New German Cinema (auch: Neues Deutsches Kino) bezeichnet eine Autorenkino-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland, die ab dem Oberhausener Manifest (1962) entstand und mit Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Werner Herzog, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta das deutsche Kino international neu positionierte.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmgeschichte · Niveau: Einsteiger
Synonyme / Auch bekannt als: Neues Deutsches Kino, Junger Deutscher Film, New Wave Germany, Autorenfilm Deutschland
Was ist das New German Cinema?
Das New German Cinema ist die wichtigste Erneuerungsbewegung des deutschen Films nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwischen 1962 und den frühen 1980er Jahren entstanden Werke von internationaler Bedeutung, die das Trauma der NS-Zeit, die bundesdeutsche Gesellschaft, Gender und Identität, amerikanische Kulturimperialismus und historische Erinnerung mit persönlicher Filmsprache verarbeiteten. Die Bewegung war möglich durch neue staatliche Filmförderung, die institutionell das Autorenkino unterstützte (Monaco 2009, S. 361).
Erklärung
Das Oberhausener Manifest (1962)
Am 28. Februar 1962, beim Westdeutschen Kurzfilmtag in Oberhausen, unterzeichneten 26 junge Filmemacher – darunter Alexander Kluge, Edgar Reitz, Haro Senft – ein kurzes Manifest: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen." Sie beanspruchten das Recht, „vom deutschen Film neue Freiheiten zu fordern: Freiheit von den üblichen Konventionen der Branche, Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner, Freiheit von der Bevormundung durch Interessengruppen."
Unmittelbare Folge: 1965 Gründung des Kuratoriums Junger Deutscher Film mit staatlichen Fördergeldern; 1974 Einrichtung der Filmförderungsanstalt (FFA) und des Deutschen Filmfonds. Die Förderstruktur ermöglichte künstlerisch ambitionierte Filme ohne rein kommerzielle Logik.
Die drei Hauptfiguren
Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) war der produktivste und provokativste der Bewegung. Er drehte in 14 Jahren über 40 Spielfilme und 14 Fernsehproduktionen – eine schier unglaubliche Menge bei konstant hoher Qualität. Fassbinder verarbeitete das Melodram Douglas Sirks (All That Heaven Allows, 1955) zu einer kritischen Analyse bundesdeutscher Gesellschaft. Ali: Angst essen Seele auf (1974) zeigt die Beziehung zwischen einer deutschen Witwe und einem marokkanischen Gastarbeiter – Rassismus, Einsamkeit, Klassengesellschaft. Berlin Alexanderplatz (1980, für das Fernsehen) ist ein 15-stündiges Monumentalwerk nach Alfred Döblin. Fassbingers früher Tod mit 37 Jahren beendete eine der eigenwilligsten Karrieren des Weltkinos.
Wim Wenders (geb. 1945) interessiert sich für Reise, Identität und die Beziehung zwischen amerikanischer und europäischer Kultur. Im Lauf der Zeit (1976) ist ein dreistündiger Roadmovie durch die deutsche Provinz an der innerdeutschen Grenze. Der Himmel über Berlin (1987) ist sein international bekanntestes Werk: Engel beobachten das geteilte Berlin, Bruno Ganz als Cassiel. Wenders hat auch bedeutende Dokumentarfilme gedreht (Pina, 2011; Das Salz der Erde, 2014).
Werner Herzog (geb. 1942) ist der Mystiker und Extremist der Bewegung. Seine Filme verhandeln Obsession, Naturgewalt und die Grenzen menschlicher Erfahrung. Aguirre, der Zorn Gottes (1972) wurde unter legendär chaotischen Bedingungen im peruanischen Dschungel gedreht; Klaus Kinski als wahnsinniger Konquistador ist eine der eindrucksvollsten Leistungen der Filmgeschichte. Nosferatu – Phantom der Nacht (1979) ist eine Hommage an Murnau; Fitzcarraldo (1982) zeigt, wie ein Schiff einen Berghang überwunden wird – ohne digitale Tricks, in Wirklichkeit.
Weitere zentrale Figuren
- Volker Schlöndorff (geb. 1939): Die Blechtrommel (1979), nach Günter Grass; Oscar für den besten fremdsprachigen Film 1980 – der erste für einen deutschen Film.
- Margarethe von Trotta (geb. 1942): Die bleierne Zeit (1981), über die Schwestern Ensslin/Mohnhaupt im Kontext des RAF-Terrors; feministische Perspektive auf Geschichte.
- Alexander Kluge (geb. 1932): Theoretiker und Praktiker; Abschied von gestern (1966) verbindet Spielfilm und Dokumentarfilm.
Beispiele (5 konkrete Filme oder Ereignisse mit Jahr)
- Oberhausener Manifest (1962) – Gründungsdokument der Bewegung; löst institutionelle Filmförderung aus und definiert den Anspruch des Autorenfilms.
- Aguirre, der Zorn Gottes (1972, Werner Herzog) – im peruanischen Dschungel gedreht; Klaus Kinski; Mythos der Entstehungsgeschichte so mächtig wie der Film selbst.
- Ali: Angst essen Seele auf (1974, Rainer Werner Fassbinder) – in 14 Drehtagen entstanden; Melodram als Gesellschaftskritik; von Rainer Werner Fassbinder als Reaktion auf Sirks All That Heaven Allows konzipiert.
- Die Blechtrommel (1979, Volker Schlöndorff) – Oscar 1980; internationale Anerkennung des deutschen Autorenfilms auf höchstem Niveau.
- Der Himmel über Berlin (1987, Wim Wenders) – Engel über dem geteilten Berlin; Kameramann Henri Alekan; Wenders international bekanntester Film.
In der Praxis
Das New German Cinema zeigt, wie Filmförderung das inhaltliche und ästhetische Profil einer nationalen Filmkultur formen kann. Die institutionelle Unterstützung ermöglichte Werke, die im rein kommerziellen Markt keine Finanzierung gefunden hätten. Dieses Modell ist bis heute relevant für die Diskussion um öffentliche Filmförderung in Deutschland (FFA, Filmstiftungen der Länder).
Für Filmemacher ist das New German Cinema auch ein Modell der thematischen Radikalität: Fassbinder thematisierte Homosexualität, Rassismus und NS-Vergangenheit in einer Zeit, als dies gesellschaftlich höchst umstritten war. Wenders und Herzog entwickelten internationale Karrieren aus einer dezidiert deutschen Perspektive heraus (Katz 1991, S. 490).
Vergleich & Abgrenzung
Das New German Cinema steht in enger Verbindung zur Nouvelle Vague – beide Bewegungen verankern das Autorenkino, lehnen Studiokonventionen ab und nutzen staatliche oder alternative Förderstrukturen. Der Unterschied: Das New German Cinema ist stärker durch die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte (NS-Zeit, Teilung, Wirtschaftswunder) geprägt, während die Nouvelle Vague stärker cinephil und theoretisch ausgerichtet ist. Im Vergleich zum New Hollywood der 1970er entstand das New German Cinema weniger aus der Krise einer maroden Industrie als aus einer politischen Forderung nach kultureller Erneuerung.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie hängt das New German Cinema mit der RAF zusammen? Die Linksradikalismus-Debatten der 1970er Jahre und der RAF-Terror sind im New German Cinema präsent, aber indirekt. Fassbinder, Schlöndorff, von Trotta und Heinrich Böll schufen mit Deutschland im Herbst (1978) einen kollektiven Episodenfilm als direkte Reaktion auf den Deutschen Herbst 1977. Das Kino verarbeitete politische Traumata, ohne selbst politische Positionen eindeutig zu beziehen.
Hat das New German Cinema eine Nachfolge? Die direkte Nachfolge ist diffus. Die Filmförderstrukturen blieben. Regisseure wie Tom Tykwer (Lola rennt, 1998) oder Fatih Akin (Gegen die Wand, 2004) und die Berliner Schule (Christian Petzold, Angela Schanelec) können als Nachfolger gesehen werden, ohne die Bewegung direkt fortzusetzen. Der Begriff ist historisch auf die Ära 1962–1982 begrenzt.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Monaco, James (2009): Film verstehen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg.
- Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. HarperCollins, New York.
- Elsaesser, Thomas (1989): New German Cinema. A History. Macmillan, London.
- Rentschler, Eric (Hg., 1988): West German Filmmakers on Film. Holmes & Meier, New York.
