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Die EQ-Frequenzkarte beschreibt die Klangcharakteristika der verschiedenen Bereiche des hörbaren Audiospektrums von 20 Hz bis 20 kHz und dient als Orientierung für gezielte Equalizer-Eingriffe in Mixing und Mastering.

Rubrik: Audio & Podcast · Unterrubrik: Audio-Technik & Effekte · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Frequenz-Referenz, Spektralkarte, Audio-Frequenz-Guide


Was ist die Frequenzkarte?

Die Frequenzkarte ist eine strukturierte Übersicht über das hörbare Audiospektrum und die klanglichen Eigenschaften, die bestimmten Frequenzbereichen zugeordnet werden. Sie ist kein physikalisches Gesetz, sondern eine bewährte praxisnahe Orientierung für Mix-Entscheidungen. Wer weiß, welcher Frequenzbereich für "Wärme", "Matschigkeit", "Näseln", "Präsenz" oder "Luftigkeit" verantwortlich ist, kann gezielt korrigieren oder formen, anstatt blind an EQ-Reglern zu drehen. Izhaki (2012) bezeichnet die Frequenzkarte als "mentale Landkarte des Mixers" — ein internalisiertes Werkzeug, das mit jeder Mix-Erfahrung präziser wird.


Erklärung

Sub-Bass: 20 Hz – 60 Hz

Dieser Bereich ist mehr spürbar als hörbar. Auf kleinen Lautsprechern und Laptop-Boxen ist er kaum reproduzierbar, auf Subwoofern und in Clubs aber physisch wahrnehmbar (Körpergefühl, "Rumble").

Klangeigenschaften:

  • Kraftvolles Fundament bei Bassdrum und Sub-Bass in elektronischer Musik
  • Raumrumpeln, Mikrofon-Handling-Noise, HVAC-Störgeräusche
  • Energie ohne Tonalität

Typische EQ-Eingriffe:

  • High-Pass-Filter bei 20–40 Hz entfernt unsauberes Sub-Rumpeln
  • Boost um 30–50 Hz für physischen Sub-Bass-Druck in EDM und Hip-Hop
  • In der Podcast/Sprach-Produktion fast immer wegfiltern (HPF bei 80–100 Hz)

Tiefer Bass: 60 Hz – 120 Hz

Hier liegt das wahrnehmbare Fundament von Musik. Bass-Gitarre, Bassdrum, Kontrabass, Cello und tiefe Männerstimmen haben ihre Grundtöne in diesem Bereich.

Klangeigenschaften:

  • Wärme und Körper eines Mixes
  • Boom: Überschuss um 80–100 Hz macht Mixe "dröhnig"
  • Zu wenig ergibt einen dünnen, schlanken Sound

Typische EQ-Eingriffe:

  • Bassdrum-Fundament: Boost bei 60–80 Hz (+3 bis +5 dB)
  • Bass-Gitarre: Grundton je nach Instrument zwischen 80–100 Hz formen
  • Sprache/Vocals: Oft leichter Cut bei 80–120 Hz, wenn Rumpeln wahrnehmbar
  • Zu viel Bass im Mix: Broad Cut um 100 Hz (Q 0,5–0,8, –2 bis –4 dB) auf dem Master

Oberer Bass / Untere Mitten: 120 Hz – 300 Hz

Dieser Bereich wird in der Praxis häufig als "Mud"-Zone bezeichnet, da sich hier Frequenzen von Schlagzeug, Bass, Gitarre, Klavier und Stimmen überlagern. Zu viel Energie in diesem Bereich klingt "matschig" und undurchsichtig.

Klangeigenschaften:

  • Körper und Fleisch von Instrumente und Stimmen
  • "Wärme" (positiv) vs. "Schlamm/Mud" (negativ)
  • Boxig klingende Räume akkumulieren hier besonders viel Energie

Typische EQ-Eingriffe:

  • Mud entfernen: Cut um 150–250 Hz (Q 0,7–1,0, –3 bis –6 dB) auf problematischen Spuren
  • Snare "Holz" hinzufügen: Boost bei 200–250 Hz (+2 bis +3 dB)
  • Vocals Wärme geben: sanfter Boost bei 200–300 Hz
  • Allgemeine Empfehlung: In Mixen mit vielen Instrumenten diesen Bereich auf den meisten Spuren leicht reduzieren, damit die eigentlichen Lautheitsträger (Bass, Kick) sich durchsetzen können

Untere Mitten: 300 Hz – 800 Hz

Häufig die "vergessene Zone" — weder ausgesprochen warm noch präsent. Zu viel Energie hier klingt "horn-artig" oder "nasal".

Klangeigenschaften:

  • Telefon-Klangcharakter (Telefone übertragen ca. 300–3400 Hz)
  • Grundtöne von Gitarren, Snare-Körper, Stimm-Körper
  • Zu viel = "boxig", "nose-y", "topfig"

Typische EQ-Eingriffe:

  • Gitarre: Broad Cut um 400–600 Hz (–2 bis –4 dB) entfernt "Holzigkeit"
  • Stimme: Schmaler Cut um 500–800 Hz reduziert Näseln
  • Snare: Cut um 400 Hz, Boost bei 200 Hz und 2–3 kHz

Mitten (Presence-Bereich): 800 Hz – 3 kHz

Dies ist der Bereich, in dem das menschliche Gehör am empfindlichsten ist. Signale hier klingen sich "vordrängend" und direkt. Zu viel macht einen Mix "anstrengend" und "schrill-mittig".

Klangeigenschaften:

  • Durchsetzungsvermögen von Vocals und Lead-Instrumenten
  • "Nähe" und "Direktheit"
  • Aggressivität und Energie bei 2–3 kHz

Typische EQ-Eingriffe:

  • Vocals durchsetzen: +2 bis +3 dB bei 1–2 kHz (Q 0,8–1,2)
  • Gitarren-Biss: Boost bei 2–3 kHz für Präsenz
  • Mastermix aggressiv/anstrengend: Broad Cut bei 1–3 kHz (–1 bis –2 dB)
  • Podcast-Stimme: Boost bei 1,5–2 kHz gibt Sprechklarheit und Intelligibilität

Obere Mitten / Presence: 3 kHz – 6 kHz

Dieser Bereich ist entscheidend für die Sprachverständlichkeit und den Klang von Zischlauten (s, sch, z). Überbetonung klingt "pickend" und "zischend".

Klangeigenschaften:

  • Konsonanten-Deutlichkeit und Sprachverständlichkeit
  • Klirren von Becken und Hi-Hats
  • Zu viel = harsch, ermüdend
  • Zu wenig = unverständlich, "weichgespült"

Typische EQ-Eingriffe:

  • Sprachverständlichkeit (Podcast, Rundfunk): Boost bei 3–4 kHz (+1 bis +2 dB)
  • Zischlaute kontrollieren (De-Essing): Cut bei 5–8 kHz (→ siehe De-Esser-Eintrag)
  • Becken-Klirren reduzieren: Cut um 3–5 kHz auf Overhead-Mikrofon

Präsenz und Brillanz: 6 kHz – 12 kHz

Hier beginnen die "Luft"-Qualitäten von Aufnahmen. Dieser Bereich definiert den Attack von Transienten und die Helligkeit eines Sounds.

Klangeigenschaften:

  • Klangbild der Zischlaute, Atem, Hauch von Vocals
  • Knistern und Detail von akustischen Instrumenten
  • "Seidigkeit" bei qualitativ hochwertigen Aufnahmen

Typische EQ-Eingriffe:

  • Vocals Glanz: Boost bei 8–10 kHz (+2 bis +3 dB, Q 0,5–0,7)
  • Akustikgitarre Präsenz: Boost bei 7–9 kHz
  • Podcasting-Mikrofon-Schärfe mildern: leichter Cut bei 6–8 kHz

Air: 12 kHz – 20 kHz

Der "Air"-Bereich verleiht Aufnahmen Offenheit, Raumgefühl und eine gewisse Auflösung. Dieser Bereich ist für viele Abhörsysteme (insbesondere Laptops) kaum reproduzierbar, auf guten Kopfhörern und Abhörmonitoren aber klar wahrnehmbar.

Klangeigenschaften:

  • "Luftigkeit", Offenheit, Raumgefühl
  • Brillanz von Streichern, Cymbals, Klavieranschlag
  • Zisches Rauschen liegt hier am stärksten

Typische EQ-Eingriffe:

  • Air-Boost: High Shelf bei 12–16 kHz (+2 bis +4 dB) für Offenheit
  • Hochfrequenz-Rauschen dämpfen: Low-Pass-Filter bei 18–20 kHz
  • Mastering: Sanfter High-Shelf-Boost ab 12 kHz für "premium"-Klangcharakter

Beispiele

  1. Problemanalyse "dumpfer Mix": Beim Abhören wirkt der Mix undurchsichtig und schwerfällig. Spectrum-Analyzer zeigt Überbetonung bei 150–250 Hz. Lösung: Broad Cut um 200 Hz auf dem Mix-Bus (–2 dB, Q 0,6) + leichter High Shelf Boost bei 10 kHz (+1,5 dB).
  2. Podcast-Stimme professionalisieren: Hohler Klang wegen Raumreflexionen → HPF bei 100 Hz, Bell-Cut bei 400 Hz (–3 dB, Q 1,2 gegen Boxigkeit), Bell-Boost bei 2 kHz (+2 dB für Sprach-Klarheit), High Shelf bei 10 kHz (+2 dB für Luftigkeit).
  3. Bassdrum und Bass trennen: Bassdrum-Fundament bei 60–80 Hz boosten; Bass-Gitarre bei 80–100 Hz belassen, aber bei 40–60 Hz kürzen. Umgekehrt: Bassdrum bei 300–500 Hz etwas kürzen, Bass-Gitarre bei 700 Hz–1 kHz etwas boosten. Beide Instrumente besetzen nun unterschiedliche Frequenz-"Slots".
  4. Stimme im vollen Mix durchsetzen: Lead-Vocal fällt im vollen Mix unter. Lösung: Bell-Boost bei 1,5–2 kHz (+3 dB, Q 1) erhöht Verständlichkeit. Gleichzeitig auf konkurrierenden Gitarren bei derselben Frequenz leicht kürzen (–1,5 dB) = EQ-Automation durch "Frequenz-Slot-Öffnen".
  5. "Telefon"-Effekt kreativ: HPF bei 300 Hz (48 dB/Oktave) + LPF bei 3,5 kHz (48 dB/Oktave) simuliert die Bandbreite analoger Telefonie. Klassisch in Film, Radio und Podcast für Gesprächs-Flashbacks.

In der Praxis (DAW-spezifisch)

Logic Pro X

Spectrum Analyzer (unter Utility) zeigt das Frequenzspektrum in Echtzeit an. Im Channel EQ gibt es eine integrierte Spektrum-Anzeige direkt im EQ-Fenster. Logic empfiehlt für Voice-Over einen Preset namens "Clean Vocal" der die beschriebene Frequenzkarte direkt umsetzt.

Pro Tools

SPAN Plus (Voxengo, kostenlos) ist der Standard-Spectrum-Analyzer. In der Mix-Ansicht können mehrere Analyzer gleichzeitig auf dem Bildschirm geöffnet sein, um mehrere Spuren gleichzeitig zu vergleichen.

Ableton Live

Das eingebaute Spectrum-Plug-in zeigt das Spektrum mit einstellbarer Blockgröße. Im EQ Eight gibt es eine Spektrum-Anzeige die aus dem Eingangssignal berechnet wird, während man EQ-Parameter ändert.

Reaper

ReaEQ zeigt das Spektrum im Hintergrund des EQ-Fensters. Zusätzlich empfiehlt sich SPAN (Voxengo, kostenlos) als dedizierten Spectrum-Analyzer in einer eigenen FX-Kette.


Vergleich & Abgrenzung

Frequenzkarte vs. absolute Regeln: Die Frequenzkarte ist eine Orientierung, keine universelle Wahrheit. Der konkrete Einfluss einer Frequenz hängt immer vom Instrument, der Aufnahme, dem Raum und dem Kontext ab. Eine Regel wie "400 Hz immer kürzen" ist falsch — manchmal braucht eine Stimme genau dort Körper.

Frequenzkarte vs. Psychoakustik: Das menschliche Gehör ist nicht linear. Fletcher-Munson-Kurven zeigen, dass bei niedrigen Abhörlautstärken tiefe und hohe Frequenzen weniger laut wahrgenommen werden. Ein Mix, der bei hoher Lautstärke gut klingt, kann bei leiser Abhörung dumpf wirken.


Häufige Fragen (FAQ)

Muss ich die Frequenzkarte auswendig lernen? Das gezielte Wiederholen der Frequenzkarte beim aktiven Mixen (z.B. "was höre ich bei 300 Hz?" beim Drehen des EQ-Reglers) ist effektiver als auswendig Lernen. Senior (2011) empfiehlt "Ear Training"-Übungen: Sinustöne in einem Band bei bekannten Frequenzen abspielen und dann im fertigen Song wiederfinden.

Warum klingen Mischungen im Auto oder auf kleinen Boxen anders als im Studio? Kleine Lautsprecher können den Sub-Bass (20–80 Hz) und die oberen Air-Frequenzen (16–20 kHz) kaum reproduzieren. Ein Mix der hauptsächlich auf diesen Bereichen basiert klingt daher auf kleinen Systemen anders. Professionelle Mixer überprüfen ihre Arbeit auf mehreren Abhörsystemen und achten auf die "transportable" Mitte des Spektrums (150 Hz–8 kHz).


Verwandte Einträge

  • EQ-Typen — Parametrisch, grafisch, Shelf, Bell, High/Low-Pass im Detail
  • Mastering-Kette — Wie der EQ in der Mastering-Reihenfolge sitzt
  • De-Esser — Gezielte Frequenzbearbeitung im Zischlaut-Bereich 5–10 kHz

Weiterführend

  • Izhaki, R. (2012). Mixing Audio: Concepts, Practices and Tools (2. Aufl.). Focal Press. — Kapitel 8 enthält eine ausführliche Frequenzkarte mit Instrumenten-Referenzen.
  • Owsinski, B. (2017). The Mixing Engineer's Handbook (4. Aufl.). Cengage Learning. — Enthält instrumentenspezifische Frequenztabellen für die Praxis.
  • Senior, M. (2011). Mixing Secrets for the Small Studio. Focal Press. — Frequenzkarte speziell auf kleine Abhörumgebungen abgestimmt.
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