New Hollywood bezeichnet eine filmhistorische Periode in den USA von ca. 1967 bis 1980, in der junge Regisseure (Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Robert Altman, Peter Bogdanovich, William Friedkin, Steven Spielberg, George Lucas) auf der Basis der Auteur-Theorie und europäischer Filmeinflüsse künstlerisch radikale und kommerziell teils enorm erfolgreiche Werke schufen, bevor die Blockbuster-Ära das kreative Klima veränderte.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmgeschichte · Niveau: Einsteiger
Synonyme / Auch bekannt als: American New Wave, Renaissance des amerikanischen Films, Auteur Hollywood, Post-Classical Hollywood
Was ist New Hollywood?
New Hollywood entstand aus der Krise des klassischen Studiosystems: Das Paramount Decree (1948), das Ende des Hays Code (1968), die Konkurrenz durch das Fernsehen und ein sinkender Kinobesuch hatten die großen Studios geschwächt. Gleichzeitig kamen junge Filmemacher, die an Filmhochschulen (UCLA, NYU, USC) ausgebildet worden waren, die die europäische Nouvelle Vague und das Autorenfilmkino kannten und nun amerikanische Genrekonventionen mit persönlicher Vision und gesellschaftskritischem Bewusstsein neu besetzten. Die Studios, in der Krise, gaben diesen Regisseuren ungewöhnlich viel kreative Freiheit (Monaco 2009, S. 290).
Erklärung
Vorgeschichte und Auslöser
Das Ende des Hays Code (1968): Der Motion Picture Production Code, der seit 1934 Sexualität, Gewalt und gesellschaftskritische Darstellungen zensierte, wurde durch das neue MPAA-Rating-System ersetzt. Plötzlich war expliziterer Inhalt möglich.
Europäischer Einfluss: Die Generation der New-Hollywood-Regisseure war von der Nouvelle Vague (Godard, Truffaut), dem Neorealismus (De Sica, Rossellini) und dem japanischen Kino (Kurosawa) geprägt. Sie hatten in Filmclubs und Arthaus-Kinos eine Bildung empfangen, die Hollywood-Veteranen fehlte.
Gesellschaftliche Umbrüche: Vietnam-Krieg, Watergate, Bürgerrechtsbewegung, Gegenkultur – das Kino der frühen 1970er reflektierte ein Amerika im Ausnahmezustand. Helden waren keine triumphierenden Cowboys mehr, sondern antiheldenhafte, ambivalente, oft scheiternde Charaktere.
Das kreative Klima
New Hollywood war ein Klima, keine Schule. Gemeinsam war: kreative Kontrolle beim Regisseur (bis hin zum Final Cut), erwachsene, komplexe Themen, handwerkliche Meisterschaft gepaart mit ästhetischem Experiment, Bereitschaft zum kommerziellen Risiko.
Francis Ford Coppola (geb. 1939): The Godfather (1972) und The Godfather Part II (1974) sind vielleicht die perfektesten Werke des New Hollywood: literarische Tiefe, Schauspielerführung auf höchstem Niveau, Stil der Alten Meister. Apocalypse Now (1979) ist der Extrempunkt – ein jahrelang produziertes, halbwahnsinniges Opus über Vietnam und den Herz der Finsternis.
Martin Scorsese (geb. 1942): Mean Streets (1973), Taxi Driver (1976), Raging Bull (1980) – das städtische Amerika, Gewalt, moralische Ambiguität, Schuld und Erlösung als Dauerthemen. Scorsese verband Cinephilie (tiefe Kenntnisse des klassischen Hollywoods und des Weltkinos) mit einer rauen, dokumentarischen Ästhetik.
Robert Altman (1925–2006): M\A\S\H (1970), Nashville (1975), Short Cuts* (1993) – Ensemble-Filme mit überlappenden Dialogen, Zoom-Kamera, satirischem Blick auf amerikanische Institutionen.
Das Paradox: Spielberg und Lucas
Der Übergang vom kreativen New Hollywood zur Blockbuster-Ära wird oft mit zwei Filmen markiert: Jaws (1975, Steven Spielberg) und Star Wars (1977, George Lucas). Beide Regisseure entstammen demselben generationellen Umfeld, aber ihre Megaerfolge verschoben das kommerzielle Kalkül der Studios zurück zu Spektakel und Massenpublikum. Das New Hollywood der Auteurs endete nicht über Nacht, aber der wirtschaftliche Erfolg der Blockbuster-Formel begrenzte die Freiheiten für risikofreudigere Projekte (Katz 1991, S. 910).
Beispiele (5 konkrete Filme oder Ereignisse mit Jahr)
- Bonnie and Clyde (1967, Arthur Penn) – oft als Auftakt des New Hollywood gesehen; Gewalt und Antiheldentum, französischer Nouvelle-Vague-Einfluss, kulturelle Gegenkultur-Energie.
- The Godfather (1972, Francis Ford Coppola) – Oscars für besten Film und bestes Drehbuch; Marlon Brando, Al Pacino; verbindet Genre-Konvention mit literarischer Tiefe.
- Taxi Driver (1976, Martin Scorsese) – Robert De Niro als Travis Bickle; Goldene Palme in Cannes; Porträt städtischer Anomie und gewaltsamer Phantasie; Bernard Herrmanns letzte Filmpartitur.
- Apocalypse Now (1979, Francis Ford Coppola) – Produktion unter extremen Bedingungen auf den Philippinen; Marlon Brando, Martin Sheen; Conrad'sche Vietnam-Parabel; Grand Prix in Cannes.
- Raging Bull (1980, Martin Scorsese) – Schwarzweiß-Biografie des Boxers Jake LaMotta; Robert De Niro; von der American Film Institute als zweitbester amerikanischer Film aller Zeiten gelistet.
In der Praxis
Das New Hollywood definiert bis heute das Maßstabsbild des Qualitätskinos in Hollywood. Die Frage, wie ein Film gleichzeitig kommerziell erfolgreich und künstlerisch bedeutsam sein kann, wird immer noch an Werken wie The Godfather, Chinatown oder Nashville gemessen. Die New-Hollywood-Generation prägte das Verständnis des Regisseurs als kreativer Autorität in einem Industriekontext.
Für Filmstudenten: Die Geschichte des New Hollywood zeigt, wie eine Kombination aus kreativem Freiraum, gesellschaftlicher Krise und technischer Erneuerung (leichtere Kameras, Dolby Sound, neue Schnitttechniken) eine kurze, intensive Blütezeit ermöglicht. Sie zeigt aber auch, wie kommerzielle Erfolge (Blockbuster-Logik) diese Freiräume wieder einengen (Monaco 2009, S. 303).
Vergleich & Abgrenzung
New Hollywood teilt mit der Nouvelle Vague die Auteur-Theorie und die Abkehr von Studiokonventionen, entstand aber im Rahmen – nicht gegen – des amerikanischen Studiosystems. Im Gegensatz zur Nouvelle Vague blieben New-Hollywood-Regisseure in der Regel größeren Produktionsbudgets verpflichtet. Das klassische Hollywood-System (1930–1960) war die direkte institutionelle Vorgeschichte: New Hollywood reagiert auf dessen Krise, nutzt aber dessen Infrastruktur.
Häufige Fragen (FAQ)
Wann endete das New Hollywood genau? Es gibt keine klare Grenzlinie. Viele Filmhistoriker nennen 1980 als Ende: Raging Bull und Heaven's Gate (Michael Cimino) markieren Endpunkte. Heaven's Gate war ein kommerzieller Desaster, das die Studios wieder vorsichtiger machte. Andere datieren das Ende auf 1977 (Star Wars) als Beginn der Blockbuster-Dominanz. In Wahrheit verblasste das New Hollywood allmählich, während einzelne Regisseure (Scorsese, Coppola) weiterarbeiteten.
Wie hängen Spielberg und Lucas mit New Hollywood zusammen? Sie entstammen derselben filmausgebildeten Generation und haben Gründungswerke wie Duel (Spielberg, 1971) oder American Graffiti (Lucas, 1973) im New-Hollywood-Stil gedreht. Ihre Megaerfolge (Jaws, Star Wars) veränderten jedoch das Marktklima grundlegend: Die Studios erkannten, dass Blockbuster mit globalem Publikum profitabler sind als künstlerische Autorenfilme – eine Erkenntnis, die den kreativen Spielraum für andere einschränkte.
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Weiterführend
- Monaco, James (2009): Film verstehen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg.
- Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. HarperCollins, New York.
- Easy Riders, Raging Bulls (Buch: Biskind, Peter, 1998): Easy Riders, Raging Bulls. Simon & Schuster, New York.
- Kracauer, Siegfried (1960): Theory of Film. Oxford University Press, New York.
