Metropolis (Deutschland, 1927) ist Fritz Langs monumentales expressionistisches Science-Fiction-Stummfilm-Epos – ein Werk, das mit seinen Bildern der vertikalen Stadt, der Maschinenfrau und der unterirdischen Arbeiterklasse das visuelle Repertoire des 20. Jahrhunderts grundlegend geprägt hat.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmklassiker · Niveau: Einsteiger Regie: Fritz Lang · Land: Deutschland · Jahr: 1927 · Länge: 153 min (restaurierte Fassung 2010) Auszeichnungen: UNESCO-Weltdokumentenerbe (2001); als erster Film überhaupt in das Weltdokumentenerbe aufgenommen; BFI Sight & Sound regelmäßig in Top-50-Listen
Worum geht es? (Handlung)
Im Jahr 2026 lebt die Elite der Stadt Metropolis in luxuriösen Hochhäusern und Gärten hoch über dem Erdboden. Darunter, in der Tiefe der Erde, schuften Arbeiter unter unmenschlichen Bedingungen, um die Maschinen am Laufen zu halten. Freder, Sohn des Stadtplaners Joh Fredersen, entdeckt die Unterwelt und trifft dort auf die prophetische Maria, die den Arbeitern Hoffnung predigt. Joh Fredersen lässt den Wissenschaftler Rotwang einen weiblichen Roboter bauen und ihm Marias Gestalt geben – die falsche Maria soll die Arbeiter anstacheln und einen Aufstand provozieren, der als Vorwand für Repression dienen soll. Der Plan eskaliert. Der echte Maria-Mythos: „Das Herz muss Mittler sein zwischen Hirn und Händen."
Filmsprache & Stil
Metropolis ist eines der visuell ehrgeizigsten Werke der Filmgeschichte. Das Budget von über 5 Millionen Reichsmark ruinierte die Ufa-Filmgesellschaft fast.
Architektonische Sets: Karl Vollbrecht und Otto Hunte schufen Stadtbilder, die vertikale Gesellschaftshierarchie buchstäblich in Architektur übersetzen: wolkenkratzerhohe Oberstadt für die Reichen, labyrinthische Untertiefenwerke für die Arbeiter. Diese Designphilosophie – Raumgestaltung als Gesellschaftskritik – beeinflusste Generationen von Production Designern.
Der Roboter (Maschinenmensch): Die Figur des weiblichen Roboters Maria – die Maschinenfrau, die sich in die echte Maria verwandelt – ist eines der einflussreichsten visuellen Konzepte der Filmgeschichte. Designer Walter Schulze-Mittendorff schuf ein Kostüm aus Silber und Aluminium, das archetypisch wurde. Die Szene, in der der Roboter durch Elektrizität belebt wird, ist Vorlage für zahllose spätere Science-Fiction-Schaffen.
Schüff'schen Bühnenbilder und Spiegeleffekte: Kameramann Karl Freund und Eugen Schüfftan entwickelten für Metropolis den Schüfftan-Prozess – ein optisches In-Camera-Verfahren, bei dem Spiegelreflexionen von Miniaturen über Echtstattisten gelegt werden. Dieser Trick erlaubte riesige Stadtkulissen ohne entsprechend riesige Sets zu bauen.
Expressionistische Lichtsetzung: Tiefe Schatten, starke Kontraste, unnatürliche Winkel – das visuelle Idiom des deutschen Expressionismus wird auf industrielle Skala gebracht.
Historische Bedeutung
Metropolis ist das erste filmische Werk, das eine kohärente, visuell ausgearbeitete Stadtutopie einer Dystopie des 20. Jahrhunderts präsentierte. Es etablierte Bildvorstellungen, die in Hunderten von nachfolgenden Science-Fiction-Filmen erscheinen.
Der Film ist auch Dokument der Weimarer Republik: Er entstand zwischen Revolution und Machtergreifung, in einer Zeit des klassengesellschaftlichen Konflikts, technologischen Aufbruchs und politischer Instabilität. Die Allegorie von Arbeit und Kapital, von Rebellion und Verrat hatte direkten politischen Bezug.
Paradoxerweise bewunderte Joseph Goebbels Metropolis und wollte Fritz Lang zum Chefregisseur des NS-Propagandafilms machen – Lang floh 1933 ins Exil (vgl. Katz, 1991, S. 818).
Einfluss auf Kino & Kultur
- Ridley Scott – Blade Runner (1982) ist die direkteste visuelle Nachfahre: vertikale Stadt, Dauerregen, neonbeleuchtet, Arbeiterelend im Dunkeln.
- Fritz Lang selbst – Die Roboterfigur Maria wurde Vorbild für den C-3PO in Star Wars (1977); George Lucas bestätigte den Einfluss explizit.
- Fritz Expressionismus – Der German Expressionism als Schulrichtung, die Jahrzehnte später im amerikanischen Film Noir (1940–1960) aufgeht, ist direkt von Metropolis informiert.
- Queen – „Radio Ga Ga" (1984) – Das Musikvideo zitiert Metropolis-Bilder ausgiebig.
- Dark City (Alex Proyas, 1998) und Brazil (Terry Gilliam, 1985) übernehmen die dystopische Hochstadt-Ästhetik direkt.
In der Praxis
Metropolis ist ein Pflichtwerk für Studierende der Mediengeschichte, des Production Design und der Filmästhetik. Der Schüfftan-Prozess ist ein frühes Beispiel für In-Camera-Compositing – eine Technik, die heute digital wiederkehrt. Die Roboterfigur Maria ist ein Ausgangspunkt für jede Diskussion über die Repräsentation künstlicher Intelligenz und künstlicher Weiblichkeit im Film.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu Panzerkreuzer Potemkin (Eisenstein, 1925) – dem sowjetischen Pendant des politisch ambitionierten Stummfilms – ist Metropolis bürgerlicher und melodramatischer, Eisenstein agitatorischer und formal radikaler. Beide Filme sind Höhepunkte der Stummfilmkunst, aber mit gegensätzlicher politischer Perspektive: Eisenstein für die proletarische Revolution, Lang für einen paternalistischen Mittlerkompromiss.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum gibt es verschiedene Fassungen des Films? Die Originalfassung von 1927 war über zwei Stunden lang. Für den US-amerikanischen und britischen Verleih wurde sie erheblich gekürzt und umgeschnitten. Jahrzehntelang war keine vollständige Fassung verfügbar. 2008 wurde in einem argentinischen Archiv (Museo del Cine Buenos Aires) eine fast vollständige 16-mm-Kopie gefunden; 2010 wurde die restaurierte Fassung (153 min) veröffentlicht.
Ist Metropolis Science Fiction oder politische Allegorie? Beides. Die Science-Fiction-Elemente (Roboter, Zukunftsstadt, Technik) sind Vehikel für eine politische Allegorie über Klassenkampf, Aufstand und Befriedung. Die Botschaft „Das Herz ist der Mittler zwischen Hirn und Hand" wurde von linken Kritikern als zutiefst konservativ kritisiert – auch von H. G. Wells, der den Film als „intellektuell scheußlich" bezeichnete.
Verwandte Einträge
- Fritz Lang
- Stummfilm und Weimarer Kino
- Production Design und Art Direction
Weiterführend
- Monaco, James (2009): Film verstehen. Reinbek: Rowohlt. S. 255–260.
- Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. New York: HarperCollins. S. 818.
- Elsaesser, Thomas (2000): Metropolis. London: BFI Film Classics.
- Eisner, Lotte H. (1969): The Haunted Screen: Expressionism in the German Cinema. Berkeley: University of California Press.
- Sight & Sound Poll (2022): Greatest Films of All Time. London: BFI.
