Remediation bezeichnet nach Bolter und Grusin (2000) den Prozess, durch den neue Medien ältere Medien imitieren, aufgreifen und transformieren – mit dem Ziel, entweder maximale Transparenz (Immediacy) oder bewusste Sichtbarmachung der Medienhaftigkeit (Hypermediacy) zu erreichen.

Rubrik: Intermediale Gestaltung · Unterrubrik: Medientheorie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Re-Mediierung, Medienrefashioning, Medientransformation

Was ist Remediation?

Remediation ist ein medientheoretisches Konzept des US-amerikanischen Medientheoretikers Jay David Bolter und des Medienwissenschaftlers Richard Grusin, das 1999 in ihrem gleichnamigen Buch Remediation: Understanding New Media entwickelt wurde. Die Grundthese lautet: Kein Medium entsteht im leeren Raum – jedes neue Medium definiert sich in Abgrenzung zu und Übernahme von älteren Medien. Das World Wide Web remediiert die Zeitung, Streaming-Dienste remediieren das Kino, und digitale Spiele remediieren Kino und interaktive Erzählformen zugleich.

Erklärung

Immediacy und Hypermediacy

Bolter und Grusin unterscheiden zwei grundlegende, scheinbar gegensätzliche Strategien, mit denen Medien auf ältere Medien reagieren:

Immediacy (Unmittelbarkeit) bezeichnet das Streben eines Mediums, seine eigene Medialität zu verbergen und dem Rezipienten den Eindruck eines unmittelbaren, transparenten Zugangs zur dargestellten Wirklichkeit zu geben. Das Kino strebt nach Immediacy, wenn es den Zuschauerinnen und Zuschauern eine vollständige virtuelle Welt präsentiert, in der die Leinwand, die Kamera und die Projektion vergessen werden sollen. Virtual Reality (VR) ist die radikalste Ausprägung dieser Strategie: Sie versucht, Medienhaftigkeit vollständig zu eliminieren und pure Immersion zu erzeugen.

Hypermediacy bezeichnet die entgegengesetzte Strategie: Das Medium macht seine eigene Medialität explizit sichtbar und feiert die Vielzahl seiner Referenzen und Bestandteile. Das klassische Beispiel ist die Website: Hyperlinks, Schaltflächen, Frames, Menüs und Pop-ups machen ständig deutlich, dass man sich in einem Medium bewegt. Auch Multimedia-Installationen, die bewusst verschiedene Medienformen sichtbar nebeneinanderstellen, folgen dem Prinzip der Hypermediacy.

Das Paradox der Remediation

Bolter und Grusin argumentieren, dass Immediacy und Hypermediacy keine echten Gegensätze sind, sondern zwei Seiten derselben Medaille: Beide Strategien haben dasselbe Ziel – das Verlangen des Publikums nach einer authentischen, intensiven Medienerfahrung zu befriedigen. Das Paradox der Remediation besteht darin, dass ein Medium, das maximale Immediacy anstrebt (z. B. VR), gerade dadurch auf die Mediensysteme verweist, von denen es sich abgrenzen will. Die Transparenz des Mediums ist selbst ein Medieneffekt.

Refashioning: Wie neue Medien ältere formen

Remediation beschreibt, wie neue Medien ältere refashionen – sie formen, übernehmen und transformieren Elemente älterer Medien. Das Fernsehen remediierte das Theater (mit seiner Frontalität und seinem Realismus); das Internet remediierte Zeitung, Telefon, Fernsehen und persönliche Kommunikation gleichzeitig; Streaming-Dienste remediieren das Kino (Filmqualität, Storytelling), das Fernsehen (Serienformat, Verfügbarkeit) und die Videothek (Katalog, Auswahl). Dabei verschwinden die älteren Medien nicht, sondern finden neue Nischen oder verändern ihre Funktion.

Beispiele für Remediation in der Mediengeschichte

Die Geschichte der Medien lässt sich als Kette von Remediationsprozessen schreiben: Der Film remediierte das Theater (Erzählstruktur, Schauspieler) und die Fotografie (fotografische Bilder in Bewegung). Das Fernsehen remediierte Radio (Live-Berichterstattung, Nachrichtenformate) und Film. Das World Wide Web remediierte Zeitung (Textartikel, Nachrichten), Rundfunk (Audio, Video) und persönliche Kommunikation (E-Mail, Chat). Soziale Medien remediieren persönliche Notizbücher, Fotoalben, Briefe und Schwarze Bretter.

Bedeutung für digitale Mediengestaltung

Das Konzept der Remediation ist für Mediengestalterinnen und -gestalter ein wichtiges Analyse- und Kreativwerkzeug: Wenn ein neues digitales Produkt entwickelt wird, lohnt es sich zu fragen, welche älteren Medien es remediiert, welche Immediacy- oder Hypermediacy-Strategie es verfolgt, und was diese Wahl für die Nutzererfahrung bedeutet. Ein Podcast remediiert das Radio – übernimmt dessen Intimität und Gesprächscharakter, aber mit dem Web-spezifischen Merkmal der Auf-Abruf-Verfügbarkeit.

Beispiele

  1. Zeitung → Nachrichtenwebsite: Digitale Nachrichtenseiten remediieren die Printzeitung (Spalten, Artikel, Rubriken) und ergänzen sie durch Hyperlinks, Videos und Kommentarfunktionen.
  2. Kino → Netflix: Streaming-Plattformen remediieren das Kino durch Kinoqualität und Filmstorytelling, transformieren es aber durch heimischen Kontext, Personalisierung und Serienformat.
  3. Fotografie → Instagram: Instagram remediiert die analoge Fotografie (Bildästhetik, Rahmen, Alben), transformiert sie durch soziale Komponenten (Likes, Follower, Stories).
  4. Bühnenpräsentation → Zoom/Webinar: Videokonferenz-Tools remediieren die Face-to-Face-Kommunikation und Bühnenpräsentation, zeigen aber durch Kacheln, Mute-Buttons und Hintergründe ihre Medienhaftigkeit.
  5. Schallplatte → Streaming-Interface: Spotify remediiert die Schallplattensammlung (Alben, Künstler, Coverart) und transformiert sie durch algorithmische Playlists und soziale Empfehlungen.

In der Praxis

Das Remediation-Konzept lässt sich als Analyse-Framework nutzen: Welche älteren Medien remediiert das neue Produkt? Übernimmt es Immediacy- oder Hypermediacy-Strategien? Diese Analyse hilft, gestalterische Entscheidungen zu begründen – etwa warum ein E-Reader das Umblättern von Buchseiten animiert (Immediacy, Remediierung des Buchs) oder warum ein Dashboard bewusst viele Datenvisualisierungen nebeneinander zeigt (Hypermediacy).

Vergleich & Abgrenzung

Remediation beschreibt, wie neue Medien auf ältere reagieren. Intermedialität (Rajewsky) beschreibt Bezüge zwischen Medien allgemeiner. Medienkonvergenz beschreibt das strukturelle Zusammenwachsen von Medien. McLuhans Begriff Rearview Mirror (er beschrieb, wie neue Medien zunächst die Inhalte älterer Medien reproduzieren) ist ein Vorläufer des Remediation-Konzepts.

Häufige Fragen (FAQ)

Wann wurde der Begriff Remediation geprägt? Jay David Bolter und Richard Grusin entwickelten das Konzept in ihrem 1999 erschienenen Buch Remediation: Understanding New Media (MIT Press). Es wurde schnell zu einem der einflussreichsten Konzepte der Neuen Medientheorie der 2000er Jahre.

Ist Remediation immer ein bewusster gestalterischer Prozess? Nicht unbedingt. Remediation beschreibt sowohl bewusste Gestaltungsentscheidungen (ein Designer, der bewusst Buch-Metaphern in eine App integriert) als auch unbewusste kulturelle Muster (wie Erwartungen an Medienformen in Nutzerinnen und Nutzer eingeprägt sind und neue Medien prägen).

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Bolter, Jay David / Grusin, Richard (1999): Remediation. Understanding New Media. MIT Press, Cambridge, MA.
  • Bolter, Jay David (2001): Writing Space. Computers, Hypertext, and the Remediation of Print. Lawrence Erlbaum, Mahwah, NJ.
  • Lister, Martin u. a. (2009): New Media. A Critical Introduction. 2. Auflage. Routledge, London.
  • Manovich, Lev (2001): The Language of New Media. MIT Press, Cambridge, MA.
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