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David Wark Griffith (1875–1948) war ein amerikanischer Filmregisseur, der grundlegende erzählerische Techniken des Films – Close-up, Cross-Cutting, Parallelmontage und dramatische Lichtsetzung – systematisierte und damit die Grammatik des modernen Kinos begründete, zugleich aber mit seinem rassistischen Film The Birth of a Nation (1915) ein bis heute belastendes Erbe hinterlässt.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmgeschichte · Niveau: Einsteiger

Synonyme / Auch bekannt als: David Wark Griffith, Vater der Filmsprache, Pionier des Spielfilms


Was ist D.W. Griffith?

D.W. Griffith begann 1908 als Regisseur bei der American Biograph Company, wo er in wenigen Jahren über 450 Kurzfilme drehte und dabei systematisch filmerische Techniken entwickelte und verfeinerte. Sein Ziel war es, dem Film eine eigenständige Sprache zu geben – unabhängig vom Theater, aus dem er selbst stammte. Griffiths wichtigste technische und ästhetische Beiträge umfassen den dramaturgischen Einsatz des Close-up, die Parallelmontage (Cross-Cutting), die Großaufnahme zur Charakterisierung, dramatische Beleuchtung sowie die Continuity Editing-Konventionen, die bis heute den Hollywoodfilm prägen (Katz 1991, S. 586).


Erklärung

Technische und ästhetische Innovationen

Close-up und Einstellungsgrößen: Vor Griffith filmten die meisten Regisseure ihre Schauspieler in Totale oder Halbtotale, wie auf einer Theaterbühne. Griffith erkannte, dass ein Close-up auf das Gesicht eines Schauspielers emotionale Information auf eine Weise transportiert, die im Theater unmöglich ist. Er nutzte Einstellungsgrößen bewusst und variiert, um Dramatik zu steuern.

Cross-Cutting (Parallelmontage): Griffith entwickelte die Technik, zwei gleichzeitig stattfindende Handlungsstränge im Wechsel zu zeigen – etwa Verfolger und Fliehende. Durch dieses Prinzip entstand filmischer Suspense: Das Publikum weiß, was getrennt voneinander geschieht, die Figuren nicht. Dieses Prinzip ist bis heute Basis jeder Verfolgungsjagd im Film.

Continuity Editing: Griffith standardisierte Konventionen des Schnitts, die den Zuschauer orientieren: die 180-Grad-Regel (Figuren bewegen sich konsistent in eine Richtung), Match Cuts (ein Bewegungsablauf wird nahtlos über den Schnitt geführt), Establishing Shots vor Detailaufnahmen. Diese Prinzipien wurden zum Fundament des Classical Hollywood Style (Monaco 2009, S. 188).

Lichtsetzung: Griffith arbeitete eng mit Kameramann Billy Bitzer zusammen und erforschte dramatische Lichtsituationen: Gegenlicht, Silhouetten, selektive Beleuchtung. Diese Experimente beeinflussten später den Film Noir und den deutschen Expressionismus.

Das Problem: The Birth of a Nation

Griffiths Meisterwerk der filmischen Technik ist zugleich ein moralisches Desaster. The Birth of a Nation (1915) glorifiziert den Ku-Klux-Klan, zeigt Schwarze Männer als Bedrohung weißer Frauen und legitimiert Lynchjustiz. Der Film war ein enormer kommerzieller Erfolg – er wurde sogar im Weißen Haus vorgeführt – und löste landesweite Proteste der NAACP aus sowie eine nachweisliche Wiederbelebung des Ku-Klux-Klans (Kracauer 1960, S. 57). Griffiths ästhetische Brillanz und sein moralisches Versagen sind untrennbar miteinander verbunden; ein kritisch-historisches Studium seines Werks muss beides gleichzeitig im Blick behalten.


Beispiele (5 konkrete Filme oder Ereignisse mit Jahr)

  1. The Birth of a Nation (1915, D.W. Griffith) – technisch revolutionär (Parallelmontage, Nahaufnahmen, Panoramaeinstellungen), inhaltlich rassistisch und propagandistisch; löste Massenproteste und Kinoboykotte aus.
  2. Intolerance (1916, D.W. Griffith) – Griffiths direkte Antwort auf die Kritik; vier parallele Geschichten aus verschiedenen Epochen werden gleichzeitig erzählt; technisch noch komplexer, kommerziell ein Misserfolg.
  3. The Adventures of Dollie (1908, D.W. Griffith) – sein erster Film als Regisseur bei Biograph; bereits hier zeigt er ungewöhnliche Einstellungsführung.
  4. Broken Blossoms (1919, D.W. Griffith) – psychologisch differenzierteres Drama; Lillian Gish in einer Hochleistung stummen Ausdrucks; Griffith nähert sich hier dem europäischen Kunstkino.
  5. Way Down East (1920, D.W. Griffith) – spektakuläre Eistreibszene auf dem Connecticut River; Griffith setzt Cross-Cutting und Naturspektakel zu physisch erlebbarer Dramatik zusammen.

In der Praxis

Griffiths Filmsprache ist die Grundsprache des heutigen kommerziellen Kinos. Jeder Filmstudent lernt die 180-Grad-Regel, den Establishing Shot, Cross-Cutting und die Staffelung von Einstellungsgrößen als Basisvokabular. Diese Regeln sind so tief im Sehgewohnheiten des Publikums verankert, dass ihre Verletzung sofort als Fehler wahrgenommen wird – es sei denn, sie wird bewusst als Stilmittel eingesetzt (wie bei Godard oder Haneke).

Gleichzeitig ist Griffiths Erbe ein Lehrbeispiel für die Trennbarkeit von Technik und Inhalt: Technisch brillante Filmsprache kann in den Dienst von Propaganda, Rassismus und Menschenfeindlichkeit gestellt werden. Filmhochschulen weltweit diskutieren The Birth of a Nation heute als Pflichtfall zur Medienethik.


Vergleich & Abgrenzung

Griffith wird oft mit Sergei Eisenstein verglichen, der die Montagetheorie auf einem anderen ideologischen Fundament aufbaute. Während Griffith Kontinuität und emotionalen Fluss anstrebte, wollte Eisenstein durch Schnittkollision intellektuelle Bedeutung erzeugen. Eisenstein bewunderte Griffith explizit, kritisierte aber dessen bürgerliche Weltsicht. Im Vergleich zu den Lumière-Brüdern, die Realität dokumentierten, war Griffith der erste große Fiktionskünstler des Films.


Häufige Fragen (FAQ)

Hat Griffith alle diese Techniken wirklich erfunden? Nein. Close-ups, Cross-Cutting und bewegliche Kamera existierten bereits vor Griffith – bei Edwin S. Porter (The Great Train Robbery, 1903), bei den Lumières und anderen. Griffiths Verdienst liegt weniger in der Erfindung als in der Systematisierung und dramaturgischen Durchdringung dieser Mittel. Er machte aus Einzelexperimenten ein kohärentes Regelwerk.

*Kann man The Birth of a Nation heute noch ansehen?* Der Film wird in filmhistorischen Kontexten gezeigt und analysiert, aber nicht ohne kritische Einbettung. Viele Filmarchive und Hochschulen begleiten die Vorführung mit historischer Einordnung. Eine unkritische Präsentation ist aus ethischen und pädagogischen Gründen nicht vertretbar.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Monaco, James (2009): Film verstehen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg.
  • Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. HarperCollins, New York.
  • Kracauer, Siegfried (1960): Theory of Film. Oxford University Press, New York.
  • Gish, Lillian (1969): The Movies, Mr. Griffith, and Me. Prentice-Hall, Englewood Cliffs.
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