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Erklärfilm (auch: Explainer Video) ist ein kurzes animiertes oder filmisches Format, das eine Idee, ein Produkt oder einen Prozess verständlich und visuell ansprechend erklärt – Standardformat in Marketing, Bildung und Unternehmenskommunikation.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmgattungen & Genres · Niveau: Einsteiger


Was ist ein Erklärfilm?

Der Erklärfilm ist das Format, das komplex klingende Dinge einfach macht. Ob Softwareprodukt, Finanzdienstleistung, medizinisches Verfahren, politisches Konzept oder gemeinnützige Initiative: Wenn etwas erklärt werden muss, greift man heute zum Erklärfilm. Das Format hat sich seit dem frühen 2010er-Jahren als Standard in Marketing, Unternehmenskommunikation, E-Learning und öffentlicher Kommunikation etabliert.

Das Grundprinzip ist deceptively simple: Zeige, was du meinst. Die visuelle Darstellung einer abstrakten Idee – ein Datenfluss wird zu einem Fluss mit kleinen Icons, ein Geschäftsprozess wird zu einer vereinfachten Grafik – aktiviert andere kognitive Ressourcen als reine Text- oder Sprachkommunikation. Studien zeigen, dass Menschen, die eine Erklärung gleichzeitig hören und visuell begleitet verfolgen, mehr behalten als solche, die nur zuhören oder nur lesen.


Merkmale & Konventionen

  • Kurze Laufzeit: 60 bis 90 Sekunden sind ideal; 2–3 Minuten das Maximum für die meisten Zielgruppen. Jede Sekunde mehr verliert Aufmerksamkeit.
  • Klare Struktur: Problem → Lösung → Aufruf zum Handeln (Call to Action). Diese Dreierstruktur ist die Grundgrammatik des Erklärfilms.
  • Voice-over als Guide: Eine warme, klare Stimme führt durch den Inhalt und gibt dem visuellen Chaos Orientierung.
  • Vereinfachte Visualisierung: Keine photorealistische Darstellung – stilisierte Icons, Figuren und Grafiken machen Konzepte sofort lesbar.
  • Einheitliches Design-System: Farben, Schriften, Icon-Stil – das Corporate Design des Auftraggebers muss konsistent eingebunden sein.
  • Musik als emotionaler Rahmen: Optimistisch, leicht, energetisch – die Unterlegungsmusik signalisiert: Das ist machbar und gut.

Wichtige Filme / Referenzprojekte

  1. Common Craft „Social Media in Plain English" – Lee LeFever, 2007: Whiteboard-Erklärvideos, die Millionen YouTube-Aufrufe erreichten und das Format popularisierten. Einfachstes Format mit größter Wirkung.
  2. RSA Animate „The Power of Motivation" – Andrew Park / RSA, 2010: Whiteboard-Animation zu einer Dan-Pink-Rede. Viral-Phänomen, das Whiteboard-Animation als Erklärformat etablierte.
  3. Dropbox Explainer Video – Saul Goodman / Explainify, 2009: Cartoon-Erklärfilm, der Dropbox's Wachstum von Null auf eine Milliarde Dollar begleitete. Das meistzitierte Beispiel für Erklärfilm als Conversion-Werkzeug.
  4. Dollar Shave Club – Michael Dubin / Paulding, 2012: Erklärfilm-Hybrid aus Humor und Produkterklärung. 12.000 Neukunden in 48 Stunden nach Veröffentlichung, Unicorn-Status für das Startup.
  5. WelcometoWikipedia (Wikipedia-Erklärvideo) – Wikimedia Foundation, 2015: Internationaler Erklärfilm über Wikipedia-Funktionsweise, in dutzenden Sprachen. Öffentliche Bildungskommunikation als Erklärfilm.

Geschichte und Entwicklung

Der Erklärfilm als eigenständiges Format entstand mit dem Boom der Online-Video-Plattformen ab 2006/2007. Bevor YouTube existierte, gab es erklärende Filme in Form von Lehrfilmen und Schulungsvideos – aber diese waren für Classrooms und Konferenzräume bestimmt, nicht für Online-Verbreitung.

Frühe Online-Ära (2007–2010): Lee LeFever und Common Craft schufen mit ihren Whiteboard-Videos ein neues Format. Einfache Papierfiguren auf einer Whiteboard-Oberfläche, dazu eine klare Erklärstimme – keine Animation, keine komplexe Produktion. Diese Schlichtheit war die Stärke: Das Format war universal zugänglich und sofort verständlich.

Die „RSA Animate"-Serie (ab 2010) brachte Whiteboard-Animation zu hoher Qualität: Zeichner illustrierten live Vortragsaufnahmen von Intellektuellen (Ken Robinson, Dan Pink, David Harvey). Diese Kombination aus intellektuellem Inhalt und handgemachter visueller Begleitung erreichte Millionenklicks und definierte Whiteboard-Animation als seriöses Bildungsformat.

Startup-Boom (2010–2015): Venture-Capital-finanzierte Startups entdeckten den Erklärfilm als effizientes Vertriebswerkzeug. Dropbox, Airbnb und Zaarly platzierten animierte Erklärfilme auf ihren Homepages und maßen dramatische Conversion-Steigerungen. Die Erklärfilm-Produktionsindustrie wuchs schnell: Agenturen wie Sandwich Video, Epipheo, Explainify und Yum Yum Videos spezialisierten sich auf das Format.

Parallel entwickelte sich 2D-Animation (Flat Design, Motion Graphics) als dominantes Stilmittel: Saubere Linien, klare Farben, stilisierte Figuren – der „Flat Design"-Trend in der digitalen Gestaltung übersetzte sich direkt in Erklärfilm-Ästhetik. Adobe After Effects und Illustrator wurden zur Standardsoftware.

E-Learning und Bildung (2015–heute): Der Erklärfilm wanderte von Marketing-Kontexten in Bildungsinstitutionen. Khan Academy nutzte Whiteboard-Animation für Lernvideos in tausenden Fächern; Universitäten produzieren MOOCs (Massive Open Online Courses) mit Erklärfilm-Elementen; Schulen integrieren erklärende Videoformate in den Unterricht.


In der Praxis

Produktionsformate:

  • 2D-Animation (Flat Design): Populärstes Format. Klare Icons, bewegte Infografiken, stilisierte Charaktere. Software: Adobe After Effects, Animate; Keynote als Einstiegswerkzeug.
  • Whiteboard-Animation: Scheinbar handgezeichnete Entwicklung des Bildmaterials auf weißem Hintergrund. Videobearbeitung: VideoScribe, Doodly, oder traditionell gefilmt.
  • Motion Graphics: Abstrakte Grafik-Animation, besonders für Prozesse, Daten, technische Erklärungen.
  • Stop-Motion / Legetechnik: Physische Objekte, Papier oder Alltagsgegenstände werden animiert – handgemachte Wärme.
  • Live-Action mit Animation kombiniert: Reale Aufnahmen werden mit animierten Erklär-Overlays verbunden.

Produktionsprozess:

  1. Briefing und Konzept: Was soll erklärt werden? Was ist die Kernbotschaft?
  2. Script: Das Voiceover-Script ist der Kern – alles Visuelle dient dem Wort.
  3. Storyboard: Skizzen zu jeder Script-Einheit.
  4. Illustration/Design: Figuren, Icons, Hintergründe im Corporate-Design erstellen.
  5. Animation: Motion in After Effects oder spezieller Software.
  6. Voice-over-Aufnahme: Studio-Qualität mit professionellem Sprecher.
  7. Sound Design und Musik.
  8. Review und Revision.

Budget: Einfaches Whiteboard-Video: ab 500 Euro (Template-basiert). Professioneller 90-Sekunden-2D-Animationsfilm: 5.000–25.000 Euro. High-End-Produktionen für internationale Kunden: 50.000 Euro und mehr.


Vergleich & Abgrenzung

Erklärfilm vs. Werbefilm: Der Erklärfilm erklärt; der Werbefilm überredet. In der Praxis überlappen beide Intentionen, aber der Erklärfilm stellt Information in den Vordergrund, der Werbefilm Emotion. Viele Werbefilme nutzen erklärende Elemente; viele Erklärfilme sind auch Werbung.

Erklärfilm vs. Tutorial: Ein Tutorial zeigt Schritt für Schritt, wie man etwas tut; ein Erklärfilm zeigt, was etwas ist und warum es relevant ist. Tutorials sind länger, detaillierter und setzen Handlungsbereitschaft voraus; Erklärfilme bauen diese Bereitschaft erst auf.

Erklärfilm vs. Corporate Film: Der Corporate Film kommuniziert Unternehmensidentität, Kultur und Image; der Erklärfilm kommuniziert ein spezifisches Produkt, eine Dienstleistung oder ein Konzept.


Häufige Fragen

Wie lang sollte ein Erklärfilm sein? 90 Sekunden gelten als Goldstandard: Lang genug, um ein Konzept vollständig zu erklären; kurz genug, um die Aufmerksamkeit zu halten. Untersuchungen zeigen, dass die Anzahl der Zuschauer, die das Video bis zum Ende sehen, nach 90 Sekunden deutlich sinkt. Für komplexe B2B-Themen oder E-Learning-Kontexte sind bis zu 3 Minuten vertretbar.

Welches Animationsformat ist am effektivsten? Das hängt von Zielgruppe und Botschaft ab. Flat-Design-2D-Animation ist vielseitig und professionell; Whiteboard-Animation wirkt persönlicher und handgemachter; Motion-Graphics-only sind für Daten und abstrakte Konzepte am klarsten. Es gibt kein universell „bestes" Format – das beste ist das, das zur Markenidentität und zur Zielgruppe passt.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • LeFever, Lee: The Art of Explanation. Making Your Ideas, Products, and Services Easier to Understand. Wiley, 2012.
  • Duarte, Nancy: Resonate. Present Visual Stories that Transform Audiences. Wiley, 2010.
  • Mayer, Richard E.: Multimedia Learning. Cambridge UP, 2. Aufl. 2009.
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