Chantal Anne Akerman (* 6. Juni 1950 in Brüssel; † 5. Oktober 2015 in Paris) war eine belgische Filmregisseurin, Autorin und Videokünstlerin, deren Werk die Sprache des Kinos durch feministische Perspektive, Langzeitbeobachtung und autobiografische Dringlichkeit revolutionierte.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger Geboren: 6. Juni 1950, Brüssel, Belgien · Gestorben: 5. Oktober 2015, Paris, Frankreich · Nationalität: Belgisch
Biografie
Chantal Akerman wurde in eine jüdisch-polnische Immigrantenfamilie in Brüssel geboren; ihre Mutter war Auschwitz-Überlebende. Diese biographische Konstellation – die ererbte Traumaerfahrung, die Exilkultur und das Schweigen darüber – durchzieht ihr Werk von der ersten bis zur letzten Arbeit. Mit 18 Jahren sah sie Jean-Luc Godards Pierrot le fou und entschied sofort, Filmemacherin zu werden. Sie besuchte kurz die Filmhochschule INSAS in Brüssel und zog dann nach New York, wo sie unter dem Einfluss des US-amerikanischen Experimentalfilms (Stan Brakhage, Michael Snow) arbeitete und ihren Stil entwickelte.
Ihr Durchbruch war Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1975): über drei Stunden Realzeit, in denen wir eine Hausfrau/Prostituierte in Brüssel bei Alltagsroutinen beobachten, bis ein einzelner Riss im Muster in Gewalt mündet. Der Film wurde von der Zeitschrift Sight & Sound 2022 zum besten Film aller Zeiten gewählt – ein Erdbeben in der kanonischen Filmgeschichte, die traditionell männlich dominiert ist. Akerman arbeitete bis zu ihrem Tod als Regisseurin und Videoinstallationskünstlerin. Sie starb 2015 durch Suizid, wenige Wochen nach dem Tod ihrer Mutter.
Stil & Themen
Akermans Kino ist das Kino des Wartens und der Wiederholung. Sie filmt Alltagshandlungen – Kartoffeln schälen, Wasser aufsetzen, einen Tisch abräumen – in Echtzeit und aus fester Kameraposition, ohne dramaturgische Manipulation. Diese Strategie verweigert die Hierarchisierung von Handlungen: Was das konventionelle Kino als unwichtig ausblendet, rückt Akerman in den Mittelpunkt. Damit macht sie das Unsichtbare sichtbar: die unentlohnte Reproduktionsarbeit von Frauen, die Struktur des Alltags, die emotionale Mechanik hinter rituellen Handlungen.
Autobiografie ist bei Akerman kein Rückzug ins Persönliche, sondern ein politisches Mittel: Je tu il elle (1974), News from Home (1977, Postkarten der Mutter aus Brüssel, verlesen über Bilder von New York) und No Home Movie (2015, letztes Werk, Portrait der sterbenden Mutter) formen einen autobiografischen Bogen. Jüdisches Gedächtnis, Exil und die Unmöglichkeit von Heimat sind durchgehende Motive.
Wichtige Filme
- Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1975) – 201 Minuten; Delphine Seyrig als Brüsseler Hausfrau und Nebenzeit-Prostituierte; Maßstab des feministischen Kinos; bester Film aller Zeiten nach Sight & Sound 2022.
- Je tu il elle (Ich, du, er, sie, 1974) – Akerman selbst in den Hauptrollen; fragmentierter Episodenfilm über Begehren, Einsamkeit und Körper.
- News from Home (1977) – Dokumentarfilm/Essayfilm; Bilder des nächtlichen New York, während Akermans Stimme Briefe ihrer Mutter vorliest; Meditation über Entfernung und Bindung.
- Les Rendez-vous d'Anna (Die Verabredungen der Anna, 1978) – Eine belgische Filmregisseurin auf Promo-Tour durch Europa; autobiografische Reflexion über Reisen, Fremdsein und Einsamkeit.
- No Home Movie (2015) – Letztes Werk; Portrait von Akermans Mutter im letzten Lebensjahr; rohe Unmittelbarkeit; Skype-Gespräche und häusliche Momente ohne Distanzierung.
Einfluss & Bedeutung
Akermans Einfluss auf das feministische Kino, den Essayfilm und das „Slow Cinema" ist fundamental. Sie bewies, dass die Kamera selbst ideologisch ist – dass was gezeigt wird und wie lange, eine politische Entscheidung ist. Ihre Verweigerung von Schuss-Gegenschuss, die Ablehnung emotionaler Manipulation und die Konzentration auf weibliche Alltagserfahrung beeinflussten Filmemacherinnen wie Kelly Reichardt, Claire Denis und Mia Hansen-Løve. Die Neubewertung durch Sight & Sound 2022 hat sie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht und die kanonische Filmgeschichte herausgefordert.
Vergleich & Abgrenzung
Akermans Nähe zu Jean-Luc Godard ist offensichtlich: Sie lernte von seiner Bildkritik und seinem Verständnis, dass jede filmische Entscheidung politisch ist. Doch wo Godard intellektuell und männlich zentriert bleibt, stellt Akerman weibliche Körper und weibliche Zeit in den Mittelpunkt. Verglichen mit Michael Haneke, mit dem sie die Alltagsdauer und Langzeiteinstellung teilt, ist Akerman intimer und auto-/biographischer; Haneke analysiert von außen, Akerman erzählt von innen. Marguerite Duras, die ebenfalls radikale Filmformen und Feminismus verband, ist ihre wichtigste Parallelfigur.
Häufige Fragen (FAQ)
*Warum ist Jeanne Dielman bester Film aller Zeiten bei Sight & Sound 2022 gewählt worden? Die Sight-&-Sound-Umfrage erscheint alle zehn Jahre und basiert auf den Stimmen von über 1.600 Filmkritiker:innen, Regisseur:innen und Kurator:innen. 2022 war die Zusammensetzung der Wählendengruppe deutlich diverser als in früheren Jahrzehnten (mehr Frauen, mehr nicht-westliche Stimmen). Jeanne Dielman erhielt 343 Stimmen – mehr als Vertigo (2012 auf Platz 1) und Citizen Kane* (jahrelanger Spitzenreiter). Die Wahl ist selbst ein kulturkritisches Statement: Kino von Frauen und über Frauen wird nun als Teil des Kanons sichtbar gemacht.
Wie ist Akermans Entscheidung zu ihrem Suizid zu bewerten? Akerman litt ihr Leben lang an Depressionen und hatte einen schwierigen Umgang mit ihrem traumatisierten Erbe. Der Tod ihrer Mutter im September 2015, mit der sie eine intensive und schmerzhaft-liebevolle Beziehung hatte (zuletzt dokumentiert in No Home Movie), scheint der unmittelbare Anlass gewesen zu sein. Der Suizid ist keine Werkaussage, aber er ist untrennbar mit den Themen verwoben, die Akerman ihr Leben lang verhandelte: Bindung, Verlust, Erbe und die Unmöglichkeit von Heimat.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Monaco, James (2009): Film verstehen. Rowohlt, Reinbek. S. 380–395.
- Katz, Ephraim (2012): The Film Encyclopedia. Harper Collins, New York. Eintrag: Akerman.
- Foster, Gwendolyn Audrey (1995): Women Film Directors: An International Bio-critical Dictionary. Greenwood, Westport. Eintrag: Akerman.
- Margulies, Ivone (1996): Nothing Happens: Chantal Akerman's Hyperrealist Everyday. Duke University Press.
- Sight & Sound (2022): Ergebnisse der Umfrage zum besten Film aller Zeiten. BFI, London.
