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Taxi Driver (USA, 1976) ist Martin Scorseses psychologisches Portrait des vereinsamten Vietnam-Veteranen Travis Bickle – ein Meisterwerk des New Hollywood, das die amerikanische Nachkriegsangst, städtische Entfremdung und moralischen Verfall in unvergleichlicher Bildsprache verkörpert.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmklassiker · Niveau: Einsteiger Regie: Martin Scorsese · Land: USA · Jahr: 1976 · Länge: 114 min Auszeichnungen: Goldene Palme (Cannes, 1976); Oscar-Nominierungen für besten Film, besten Hauptdarsteller (Robert De Niro), beste Nebendarstellerin (Jodie Foster), beste Filmmusik


Worum geht es? (Handlung)

Travis Bickle ist ein schlafloser Vietnam-Veteran in New York City, der nachts als Taxifahrer durch die Straßen fährt. Er hasst den moralischen Verfall der Stadt: Prostituierte, Zuhälter, Kleinkriminelle. Sein Tagebuch ist Zeugnis zunehmender psychischer Instabilität. Er verliebt sich in Betsy, eine Mitarbeiterin im Wahlkampfteam eines Senators – das Scheitern der Romanze verstärkt sein Gefühl der Ausgrenzung. Er beschließt zu handeln: zuerst mit einem Attentatsplan, dann als Retter der zwölfjährigen Prostituierten Iris. Die gewaltsame Befreiungsszene wird von der Presse als Heldentat gefeiert – Travis' Gewalt, die psychotisch motiviert war, wird als Selbstjustiz heroisiert. Die Ambiguität bleibt bis zum Ende unaufgelöst.


Filmsprache & Stil

Kameramann Michael Chapman und Scorsese entwickelten eine Bildsprache, die New York als Höllenmetapholik benutzt: feuchte Straßen, neonerleuchtete Pfützen, Dampf aus Kanalöffnungen, die aus dem Asphalt steigen wie Rauch aus einer Unterwelt. Die Nacht wird nie naturalistisch, sondern immer expressionistisch behandelt – ein visuelles Erbe des Film Noir und des deutschen Expressionismus.

Subjektive Kamera: Ein großer Teil des Films folgt Travis' Perspektive. Die Kameraführung ist nervös, registrierend, voyeuristisch. Zeitlupensequenzen – besonders beim langsamen Durchfahren der Straßen – geben dem Alltäglichen eine traumartige, dissoziierte Qualität.

Bernard Herrmanns letzter Score: Herrmann, Stammkomponist von Alfred Hitchcock, schrieb kurz vor seinem Tod die Filmmusik zu Taxi Driver. Der Score kombiniert Jazz-Saxophon (Entfremdung, Großstadtmelancholie) mit finsteren Orchesterpassagen. Herrmann starb in der Nacht, nachdem er die Aufnahmen abgeschlossen hatte.

Die „You talkin' to me?"-Szene: Travis übt vor dem Spiegel Selbstgespräche als imaginärer Schläger. Die Szene ist improvisiert (De Niro entwickelte sie aus dem spärlichen Drehbuchhinweis „Travis speaks to himself") und ist zu einer der meistzitierten Szenen der Filmgeschichte geworden.

Overhead Shot (Vogelperspektive) am Ende: Nach dem Massaker schwenkt die Kamera von einer extremen Vogelperspektive auf die Szene – ein Blick, der das Geschehen distanziert, beinahe unwirklich macht und Fragen stellt, ob das Gezeigte Realität oder Fantasie ist.


Historische Bedeutung

Taxi Driver erschien im Nachwehen des Vietnamkriegs und der Watergate-Affäre – einer Zeit tiefer amerikanischer Vertrauenskrise. Schraders Drehbuch (von Paul Schrader) verarbeitet die existenzielle Desillusionierung dieser Epoche durch einen Protagonisten, der weder Held noch Antiheld, sondern ein gefährliches Symptom ist (vgl. Biskind, 1998).

Der Film ist ein Eckpfeiler der Debatte um Gewaltdarstellung im Kino: Die Schlusssequenz mit blutiger Gewalt war 1976 skandalös. Scorsese bat Farbtonmeister David Nichols, die Farben entsättigter zu gestalten, um einer NC-17-Einstufung zu entgehen. Das verfremdete Bild wurde paradoxerweise als künstlerischer Gewinn wahrgenommen.


Einfluss auf Kino & Kultur

  1. Paul Schrader – Schraders Drehbuch wurde zum Modell für das Autorendrehbuch als literarisches Werk (American Gigolo, 1980; Affliction, 1997).
  2. Joel SchumacherFalling Down (1993) variiert das Motiv des vereinsamten Mannes, der in städtischer Ohnmacht zur Gewalt greift.
  3. Todd PhillipsJoker (2019) ist eine explizite Neumontage von Scorseses Themen und Bildsprache, mit De Niro in einer Nebenrolle als Spiegelkommentar.
  4. David FincherSe7en (1995) übernimmt die nasse, neongetränkte Stadtbildästhetik direkt.
  5. Nicolas Winding RefnDrive (2011) adaptiert Travis Bickles Einsamkeit und nächtliche Stadtfahrten als neo-noir-Meditation.

In der Praxis

Taxi Driver ist im Medienstudium ein zentrales Beispiel für subjektive Erzählperspektive und den unzuverlässigen Erzähler im Film: Das gesamte New York des Films ist Travis' psychotische Projektion. Die Analyse der Kameraführung zeigt, wie Subjektivität visuell kodiert wird; die Schlussdebatte über die Auflösung fordert zur Diskussion über offene vs. geschlossene Erzählung auf.


Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zu Der Pate (Coppola, 1972) – dem anderen New-Hollywood-Großwerk derselben Epoche – ist Taxi Driver kleiner, intimer und radikaler in seiner Ablehnung moralischer Eindeutigkeit. Coppola erzählt ein episches Familiendrama; Scorsese ein klaustrophobisches Einzelgänger-Tagebuch. Im Vergleich zu Scorseses eigenem GoodFellas (1990) ist Taxi Driver psychologischer und weniger soziologisch.


Häufige Fragen (FAQ)

Ist das Ende von Taxi Driver real oder Fantasie? Das ist eine der meistdiskutierten Fragen der Filmanalyse. Der abrupte Wandel von blutigem Finale zur harmonischen Auflösung (Travis als Held, Iris zurück bei ihren Eltern) ist formal zu „sauber" – viele Interpreten lesen das Ende als Travis' Sterbefantasie oder Wunschbild. Scorsese und Schrader haben sich nie eindeutig festgelegt.

Hat der Film reale Gewalt inspiriert? 1981 erschoss John Hinckley Jr. US-Präsident Ronald Reagan mit dem expliziten Ziel, die Aufmerksamkeit von Jodie Foster zu erregen – er hatte den Film obsessiv verfolgt. Dies löste in den USA eine breite Debatte über Mediengewalt aus. Der Film selbst ist kein Aufruf zu Gewalt – er analysiert sie.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Biskind, Peter (1998): Easy Riders, Raging Bulls. New York: Simon & Schuster.
  • Monaco, James (2009): Film verstehen. Reinbek: Rowohlt. S. 430–433.
  • Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. New York: HarperCollins. S. 1262.
  • Schrader, Paul (1972): Notes on Film Noir. In: Film Comment, Jg. 8, Nr. 1.
  • Sight & Sound Poll (2022): Greatest Films of All Time. London: BFI.
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