Apple ProRes RAW ist ein von Apple entwickeltes Format, das unverarbeitete Kamerasensor-RAW-Daten (Bayer-Pattern oder ähnliche Sensorarchitekturen) in einem ProRes-kompatiblen Container speichert und damit RAW-Qualität mit der Effizienz und Handhabbarkeit des ProRes-Workflows verbindet.
Rubrik: Ausgabeformate & Technische Standards · Unterrubrik: Video-Codecs · Niveau: Profi Synonyme / Auch bekannt als: ProRes RAW, ProRes RAW HQ, Apple RAW, .mov ProRes RAW
Was ist Apple ProRes RAW?
Apple ProRes RAW wurde 2018 mit Final Cut Pro 10.4.1 eingeführt und in Zusammenarbeit mit Kameraherstellern wie Sony, Nikon und Panasonic sowie Rekorder-Herstellern wie Atomos entwickelt. Das Format speichert die unverarbeiteten Sensor-RAW-Daten der Kamera – also die Rohwerte des Bildsensors, bevor eine Weißabgleich-, Rauschunterdrückungs- oder Demosaicing-Verarbeitung stattgefunden hat. Diese RAW-Daten werden in den vertrauten ProRes-QuickTime-Container gepackt und dabei verlustbehaftet (ProRes RAW) oder höherwertig verlustbehaftet (ProRes RAW HQ) komprimiert.
Technische Eigenschaften
Anders als ProRes 422 oder 4444 speichert ProRes RAW nicht dekodierte RGB- oder YCbCr-Videodaten, sondern das native Bayer-Pattern oder die äquivalente Sensorstruktur der jeweiligen Kamera. Das Demosaicing und alle weiteren ISP-Verarbeitungsschritte erfolgen erst in Final Cut Pro oder anderen kompatiblen Programmen zur Wiedergabezeit.
Technische Kerndaten:
| Variante | Bitrate (typisch, 4K 29,97 fps) | Kompression |
|---|---|---|
| ProRes RAW | ~800 Mbit/s – 2 Gbit/s (kamera-abhängig) | Verlustbehaftet, optimiert |
| ProRes RAW HQ | ~1,5 – 3 Gbit/s (kamera-abhängig) | Geringere Kompression |
- Bittiefe: abhängig vom Kamerasensor (typisch 12 oder 14 Bit RAW)
- Farbraum: kameraeigener Log-Farbraum (z. B. S-Log3 für Sony, N-Log für Nikon)
- Container: QuickTime (.mov) – ausschließlich
- Sensorarchitektur: Bayer-Pattern, X-Trans oder andere proprietäre Sensormuster
- Metadaten: Enthält kameraspezifische Metadaten (ISO, Weißabgleich, Belichtungszeit) für RAW-Processing
Workflow-Prinzip: ProRes RAW-Dateien werden beim Import in Final Cut Pro als vollständiges Videobild dargestellt, wobei FCPX das Demosaicing in Echtzeit auf dem Prozessor oder der GPU durchführt. Der Nutzer kann in FCPX Belichtung, Weißabgleich und Farbtemperatur nachträglich einstellen – ähnlich wie bei Foto-RAW-Dateien in Lightroom.
Vorteile:
- Maximale Nachbearbeitungsflexibilität (RAW-Korrekturen in der Post)
- Deutlich kompakter als unkomprimierte RAW-Alternativen
- Native Integration in Final Cut Pro für Echtzeit-RAW-Processing
- Bewahrt alle Sensorinformationen, die bei JPEG/Log-Processing verloren gehen
Nachteile:
- Ausschließlich Final Cut Pro als vollständig unterstützte NLE (Stand 2025)
- Kein Support in DaVinci Resolve oder Premiere Pro (nur begrenzte/experimentelle Unterstützung)
- Abhängig von Atomos-Rekordern oder kompatiblen Kameras für die Aufzeichnung
- Sehr große Dateien; schnelle Speicherlösung erforderlich
- Nicht für Lieferung geeignet – rein internes Produktionsformat
Einsatzgebiete
- Externe Aufzeichnung von Sony-Kameras: Kameras wie die Sony FX6, FX9, A7S III und FS700 können über HDMI oder SDI RAW-Daten an kompatible Atomos-Rekorder (Shogun Inferno, SUMO 19) ausgeben, die dann ProRes RAW aufzeichnen. Das erlaubt höhere Qualität als der interne H.265-Codec der Kamera.
- Nikon Z-Kameraserie: Nikon Z6, Z6 II, Z7 und folgende Modelle unterstützen HDMI-RAW-Ausgabe an Atomos-Rekorder in ProRes RAW. Der Workflow ist direkt in Final Cut Pro optimiert.
- iPhone Pro Kino-Modus (ProRes RAW, ab iPhone 15 Pro): Das iPhone 15 Pro und später können ProRes RAW direkt intern aufzeichnen (mit externem SSD-Speicher). Das eröffnet einen vollwertigen RAW-Workflow in einem Smartphone-Formfaktor.
- Hochwertige Dokumentarfilm-Produktion: Dokumentarfilmer, die Flexibilität bei der Belichtung benötigen (z. B. schnell wechselnde Lichtsituationen), profitieren von ProRes RAW: Über- oder unterbelichtete Einstellungen können in der Post gerettet werden.
- Werbe- und Hochglanzproduktionen mit Apple-Workflow: Teams, die komplett auf Final Cut Pro und Apple Silicon arbeiten, nutzen ProRes RAW für maximale Qualität ohne den komplexen ARRIRAW- oder BRAW-Workflow.
In der Praxis
Aufzeichnung (Atomos Rekorder): Kamera-RAW-Ausgabe über HDMI/SDI an Atomos Shogun oder Sumo aktivieren → Rekorder auf ProRes RAW oder ProRes RAW HQ einstellen → Aufzeichnung auf kompatiblem SSD-Caddy.
Final Cut Pro (Import und Bearbeitung): ProRes RAW .mov direkt in FCPX importieren. Im Inspektor unter Info > RAW-Einstellungen: Belichtungs-Offset, Weißabgleich und Color Space einstellen. Echtzeit-Wiedergabe auf Apple-Silicon-Macs ohne Proxy-Generierung.
Export aus Final Cut Pro: Für Lieferung: Ablage > Teilen > Compressor → ProRes 422 HQ oder H.265 mit gewünschter Auflösung und Bitrate. ProRes RAW selbst wird nicht für die Auslieferung genutzt.
Kompatibilität prüfen: Wichtig: ProRes RAW setzt kameraspezifische Metadaten voraus. Nicht jede Kamera, die RAW-Ausgabe unterstützt, liefert mit jedem Rekorder-Modell einwandfreie ProRes-RAW-Dateien. Kompatibilitätsliste auf der Atomos- und Apple-Support-Website prüfen.
Vergleich & Abgrenzung
ProRes RAW vs. ARRIRAW: ARRIRAW ist das proprietäre RAW-Format der Arri-Kameras für Kinoproduktionen mit Bitraten von 2–4 Gbit/s und exzellenter Bildqualität. ProRes RAW zielt auf eine breitere Kamerapalette und kleinere Teams ab. ARRIRAW bleibt der Standard für Kinofilme; ProRes RAW für High-End-TV und Werbung.
ProRes RAW vs. BRAW (Blackmagic RAW): BRAW ist das RAW-Format von Blackmagic-Kameras (Pocket Cinema Camera, URSA) und ist tief in DaVinci Resolve integriert. ProRes RAW ist in Final Cut Pro integriert. Beide bieten ähnliche RAW-Flexibilität; die Wahl hängt vom Kamera- und NLE-Ökosystem ab.
ProRes RAW vs. ProRes 4444: ProRes 4444 speichert vollständig verarbeitetes Videomaterial mit 12 Bit; ProRes RAW speichert unverarbeitete Sensor-Rohdaten. ProRes RAW bietet mehr Nachbearbeitungsfreiheit, ist aber weniger weit kompatibel.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich ProRes RAW in DaVinci Resolve bearbeiten? Nur eingeschränkt. DaVinci Resolve kann ProRes-RAW-Dateien lesen, behandelt sie aber nicht als echte RAW-Dateien, sondern als bereits verarbeitetes Video. Die RAW-Korrekturen (Weißabgleich, Belichtung) sind in Resolve nicht möglich. Für vollständigen RAW-Workflow ist Final Cut Pro erforderlich.
Was ist der Unterschied zwischen ProRes RAW und ProRes RAW HQ? ProRes RAW HQ verwendet eine geringere Kompressionsstufe und damit höhere Bitraten (~50 % mehr als Standard). Für die meisten Produktionen bietet ProRes RAW Standard ausreichende Qualität. HQ empfiehlt sich für Material, das extrem vergrößert oder viele Generationen bearbeitet wird.
Brauche ich einen externen Rekorder für ProRes RAW? Nicht immer. Das iPhone 15 Pro und neuere iPhone-Pro-Modelle können ProRes RAW intern auf externem SSD aufzeichnen. Für Systemkameras (Sony, Nikon) ist aktuell ein Atomos- oder kompatiblen-Rekorder nötig, da die Kameras selbst nur H.265 intern aufzeichnen.
Verwandte Einträge
- Apple ProRes 422
- Apple ProRes 4444
- ARRIRAW
- BRAW (Blackmagic RAW)
- Sony XAVC
- DaVinci Resolve
- Kameras – Übersicht
Weiterführend
- Apple Inc. (2023): ProRes RAW White Paper. developer.apple.com/av-foundation/
- Atomos (2023): ProRes RAW Recording Guide for Compatible Cameras. atomos.com/support
- Online: Apple ProRes RAW Kompatibilitätsliste – support.apple.com/de-de/HT209330
- Online: iPhoneography mit ProRes RAW – developer.apple.com/documentation/avfoundation
