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Der Spiegel (Зеркало / Zerkalo, UdSSR, 1975) ist Andrei Tarkowskis autobiografisches Filmgedicht – ein nicht-narratives Werk aus Erinnerungen, Träumen, historischen Wochenschauaufnahmen und Gedichten seines Vaters, das zu den poetischsten und rätselhaftesten Werken der Kinogeschichte zählt.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmklassiker · Niveau: Einsteiger Regie: Andrei Tarkowski · Land: UdSSR · Jahr: 1975 · Länge: 106 min Auszeichnungen: Preis des Internationalen Filmkritikerverbands FIPRESCI; in Sight & Sound-Polls regelmäßig unter den Top 20; in Tarkowskis eigenem Ranking sein persönlich liebster Film


Worum geht es? (Handlung)

Der Spiegel hat keine konventionelle Handlung. Der Film ist eine Montage aus Erinnerungen, Träumen und Halluzinationen des nie sichtbaren Protagonisten Alexei – einer Figur, die Tarkowski selbst entspricht. Schauplätze: die Kindheitsdatsche in den 1930er Jahren, Moskau während der Kriegsjahre, die Nachkriegszeit. Alexeis Mutter (und später seine Ex-Frau, gespielt von derselben Schauspielerin) erscheinen in wechselnden Zeitebenen. Dazwischen: historische Wochenschauaufnahmen (der Spanische Bürgerkrieg, Stalingrad, Atombombentests), Gedichte von Arsseni Tarkowski (Andreis Vater), die vom Dichter selbst gesprochen werden. Es gibt keine lineare Entwicklung, keinen Plot im klassischen Sinne – nur die Textur einer Erinnerung, die sich aus Bruchstücken zusammensetzt.


Filmsprache & Stil

Der Spiegel ist der reinste Ausdruck von Tarkowskis Konzept der „versiegelten Zeit" (zapetchatlennoje wremja): Film als Mittel, Zeitmomente zu bewahren und erfahrbar zu machen – nicht durch Narration, sondern durch sensorische Intensität.

Lange Einstellungen (long takes): Tarkowski und Kameramann Georgi Rerberg filmen mit sehr langen, langsam gleitenden Einstellungen. Die Kamera bewegt sich durch Räume wie ein Geist – sie driftet, hält inne, kehrt zurück. Die Zeit dehnt sich.

Wasser und Feuer: Tarkowski arbeitet mit zwei Urelementen als symbolischen Leitmotiven. Wasser (Regen, Pfützen, Flüsse) steht für Reinigung, Erinnerung und Vergehen; Feuer für Zerstörung und Leidenschaft. Beide erscheinen in auffällig inszenierten, filmisch kunstvollen Sequenzen (die berühmte Sequenz des brennenden Hauses; der Regen in der Kindheitsdatsche).

Schwarzweißaufnahmen und Farbfilm: Tarkowski wechselt zwischen Farb- und Schwarzweißaufnahmen. Die Gegenwart erscheint oft in gedämpften Farben, die Erinnerungen in Schwarzweiß oder Sepia – doch diese Zuordnung ist nicht absolut, was zusätzliche Desorientierung erzeugt.

Geschweifte Erzählstimme und Gedichte: Die Off-Stimme des Protagonisten kommentiert das Geschehen episodisch; die rezitierten Gedichte von Arsseni Tarkowski bilden eine zweite Klang-Ebene, die Bild und Bedeutung kommentiert ohne zu erklären.


Historische Bedeutung

Der Spiegel war bei seiner Veröffentlichung in der Sowjetunion ein offiziöser Skandal: Das Kultusministerium stufte den Film als „unverständlich" ein und beschränkte seine Verbreitung. Tarkowski selbst berichtete, dass gewöhnliche Bürger ihm nach Vorführungen weinend die Hand schüttelten – der Film traf eine persönliche Saite, die ideologische Hüter nicht sehen wollten.

Filmtheoretisch definierte Der Spiegel den poetischen Filmstil als eine eigene Gattung jenseits des narrativen oder dokumentarischen Films. Tarkowskis Buch Die versiegelte Zeit (1985) – eine der wichtigsten Filmtheorien des 20. Jahrhunderts – entfaltet diese Ästhetik (Monaco, 2009, S. 360).


Einfluss auf Kino & Kultur

  1. Elem KlimowCome and See (1985) übernimmt Tarkowskis Montagepoesie im Kontext historischer Traumata.
  2. Terrence MalickThe Tree of Life (2011) ist die westliche Entsprechung: nicht-lineare Erinnerung, Naturpoesie, Off-Stimme.
  3. Béla Tarr – Tarrs Langeinstellungs-Ästhetik in Sátántangó (1994) und The Turin Horse (2011) trägt Tarkowskis Erbe fort.
  4. Carlos Reygadas – Mexikanischer Filmemacher, dessen Silent Light (2007) Tarkowskis Zeitgefühl direkt adaptiert.
  5. Lav Diaz – Philippinischer Regisseur, der extreme Langfilmformen als Erbe der tarkowskischen Zeitpoetik versteht.

In der Praxis

Der Spiegel fordert Medienstudierende heraus, weil er das konventionelle Narrationsmodell vollständig verweigert. Die Analyse des Films schult die Fähigkeit, nichtnarrative Strukturprinzipien zu erkennen: Thematische statt kausale Verknüpfung von Einstellungen, symbolische Bildmotive als Strukturgeber, der Einsatz von Ton und Off-Sprache als eigenständige Bedeutungsträger. Wer Der Spiegel analysiert, muss die Werkzeuge der Literatur (Lyrik, Assoziation, Metapher) mit denen der Filmanalyse verbinden.


Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zu Zerkalos Zeitgenossen – etwa Jeanne Dielman (Akerman, 1975) – ist Tarkowskis Ansatz metaphysisch und lyrisch, Akermans Ansatz materialistisch und streng protokollarisch. Beide verweigern konventionelle Narration, aber mit gegensätzlichen Strategien. Innerhalb von Tarkowskis Werk ist Zerkalo das persönlichste Werk; Stalker (1979) und Andrei Rublev (1966) sind epischer und allegorischer.


Häufige Fragen (FAQ)

Warum spielen Mutter und Ex-Frau dieselbe Darstellerin? Tarkowski besetzte Margarita Terechowa bewusst in beiden Rollen. Die Doppelbesetzung ist psychologisch motiviert: In der Erinnerung eines Menschen werden Mutterbild und Partnerbild häufig überlagert oder verwechselt. Der Film macht diesen unbewussten Mechanismus sichtbar.

Braucht man Kenntnisse der russischen Geschichte? Die historischen Einschübe (Wochenschauaufnahmen, Kriegsszenen) gewinnen durch Kontextwissen an Tiefe, sind aber nicht Voraussetzung für ein bewegtes Erleben des Films. Tarkowski wollte keine Geschichtsstunde geben, sondern eine Atmosphäre des kollektiven Gedächtnisses evozieren.


Verwandte Einträge

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  • Lange Einstellung und Time-Image
  • Poesiefilm und lyrischer Film

Weiterführend

  • Tarkowski, Andrei (1985): Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films. Frankfurt am Main: Ullstein.
  • Monaco, James (2009): Film verstehen. Reinbek: Rowohlt. S. 360–364.
  • Katz, Ephraim (1991): The Film Encyclopedia. New York: HarperCollins. S. 1351.
  • Tarkovsky, Andrei (1994): Bright, Bright Day – Scripts and Interviews. London: Faber and Faber.
  • Sight & Sound Poll (2022): Greatest Films of All Time. London: BFI.
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