Kerning bezeichnet die gezielte, paarweise Anpassung des Abstands zwischen bestimmten Buchstabenkombinationen, um ein optisch gleichmäßiges Schriftbild zu erzeugen und typografische Lücken oder Engstellen zu vermeiden.

Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Typografie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Unterschneidung, Paarkerning, Letterspace (für einzelne Paare)

Was ist Kerning?

Kerning ist die Feinabstimmung des Abstands zwischen zwei benachbarten Buchstaben. Durch die unterschiedlichen Formen von Buchstaben entstehen bei manchen Kombinationen optisch ungleichmäßige Abstände: Zwischen „A" und „V" entsteht etwa ein großes Loch, während „f" und „i" sich fast berühren. Kerning korrigiert diese Ungleichmäßigkeiten. Gute Schriften liefern Kerning-Tabellen (Kerning-Paare) mit, die Tausende von Buchstabenkombinationen abdecken. Trotzdem müssen Schriftsetzer und Designer – besonders bei großen Überschriften – oft manuell nachkernern.

Erklärung

Schriften werden von ihren Herstellern mit sogenannten Kern-Paaren (Kerning Pairs) ausgeliefert: Das sind vordefinierte Abstandsanpassungen für problematische Buchstabenkombinationen. Eine hochwertige Schrift kann Tausende solcher Paare enthalten. Weniger sorgfältig produzierte Schriften haben nur wenige oder gar keine.

Arten des Kernings:

  • Metrisches Kerning (Metrics): Die Abstände werden exakt gemäß den eingebetteten Kern-Paaren der Schriftdatei übernommen. Zuverlässig bei hochwertigen Schriften.
  • Optisches Kerning (Optical): Die Software analysiert die Buchstabenformen und berechnet Abstände optisch. Nützlich bei Schriften ohne eigene Kern-Paare oder bei gemischten Schriftsätzen.
  • Manuelles Kerning: Der Designer passt Buchstabenpaare manuell an – unverzichtbar bei großen Überschriften, Logos und Wortmarken.

Typische Problempaarungen:

  • AV, AW, AT, VA, WA (geneigte Buchstaben neben vertikalen erzeugen Löcher)
  • To, Ta, Te (T mit folgenden Kleinbuchstaben)
  • ij, fi, fj (Buchstaben, die optisch verschmelzen oder sich überlagern)
  • LT, LV, LW (L mit geneigten Versalien)

Kerning vs. Tracking: Kerning arbeitet paarweise an einzelnen Buchstabenkombinationen; Tracking (Laufweite) verändert den Abstand aller Buchstaben gleichmäßig. Beide Eingriffe wirken sich auf das Schriftbild aus, lösen aber unterschiedliche Probleme.

Wann ist manuelles Kerning nötig? Bei Fließtext in kleinen Schriftgrößen reicht metrisches oder optisches Kerning aus. Bei Überschriften ab ca. 30–40 pt, Logos, Wortmarken, Plakatschriften und titelgebenden Texten ist manuelle Feinabstimmung unerlässlich. Das menschliche Auge reagiert auf Ungleichmäßigkeiten bei großen Schriftgraden sehr sensibel.

Beispiele

  1. Logo-Schriftzug „AVATAR": Das „AV"-Paar und das „VA"-Paar müssen stark unterschnitten werden, damit der Name gleichmäßig lesbar wirkt. Ohne Kerning entstehen optisch störende Lücken.
  2. Buchtitel „Typografie" in 60 pt Garamond: Das „yp"-Paar benötigt bei dieser Schrift zusätzliches Kerning, da die Unterschlänge des „y" mit dem „p" kollidieren kann.
  3. Website-Headline „Te Quiero": „Te" ist eine klassische Schlechtkernungsfalle; ohne Anpassung wirkt das „e" fast abgekoppelt vom „T".
  4. Visitenkarte mit dem Namen „Wulf": „Wu" und „lf" sind weitere Problempaarungen, die in kleinen Formaten trotzdem manuell überprüft werden sollten.
  5. Filmplakat mit dem Schriftzug „AVENGERS": Professionelle Plakatsetzer kernen Filmtitel immer manuell, da bereits minimale Ungleichmäßigkeiten bei großen Formaten sofort auffallen.

In der Praxis

In Adobe InDesign stellt man Kerning im Zeichenbedienfeld ein: Cursor zwischen zwei Buchstaben setzen, dann per Alt+Pfeiltasten anpassen (je 10 Einheiten pro Klick, mit Strg/Cmd 100 Einheiten). In Illustrator funktioniert es ähnlich. In Figma kann Kerning über die Zeichenabstand-Option in den Texteinstellungen oder mit dem Plugin „Kern Type" feinjustiert werden. Im Web ist letter-spacing in CSS kein echtes Kerning (es ist eher Tracking), aber font-kerning: normal aktiviert die in der Schrift eingebetteten Kern-Paare.

Vergleich & Abgrenzung

Kerning und Tracking/Laufweite werden häufig verwechselt. Der Unterschied: Kerning ist immer paarspezifisch (lokale Korrektur), Tracking ist global (betrifft alle Buchstaben im Absatz oder in der Auswahl). Mikrotypografie ist der Oberbegriff für all diese feinen Eingriffe.

Häufige Fragen (FAQ)

Warum wirken manche Schriften schon ohne Kerning gleichmäßig? Hochwertige Schriften von professionellen Schriftentwicklern werden mit Hunderten bis Tausenden von Kern-Paaren ausgeliefert, die die häufigsten Problemkombinationen bereits abdecken. Günstige oder kostenlose Schriften haben oft deutlich weniger Kern-Paare, weshalb optisches Kerning oder manuelle Korrekturen nötig werden.

Ab welcher Schriftgröße sollte ich manuell kernen? Als Faustregel gilt: Ab 24 pt Überschriften ist eine manuelle Überprüfung sinnvoll; ab 36 pt fast immer notwendig. Bei Wortmarken, Logos und typografischen Kunstwerken sollte grundsätzlich jedes Buchstabenpaar überprüft werden, unabhängig von der Größe.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Bringhurst, R. (2004): The Elements of Typographic Style. Hartley & Marks Publishers.
  • Spiekermann, E. (2012): Über Schrift. Verlag Hermann Schmidt.
  • Lupton, E. (2010): Thinking with Type. Princeton Architectural Press.
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Tracking und LaufweiteMikrotypografieSchriftgröße
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