Abschrift des Video-Interviews, sprachlich geglättet. Die Fragen sind im Video nicht zu hören und hier aus dem Zusammenhang ergänzt.
Wer bist du und wie kamst du zur Illustration?
Mein Name ist Katja Rau, und ich bin Illustratorin. Ich bin da eigentlich so reingerutscht, weil ich aus der klassischen 2D-Animation komme. Ich war ein paar Jahre beim ZDF für die Mainzelmännchen beschäftigt, und irgendwann habe ich mir gesagt: Das kannst du nicht dein ganzes Leben lang machen. Dann gab es einen Illustrationskollegen, der auch mein Dozent an der Animation School in Hamburg war, wo ich studiert habe. Der hat gesagt: „Mensch, versuch es doch als Quereinsteigerin in der Buchillustration.“ Und das habe ich dann gemacht.
Was möchtest du deinen Studierenden mitgeben?
Ich unterrichte an der Lazi das Fach Bildgestaltung. Ich sehe meine Aufgabe zum einen darin, den Studierenden zeichnerische Grundlagen zu vermitteln. Mein persönliches Ziel ist es auch, ein bisschen Spaß und Freude am Zeichnen und am visuellen Entwickeln von Ideen zu vermitteln, damit nicht alle gleich ihren Prompt in die KI eingeben und sagen „Mach mal“, sondern auch selbst anfangen zu zeichnen. Denn es fördert tatsächlich die Kreativität, wenn man selbst zeichnet. Es ist eine eigene Art, Dinge auszudrücken, und das Gehirn wird anders geschult. Man fängt an, Dinge anders zu beobachten und zu denken. Und ich denke, das können alle brauchen, die hier ihre Ausbildung machen, nicht nur die Grafikdesigner/innen, sondern auch die Filmer/innen und die Fotograf/innen.
Wie bist du an die Lazi Akademie gekommen?
Das war ein ganz netter Zufall. Eine Studierende, die damals an der Lazi war, saß in einem Workshop, den ich gegeben habe. Eigentlich saß ihre Mutter darin, und sie wurde einfach mitgeschleppt. Dann habe ich gesehen, dass sie total gut zeichnet, und habe sie gefragt: „Was machst du denn so?“ Da hat sie geschmunzelt und gesagt: „Ich bin an der Lazi Akademie.“ Und ich: „Noch nie gehört. Was ist das? Erzähl mal.“ Sie macht dort Kommunikationsdesign und hat gefragt, ob ich nicht mal einen Vortrag halten will. Das war ganz nett eigentlich. Es hat mir auch Spaß gemacht, einfach mal rauszukommen. Dann habe ich gemerkt: Ich habe ja jetzt doch schon einige Jahre an Erfahrungen und Erlebnissen gesammelt. Warum soll ich das nicht teilen? Die Leute müssen ja nicht die gleichen Fehler machen wie ich oder durch die gleichen Erfahrungen gehen, wenn ich ihnen ein bisschen von meinem Wissen erzähle.
Bei dem Vortrag war Andy Helm dabei, und der hat mich danach gleich angesprochen: „Du, übrigens, wir suchen gerade eine neue Dozentin für Bildgestaltung. Hättest du nicht Lust, dich zu bewerben?“ Da dachte ich: Kannst dich ja mal bewerben, mal gucken, was passiert. Das war 2024, und seitdem unterrichte ich hier.
Was macht dir am Unterrichten Freude?
Das Unterrichten an sich macht mir sehr viel Spaß. Was ich ganz arg schön finde, ist, manchmal mitzuerleben, wie sich die Leute entwickeln, die bei mir im zweiten Semester anfangen und sagen: „Ich habe überhaupt keine Lust aufs Zeichnen“, oder: „Das macht mir sogar Angst, ich kann nicht zeichnen und ich habe überhaupt keine Ideen.“ Ihnen ein bisschen die Angst zu nehmen und zu sehen, was sie für eine Entwicklung durchlaufen, das ist schön. Das habe ich hier schon ein paar Mal erlebt: Bei Kandidat/innen, die am Anfang sagen „Boah, das ist überhaupt nichts für mich“, sehe ich, wie sie plötzlich dransitzen, freiwillig zeichnen und auch Spaß an den Aufgaben haben. Diesen Prozess ein bisschen begleiten zu können, freut mich. Und zum anderen kann ich die Studierenden, die schon sehr gut im Zeichnen sind, noch ein bisschen pushen. Bei den Fragen, die mir gestellt werden, sehe ich einfach: Ich kann jemanden weiterbringen, beim anderen etwas auslösen, Prozesse in Gang setzen, und vielleicht probieren sie dann auch mal etwas anderes aus. Das ist einfach schön, weil ich es gerade in der heutigen Zeit wichtig finde, dass das analoge Zeichnen nicht ausstirbt.
Ich sage den Studierenden auch immer: Es ist nicht schlimm, wenn ihr Fehler macht, dafür seid ihr da. Es muss überhaupt nicht jedes Ergebnis so perfekt sein, dass ihr es euch an die Wand hängt. Es geht um Learning by Doing. Beim Zeichnen kommt es wirklich auf die Masse an, darauf, wie oft man es tut und trainiert.
Wie erlebst du die Lazi Akademie?
Ich mag die Atmosphäre hier sehr gern, und dass es so im Grünen ist. Die Lage ist sehr schön. Ich habe das Gefühl, dass man dadurch, dass es eine relativ kleine, geschlossene Community ist, sehr vertraut miteinander ist und einen freundlichen Umgang miteinander hat. Die Studierenden sind zum größten Teil sehr motiviert und lernwillig, und das macht den Unterricht als Dozentin natürlich auch schön.
Wie läuft dein Unterricht ab?
Wenn man im zweiten Semester bei mir anfängt, beginne ich tatsächlich in der ersten Stunde mit zeichnerischen Grundlagen. Wir schauen uns Objekte an und versuchen, Licht und Schatten zu erfassen: Was passiert, wenn ich die Lichtquelle verändere? Dann probieren wir verschiedene Arten von Schraffuren aus, und dann geht es auch gleich weiter mit geometrischen Körpern. Denn alles, was wir in unserer Umwelt sehen, basiert auf geometrischen Körpern, und so soll man auch seine Zeichnungen aufbauen. Viele gehen immer über die Kontur, wenn sie anfangen, etwas abzuzeichnen. Man muss eine Zeichnung aber von innen nach außen entwickeln. Dann weiß man auch, wie alles zusammenhängt und wo Licht und Schatten hinkommen. Dann gibt es eine Unterrichtseinheit zum Thema Character Design. Das ist ein bisschen meine Spezialität, das mache ich sehr gern. Wir beschäftigen uns außerdem mit Farb- und Tonwerten, mit Perspektive, Storyboard, Graphic Novel und Comic.
Was unterrichtest du am liebsten?
Heute hatte ich meine Lieblingsunterrichtseinheit, zum Thema Animation, weil ich da ja herkomme. Das macht immer sehr viel Spaß. Wer ein iPad hat, kann auf dem iPad mitanimieren, und wer keins hat, bekommt von mir einen kleinen Block und darf von Hand den Bouncing Ball animieren. Wir fangen ganz einfach an, erst einmal mit kleineren Aufgaben.
Wie arbeitest du mit dem Sketchbook?
Die Studierenden schaffen sich alle ein Sketchbook an, und in das Sketchbook wird im besten Fall wöchentlich etwas hineingezeichnet. Das hat den meisten sehr geholfen, wegen dieser Angst vor dem weißen Blatt: Jetzt habe ich da ein Sketchbook und weiß gar nicht, was ich hineinmachen soll. Es dient auch dazu, dass die Studierenden selbst sehen: „Oh, guck mal, da ist im Verlauf dieses Sketchbooks etwas passiert.“ Es gibt vier Aufgaben pro Semester, zwei davon bewerte ich, ich sage aber vorher nicht, welche. Und dann gibt es eine große Abschlussaufgabe. Im zweiten Semester ist das derzeit eine Bildgeschichte, die möglichst ohne Text funktionieren soll.
Im Fach BG2 bei den Grafik- und Kommunikationsdesigner/innen sind die Studierenden etwas freier. Wenn jetzt jemand sagt: „Zeichnen ist nach wie vor nicht meins, ich habe es eher mit Farbklängen und Farbharmonien“, dann kann man zum Beispiel auch eine Plakatserie gestalten. Ich möchte dann ein bisschen den Prozess sehen. Dort kann ich auch meine Erfahrung einfließen lassen und den Studierenden helfen, dass am Schluss ein rundes Ergebnis entsteht. Dabei habe ich schon festgestellt, dass manche ein richtiges Aha-Erlebnis haben und sagen: „Wow, cool, ich wusste gar nicht, dass das in Procreate geht. Das mache ich mal.“ Und es gibt tatsächlich einige Studierende hier, die dann auch ihre Abschlussarbeiten mit Animationen gemacht haben. Die hatten aber schon vorher einen gewissen Hang zur Animation.
Warum darf analoges Zeichnen nicht verloren gehen?
Als Dozentin für Bildgestaltung gefallen mir natürlich besonders Projekte, die viel mit Zeichnen und auch mit Malen zu tun haben. Ich habe zum Beispiel gerade jemanden, der einen Kalender mit Aquarellfarben machen möchte. Da haben wir letzte Woche eine kleine Einführung in die Aquarellmalerei gemacht, damit diese analogen Techniken nicht verloren gehen. Ich male zwar auch manchmal digital in Procreate Fake-Aquarell, aber ich finde es doch ganz hilfreich, wenn die Studierenden wissen, woher diese Effekte eigentlich kommen und warum dieser Pinsel so aussieht, also wie das analog zustande kommt.
Findet jeder Zeichenstil seinen Platz?
Meistens kann ich schon im zweiten Semester, wenn ich die Leute kennenlerne, sagen, wer in Richtung Grafikdesign unterwegs sein wird und wer einen Hang zum Zeichnen hat. Das wird hier natürlich geschärft, verbessert und mehr auf den Punkt gebracht. Man sieht auch, in welche Richtungen sich die Einzelnen zeichnerisch entwickeln. Es gibt welche, die sehr detailliert arbeiten. Du kannst aber genauso als Illustrator/in oder Grafikdesigner/in erfolgreich sein, wenn du eher einen sketchy Stil hast. Für jeden Stil gibt es eigentlich die passende Branche. Ich habe auch welche, die fast ausschließlich in Illustrator zeichnen. Damit kann man zum Beispiel ins Editorial Design gehen. Ich würde sagen, dass es hier für alle Sparten jemanden gibt, der dieses Feld bedient. Es zeichnen also nicht alle gleich, obwohl sie bei mir den gleichen Unterricht besucht haben. Es entwickelt sich ganz individuell, und das finde ich eigentlich ganz schön.
Charmant finde ich auch die Idee, dass du dich nicht gleich entscheiden musst, sondern in der Grundausbildung erst einmal schauen kannst: Wo liegen meine Fähigkeiten, was möchte ich, wo möchte ich hin? Und dass du in alles ein bisschen hineinschnuppern kannst. Es sind einfach gute Dozent/innen hier am Start, die aus der Branche kommen. Der Praxisbezug macht das Lernen sehr attraktiv. Du hast also immer die Chance, die Leute direkt zu fragen: Wie ist das später eigentlich? Soll ich das überhaupt noch lernen, oder macht das später alles die KI? Man wird immer gute Leute brauchen, die designen können.
Was beeindruckt dich an der Werkschau?
Bei der Werkschau präsentieren die Studierenden ihre Arbeiten, so vielfältig wie die Studierenden an der Lazi. Was mich dort persönlich immer sehr überrascht, ist, wie weit manche schon sind. Manche könntest du, glaube ich, direkt zu einer Agentur schicken, sie könnten dort sofort anfangen. Und auch der Ideenreichtum ist schon enorm.
