Intermedialität bezeichnet alle Formen von Bezügen, Wechselwirkungen und Übergängen zwischen verschiedenen Medien – sei es als Wechsel von einem Medium in ein anderes, als Kombination mehrerer Medien oder als expliziter Verweis auf ein anderes Medium innerhalb eines Werks.

Rubrik: Intermediale Gestaltung · Unterrubrik: Medientheorie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Intermediale Bezüge, Medieninterferenzen, Intermedialitätsforschung

Was ist Intermedialität?

Intermedialität ist ein zentraler Begriff der Medienwissenschaft und Medienästhetik, der die vielfältigen Beziehungen zwischen verschiedenen Medien beschreibt. Der Begriff wurde seit den 1980er Jahren insbesondere in der Literatur- und Filmwissenschaft systematisch entwickelt. Er hilft zu verstehen, wie Medien nicht isoliert existieren, sondern sich wechselseitig beeinflussen, aufeinander verweisen und ineinander transformiert werden. Für die Mediengestaltung ist Intermedialität ein Denkwerkzeug, das kreative Medienübergänge und hybride Formate beschreibt.

Erklärung

Rajewskys Systematik

Die Literaturwissenschaftlerin Irina O. Rajewsky legte in ihrem Buch Intermedialität (2002) eine einflussreiche Systematik vor, die drei Hauptformen unterscheidet:

1. Medienwechsel (transmedial intermediality): Ein Inhalt oder Text wird von einem Medium in ein anderes übertragen. Das Paradebeispiel ist die Verfilmung eines Romans: Der literarische Text wird in ein audiovisuelles Medium transformiert. Dabei entstehen zwangsläufig Unterschiede, da beide Medien über verschiedene Ausdrucksmittel verfügen – Sprache versus Bild und Ton. Weitere Beispiele: die Vertonung eines Gedichts (Literatur → Musik), die Bühnenadaption eines Drehbuchs (Film → Theater).

2. Medienkombination (media combination): Zwei oder mehr Medien werden in einem einzigen Werk kombiniert, ohne dass eines vollständig in das andere transformiert wird. Klassische Beispiele sind Oper (Musik + Sprache + Theater + Bühnenbild) oder Comic (Bild + Text). Moderne Formen: Multimedia-Installationen, interaktive Dokumentarfilme, Webdokus. Entscheidend ist, dass die beteiligten Medien als je eigene Qualitäten erkennbar bleiben.

3. Intermediale Bezüge (intermedial references): Ein Medium verweist auf ein anderes Medium, ohne es zu kombinieren oder in es zu wechseln. Ein Roman, der einen Film beschreibt (Ekphrasis im weiteren Sinne), ein Gemälde, das eine musikalische Partitur zitiert, ein Film, der sich durch seine Ästhetik auf Stummfilme bezieht – all das sind intermediale Bezüge. Diese Form ist besonders reich in der postmodernen Kunst und Literatur, die lustvoll mit medialen Referenzen spielt.

Intermedialität in Film und Literatur

Im Film sind intermediale Bezüge allgegenwärtig: Regisseure wie Jean-Luc Godard integrierten Schrift, Gemälde und Musik in ihre Filme auf eine Weise, die die Grenzen zwischen Medien sichtbar macht. Die Nouvelle Vague insgesamt experimentierte mit intermedialen Bezügen zur Literatur (literarische Intertextualität als Filmästhetik). In der Literatur sind Romane, die Musikstücke nachahmen (Fugenstruktur in Romanen von Thomas Mann), oder Texte, die Bildmedien beschreiben (Ekphrasis), klassische Formen der Intermedialität.

Intermedialität in der Kunst

Avantgardistische Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts experimentierten systematisch mit Intermedialität: Fluxus (1960er Jahre) kombinierte Musik, Performance, Grafik und Alltagsobjekte zu intermedialen Ereignissen. Nam June Paik, der Begründer der Videokunst, schuf Werke, die Musik, Video und Installation verbanden. Die Medienkunst insgesamt ist ein Feld, das durch intermediale Verbindungen von bildender Kunst, Musik, Film und Technologie geprägt ist.

Bedeutung für Mediendesign

Für Mediengestalterinnen und -gestalter ist Intermedialität mehr als ein akademischer Begriff: Er beschreibt das kreative Potenzial, das entsteht, wenn Medien miteinander in Bezug gesetzt werden. Ein Corporate Video, das die Ästhetik von Stummfilmen zitiert (intermedialer Bezug), ein Interaktives Buch, das Texte, Animationen und Audiospuren kombiniert (Medienkombination), oder eine Webseite, die aus einem Roman adaptiert wird (Medienwechsel) – alle diese Praktiken nutzen intermediale Strategien.

Beispiele

  1. Harry Potter: Die Buchreihe wurde in Filme, Theaterstücke (Harry Potter and the Cursed Child), ein Videospiel (Hogwarts Legacy) und eine Parkattraktion umgewandelt – eine Kette von Medienwechseln und -kombinationen.
  2. Graphic Novel: Kombination von bildender Kunst und Literatur in einem Genre, das weder rein visuell noch rein textlich ist – Medienkombination par excellence.
  3. Musikvideo: Intermedialer Bezug zwischen Musik und Videokunst/Film – die visuelle Interpretation eines Musikstücks schafft eine neue intermediale Qualität.
  4. Ekphrasis: W. H. Audens Gedicht Musée des Beaux Arts (1938) beschreibt Breughels Gemälde – ein klassischer intermedialer Bezug zwischen Literatur und bildender Kunst.
  5. Ken Burns Effect: Die Technik, über Fotos zu schwenken und zu zoomen, schafft im Film einen intermedialen Bezug zur Fotografie und erzeugt eine eigentümliche Spannung zwischen den Medien.

In der Praxis

Intermediales Denken ist für kreative Fachleute ein wichtiges Werkzeug der Konzeption. Wer eine Medieninstallation, ein Buchprojekt oder eine Kampagne entwickelt, kann gezielt fragen: Auf welche anderen Medien verweist dieses Werk? Welche Medien könnten kombiniert werden, um neue Ausdrucksmöglichkeiten zu eröffnen? Methodisch hilfreich ist die intermediale Analyse (Welche Medien sind beteiligt? In welchem Verhältnis stehen sie?), die als Grundlage für konzeptuelle Entscheidungen dienen kann.

Vergleich & Abgrenzung

Intertextualität bezeichnet Bezüge zwischen Texten innerhalb desselben Mediums (ein Roman zitiert einen anderen Roman). Intermedialität überschreitet Mediengrenzen. Transmedia Storytelling (Jenkins) ist eine spezifische intermediale Praxis in der Unterhaltungsbranche. Remediation (Bolter/Grusin) beschreibt, wie neue Medien ältere Medien aufgreifen und transformieren – ein spezifischer Aspekt von Intermedialität.

Häufige Fragen (FAQ)

Ist jede Nutzung mehrerer Medien schon Intermedialität? Nicht zwingend. Entscheidend ist, dass eine sinntragende Beziehung zwischen den Medien besteht – ein bewusster Bezug, eine Transformation oder eine Kombination, die über bloße Mehrfachnutzung hinausgeht. Wer denselben Werbetext auf Facebook und Instagram postet, betreibt noch keine Intermedialität im theoretischen Sinn.

Wo wird Intermedialität als Fachbegriff verwendet? Hauptsächlich in Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Medienwissenschaft und Kunstgeschichte. In der Praxis ist er weniger geläufig, aber das Konzept ist in der Mediengestaltung, der Werbebranche und der Medienkunst ständig präsent – oft ohne dass der Begriff explizit verwendet wird.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Rajewsky, Irina O. (2002): Intermedialität. Francke, Tübingen.
  • Paech, Joachim / Schröter, Jens (Hrsg., 2008): Intermedialität Analog/Digital. Wilhelm Fink, München.
  • Müller, Jürgen E. (1996): Intermedialität. Formen moderner kultureller Kommunikation. Nodus, Münster.
  • Leschke, Rainer (2003): Einführung in die Medientheorie. Wilhelm Fink, München.
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