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La Dolce Vita (Italien, 1960) ist Federico Fellinis satirisches Epos über das „süße Leben" der römischen Schickeria – ein Meisterwerk der episodischen Erzählung, das den Begriff „Paparazzo" prägte und das Porträt einer Gesellschaft im moralischen Leerlauf zeichnet.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmklassiker · Niveau: Einsteiger Regie: Federico Fellini · Land: Italien / Frankreich · Jahr: 1960 · Länge: 174 min Auszeichnungen: Goldene Palme (Cannes, 1960); Silberner Bär (Berlinale); César-Nominierung; Oscar-Nominierungen


Worum geht es? (Handlung)

Marcello Rubini (Marcello Mastroianni) ist ein Klatschreporter in Rom, der für Skandale und Prominente schreibt. Der Film folgt ihm über eine Woche in einer Folge von sieben Episoden: ein Besuch der amerikanischen Filmschauspielerin Sylvia (Anita Ekberg), die im Trevi-Brunnen tanzt; ein falsches Marienwunder, das die Presse ausbeutet; eine Orgie in einer verfallenen Villa; eine Nacht unter Intellektuellen mit dem Filmschriftsteller Steiner, der anschließend seine Kinder tötet und sich erschießt. Jede Episode isoliert eine moralische Leere hinter der glitzernden Oberfläche. Am Ende steht Marcello am Strand, weiter gelebt, nichts verändert.


Filmsprache & Stil

Episodische Struktur: La Dolce Vita ist kein Film mit einem konventionellen Drei-Akt-Plot, sondern eine Abfolge sieben weitgehend autonomer Episoden, verbunden durch den Protagonisten Marcello. Diese Struktur erlaubt es Fellini, verschiedene Milieus, Themen und Bildwelten zu erkunden, ohne einem linearen Handlungszwang zu folgen. Das Prinzip ähnelt dem des Romans oder der Reportage.

Schwarz-Weiß-Cinematografie von Otello Martelli: Martelli nutzte für La Dolce Vita eine kontrastreiche Schwarzweißbildgebung, die die Oberfläche des Glamours gleichzeitig verführerisch und kalt erscheinen lässt. Besonders die Nachtszenen – die Via Veneto, der Trevi-Brunnen – leuchten in einem silbrigen Glanz, der Schönheit und Vergänglichkeit zugleich evoziert.

Die Trevi-Brunnen-Szene: Sylvia (Anita Ekberg), die tritt hinein und spielt mit dem Wasser, während Marcello ihr folgt. Die Szene ist eine der am häufigsten reproduzierten der Filmgeschichte. Ihre Wirkung beruht auf dem Kontrast zwischen überwältigender physischer Schönheit (Ekberg, der Brunnen, die Nacht) und der Bedeutungsleere, die sie umgibt.

Der Begriff „Paparazzo": Die Figur des Fotografen Paparazzo (gespielt von Walter Santesso) gab dem Phänomen der aggressiven Promifotos seinen bis heute gültigen Namen. Fellini wählte den Namen zufällig aus – er klang geeignet. Das Wort ist seitdem in nahezu alle Weltsprachen eingegangen.


Historische Bedeutung

La Dolce Vita erschien im Jahr des Wirtschaftswunders: Italien erlebte in den späten 1950er Jahren einen rapiden wirtschaftlichen Aufstieg, der mit einer explosiven Konsumkultur und einer neuen Prominenzgesellschaft verbunden war. Fellinis Film traf diesen Moment präzise – er war zugleich Spiegelung und Kritik.

Der Film provozierte in Italien heftige gesellschaftliche Debatten: Er wurde von der Kirche scharf verurteilt, von der Linken als Dekadenzanklage begrüßt, von der neuen Konsumgesellschaft zugleich bewundert und angeklagt. Diese Ambiguität – das gleichzeitige Feiern und Verurteilen des Glamours – ist das Herzstück des Films (vgl. Bondanella, 2002).


Einfluss auf Kino & Kultur

  1. Michelangelo AntonioniL'Avventura (1960, gleiches Jahr) setzt dieselbe Thematik der moralischen Leere mit noch radikalerer formaler Strenge fort.
  2. Bob FosseAll That Jazz (1979) übernimmt das episodische Porträt eines Mannes, der im Zentrum der Showwelt steht und innerlich leer ist.
  3. Paolo SorrentinoLa Grande Bellezza (2013) ist eine explizite Hommage an La Dolce Vita: wieder Marcello Mastroianni als Rollenmodell, wieder Rom, wieder die Suche nach Sinn im dekadenten Schönheitsraum.
  4. Woody AllenCelebrity (1998) und To Rome with Love (2012) übernehmen Fellinis Blick auf das Prominentenleben als Beobachtung von außen und innen zugleich.
  5. Harmony KorineSpring Breakers (2012) ist die amerikanische Popkultur-Version desselben Motives: Schönheit und Leer als Lebensform.

In der Praxis

La Dolce Vita ist im Medienstudium ein Schlüsseltext für die Diskussion von episodischer Filmstruktur, Gesellschaftssatire als Filmform und für die Kulturgeschichte des Fotojournalismus. Die Paparazzo-Figur ist der Ausgangspunkt für jeden Diskurs über visuelle Massenmedien, Prominenz und Intimsphäre. Der Film ist auch ein Dokument der Geschichte der Via Veneto als urbaner Mythos.


Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zu (Fellini, 1963) ist La Dolce Vita extravertierter und gesellschaftskritischer; ist introspektiv und selbstreflexiv. Beide zeigen Marcello Mastroianni als Mann in der Mitte einer Welt, der er nicht wirklich angehört. Gegenüber L'Avventura (Antonioni, 1960) ist Fellini üppiger und theatralischer, Antonioni minimalistischer und emotionskarier.


Häufige Fragen (FAQ)

Woher kommt das Wort „Paparazzo"? Fellini und Drehbuchautor Ennio Flaiano wählten den Namen für die Fotograf-Figur ohne tiefere Bedeutung – Fellini fand ihn phonetisch passend, „wie ein lästiges Insekt". Tatsächlich wurde der Name von Flaiano aus einem Reisebuch über Süditalien entnommen. Das Wort wurde nach dem Film zum Gattungsbegriff für alle aggressiven Schnappschuss-Fotografen.

Hat der Film wirklich ein Ende? Ja – aber eines der offensten der Filmgeschichte. Marcello steht am Strand, sieht über eine Mündung hinweg ein junges Mädchen winken, das er kaum kennt. Er versteht ihre Worte nicht, dreht sich um und geht zurück in die Nacht. Das Mädchen steht am anderen Ufer: unberührte Reinheit, die er nicht erreichen kann und vielleicht auch nicht will.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Monaco, James (2009): Film verstehen. Reinbek: Rowohlt. S. 284–290.
  • Bondanella, Peter (2002): The Films of Federico Fellini. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. New York: HarperCollins. S. 432.
  • Bazin, André (1967): Was ist Kino? Bausteine zur Theorie des Films. Köln: DuMont.
  • Sight & Sound Poll (2022): Greatest Films of All Time. London: BFI.
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