Essayfilm ist eine Filmgattung, die das subjektive Denken, Assoziieren und Argumentieren einer Autorin oder eines Autors in filmische Form überträgt – zwischen Dokumentarfilm und Experiment, zwischen Argument und Poesie.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmgattungen · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Film-Essay, Essayistischer Film, Autorenfilm-Essay, Essay Cinema
Was ist ein Essayfilm?
Der Essayfilm ist eine der schwierigsten Kategorien im Filmschaffen zu definieren, gerade weil er sich einer eindeutigen Definition widersetzt. Er teilt mit dem Dokumentarfilm den Bezug zur Wirklichkeit, ohne die Objektivitätsnorm des Journalismus oder Dokumentarfilms zu teilen. Er teilt mit dem Experimentalfilm die Offenheit gegenüber unkonventionellen Formen, ohne sich ins Formale zurückzuziehen. Der Essayfilm ist zutiefst personal: Eine erkennbare Stimme, ein denkender Geist reflektiert – über sich selbst, über Geschichte, über Bilder, über die Welt.
Erklärung
Der Begriff Essayfilm geht auf den Literaturessay zurück: Michel de Montaigne erfand den Essay im 16. Jahrhundert als Form des öffentlichen Nachdenkens in Ich-Form – offen, suchend, nicht festgelegt auf ein definitives Ergebnis. Diese Haltung – Denken als Prozess, nicht als Ergebnis – übertrug sich auf den Film.
Als frühes Vorbild gilt Chris Markers Lettre de Sibérie (1958), über den der Filmkritiker André Bazin schrieb, es handle sich um einen Essay – den Begriff damit auf den Film übertragende. Marker wurde zu einer Zentralfigur des Genres: La Jetée (1962), ein fast vollständig aus Standfotos montierter Kurzfilm über Zeit und Erinnerung, und Sans Soleil (1983), ein reflexiver Film über Gedächtnis, Reise und Bilder, gelten als Meisterwerke.
Der Essayfilm kennt charakteristische Stilmittel:
- Voice-over-Kommentar: Eine persönliche, oft literarische Stimme führt durch den Film
- Archivmaterial und gefundene Bilder: Found Footage als Reflexionsmaterial
- Assoziative Montage: Bilder werden nach Gedankenverbindungen, nicht nach kausaler Logik zusammengestellt
- Selbstreflexivität: Der Film denkt über sich selbst und seine Bedingungen nach
- Hybridität: Spielfilmelemente, Dokumentarisches und Abstraktes werden gemischt
Im deutschsprachigen Raum haben Filmemacher wie Alexander Kluge, Harun Farocki und Hito Steyerl das Genre geprägt. Harun Farocki (Bilder der Welt und Inschrift des Krieges, 1988; Arbeiter verlassen die Fabrik, 1995) ist international als einer der wichtigsten Essayfilmer anerkannt. Hito Steyerl (In Free Fall, 2010; How Not to Be Seen, 2013) verbindet Essayfilm mit Kunst-Installation und Videokritik.
Der Essayfilm findet sich heute in Kunstinstallationen genauso wie im Kino, auf YouTube genauso wie in Museen. Videokritiker wie Every Frame a Painting (Tony Zhou) oder Nerdwriter1 (Evan Puschak) haben essayistische Videoformate für das Onlinepublikum popularisiert.
Theoretisch ist der Essayfilm ein Feld intensiver filmwissenschaftlicher Debatte: Was macht ein Essay aus? Muss er eine These vertreten? Muss er unsicher enden? Die Unstimmigkeit der Definitionen ist Teil des Genres.
Beispiele
- Sans Soleil – Chris Marker, 1983 (Referenzwerk des Genres, Reflexion über Bilder und Gedächtnis)
- Bilder der Welt und Inschrift des Krieges – Harun Farocki, 1988 (politischer Bildessay, Krieg und Sehen)
- How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File – Hito Steyerl, 2013 (digitaler Essayfilm, Kunstkontext)
- Histoire(s) du cinéma – Jean-Luc Godard, 1988–1998 (achtteilige Essayfilmreihe über Filmgeschichte)
- F for Fake – Orson Welles, 1973 (Essay über Fälschung, Wahrheit und Autorenschaft)
In der Praxis
Der Essayfilm ist für Einzelpersonen besonders zugänglich: Eine Kamera, Archivmaterial und eine eigene Stimme oder Stimme über können ausreichen. Die Produktion erfordert keine umfangreichen Teams. Wichtiger als technische Perfektion ist eine klare Haltung und eine erkennbare Perspektive.
Für Filmstudentinnen und -studenten ist der Essayfilm ein ideales Format, um Filmkritik und Filmpraxis zu verbinden: Das Schreiben eines Drehbuchs für einen Essayfilm ist gleichzeitig ein kritischer Text; das Montieren des Films ist gleichzeitig eine Argumentationsübung.
Wichtige Werkzeuge: Voice-over schreiben (persönlich, literarisch, nicht journalistisch), Archivmaterial recherchieren und klären (Urheberrechtsfragen!), assoziative Montagestrategien erlernen.
Vergleich & Abgrenzung
Der Dokumentarfilm teilt mit dem Essayfilm den Realitätsbezug, folgt aber in der Regel den Normen journalistischer Objektivität und Beleghaftigkeit. Der Experimentalfilm teilt die Offenheit gegenüber unkonventionellen Formen, verzichtet aber oft auf den reflektierenden Kommentar und die persönliche Stimme. Der Kurzfilm kann essayistische Züge haben; viele Essayfilme sind Kurzfilme. Der Spielfilm enthält gelegentlich essayistische Momente (Godard-Filme), ist aber durch seine Fiktionalität definiert.
Häufige Fragen (FAQ)
Was unterscheidet Essayfilm von Dokumentarfilm? Der wesentliche Unterschied liegt in der Haltung zur Objektivität und Autorschaft: Während der Dokumentarfilm (in seiner klassischen Form) beansprucht, die Realität objektiv zu dokumentieren, bekennt sich der Essayfilm zu seiner Subjektivität. Die Filmemacherin oder der Filmemacher ist sichtbar als denkende, zweifelnde, erinnernde Person. Der Essayfilm stellt Fragen, wo der Dokumentarfilm Antworten sucht.
Wie wird Essayfilm gefördert/finanziert? Essayfilme werden häufig an der Schnittstelle von Film- und Kunstförderung finanziert. Neben klassischer Filmförderung (FFA, Landesförderungen) sind Kunsthochschul-Förderprogramme, Stipendien des Deutschen Literaturfonds oder der Kulturstiftung des Bundes relevant. Viele Essayfilme werden im Kunstkontext (Galerien, Museen) gezeigt und über den Kunstmarkt verwertet. Arte als europäischer Kultursender ist ein wichtiger Koproduktionspartner für Essayfilme.
Weiterführend
- Rascaroli, Laura: The Personal Camera. Subjective Cinema and the Essay Film. London: Wallflower Press, 2009.
- Alter, Nora M.: Chris Marker. Champaign: University of Illinois Press, 2006.
- Blümlinger, Christa / Wulff, Constantin (Hrsg.): Schreiben Bilder Sprechen. Texte zum essayistischen Film. Wien: Sonderzahl, 1992.
