Citizen Kane (USA, 1941) ist der Spielfilmdebüt von Orson Welles und gilt weltweit als einer der formvollendetsten und einflussreichsten Filme der Kinogeschichte – ein Werk, das Erzähltechnik, Kameraarbeit und Montage auf einen Schlag revolutionierte.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmklassiker · Niveau: Einsteiger Regie: Orson Welles · Land: USA · Jahr: 1941 · Länge: 119 min Auszeichnungen: Oscar für das beste Originaldrehbuch (Welles/Mankiewicz, 1942); British Film Institute Sight & Sound: Platz 1 (1962–2002), Platz 2 (2012), Platz 3 (2022)
Worum geht es? (Handlung)
Der Medienmogul Charles Foster Kane stirbt allein in seinem Anwesen Xanadu und haucht mit dem rätselhaften Wort „Rosebud" sein letztes Lebenszeichen. Ein Journalist begibt sich auf die Suche nach dem Sinn dieses letzten Worts und befragt Kanes ehemalige Weggefährten: seine Geschäftspartner, seine zwei Ehefrauen, seinen Jugendfreund. In Rückblenden entfaltet sich das Leben eines Mannes, der mit ungebremsten Ambitionen begann, Einfluss, Reichtum und politische Macht angehäuft hat – und dabei doch stets das Wesentliche verlor. Die Konstruktion aus ineinandergreifenden Perspektiven lässt kein abschließendes Urteil zu: Kane bleibt ein vieldeutiges Porträt. Das Ende enthüllt den Sinn von „Rosebud" – doch die Frage, wer Kane wirklich war, bleibt offen.
Filmsprache & Stil
Citizen Kane ist ein Kompendium filmischer Mittel, das Kameramann Gregg Toland in enger Zusammenarbeit mit Orson Welles entwickelte. Bekanntestes Merkmal ist die extreme Tiefenschärfe (deep focus): Objekte im Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund sind gleichzeitig scharf, was dem Bild eine plastische Dichte verleiht, die bis dahin im Hollywoodkino ungebräuchlich war. Welles und Toland nutzen dabei Weitwinkelobjektive und kombinierten Kunstlicht mit Tageslichtlinsen auf ungewöhnliche Weise.
Ebenso auffällig ist der Einsatz von Untersichten (low-angle shots): Die Kamera schaut häufig von unten auf Kane hinauf – eine Perspektive, die Macht und gleichzeitig Bedrohlichkeit signalisiert. Niedrige Decken im Set (für damalige Studiofilme unüblich, da die Technik Platz für Lichtrigs benötigte) erzeugen ein Klaustrophobiegefühl.
Die nicht-lineare Erzählstruktur war für Hollywoodverhältnisse revolutionär: Der Film beginnt mit dem Tod des Protagonisten und entfaltet seine Biografie durch mehrere subjektive Rückblenden verschiedener Zeugen. Das Verfahren ist epistemologisch: Die Wahrheit über einen Menschen ist stets perspektivisch, niemals vollständig.
Der Schnitt arbeitet mit harten Zeitsprüngen (der berühmte Frühstückstisch-Schnitt, der Kanes Ehe in wenigen Einstellungen über Jahre hinweg zusammenfasst) sowie mit Überlappungen und akustischen Brücken, die Tonspuren aus der neuen Szene bereits über die scheidende legen (Audiobrücken). Bernhard Herrmanns Filmmusik unterstreicht den rhetorischen Charakter des Films durch symphonische Leitmotive.
Historische Bedeutung
Citizen Kane ist kein „erster" Film in dem Sinne, dass er Techniken erfunden hätte, die nicht schon existierten – Tiefenschärfe kannte man seit den Anfängen des Kinos, Rückblenden gab es seit den 1910er Jahren. Die historische Leistung liegt in der Synthese: Zum ersten Mal wurden all diese Mittel auf derart konsequente und demonstrative Weise in einem einzigen populären Spielfilm vereint und mit einem ästhetischen Programm verbunden.
Welles war beim Entstehen des Films 25 Jahre alt und hatte keine Erfahrung im Spielfilmdrehen – er kam vom Theater und Radio. Diese Distanz zum Hollywoodhandwerk ließ ihn mit einer Freiheit experimentieren, die etablierte Regisseure sich nicht erlaubt hätten. RKO Pictures gewährte ihm ungewöhnlich weitreichende kreative Kontrolle.
Der Film löste bei seiner Veröffentlichung keinen unmittelbaren Kassenerfolg aus – Gerüchten zufolge verhinderte William Randolph Hearst, auf den Kanes Figur anspielt, eine breite Aufführung durch Pressedruck. Erst in der Nachkriegszeit, als französische Filmkritiker (Bazin, Truffaut, Godard) ihn wiederentdeckten, setzte die kanonische Würdigung ein (vgl. Bazin, 1967).
Einfluss auf Kino & Kultur
- Orson Welles selbst – Der Film legte die ästhetischen Grundlagen für Welles' spätere Werke wie The Magnificent Ambersons (1942) und Touch of Evil (1958).
- Francis Ford Coppola – Der Pate (1972) übernimmt die Vorstellung vom tragischen Aufstieg eines mächtigen Mannes, der sein menschliches Inneres verliert.
- Martin Scorsese – Raging Bull (1980) und GoodFellas (1990) nutzen ähnliche nicht-lineare Rückblendenkonstruktionen und Erzähler-Perspektiven.
- David Fincher – Mank (2020) ist eine direkte Reflexion über die Entstehung von Citizen Kane und referiert ausgiebig Tolands Bildästhetik.
- Paul Thomas Anderson – There Will Be Blood (2007) verarbeitet das Motiv des skrupellosen amerikanischen Unternehmers und nutzt Tiefenschärfe als visuelles Leitmotiv.
In der Praxis
Medienstudierende sollten Citizen Kane kennen, weil er als filmhistorische Gebrauchsanweisung funktioniert: Nahezu jeder Begriff aus dem Grundvokabular der Kamerasprache (Tiefenschärfe, Untersicht, Schwenk, Zoomperspektive) lässt sich anhand einer konkreten Einstellung aus diesem Film erklären und demonstrieren. Die Frühstückstisch-Sequenz ist ein Standardbeispiel für elliptische Montage; die Überblendungs- und Audiobrückentechnik ist ein Lehrstück für Szenentransitionen. Kein Filmstudium ohne Citizen Kane.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu The Magnificent Ambersons (1942) ist Citizen Kane formell direkter und theatralischer; Ambersons ist fließender und melancholischer. Gegenüber dem zeitgleichen Hollywood-Studiosystem (z. B. John Ford, Howard Hawks) wirkt Kane experimentell und selbstreflexiv. Mit Rashomon (Kurosawa, 1950) teilt der Film die strukturelle Idee der multiplen Perspektiven auf ein und dieselbe Wahrheit – die japanische Antwort ist allerdings thematisch pessimistischer.
Häufige Fragen (FAQ)
Was bedeutet „Rosebud"? „Rosebud" ist der Name von Kanes Kinderschlitten – Symbol für die verlorene Unschuld und Geborgenheit der Kindheit, bevor er seiner Mutter entrissen wurde. Das Motiv wurde zu einem der bekanntesten MacGuffins der Filmgeschichte.
Warum gilt der Film als „bester Film aller Zeiten"? Mehrere Jahrzehnte lang belegte Citizen Kane in der alle zehn Jahre erscheinenden Sight & Sound-Umfrage des British Film Institute den ersten Platz unter Kritikern und Filmhistorikern. Dies ist kein Urteil über Unterhaltsamkeit, sondern über formale Innovation, Einfluss und Komplexität.
Verwandte Einträge
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- Nicht-lineare Narration im Film
Weiterführend
- Bazin, André (1967): Was ist Kino? Bausteine zur Theorie des Films. Köln: DuMont.
- Monaco, James (2009): Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films. Reinbek: Rowohlt. S. 193–198.
- Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. New York: HarperCollins. S. 249.
- Rosenbaum, Jonathan (2002): Essential Cinema. Baltimore: Johns Hopkins University Press.
- Sight & Sound Poll (2022): Greatest Films of All Time. London: BFI. []
