Nouvelle Vague (frz. „Neue Welle") ist eine Filmbewegung in Frankreich, die Ende der 1950er Jahre begann und durch junge Regisseure (Godard, Truffaut, Chabrol, Rivette, Rohmer) geprägt wurde, die das Autorenkino etablierten, Studiokonventionen brachen und den Film als persönliches künstlerisches Ausdrucksmittel beanspruchten.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmgeschichte · Niveau: Einsteiger
Synonyme / Auch bekannt als: New Wave, Nouvelle Vague française, Autorenkino, Nouvelle Vague du cinéma français
Was ist die Nouvelle Vague?
Die Nouvelle Vague entstand aus der Filmkritik: Die Gründerfiguren der Bewegung – François Truffaut, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Jacques Rivette, Éric Rohmer – schrieben zunächst für die Zeitschrift Cahiers du Cinéma (gegründet 1951 von André Bazin), bevor sie selbst Filme drehten. Zentrales Konzept: die Auteur-Theorie (politique des auteurs), die den Regisseur als alleinigen kreativen Autor des Films begreift, ähnlich dem Romanautor in der Literatur. Filmkritik wurde damit zur Filmanalyse von Regie-Handschriften, und der Sprung von der Kritik zur eigenen Regie war konsequent (Monaco 2009, S. 252).
Erklärung
Theoretische Grundlagen: politique des auteurs
Die Auteur-Theorie, formuliert vor allem von Alexandre Astruc (La caméra-stylo, 1948: die Kamera als Schreibstift) und François Truffaut (Une certaine tendance du cinéma français, 1954), warf dem damaligen französischen „Qualitätskino" vor, literarische Vorlagen akademisch umzusetzen, statt eine eigene Filmsprache zu entwickeln. Demgegenüber feierten die Cahiers-Kritiker amerikanische B-Film-Regisseure wie Howard Hawks, John Ford, Alfred Hitchcock und Nicholas Ray als genuine Auteurs – Filmemacher, die trotz industrieller Einschränkungen eine unverkennbare persönliche Handschrift entwickelten.
Ästhetische Merkmale
- Jump Cuts: Godards À bout de souffle (1960) enthält bewusst regelwidrige Schnitte innerhalb einer Einstellung (Jump Cuts), die die Illusion der Kontinuität brechen.
- Handkamera: Godard, Truffaut und ihre Kameramänner (Raoul Coutard, Henri Decaë) filmten mit kleinen, beweglichen Kameras auf der Straße – ähnlich dem Neorealismus, aber mit stärkerem Selbstbewusstsein.
- Improvisation: Dialoge wurden oft spontan entwickelt, Szenen ad hoc erfunden.
- Selbstreferentialität: Nouvelle-Vague-Filme kommentieren oft ihre eigene Filmnatur: Figuren schauen in die Kamera, Filmtitel werden gezeigt, Genres werden zitiert und gebrochen.
- Niedriges Budget: Gedrehe in echten Pariser Straßen, Cafés, Wohnungen; keine Studioinfrastruktur.
- Literarische und philosophische Bezüge: Sartre, Camus, amerikanische Hardboiled-Romane, Jazz – die Nouvelle Vague war intellektuell gesättigt.
Die zentralen Regisseure
François Truffaut (1932–1984): Les Quatre Cents Coups (1959) ist sein Durchbruch und autobiografisch geprägt; Antoine Doinel als alter ego über vier weitere Filme. Truffaut blieb dem Erzählkino näher als Godard.
Jean-Luc Godard (1930–2022): radikalster Experimentator der Bewegung. Von À bout de souffle (1960) über Vivre sa vie (1962) bis zu Pierrot le fou (1965) dekonstruiert er Filmsprache systematisch. Späte Werke (Histoire(s) du cinéma, 1988–1998) sind essayistisch und politisch.
Claude Chabrol (1930–2010): spezialisierte sich auf das psychologische Kriminal- und Bürgerdrama; blieb der zugänglichste der Gruppe.
Jacques Rivette (1928–2016): radikalster in Länge und Struktur (La Belle Noiseuse, 1991: vier Stunden; Out 1, 1971: zwölf Stunden).
Éric Rohmer (1920–2010): subtile Gesprächsfilme über Moral und Beziehung (Ma nuit chez Maud, 1969).
Beispiele (5 konkrete Filme oder Ereignisse mit Jahr)
- Les Quatre Cents Coups (1959, François Truffaut) – Truffauts Debüt, Hauptpreis in Cannes; der jugendliche Antoine Doinel als Symbol der Nouvelle Vague.
- À bout de souffle (1960, Jean-Luc Godard) – Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg; Jump Cuts, Straßenfilmerei, amerikanische Gangster-Referenzen; Manifesto des neuen Kinos.
- Hiroshima mon amour (1959, Alain Resnais) – streng genommen kein Nouvelle-Vague-Film, aber aus demselben Umfeld; Drehbuch von Marguerite Duras; Montage von Vergangenheit und Gegenwart als Traumasprache.
- Vivre sa vie (1962, Jean-Luc Godard) – Anna Karina als Prostituierte; 12 Kapitel, Zwischentitel, Blick in die Kamera; radikale Dekonstruktion des Melodrams.
- Baisers volés (1968, François Truffaut) – dritter Antoine-Doinel-Film; Cannes 1968 wurde von Truffaut und Godard abgebrochen, um Solidarität mit den Mai-68-Protesten zu zeigen; historischer Moment der Politisierung der Filmwelt.
In der Praxis
Die Nouvelle Vague hat die globale Filmkultur nachhaltig verändert. Sie begründete das Konzept des Filmregisseurs als Auteur als internationalen Standard – in Hollywood (New Hollywood, 1970er), in Deutschland (Wenders, Fassbinder), in Iran (Kiarostami), in Taiwan (Hou Hsiao-hsien, Edward Yang). Ohne die Nouvelle Vague wäre das Independent-Filmkino nicht denkbar: die Überzeugung, dass ein Film mit kleinem Budget, persönlicher Vision und technischem Mut möglich ist, die industrielle Produktion herausfordern kann.
Konkret: Jump Cuts, Handkamera, improvisierende Schauspieler, Dreharbeiten in echten Locations sind heute Standard in Musikvideos, Werbefilmen und Independent-Produktionen. Das ästhetische Vokabular der Nouvelle Vague ist in der Popkultur vollständig absorbiert – und oft unbewusst präsent (Katz 1991, S. 1002).
Vergleich & Abgrenzung
Die Nouvelle Vague teilt mit dem Neorealismus die Abkehr vom Studiosystem und die Arbeit mit Laiendarstellern und Originalschauplätzen, unterscheidet sich aber durch ihre intellektuelle Selbstreflexivität und den cinephilen Bezugsrahmen: Die Nouvelle-Vague-Regisseure lieben das Kino und zitieren es ständig. De Sica und Rossellini zitieren das Leben. Im Vergleich zu Dogme 95 (Lars von Trier, 1995) ist die Nouvelle Vague formell weniger dogmatisch – sie hat kein Manifest mit strikten Regeln, sondern eine gemeinsame Haltung.
Häufige Fragen (FAQ)
Hat die Nouvelle Vague ein Manifest? Kein formales Manifest wie Dogme 95. Das nächste ist Truffauts Aufsatz Une certaine tendance du cinéma français (1954) in den Cahiers du Cinéma, in dem er das Qualitätskino angreift. Die Auteur-Theorie und Astrucs caméra-stylo-Essay sind die theoretischen Referenzpunkte, aber die Nouvelle Vague war nie eine organisierte Schule.
Ist Godard schwierig zu verstehen? Godards frühe Filme (À bout de souffle, Bande à part) sind zugänglich und zugänglich-genreverhaftet. Seine mittleren und späten Werke werden zunehmend essayistisch und setzen breite Filmkenntnis voraus. Histoire(s) du cinéma (1988–1998) ist ein vier Stunden langes Essayfilm-Werk über die Geschichte des Kinos und setzt Kenntnisse der Filmgeschichte, Literatur und bildenden Kunst voraus.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Monaco, James (2009): Film verstehen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg.
- Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. HarperCollins, New York.
- Bazin, André (1962): Was ist Kino? Dumont, Köln.
- Truffaut, François (1954): Une certaine tendance du cinéma français, in: Cahiers du Cinéma, Nr. 31.
