François Truffaut (* 6. Februar 1932 in Paris; † 21. Oktober 1984 in Neuilly-sur-Seine) war ein französischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmkritiker, der als Mitbegründer der Nouvelle Vague und Autor des einflussreichen Hitchcock-Gesprächsbuchs die Filmgeschichte gleich doppelt prägte.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger Geboren: 6. Februar 1932, Paris, Frankreich · Gestorben: 21. Oktober 1984, Neuilly-sur-Seine, Frankreich · Nationalität: Französisch
Biografie
François Truffaut wuchs in Paris in schwierigen Verhältnissen auf: unehelich geboren, zeitweise in Heimen, schwacher Schulleistungen wegen reformiert. Die Entdeckung des Kinos durch den Filmclub-Gründer André Bazin wurde zu seiner Rettung – buchstäblich und künstlerisch. Bazin, Mitgründer der Cahiers du Cinéma, nahm den Jugendlichen unter seine Fittiche. Truffaut wurde Filmkritiker und einer der schärfsten Polemiker gegen das „Qualitätskino" der französischen 1950er Jahre; sein Essay Une certaine tendance du cinéma français (1954) gilt als Gründungstext der Auteur-Theorie.
Sein Debütfilm Sie küssten und sie schlugen ihn (fr. Les Quatre Cents Coups, 1959) – autobiografisch, über einen vernachlässigten Jugendlichen, der in die Kriminalität abdriftet – gewann den Regiepreis in Cannes und machte Truffaut international bekannt. Es folgte eine der vielgestaltigsten Karrieren der Nouvelle Vague: Liebesdramen (Jules et Jim, 1962), Thriller im Hitchcock-Stil (Die Braut trug schwarz, 1968), Science Fiction (Fahrenheit 451, 1966) und ein Film über das Filmemachen selbst (Die amerikanische Nacht, 1973). Der Antoine-Doinel-Zyklus – fünf Filme über dieselbe Figur (gespielt von Jean-Pierre Léaud) zwischen 1959 und 1979 – ist das intimste autobiografische Filmprojekt der Nouvelle Vague. Truffaut starb 1984 mit 52 Jahren an einem Hirntumor.
Stil & Themen
Truffauts Stil verbindet Cinéphilie mit Menschlichkeit: Seine Filme sind gefüllt mit Filmzitaten, Büchern, Kinoplakaten und kulturellen Referenzen; gleichzeitig ist ihre emotionale Wärme für die Nouvelle Vague ungewöhnlich. Wo Godard intellektuell und kalt ist, ist Truffaut sentimental und offen. Seine Kamera beobachtet Figuren mit liebevoller Geduld, ohne zu verurteilen; Kindheit und erste Liebe sind seine bevorzugten Themen.
Formal arbeitete er mit langen Einstellungen, Handkamera und Jump Cuts (im Geiste der Nouvelle Vague), ohne aber die Lesbarkeit für ein breites Publikum zu gefährden. Sein Gespür für Schauspiel – besonders mit Kinderdarstellern – ist außergewöhnlich; Jean-Pierre Léaud als Antoine Doinel wurde durch Truffaut zur Ikone des französischen Kinos.
Wichtige Filme
- Les Quatre Cents Coups (Sie küssten und sie schlugen ihn, 1959) – Autobiografisches Porträt eines vernachlässigten Pariser Jugendlichen; Regie: Truffaut; Preis für die beste Regie, Cannes; Gründungsdokument der Nouvelle Vague.
- Jules et Jim (Jules und Jim, 1962) – Liebesdreieck zwischen zwei Freunden und einer Frau; Jeanne Moreau; Zeitraum 1912–1933; Bild weiblicher Autonomie und seiner Konsequenzen.
- Fahrenheit 451 (1966) – Einziger englischsprachiger Film Truffauts; Adaption des Ray-Bradbury-Romans über eine Gesellschaft, die Bücher verbrennt; melancholischer Science-Fiction-Film.
- L'enfant sauvage (Das Wolfskind, 1970) – Historische Geschichte eines wild aufgewachsenen Kindes im 18. Jahrhundert; Truffaut selbst in einer Rolle; pädagogische Reflexion.
- La Nuit américaine (Die amerikanische Nacht, 1973) – Metafilm über das Filmemachen selbst; Truffaut als Regisseur, der einen Film dreht; Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Einfluss & Bedeutung
Truffauts Auteur-Theorie, entwickelt in den Cahiers du Cinéma, veränderte die Filmkritik weltweit und machte den Regisseur zum zentralen Subjekt der Filmanalyse. Sein Interview-Buch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? (frz. 1966) ist bis heute das meistgelesene Buch über Filmregie und gilt als Standardwerk filmischer Didaktik. Als Regisseur etablierte er das persönliche, autobiografische Autorenkino als legitime Kunstform; der Antoine-Doinel-Zyklus ist ein Unikat in der Filmgeschichte.
Vergleich & Abgrenzung
Im Gegensatz zu Jean-Luc Godard, seinem engsten Weggefährten und späteren Kontrahenten, bevorzugt Truffaut Zugänglichkeit über intellektuelle Provokation. Die beiden brachen persönlich zerstritten in den frühen 1970er Jahren; Truffaut warf Godard vor, Kino für politische Propaganda zu instrumentalisieren; Godard warf Truffaut vor, das bürgerliche Kino zu reproduzieren. Beide hatten – aus verschiedenen Blickwinkeln – recht. Verglichen mit dem Briten Lindsay Anderson und dem amerikanischen Counterpart John Cassavetes ist Truffaut thematisch weniger politisch; er ist ein Humanist, kein Aktivist.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist die Auteur-Theorie und warum entwickelte Truffaut sie? Die Auteur-Theorie behauptet, dass der Regisseur der primäre Autor eines Films ist – vergleichbar einem Romanschriftsteller –, der trotz industrieller Produktionsbedingungen eine konsistente persönliche Handschrift entwickeln kann. Truffaut entwickelte diese These in den Cahiers du Cinéma als Polemik gegen das französische Qualitätskino, das er als literarisch adaptiert und handwerklich, aber nicht künstlerisch erachtete. Die Theorie wurde zum Fundament der Filmwissenschaft und -kritik weltweit.
Wie verlief die Freundschaft und der Bruch zwischen Truffaut und Godard? Die beiden lernten sich in den Cahiers du Cinéma kennen und bildeten das Herzstück der Nouvelle Vague. Nach 1968 entwickelten sie unversöhnliche politische und ästhetische Differenzen: Godard radikalisierte sich marxistisch, Truffaut blieb liberal-humanistisch. 1973 schrieb Godard einen vernichtenden Brief an Truffaut, in dem er ihm Selbstbetrug und Bourgeois-Ästhetik vorwarf. Die beiden versöhnten sich nie; Truffaut starb 1984, Godard 2022.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Monaco, James (2009): Film verstehen. Rowohlt, Reinbek. S. 355–375.
- Katz, Ephraim (2012): The Film Encyclopedia. Harper Collins, New York. Eintrag: Truffaut.
- Truffaut, François (1966): Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? Hanser, München. (Klassiker)
- de Baecque, Antoine / Toubiana, Serge (1999): Truffaut: A Biography. Knopf, New York.
- Insdorf, Annette (1994): François Truffaut. Cambridge University Press.
