Transmedia Storytelling ist eine Erzählstrategie, bei der eine Geschichte absichtlich über mehrere Medienplattformen verteilt wird und jede Plattform einen eigenständigen, das gemeinsame Universum erweiternden Beitrag leistet.
Rubrik: Intermediale Gestaltung · Unterrubrik: Medientheorie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Transmedia Narrative, transmediates Erzählen, Transmediaproduktion
Was ist Transmedia Storytelling?
Transmedia Storytelling bezeichnet den koordinierten Einsatz mehrerer Medienplattformen, um eine Erzählwelt (Storyworld) aufzubauen, in der jedes Medium einen eigenständigen, aber zum Gesamtuniversum komplementären Beitrag leistet. Der Begriff wurde maßgeblich von Henry Jenkins geprägt, der Transmedia Storytelling von bloßer Mehrfachverwertung (Repurposing) desselben Inhalts auf verschiedenen Kanälen abgrenzt.
Erklärung
Das Konzept nach Henry Jenkins
Henry Jenkins definierte Transmedia Storytelling in seinem einflussreichen Aufsatz Transmedia Storytelling (2003) und später in Convergence Culture (2006) als Prozess, bei dem Elemente einer Fiktion systematisch über verschiedene Distributionskanäle verteilt werden, um ein koordiniertes Unterhaltungserlebnis zu schaffen. Entscheidend ist: Jeder Medienbeitrag muss auch für sich allein befriedigend sein, aber wer alle Teile verfolgt, gewinnt ein tieferes Verständnis des Gesamtuniversums.
Jenkins formulierte sieben Kernprinzipien des Transmedia Storytellings: Spreadability und Drillability, Continuity und Multiplicity, Immersion und Extractability sowie World Building. Besonders World Building – der Aufbau einer kohärenten, detailreichen fiktionalen Welt – steht im Zentrum: Das Transmedia-Universum lädt zur Erkundung ein und belohnt treue Fans.
Transmedia vs. Crossmedia
Der Unterschied zwischen Transmedia und Crossmedia ist fundamental: Crossmedia bedeutet, denselben Inhalt auf mehreren Kanälen zu verbreiten oder für jeden Kanal anzupassen (z. B. ein Film, dessen Trailer auf YouTube, dessen Infografiken auf Instagram und dessen Website auf einer Microsite erscheinen). Transmedia bedeutet hingegen, dass jeder Medienbeitrag eigene, exklusive Story-Elemente enthält, die anderswo nicht verfügbar sind. Wer nur den Film sieht, erlebt eine vollständige Geschichte; wer zusätzlich das Videospiel spielt und den Roman liest, versteht Hintergründe, Figuren und Motivationen tiefer.
Transmedia im Marketing und in der Bildung
Transmedia-Strategien werden heute weit über die Unterhaltungsindustrie hinaus eingesetzt. Im Marketing können Marken Transmedia-Universen aufbauen, bei denen verschiedene Kanäle unterschiedliche Aspekte der Markenwelt zugänglich machen: Ein YouTube-Kanal zeigt die Produktion, ein Podcast vertieft Gründergeschichten, eine App ermöglicht Produktkonfiguration und eine Serie bei einem Streaming-Dienst erzählt fiktive Geschichten aus dem Markenkosmos.
In der Bildung können Transmedia-Konzepte eingesetzt werden, um Lerninhalte über verschiedene Medien zu verteilen: Ein Erklärvideo vermittelt Grundlagen, ein interaktives Quiz prüft Wissen, ein Podcast gibt Experteneinblicke und ein Wiki-Eintrag (wie dieser) dient als Nachschlagewerk. Jeder Kanal bedient unterschiedliche Lernstile und Bedürfnisse.
Die Rolle der Fans
Transmedia Storytelling funktioniert oft als kollaborativer Prozess zwischen Produzenten und aktivem Publikum. Fan Fiction, Fan Wikis (z. B. die umfangreichen Wikis zu Star Wars oder Tolkiens Mittelerde) und ARGs (Alternate Reality Games) sind Formen, in denen Fans die Erzählwelt eigenständig erweitern. Produzenten kalkulieren diese partizipative Energie ein und gestalten ihre Universen bewusst als erweiterbar und interpretierbar.
Beispiele
- Marvel Cinematic Universe (MCU): Filme, Serien (Disney+), Comics, Videospiele und Merchandise bilden ein kohärentes Universum, in dem jede Plattform eigene Handlungsstränge einführt, die im nächsten Film aufgegriffen werden.
- Star Wars: Filme, Serien (The Mandalorian, Andor), Bücher, Comics und Videospiele (z. B. Jedi: Fallen Order) erzählen eigenständige Geschichten im selben Universum.
- Pokémon: Videospiele, Anime-Serie, Sammelkartenspiel, Filme und Pokémon GO ergänzen sich als eigenständige Zugänge zum Pokémon-Universum – jeder vollständig für sich, zusammen ein riesiges Erlebnis.
- The Matrix: Der erste Animationsfilm The Animatrix (2003) erzählte Vorgeschichten, die für das Verständnis von Matrix Reloaded wichtig waren – ein früher Transmedia-Klassiker.
- Bildungsprojekte: Das Schulprojekt ilovebees (2004, für Halo 2) war ein ARG, das tausende Schüler und Studierende über Telefone, Webseiten und reale Aktionen in eine Erzählwelt einband.
In der Praxis
Wer ein Transmedia-Projekt plant, beginnt mit der Storyworld: Was sind die zentralen Figuren, Orte, Regeln und Themen des Universums? Welche Aspekte eignen sich für welches Medium? Film eignet sich für emotionale Kernmomente, Podcasts für Hintergründe und Interviews, Videospiele für Agency und Erkundung, Social Media für Community-Building und aktuellen Kontext.
Praktische Werkzeuge: Story Bible (Dokument, das alle Elemente des Universums definiert), Platform Map (Übersicht, welche Story-Elemente auf welchen Kanälen erscheinen), Canon-Management (Widerspruchsfreiheit sicherstellen). Software: Scrivener, Airtable, Notion.
Vergleich & Abgrenzung
Transmedia Storytelling erfordert plattformspezifische Story-Elemente. Crossmedia verbreitet denselben Inhalt kanalübergreifend. Content-Strategie plant Inhalte über Kanäle, ohne zwingend eine Erzählwelt aufzubauen. Franchise (z. B. Filmreihe) ist Mehrfachverwertung, ohne dass die Plattformen notwendigerweise eigenständige Erzählbeiträge liefern.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann auch eine kleine Marke Transmedia Storytelling einsetzen? Ja. Transmedia ist keine Frage des Budgets, sondern der Planung. Auch ein kleines Unternehmen kann eine konsistente Markenwelt aufbauen: ein YouTube-Kanal zeigt den Produktionsprozess, ein Podcast erklärt Hintergründe, ein Instagram-Account zeigt die Community, und die Website bietet eine interaktive Karte des Unternehmensuniversums.
Wie unterscheidet sich Transmedia Storytelling von einer Filmreihe? In einer Filmreihe (z. B. James Bond) ist jeder Film weitgehend eigenständig und erzählt in demselben Medium. Transmedia bedeutet, dass unterschiedliche Plattformen unterschiedliche, exklusive Story-Bausteine liefern, die zusammen ein vollständigeres Bild ergeben.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Jenkins, Henry (2006): Convergence Culture. Where Old and New Media Collide. New York University Press, New York.
- Jenkins, Henry (2003): Transmedia Storytelling. In: MIT Technology Review, 15.01.2003.
- Pratten, Robert (2011): Getting Started in Transmedia Storytelling. CreateSpace, Seattle.
- Scolari, Carlos Alberto (2013): Narrativas transmedia. Cuando todos los medios cuentan. Deusto, Barcelona.
