Siebdruck (Serigraphie) ist ein Durchdruckverfahren, bei dem Farbe durch ein feinmaschiges Gewebe (Sieb/Schablone) auf den Bedruckstoff gedrückt wird – verfügbar in zahlreichen Varianten für Papier, Textil, Elektronik, Glas und industrielle Substrate.
Rubrik: Drucktechnik & Printproduktion · Unterrubrik: Druckverfahren · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Serigraphie, Screen Printing (engl.), Siebdruckverfahren, Durchdruckverfahren, Filmdruckverfahren
Was ist Siebdruck?
Beim Siebdruck wird eine Schablone aus einem feinmaschigen Gewebe (Sieb) hergestellt: Nicht-druckende Bereiche werden mit einer lichtempfindlichen Emulsion abgedeckt, druckende Bereiche bleiben offen. Durch das offene Sieb wird Farbe mit einem Rakel auf das darunter liegende Substrat gedrückt. Dieses Grundprinzip bleibt in allen Varianten gleich – Unterschiede liegen in Maschinenkonfiguration, Substrat, Siebträger und Tintentyp.
Erklärung
Siebdruckvarianten im Überblick
#### 1. Flachsiebdruck (Hand- und Automatiksiebdruck)
Das klassische Siebdruckverfahren: Sieb liegt flach auf dem Substrat, Rakel fährt einmal über das Sieb. Manuell oder halbautomatisch für kleine Auflagen (Poster, Kunstdrucke, Plakate), vollautomatisch für industrielle Anwendungen. Format bis ca. 200 × 300 cm möglich.
Anwendungen: Plakate, T-Shirts (Karusselldrucker), Schilder, Aufkleber, Leiterplatten.
#### 2. Textil-Siebdruck (Karussell-Drucker)
Speziell für T-Shirts und Flachware entwickelt: Paletten (Drucktische) rotieren auf einem Karussell, das Sieb druckt nacheinander verschiedene Farben. Automatische Karusselldrucker haben 4–20 Druckköpfe, Produktionsleistung: 300–1.200 Shirts/Stunde. Plastisol-Farben (PVC-Basis) sind Standard im amerikanischen Markt; in Europa dominieren Wasserbasierte Farben und HD-Drucke. Neon, Metallic, Puff (3D-aufschäumende Farbe), Glitter – Siebdruck bietet Sonderfarben, die kein Digitaldruck reproduzieren kann.
#### 3. Rotationssiebdruck
Beim Rotationssiebdruck ist das Sieb nicht flach, sondern ein runder Zylinder. Der Rakel sitzt im Inneren des Zylinders. Endlose Papierbahnen oder Textilien werden kontinuierlich unterhalb des Zylinders durchgeführt – hohe Produktionsleistung, gute Eignung für Mustertextilien (Tapeten, Stoffe). Bekannt durch Wallpaper- und Textilfirmen (z. B. Heimtextilien-Muster).
#### 4. UV-Siebdruck
Wie beim UV-Offsetdruck: UV-härtende Farben werden durch das Sieb gedruckt und sofort mit UV-Lampen ausgehärtet. Vorteile: keine Lösemittel, sofortige Weiterverarbeitung, höchste Farbbrillanz und Oberflächenglanz. Typische Anwendungen: Werbeartikel (Kugelschreiber, USB-Sticks), Elektronikgehäuse, Etiketten auf Kunststoff.
#### 5. Hochtemperatur-/Industriesiebdruck
Für Glas (bedruckt mit keramischen Farben und dann gebrannt), Keramik, Metall und Kunststoffteile in der Elektronik (z. B. Leiterplatten, Solarzellen). Siebdruck ist das bevorzugte Verfahren für leitfähige Pasten (Silber, Graphit) in der Elektronikproduktion – der Siebdruck-Markt in der Elektronikfertigung ist milliardenschwer.
#### 6. Schablonendruck (Pochoir)
Die einfachste Siebdruckform ohne Photoemulsion: Eine Kunststoff- oder Metallschablone wird auf das Substrat gelegt, Farbe mit Rakel oder Rolle aufgetragen. Für Adressdrucke, Kisten-Beschriftung, schnelle Markierungen in Produktion und Logistik.
Farbsysteme
- Plastisol: PVC-Basis, wasserfest, brillante Farben, erfordert Wärmefixierung; Standard in USA.
- Wasserlösung: Ökologisch, weicherer Griff, benötigt Nachbrennerofen oder Fixiergerät.
- Discharge-Farben: Entfärben den Textil-Grundton und ersetzen ihn durch Pigment – extrem weicher Griff, nur auf 100 % Baumwolle.
- UV-Farben: Sofortaushärtung, für Industriesubstrate.
- Lösemittelfarben: Für Glas, Metall, chemisch resistente Beschriftungen.
Siebherstellung
Das Sieb wird aus Polyester- oder Edelstahlgewebe (100–350 Mesh = Fäden/cm²) über einen Aluminiumrahmen gespannt. Eine Photoemulsion wird aufgerakelt, getrocknet, mit Folie oder digitalem Film belichtet und ausgewaschen – die belichteten Stellen bleiben als Schablone. Direktbelichtungssysteme (CTS – Computer to Screen, z. B. Lüscher Inkjet) ersparen den Folien-Zwischenschritt.
Beispiele
- Werbeplakat 50 × 70 cm: Flachsiebdruck, 5 Farben, 2.000 Stück auf 135 g/m² Plakatpapier – klassisches Anwendungsfeld für Kulturveranstaltungen.
- Band-T-Shirt: Textil-Karusselldrucker, 3 Farben + Neon, 500 Stück schwarzes Baumwoll-Shirt, Plastisol; Preis pro Stück deutlich unter DTG.
- Solarzelle: Industriesiebdruck auf Silizium-Wafer mit leitfähiger Silberpaste – Millionen Stück täglich in der PV-Industrie.
- Glas-Backsplash: Keramikfarbe im Siebdruck, dann Brennvorgang; dauerhaft witterungsbeständig.
- Maschinenhersteller: M&R Companies (Karusselldrucker), Anatol Equipment, Roq International (Textil); MHM (Österreich), Serigrafia Torrecid (Industrie); Lüscher (CTS-Systeme).
In der Praxis
Dateivorbereitung: Vektordaten (AI, EPS, PDF) für mehrfarbige Siebdrucke; jede Farbe auf separater Ebene als Vollton-Separation. Rasterbilder in Bitmap-Separation konvertieren (AM oder FM-Raster, Frequenz 45–65 Linien/cm je nach Siebgewebe). Überdrucken und Trapping bei mehrfarbigen Motiven berücksichtigen. Mindestlinienbreite: 0,5 mm (feine Siebe: 0,3 mm). Beschnittzugabe auf Papierprodukten: 3 mm; Textil: kein Beschnitt. Sonderfarben (HKS, Pantone) angeben – gemischte Siebdruckfarben werden nach Mustersystem angemischt.
Vergleich & Abgrenzung
DTG ist besser für fotorealistische Einzelstücke und kleine Mengen auf Baumwolle. Siebdruck gewinnt ab ca. 25–50 identischen Stücken, bei Sonderfarben (Neon, Metallic), hoher Farbopazität auf dunklen Substraten, und bei industriellen Substraten wie Glas oder Elektronik. Flexodruck bietet ähnlichen Durchdruckcharakter, aber für Rollware. Digitaldruck ergänzt Siebdruck für variable Daten und individuelle Elemente (Hybridverfahren).
Häufige Fragen (FAQ)
Ab welcher Auflage lohnt sich Siebdruck für T-Shirts? Für einfache 1–2-Farb-Motive beginnt die Wirtschaftlichkeit ab ca. 25–50 Stück, da Sieberstellungskosten (je nach Anbieter 20–60 Euro/Sieb) verteilt werden. Bei 3–5 Farben und Kleinstauflagen unter 25 Stück ist DTF oder DTG günstiger. Ab 100–200 Stück ist Siebdruck fast immer die kostengünstigste Option für gleichbleibende Motive.
Was sind Discharge-Farben und wann werden sie verwendet? Discharge-Farben (auch Abziehfarben) enthalten ein Bleichmittel (Zink-Formaldehyd-Sulfonat oder Thioharnstoff-Dioxid), das die Reaktivfarbe im Textil aus dem Gewebe ausbricht und durch Pigment ersetzt. Das Ergebnis: ein absolut weicher, griffiger Druck ohne spürbare Farbschicht. Nur auf 100 % Baumwolle mit Reaktivfärbung (nicht auf OE-gesponnener oder Polyester-Baumwolle). Geruchsintensiv beim Fixieren; breite Anwendung bei Premiummode und Streetwear.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Kipphan, H. (Hrsg.) (2000): Handbuch der Printmedien. Heidelberg: Springer.
- Senft, S. (2014): Siebdruck: Technik, Praxis, Geschichte. Merzig: Gollenstein.
- FESPA – Federation of European Screen Printers Associations: Technische Guides. fespa.com
- Murakami Screen USA: Screen Making and Ink Reference Guide. murakami-screen.com
