OpenType-Features sind in Schriftdateien eingebettete typografische Zusatzfunktionen, die über standardmäßige Zeichendarstellung hinausgehen: Ligaturen, Kapitälchen, Ziffernstile, Alternativformen und mehr.
Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Typografie · Niveau: Fortgeschritten
Synonyme / Auch bekannt als: OT-Features, OpenType Layout Features, Glyph Features, Font Features
Was sind OpenType-Features?
OpenType ist das 1997 von Microsoft und Adobe entwickelte Schriftformat, das heute plattformübergreifender Standard für Desktop, Print und Web ist. Eine OpenType-Schrift enthält nicht nur die Standardzeichen eines Zeichensatzes, sondern kann Hunderte bis Tausende von Glyphen (Zeichenvarianten) speichern, die über Feature-Tags aktiviert werden. Diese Tags, vierstellige Buchstabencodes wie liga, smcp, onum, steuern, welche Varianten angezeigt werden.
OpenType löste die früheren Formate TrueType (.ttf) und Type 1 (.pfb/.pfm) weitgehend ab. Wichtig: Nicht alle OpenType-Schriften unterstützen alle Features. Eine einfache Google-Fonts-Schrift kann kaum Features haben; eine professionelle Schrift von FontFont, Hoefler&Co oder Storm Type Foundry kann Tausende Glyphen und Dutzende Features bieten.
Erklärung: Die wichtigsten OpenType-Features
1. Ligaturen
Standardligaturen (liga), automatisch aktiv in InDesign:
- fi, fl, ff, ffi, ffl
- Verhindert Kollisionen: das f-Häkchen überlagert sonst den Punkt des i oder ragt in das l hinein
Diskretionäre Ligaturen (dlig), manuell aktivieren:
- st, ct, ck, sp, Th (historisch und dekorativ)
- In Fließtext sparsam einsetzen; können antiquiert wirken
Kontextbezogene Ligaturen (calt):
- Buchstaben wechseln automatisch die Form je nach Kontext
- Besonders relevant für Schreibschriften und kursive Schriften
2. Kapitälchen (Small Caps)
Feature-Codes:
smcp, Kleinbuchstaben werden zu Kapitälchenc2sc, Großbuchstaben werden zu Kapitälchenpcap, Petite Caps (noch kleiner als Kapitälchen)
Warum echte Kapitälchen? Skalierte Versalien (in Software per Menü «Kapitälchen» ohne echte Glyphen) haben Strichstärken, die nicht zur Schriftgröße passen, sie wirken dünn und unproportional. Echte Kapitälchen sind eigenständig gezeichnete Zeichen mit korrekt abgestimmten Proportionen.
Anwendung: Abkürzungen im Fließtext (ISBN, A.D., EU), Laufbeschriftungen, Siglentexte, Versalziffern als Füllzeichen in Captions.
3. Ziffernstile
| Feature | CSS | Beschreibung | Einsatz |
|---|---|---|---|
lnum | lining-nums | Versalziffern (Lining), gleich hoch wie Versalien | Tabellen, Überschriften |
onum | oldstyle-nums | Mediävalziffern (Old Style), Ober-/Unterlängen | Fließtext |
tnum | tabular-nums | Tabellenziffern, gleich breit | Spalten, Buchhaltung |
pnum | proportional-nums | Proportionalziffern, unterschiedlich breit | Fließtext, natürlicheres Schriftbild |
Empfehlung: Fließtext → onum pnum (Mediävalziffern, proportional). Tabellen → lnum tnum (Versalziffern, tabellarisch). Überschriften → lnum pnum (Versalziffern, proportional).
4. Fraktionen (frac)
Echte typografische Brüche: ¼, ½, ¾, ⅓, ⅔. Das Feature frac wandelt eingetippte Schrägbrüche (1/4) automatisch in korrekt gesetzte Fraktionen um. Ohne dieses Feature: hässliche Kompositfraktionen aus skalierter Ziffer + Schrägstrich + skalierter Ziffer.
5. Ordinalzeichen (ordn)
Automatische Hochstellung von Ordinalzahlen: 1er → 1ˢᵗ / 2ème → 2ᵉ. In Deutsch weniger relevant als in Englisch und Französisch, aber für mehrsprachige Dokumente wichtig.
6. Stilistische Varianten (salt / ss01–ss20)
Alternative Buchstabenformen, z. B.:
- Zweistöckiges «a» neben einstöckigem Standard
- Offenes «g» (einstöckig) statt geschlossenem (zweistöckig)
- Alternative Ziffer «1» mit Serif oder ohne
- Historische Buchstabenformen (langes s, ꝛ, etc.)
Anwendungsfall: Eine Schrift hat standardmäßig zweistöckiges «a», für Kinderbuchtexte oder Lese-Lernangebote soll das einstöckige «a» verwendet werden.
7. Historische Formen (hist)
Historische Varianten für Antiquariate, Faksimiles, wissenschaftliche Editionen.
Beispiele: 5 Praxisanwendungen
- Wissenschaftliche Publikation (InDesign): Fließtext mit EB Garamond in
onum pnum, alle Jahreszahlen erscheinen als Mediävalziffern und fügen sich harmonisch in den Text ein. Abkürzungen in echten Kapitälchen (smcp) ohne Tracking-Kompensation. - Finanzreport-Tabelle: Zahlenkolonnen mit
lnum tnum, jede Ziffer gleich breit, sauber untereinander ausgerichtet. Währungssymbole ebenfalls mit Lining-Figures. - Kochbuch-Rezept: Mengenangaben wie «1½ EL» werden durch
fraczu echten typografischen Fraktionen, kein hässlicher Schrägstrich mehr. - Webseite mit Inter Variable:
```css body { font-family: "Inter Variable", sans-serif; font-variant-ligatures: common-ligatures; font-variant-numeric: oldstyle-nums proportional-nums; font-variant-caps: normal; }
table, .figures { font-variant-numeric: lining-nums tabular-nums; } ```
- Logo mit alternativem «g»: Unternehmensname enthält «g», das einstöckige «g» (ss01) wirkt moderner und freundlicher als das zweistöckige Standard-«g».
In der Praxis
InDesign:
- Öffnen: Fenster → Schrift und Tabellen → Glyphen (vollständige Glyphenübersicht)
- OpenType-Menü: Im Zeichen-Panel-Flyout-Menü → OpenType → Feature-Liste
- Aktivierbare Features werden angezeigt; nicht verfügbare grau dargestellt
- Absatzformat: Zeichenformat → Erweiterte Zeichenformate → OpenType Features
- Shortcut für Ligaturen: Kein direkter Shortcut; über das Zeichenformat-Panel
Figma:
- Text → Advanced Type → Toggles für Ligaturen, Old Style Figures, Tabular Numbers
- Nicht alle Features verfügbar; abhängig von der gewählten Schrift
CSS vollständige Feature-Kontrolle: ```css / Hochrangige Syntax (bevorzugt) / h1 { font-variant-numeric: lining-nums tabular-nums; } p { font-variant-ligatures: common-ligatures; font-variant-numeric: oldstyle-nums proportional-nums; }
/ Niedrigrangige Syntax (mehr Kontrolle) / .custom { font-feature-settings: "onum" 1, "pnum" 1, "liga" 1, "ss01" 1; }
/ Diskretionäre Ligaturen / .display-text { font-variant-ligatures: common-ligatures discretionary-ligatures; } ```
Schriften analysieren: wakamaifondue.com, Schriftdatei hochladen, alle OpenType-Features und Glyphen werden angezeigt.
Vergleich & Abgrenzung
OpenType-Features vs. Variable Font-Achsen: Features schalten Glyphenvarianten ein/aus (diskret); Variable Font-Achsen interpolieren kontinuierlich zwischen Extremwerten (z. B. Gewicht 100–900). Beide Technologien können in einer Schrift kombiniert sein.
Echte Kapitälchen vs. Pseudo-Kapitälchen: InDesign bietet zwei Schaltflächen: «Kapitälchen» (echte, per smcp) und «Kleines Kapital» (pseudo, durch Skalierung). Pseudo-Kapitälchen sind ein typografischer Fehler und niemals zu verwenden.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie erkenne ich, ob eine Schrift bestimmte Features unterstützt? In InDesign: Nicht unterstützte Features sind im OpenType-Menü grau. Online: wakamaifondue.com für beliebige Schriftdateien. Auf Google Fonts: Glyphen-Tab bei jeder Schrift. Auf fonts.adobe.com: Feature-Übersicht unter «Details».
Warum sollte ich echte Kapitälchen statt skalierten verwenden? Skalierte Versalien (z. B. 65 % der Originalgröße) haben Strichstärken, die für diese Größe zu dünn sind, die Strichstärke wurde nicht neu berechnet, nur verkleinert. Echte Kapitälchen wurden vom Schriftdesigner mit den richtigen Proportionen und Strichstärken für diese Größe gezeichnet. Das Ergebnis wirkt kompakter, stimmiger und harmonischer im Fließtext.
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Weiterführend
- Forssman, Friedrich; de Jong, Ralf (2002): Detailtypografie. Mainz: Verlag Hermann Schmidt, S. 102–119.
- Bringhurst, Robert (2004): The Elements of Typographic Style. 3. Aufl. Vancouver: Hartley & Marks, S. 45–56.
- Adobe (2023): OpenType User Guide for Adobe Applications. helpx.adobe.com/fonts.

