Abschrift des Video-Interviews, sprachlich geglättet. Die Fragen sind im Video nicht zu hören und hier aus dem Zusammenhang ergänzt.
Wer bist du, Ricarda?
Mein Name ist Ricarda Geib. Ich bin in Athen geboren und habe in Madrid Abitur gemacht. Ich bin Kosmopolitin und komme aus der Kunstszene. Studiert habe ich in Madrid, in München und in Tübingen. Ich unterrichte auch an Hochschulen, und ich kuratiere, das heißt, ich manage große Kunstausstellungen. Und ich bin sehr gerne an der Lazi. Ich unterrichte Gestaltung, ich unterrichte Storytelling, und ich begleite die Werkschau, ein riesiges Event. Wir sind gerade dabei, einen neuen Fachbereich aufzubauen, Intermediale Gestaltung, in dem im Grunde genommen alle Disziplinen zusammenkommen. Dafür brauchen wir noch ein paar kluge Köpfe.
Was lernt man bei dir?
In Gestaltung, das ist das, was ich mache, bekommen die Studierenden ein Gespür für Harmonie, ein Gespür für Schönheit, ein Gespür für Proportion. Sie bekommen auch ein Gespür dafür, wann sie aufhören müssen. Denn wenn Studierende beginnen, ist es oft so, dass sie alles wollen, alles sagen und alles zeigen wollen. Bei mir lernen sie, dass gekonntes Gestalten so aussieht, dass man sich auf einen Aspekt konzentriert und ihn krass herausarbeitet, sodass ein Point of Interest entsteht. Das trainieren wir. Sie lernen die Grundlagen der Gestaltung: Farbe, Form, die Gestaltgesetze. Später geht es dann auch in die Komposition, ins experimentelle Gestalten, ins fokussierte Gestalten. Wie erarbeite ich ein starkes Porträt? Wie schaffe ich es, das, was mich an einem Menschen fasziniert, auch wirklich zu visualisieren? Das ist der Königsweg im sechsten Semester. Ich habe die Studierenden am Anfang, ich habe sie am Ende, ich habe sie die ganze Zeit, alle sechs Semester, und das finde ich total schön.
Wie läuft die Ausbildung bei dir ab?
Das erste Semester ist sozusagen der Baukasten. Da lernen wir die Grundlagen der Gestaltung: Farbe, Form und die Gestaltgesetze. Wir arbeiten mit Linien. Wir gestalten zum Beispiel Piktogramme für die Akademie, also: Wie kann man die Räume kennzeichnen? Und wir berühren auch den Goldenen Schnitt, damit man begreift, wie man Spannung in seine Kompositionen bekommt.
Im zweiten und dritten Semester wird das dann durch Storytelling abgelöst, was für mich eine super schöne Ergänzung zur Gestaltung ist. Denn eigentlich ist unser ganzes Leben eine Story. Ein Interview ist eine Story. Kommunikation ist Story. Und ein Artwork, das nichts zu erzählen hat, das keine Story hat, ist reine Deko. Deshalb ist Storytelling im zweiten und dritten Semester unglaublich wichtig. Und das ist schön: Wir arbeiten wirklich von der Pike auf, von der Heldenreise bis hin zum perfekten Interview. Das sind unglaublich schöne Intervalle, das zweite und dritte Semester sind ein bisschen freier.
Im vierten Semester geht es in Gestaltung dann um Aufmerksamkeit. Wie gelingt es mir, auf das Thema, das mir wichtig ist, auch wirklich aufmerksam zu machen? Wie schaffe ich es, dass meine Message rüberkommt, dass ich mit dem, was ich sagen will, gesehen werde? Komposition: Wie bekomme ich es hin, komplexe Inhalte auf den Punkt zu bringen? Das ist im vierten Semester unglaublich wichtig. Dazu gehört natürlich auch die Farbe, die Farbpsychologie. Welche Farben wähle ich aus, wie kombiniere ich sie?
Im fünften Semester geht es dann ums experimentelle Gestalten, und das finde ich total schön. Da geht es eigentlich darum, dass man seinen Style findet, sich austestet, seine Grenzen austestet und auch im Team arbeitet.
Das sechste Semester ist für mich eigentlich die Krönung. Da mache ich ein Semester lang nur People, nur Porträt. Wie schaffe ich es, Menschen, die mich faszinieren, so darzustellen, wie sie sind? Das ist eine sehr komplexe, anspruchsvolle Aufgabe, und daran arbeiten wir bis zum perfekten Porträt.
Wie bist du an die Lazi gekommen?
Eigentlich wurde ich einfach abgeworben. Ich habe in der Staatsgalerie einen Vortrag gehalten, und da war dein Papa, der Seniorchef. Er hat mich gesehen, er hat mich gehört, und er hat mich vom Fleck weg engagiert.
Was liegt dir am Unterrichten?
Ich arbeite unglaublich gerne mit jungen Menschen. Ich liebe es einfach, mein Wissen zu teilen. Ich liebe es, talentierte junge Menschen zu begleiten, ihnen zu zeigen, was in ihnen steckt, sie auf den Weg zu bringen und ihren Blick zu schärfen, auch für das Potenzial, das sie haben. Ich finde, das ist eine unglaublich schöne und unglaublich wichtige Aufgabe.
Was ist Intermediale Gestaltung?
Ich glaube, das sind die Herausforderungen der Zeit: Wir merken, dass die technischen Entwicklungen rasant sind. Die begleiten wir, und das bieten wir hier auch an. Foto, Film, Design, KI, Animation, das ist alles da. Aber weil sich die Technologien so rasant entwickeln, brauchen wir zukünftig Leute, die im Grunde genommen den Überblick über alles haben, die alle Techniken beherrschen, die Ideen haben und mit diesen Techniken ihre Ideen umsetzen wollen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen speziell, aber im Grunde genommen sind das junge Führungskräfte, die wir hier ausbilden wollen. Das ist im Grunde genommen Intermediale Gestaltung, und ich würde ganz einfach sagen: Das ist die Zukunft. Wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen, und deswegen wollen wir hier junge Kompetenzen begleiten und entwickeln.
Man kann es ja auch wörtlich nehmen: Intermedia. Das ist an der Akademie perfekt, weil wir alle Fachbereiche haben. Du wirst mit allen Fachbereichen vertraut gemacht, aber nicht, um zum Fachidioten zu werden. Wir sind ja junge Kreative, und Kreative wollen die Welt verändern. Ohne die Kreativen würde sich die Welt auch nicht ändern, sondern so bleiben, wie sie ist. Wir brauchen dringend ein Korrektiv, wir brauchen ein Empowerment. Wir entwickeln hier Ideen, gesellschaftsrelevante Ideen, politische Ideen. Wir intervenieren im öffentlichen Raum, wir gehen in den urbanen Raum, mit Projekten der Sichtbarmachung. Wir machen Performances, wir treten einfach nach außen, mit Film, mit Foto, mit Design und mit der KI, wenn wir sie brauchen. Wir arbeiten aber auch mit Schauspieler/innen, wir performen also auch ganz viel. Und das Entscheidende ist, dass diese Leute zukünftig gefragt sein werden.
Wen sucht ihr dafür?
Lazi Akademie heißt immer Teamwork. Insofern braucht man natürlich die anderen, um von ihnen zu lernen. Intermediale Gestaltung heißt ja auch, Verantwortung für einen komplexen Prozess zu übernehmen, zum Beispiel für eine Kampagne. Dafür brauchen wir Filmer/innen, Fotoleute und Designer/innen. Aber es ist natürlich die Frage, worauf ich den Schwerpunkt setze: Mache ich es eher mit Film, mit Foto oder performativ? Entsprechend arbeite ich dann auch mit diesem Bereich der Akademie zusammen.
Insofern sind das im besten Sinne Menschen mit Ideen, die wir brauchen. Menschen, die danach schreien, diese Ideen umzusetzen, die große Prozesse auf den Weg bringen wollen und das hier im Kleinen lernen wollen, damit sie dann nach außen treten können. Das sind im Grunde genommen Führungskräfte im besten Sinne: Sie können Verantwortung übernehmen, Dinge einschätzen und Prozesse anstoßen. Sie kennen sich in den einzelnen Technologien so gut aus, weil sie hier an der Lazi ihre Ausbildung erfahren haben, dass sie das sehr gut einschätzen können. Sie wissen aber auch, wann sie loslassen können, wenn sie Prozesse angestoßen haben, und behalten trotzdem immer alles im Blick. Im Grunde genommen sind sie diejenigen, die konzipieren.
Es sind also Menschen, die Freude an Kommunikation und Freude an Teamwork haben müssen. Sie müssen wirklich starke Gedanken haben, sie müssen Ideen haben, sie dürfen keine Berührungsängste haben, und sie sollten auch Selbstbewusstsein haben. Das ist schon wichtig, und das wird hier natürlich verstärkt. Man muss sich klarmachen: Die Akademie ist immer ein Schutzraum, in dem man sich austestet und in dem man sich entwickelt. Aber es sollten Menschen sein, die Freude an Konzeption haben.
An welchen Projekten arbeitet ihr?
Ich denke an Kooperationen. Es gibt hier in Esslingen zum Beispiel dieses Eisenlager, in dem man toll performativ arbeiten könnte. Es geht zum Beispiel um Fragen der Identität: Wer bin ich, oder wie wollen wir zukünftig sein? Es geht auch um umweltpolitische Fragen: Welche Verantwortung übernehmen wir eigentlich für unseren Planeten, und wie kann ich Awareness-Kampagnen gut platzieren? Wie kann ich in den öffentlichen Raum treten?
Ein ganz tolles Projekt, von dem ich träume, ist, dass wir mit den Filmer/innen zusammenarbeiten, aber das sind natürlich Ideen, die auch von den Studierenden kommen müssen: Filme an die Mauern der Esslinger Altstadt zu projizieren. Da gibt es ja Brandmauern, plane Mauern. Im Sinne einer Awareness-Kampagne für die Umwelt oder auch für Identitätsfragen: Wer bin ich, wer möchte ich sein? Auch Achtsamkeit. Das sind ganz, ganz wichtige Fragen.
Die Menschen, die sich bewerben, sollten einfach sensibel sein für das, was um sie herum passiert. Sie sollten den Wunsch haben, gesellschaftliche Veränderungen auf den Weg zu bringen, und sie sollten gesellschaftlich informiert sein. Sie sollten Ideen haben, wie man das, was sie an der Wirklichkeit gerade extrem stört oder beunruhigt, ändern kann. Das ist unglaublich wichtig, denn sonst bleibt alles so, wie es war oder wie es ist.
Wie bleibt man kreativ trotz KI?
Die KI wird immer perfekter, und sie nimmt uns immer mehr ab. Die Gefahr besteht, dass sie uns das Denken abnimmt. Und was passiert, wenn die KI uns das Denken abnimmt? Dann sind wir ein riesiger Haufen inkompetenter kleiner Menschlein, über die irgendjemand, der es gerne möchte, bestimmen kann. Wir verlieren dann komplett unsere Selbstkompetenz. Ich finde, das ist genau der richtige Zeitpunkt für ein Empowerment zur Selbstkompetenz. Deswegen ist Intermediale Gestaltung wirklich ganz, ganz dringend nötig, zum Beispiel auch, um mit der KI so umzugehen, dass sie optimale Ergebnisse liefert, die im Sinne desjenigen sind, der die Kampagne entworfen hat. Das sind Anforderungen, die auf uns zukommen.
Deshalb geht es hier an der Akademie ja auch darum, auf der Höhe der Zeit zu sein, am Puls der Zeit zu sein und zu begreifen, was wichtig ist und was vom Markt gefordert werden könnte. Insofern ist Intermediale Gestaltung natürlich auch ein toller Freiraum, in dem man sich richtig super toll austoben kann. Also etwas für super Kreative.
Wie zeigt man einen Menschen, wie er ist?
Es geht zum Beispiel um Identität. Das ist ein ganz, ganz wichtiges Thema, das wir experimentell beleuchten. Studierende suchen sich zum Beispiel eine Person aus, die ihnen wichtig ist, und drehen eine Reportage über diese Person. Die Messlatte ist, dass diese Person tatsächlich so eingefangen wird, wie sie fasziniert, und das ist gar nicht so einfach. Das ist zum Beispiel ein ganz wichtiger Komplex.
Wichtig ist, dass die Studierenden ein Gespür für Raum bekommen. In welchem Raum präsentiere ich meine Arbeiten? Im öffentlichen Raum, in einem geschlossenen Raum, in einem theatralen Raum, in welchem Kontext? Wir arbeiten auch performativ, damit sie ein Gespür für den Kontext bekommen.
Was ist deine Vision?
Ich habe schon, das gebe ich ganz offen zu, die Vision eines Zukunftslabors. Ich möchte, dass hier wirklich etwas ganz Großes und Neues entsteht. Und ich möchte, das ist auch für die Akademie schön, eine andere Sichtbarkeit für die Akademie und für die Ideen der Studierenden, dass sie noch einmal ganz anders wahrgenommen werden und sichtbar werden. Das wünsche ich mir sehr. Und ich wünsche mir, dass wir starke Absolvent/innen haben, die diese Ideen nach außen tragen und dazu beitragen, dass diese bescheuerte Zukunftsangst vielleicht ein bisschen gemildert wird.
Denn das Einzige, was man gegen Angst oder Befürchtungen machen kann, ist, etwas zu tun. Gegen Angst, gegen Befürchtungen, gegen Zukunftsbefürchtungen, von denen niemand frei ist, ist die einzige Chance, die man hat, wirklich etwas zu tun. Mein Papa hat immer zu mir gesagt: „Kindchen, das gehört halt auch dazu.“ Und das finde ich so toll, weil das Leben einfach voller Probleme ist. Das ist die Story unseres Lebens, unserer Welt. Das ist eine riesige Story, es sind unendlich viele Stories, die ineinandergreifen. Und es gilt, die eigene Story zu platzieren, um diese riesige Story vielleicht ein bisschen zu verändern.
Das spüre ich auch bei den jungen Menschen: Es geht ihnen genauso wie uns. Wir merken, wir wollen von den Entwicklungen nicht überschwemmt werden, wir wollen nicht zum Opfer werden, sondern wir wollen etwas tun. An der Lazi tut man etwas: Intermediale Gestaltung, etwas tun mit wirklich übergreifender Struktur.
Was macht die Lazi besonders?
Die Lazi ist besonders, weil sie ein besonders schöner Ort ist. In dieser Höhenlage, ich liebe einfach dieses Panorama und dass man so von der Natur umschlossen ist. Das ist für mich eine Welt für sich. Und was ich an diesem Ort liebe, ist diese Nähe, im Guten: dass man sich auf Augenhöhe begegnet oder auf jeden Fall begegnen kann. Insofern ist es für mich ein sehr energetischer Ort, ein wunderbarer Ort der Begegnung, der total am Puls der Zeit ist und doch ganz für sich. Das finde ich eine unglaublich schöne Kombi: dynamisch, neugierig, wach, aber auch sehr entspannt, weil man so für sich ist.
Man hat hier ja auch einen Schutzraum, es ist ja die Ausbildung. Das heißt, hier kann man sich komplett austesten. Das ist ein Ort des Experiments, und das finde ich das Tolle, was man später vielleicht nicht mehr so einfach machen kann. Wer hierherkommt, der will ja auch etwas. Man arbeitet auch über die Unterrichtsstunden hinaus an Projekten, und manche arbeiten hier auch nachts oder am Wochenende. Das gehört dazu. Das heißt, die Leute sind inspiriert, und das ist das Schöne, sonst würden sie es nicht machen. Sie machen es nicht, weil sie müssen, sondern weil sie es wollen. Und das unterscheidet die Lazi, glaube ich, wesentlich von jeder Schule.
Was solltest du mitbringen?
Man sollte Lust haben, Ideen zu finden, und Lust, etwas zu verändern. Man sollte ein kreatives Talent haben. Man sollte Freude an Teamarbeit haben, und man sollte auch Freude am Denken haben. Man muss etwas wollen, dann ist es eine große Freude. Gute Denker/innen, aber auch Menschen, die gut organisieren können und die Gedanken zusammenhalten. Menschen, die, schön gesagt, abrunden können, die Ideen in eine Form bringen können. Das sind die großen Former/innen, die großen Gestalter/innen eigentlich, die das aber nur können, weil sie natürlich auch ein gutes Team haben. Es sind gute Köpfe, so würde ich es vielleicht sagen.
Warum lohnt sich ein Besuch beim Infotag?
Es ist immer gut, konkret zu werden. Wenn ich irgendwohin will, schaue ich mir das einfach an. Und es ist ein super schöner Ort, das ist klasse. Einfach hierherzukommen macht Freude, und es ist wunderbar, weil man das Team trifft. Man lernt das Team kennen, man lernt Studierende kennen, man lernt die Atmosphäre kennen, man lernt die Vibes kennen. Und dann spürt man auch, ob man hier sein möchte oder nicht. Man kann alle Fragen stellen, und alle Fragen, die wir beantworten können, beantworten wir auch. Das ist einfach immer richtig gut. Man sieht auch die Studios und die Räume.
Warum lohnt sich die Werkschau?
Weil es einfach ein Mega-Event ist. Die Werkschau ist für mich zum einen, was die Information angeht, so etwas wie die Visitenkarte der Lazi, denn wir zeigen die Arbeiten des Abschlusssemesters und die Zwischenprüfungen. Insofern sieht man ganz wunderbar die Produkte der Lazi, und man lernt die Studierenden kennen, wie sie sich zeigen, wie sie sich nach außen zeigen. Auf der anderen Seite lernt man natürlich auch das Team kennen, also die ganze Akademie. Außerdem ist es ein mega schönes Event. Es lohnt sich sehr.
Die Lazi in drei Worten?
Sehen, lernen, durchstarten. Ich möchte, dass die Akademie unsere Zukunft ist.
