Panel → Kerning-Dropdown → Metrisch.

Einschränkung: Nur so gut wie die mitgelieferten Kern-Paare der Schrift. Günstige oder frei verfügbare Schriften haben oft wenige oder keine Kern-Paare.

2. Optisches Kerning (Optical)

Das optische Kerning berechnet die Abstände anhand der tatsächlichen Buchstabenformen durch Algorithmen, unabhängig von eingebetteten Paaren. Die Software analysiert Kontur und Weißraum und ermittelt visuell ausgeglichene Abstände.

Einsatz: Empfohlen bei:

  • Schriften ohne oder mit wenigen Kern-Paaren
  • Gemischten Texten (verschiedene Schriften in einer Zeile)
  • Überschriften aus unbekannten oder Rohschriften

Einschränkung: Algorithmus kann nicht jede Schriftdesign-Intention kennen; bei hochwertigen Schriften ist metrisches Kerning oft vorzuziehen.

3. Manuelles Kerning

Manuelle paarweise Eingriffe durch den Designer. Unerlässlich bei:

  • Headlines ab ca. 24–30 pt
  • Logos und Wortmarken
  • Titelseiten und Plakate
  • Schriften mit bekannten Schwächen im Kern-Paare-Set

Richtwerte für manuelle Kerning-Korrekturen:

BuchstabenpaarTypisches Korrekturmaß
AV, VA, AW, WA–60 bis –120 Einheiten
To, Ta, Te, Ti–60 bis –100 Einheiten
LT, LV, LW–40 bis –80 Einheiten
Yo, Ya, Ye–40 bis –70 Einheiten
ij, fi, fj+10 bis +30 Einheiten
ry, rv, rw–20 bis –40 Einheiten

Diese Werte sind Ausgangspunkte; die exakte Korrektur hängt von der Schrift ab.

Typische Kern-Problem-Konstellationen

Kategorie 1, Diagonale neben Vertikalen: A, V, W, T, Y mit Buchstaben wie a, e, i, o, u erzeugen visuelle Löcher durch die Neigung der Diagonalen.

Kategorie 2, Überhänge: f, r, t hängen optisch über; in Verbindung mit runden Buchstaben (o, c, e) scheinbar zu weit entfernt.

Kategorie 3, Kurzzeichen: Interpunktion neben Majuskeln: «T.», «V,» brauchen negative Korrektur.


Beispiele: 5 Praxisanwendungen

  1. Logo-Schriftzug «AVATAR»: Das «AV»-Paar und das «VA»-Paar werden manuell um –80 bis –120 Einheiten unterschnitten. Ohne Korrektur wirken die A-Spitzen wie Lücken in einer Schallmauer.
  2. Filmplakat-Titel «TOP GUN»: «TO» benötigt ca. –80 Einheiten; «GU» etwa –30 Einheiten. Professionelle Plakatsetzer kontrollieren jedes Buchstabenpaar individuell.
  3. Buchcover-Headline «Typografie» (Garamond, 60 pt): Das «yp»-Paar braucht bei dieser Schrift –40 Einheiten; «og» etwa –20 Einheiten. Metrisches Kerning der Garamond deckt viele Paare bereits ab, manuell nachkernern dennoch sinnvoll.
  4. Webseiten-Logo «Wa»-Zusammensetzung: Ein Unternehmensname beginnend mit «Wa» oder «We»: Das weite W neben engem a oder e ist ein klassischer Problemfall. CSS: letter-spacing löst das Problem nicht präzise, SVG oder manuell gekerrnte Schrift besser.
  5. Visitenkarte, Name «Wolfram Lazi»: «Wo», «lf», «ra» und «La» allesamt kritische Paare. Bei 8 pt zählt jede optische Feinheit für ein professionelles Ergebnis.

In der Praxis

InDesign:

  • Kerning-Modus: Fenster → Schrift und Tabellen → Zeichen → Kerning-Dropdown (Metrisch / Optisch / manueller Zahlenwert)
  • Manuelles Kerning: Cursor zwischen zwei Buchstaben platzieren, dann Alt+← / Alt+→ (+/– 10 Einheiten; mit Cmd+Alt: +/– 100 Einheiten)
  • Kerning auf 0 zurücksetzen: Cmd+Alt+Q

Figma:

  • Kerning wird automatisch aus der Schriftdatei geladen (metrisches Kerning)
  • Manuelles paarweises Kerning: nicht nativ unterstützt. Plugin Kern Type oder Better Font Picker ermöglicht eingeschränkte Kontrolle.

CSS: ```css / Metrisches Kerning aktivieren (Standard in modernen Browsern) / body { font-kerning: normal; }

/ Kerning deaktivieren (für Pixel-genaues Layout, selten nötig) / .no-kern { font-kerning: none; }

/ Einzelne Buchstabenpaare können in SVG-Text gekernt werden / / Für Logo-Typografie: SVG-Text mit kerning-Attribut oder tspan / ```

Wichtig: CSS letter-spacing ist kein Kerning, es ändert den Abstand global (= Tracking). Echtes paarweises Kerning liefert nur die Schriftdatei selbst.


Vergleich & Abgrenzung

Kerning vs. Tracking: Kerning = paarweise, lokal; Tracking = global, gleichmäßig. Kerning korrigiert optische Fehler; Tracking ändert den Textstil.

Metrisches vs. Optisches Kerning: Metrisch = Schrift-Intention des Designers; Optisch = algorithmische Analyse. Bei guten Schriften: Metrisch bevorzugen. Bei Problemschriften: Optisch als Ausgangspunkt, dann manuell nacharbeiten.

Kerning vs. Horizontal Scaling: Horizontale Skalierung verzerrt Buchstaben, typografischer Fehler. Kerning verändert nur den Abstand, nie die Form.


Häufige Fragen (FAQ)

Ab welcher Schriftgröße sollte manuell gekernt werden? Als Faustregel: Ab 24 pt ist manuelle Überprüfung sinnvoll; ab 36 pt fast immer notwendig. Bei Wortmarken, Logos und typografischen Kunstwerken: grundsätzlich jedes Buchstabenpaar prüfen, unabhängig von der Größe.

Wie erkenne ich schlechtes Kerning? Augen halbschließen und auf die Textur des Textes schauen. Gleichmäßig guter Satz zeigt keine auffälligen Löcher oder Engstellen. Alternativ: Text auf den Kopf stellen oder spiegeln, das Gehirn liest dann keine Wörter mehr und reagiert nur auf Abstände.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Bringhurst, Robert (2004): The Elements of Typographic Style. 3. Aufl. Vancouver: Hartley & Marks, S. 28–34.
  • Hochuli, Jost (2008): Das Detail in der Typografie. Wilmington: Compugraphic, S. 59–68.
  • Forssman, Friedrich; de Jong, Ralf (2002): Detailtypografie. Mainz: Verlag Hermann Schmidt, S. 64–71.
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