Außer Atem (À bout de souffle, Frankreich, 1960) ist Jean-Luc Godards Debütfilm und Gründungsdokument der Nouvelle Vague – ein Film, der mit seinen Jump-Cuts, seiner handgehaltenen Kamera und seiner Mischung aus Hochkultur und Popkultur die Sprache des europäischen Kinos definitiv veränderte.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmklassiker · Niveau: Einsteiger Regie: Jean-Luc Godard · Land: Frankreich · Jahr: 1960 · Länge: 90 min Auszeichnungen: Silberner Bär (Berlinale, 1960, Regie); Nominierung für BAFTA bestes Original-Drehbuch; zentrales Werk des kanonischen Nouvelle-Vague-Korpus
Worum geht es? (Handlung)
Michel Poiccard (Jean-Paul Belmondo), ein kleinkrimineller Franzosse, der Autos stiehlt und sich für Humphrey Bogart hält, erschießt impulsiv einen Polizisten auf einer Landstraße und flüchtet nach Paris. Dort versucht er, Geld von einem Schuldner zu kassieren, und verbringt die Zeit mit Patricia (Jean Seberg), einer amerikanischen Studentin, die Zeitungen auf den Champs-Élysées verkauft. Die beiden verbringen einen Tag und eine Nacht in ihrem Zimmer – redend, liebend, zögernd. Michel wird von der Polizei verfolgt. Patricia verrät ihn. Michel stirbt auf der Straße. Die Handlung ist Vorwand: Der Film ist seine Form.
Filmsprache & Stil
Jump Cuts: Godards wichtigste formale Innovation. Ein Jump Cut ist ein Schnitt innerhalb derselben Einstellung ohne Achsenwechsel, der zeitliche Kontinuität sichtbar unterbricht. Konventionell werden solche Schnitte als „Fehler" bezeichnet. Godard setzte sie systematisch ein – als ästhetische Entscheidung, als Bruch mit der Konvention. Die Wirkung: Zeitsprünge, die den Fluss des Films destabilisieren und den Konstruktionscharakter des Kinos sichtbar machen.
Handgehaltene Kamera: Kameramann Raoul Coutard drehte den Film mit leichter Handkamera (und zeitweise in einem Rollstuhl durch die Straßen Italiens). Die Bilder haben eine unruhige, spontane Qualität, die sich von der statischen, gesteuerten Eleganz des klassischen Kinos abhebt. Paris erscheint lebendig, unkontrollierbar, dokumentarisch.
Improvisation und Off-Ton: Viele Dialoge wurden improvisiert. Godard gab den Schauspielern oft erst am Morgen des Drehtages ihre Repliken. Das Ergebnis ist eine Natürlichkeit und Unvorhersehbarkeit, die keiner Hollywoodproduktion möglich gewesen wäre.
Cinephiler Intertext: Der Film ist durchzogen von Referenzen: auf Humphrey Bogart, auf amerikanischen Film Noir, auf Literatur (Faulkner, Rilke) und auf andere Filme. Godard bezeichnete À bout de souffle selbst als eine Art „Potpourri von allem, was ich im Kino liebte". Diese selbstbewusste Zitatkultur wurde zum Markenzeichen der Postmoderne.
Historische Bedeutung
À bout de souffle war einer der ersten Filme der Nouvelle Vague (Neue Welle) – einer Gruppe junger französischer Filmemacher (Godard, Truffaut, Chabrol, Rivette, Rohmer), die in den späten 1950er Jahren als Kritiker für die Cahiers du cinéma über Film schrieben und dann selbst Filme machten. Ihre Theorie: Film ist eine Kunstform wie Literatur, und der Regisseur ist ihr Autor (Politique des auteurs).
À bout de souffle demonstrierte, dass ein Film mit kleinem Budget, improvisiertem Stil und außerhalb der Studiosysteme entstehen kann und dabei fesselnder und authentischer ist als viele Studioprodukte (vgl. Monaco, 2009, S. 231–237).
Einfluss auf Kino & Kultur
- Martin Scorsese – Who's That Knocking at My Door (1967) und Mean Streets (1973) übernehmen den handgehaltenen, improvisatorischen Dokumentarfilm-Stil direkt.
- Quentin Tarantino – Pulp Fiction (1994) und sein gesamtes Werk sind ohne Godards Zitationskultur und seine Vermischung von Genre und Kunstfilm undenkbar.
- Richard Linklater – Slacker (1990) und Before Sunrise (1995) übernehmen Godards Konzept des Films als Gespräch ohne konventionelle Handlung.
- Wong Kar-wai – Die visuellen Brüche und Zeitsprünge in Chungking Express (1994) sind direkte Nachfahren des Jump Cuts.
- Steven Soderbergh – sex, lies, and videotape (1989) und seine Herangehensweise an Independent-Kino hat Godards Improvisationsästhetik als Referenz.
In der Praxis
À bout de souffle ist das kanonische Lehrbeispiel für den Jump Cut in der Filmanalyse. Es ist auch ein Standardtext für die Geschichte der Nouvelle Vague und des Independent-Kinos. Die Szene im Hotelzimmer (die längste des Films) ist ein Übungsbeispiel für filmischen Dialog ohne konventionelle Handlung: Wie erzeugt ein Gespräch Spannung?
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu Vierhundert Hiebe (Truffaut, 1959) – dem anderen Gründungsfilm der Nouvelle Vague – ist À bout de souffle kühler, abstrakter, ironischer. Truffaut ist emotional und autobiografisch; Godard ist intellektuell und spielerisch. Beide Filme erschienen 1959/60 und markieren gemeinsam die Wende. Im späteren Werk Godards (Pierrot le fou, 1965; Wochenende, 1967) werden die Experimente formell radikaler und politischer.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist ein Jump Cut? Ein Jump Cut ist ein Schnitt zwischen zwei Einstellungen, die zwar dieselbe Kameraachse und denselben Bildausschnitt behalten, aber eine zeitliche Lücke aufweisen – die Figur bewegt sich also „ruckartig" weiter, ohne dass man die Zwischenbewegung sieht. Konventionell gilt das als Fehler; Godard machte ihn zur ästhetischen Aussage: Das Bild ist gemacht, nicht „natürlich".
Warum verrät Patricia Michel? Eine klare Motivation gibt der Film nicht. Patricia handelt vielleicht aus Angst, vielleicht aus emotionaler Kälte, vielleicht aus dem Wunsch, ihre Selbstbestimmung zu behaupten. Godard verweigert eine psychologische Erklärung – das ist die Nouvelle-Vague-Antwort auf das psychologische Hollywood-Kino.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Monaco, James (2009): Film verstehen. Reinbek: Rowohlt. S. 231–237.
- Bazin, André (1967): Was ist Kino? Bausteine zur Theorie des Films. Köln: DuMont.
- Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. New York: HarperCollins. S. 512.
- Temple, Michael / Williams, James S. (Hrsg.) (2000): The Cinema Alone: Essays on the Work of Jean-Luc Godard 1985–2000. Amsterdam: Amsterdam University Press.
- Sight & Sound Poll (2022): Greatest Films of All Time. London: BFI.
