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High-Speed-Fotografie ist die Aufnahme von Ereignissen, die sich zu schnell für das menschliche Auge abspielen – durch extrem kurze Blitzlichtdauern (bis 1/1.000.000 s) oder Hochfrequenz-Kameraverschlüsse werden Momente sichtbar gemacht, die normalerweise unsichtbar sind.

Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Fotografie-Gattungen · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Hochgeschwindigkeitsfotografie, Stroboskopfotografie, Stop-Motion Photography


Was ist High-Speed-Fotografie?

High-Speed-Fotografie zeigt, was kein Auge je sieht: die perfekte Krone eines Wassertropfens, der in Milch fällt – gefroren in 1/30.000 Sekunde. Eine berstende Glühbirne, eine Kugel durch einen Apfel, der Aufschlag eines Golfs auf einem nassen Grün. Diese Bilder haben eine eigene Ästhetik: wissenschaftlich präzise und dennoch malerisch schön.

Das Genre hat zwei unterschiedliche Ansätze: den Blitz-basierten (für Studio-Stilleben) und den Highspeed-Kamera-basierten (für Video und Film, außerhalb des Consumer-Bereichs).


Erklärung

Das Grundprinzip – Blitz statt Verschluss: Bei der Blitz-basierten High-Speed-Fotografie wird die eigentliche Belichtungszeit nicht durch den Kameraverschluss gesteuert, sondern durch die Dauer des Blitzlichts. Das Prinzip:

  • Raum völlig abdunkeln
  • Kameraverschluss öffnen (Bulb-Modus, mehrere Sekunden)
  • Das Ereignis tritt ein und löst den Blitz aus
  • Der ultrakurze Blitz friert das Motiv ein
  • Verschluss schließen

Da nur der Blitz Licht liefert, kann die Kameraöffnungszeit keine Rolle spielen – entscheidend ist allein die Blitzdauer.

Blitzdauer: Normale Studioblitze haben Blitzdauern von 1/800–1/2000 s – zu langsam für echte High-Speed-Fotografie. Speziell für High-Speed:

  • Günstiger Kompaktblitz im manuellen Modus bei minimaler Leistung (1/128 oder 1/256): Ca. 1/10.000–1/30.000 s Blitzdauer. Leistung und Blitzdauer sind invers: je weniger Leistung, desto kürzer die Blitzdauer
  • Professionelle HS-Blitze (z. B. Godox Fresnel, Broncolor Siros HS): Bis 1/100.000 s möglich
  • Xenon-Blitze (Spezialsysteme): Bis 1/1.000.000 s für extreme Anwendungen (Ballistik, Forschung)

Trigger-Systeme: Das größte technische Problem: Wie löst man den Blitz genau im richtigen Moment aus? Der Fotograf kann nicht schnell genug reagieren – automatische Trigger sind nötig.

  • Sound-Trigger: Registriert ein Geräusch (Platzen, Einschlag, Klicken) und löst den Blitz nach einstellbarer Verzögerung aus. Klassisch für Ballons, Gläser, Knallkörper. Einfach, günstig (z. B. Pluto Trigger ca. 60 €, Sensors ab ~30 €)
  • Lichtbarrieren-Trigger (Laser-Trigger): Ein Laserstrahl unterbricht bei Durchgang eines Objekts den Blitz-Trigger. Präziser als Sound-Trigger. Für Wassertropfen, Projektile, fliegende Objekte
  • Timer/Delay-Trigger: Kombination aus Trigger-Ereignis und einstellbarer Verzögerung in Millisekunden – der Fotograf kann den Zeitpunkt im Ablauf eines Ereignisses fein einstellen
  • DIY-Systeme: Arduino-basierte Trigger mit Ultraschall-Sensor, Strom-Unterbrechung oder Infrarot

Klassische High-Speed-Motive:

  1. Wassertropfen: Ein Tropfen fällt in Wasser oder Milch – beim Einschlag entstehen Kronen (Splashes), Säulen und sekundäre Tröpfchen. Die Krone entsteht 1–10 ms nach dem Einschlag. Mit einem Lichtbarrieren-Trigger und einstellbarer Verzögerung kann der exakte Augenblick der Krone reproduzierbar getroffen werden.
  2. Ballon-Platzen: Ein aufgeblasener Ballon wird zerstechen und der Blitz durch den Sound-Trigger ausgelöst. Das Latex schält sich in Sekundenbruchteilen zurück und lässt die Luftsäule und den Inhalt sichtbar.
  3. Kugel durch Objekte: Ballistik-Fotografie (erfordert Sicherheitsvorkehrungen, oft in spezialisierten Labors). Harold Edgerton, MIT-Professor und Begründer der modernen High-Speed-Fotografie, entwickelte in den 1930er–1970er Jahren die grundlegenden Techniken.
  4. Einschlag von Objekten: Ei auf Boden, Tomate gegen Wand, Glasbruch – durch Sound-Trigger und Kleinstleistungs-Blitz reproduzierbar.
  5. Wasserspritzer im Stroboskop: Mehrere Blitze in schneller Folge zeigen Bewegungsphasen in einem einzigen Bild.

Beispiele

  1. Harold E. Edgerton (MIT, 1931–1990): Der Vater der Stroboskopfotografie. Erfand den Elektronenblitz und nutzte ihn für die erste High-Speed-Fotografie: Milchtropfen-Kronen, Golfschläger-Aufschlag, Tänzerin im Bewegungsablauf. Seine Bilder erschienen in Life Magazine und definierten das Genre.
  2. Heinz Nixdorf (Deutschland): Pionier der deutschen High-Speed-Naturfotografie – blitzschnelle Aufnahmen von Schmetterlingen im Flug und Bienen beim Bestäuben.
  3. Corrie White (Kanada): Aktuelle Meisterin der Wassertropfen-Fotografie – ihre geometrisch perfekten Kronen und Türme aus gefärbten Flüssigkeiten gelten als Benchmark des Genres.
  4. Alan Sailer (USA): Spezialist für explodierende Objekte – Früchte, Lebensmittel, Alltagsgegenstände im Moment des Zerstörens. Seine Bilder verbinden Wissenschaft mit Ästhetik.
  5. Martin Waugh (liquidart.us): Wassertropfen-High-Speed-Fotografie als Fine Art – verkauft Prints in limitierten Auflagen.

In der Praxis

Basis-Setup Wassertropfen (~200–400 €):

  • Kamera: beliebig mit Bulb-Modus und Fernauslöser
  • Blitz: Godox TT350 oder ähnlicher Kompaktblitz bei 1/128 Leistung (Blitzdauer ~1/20.000 s)
  • Trigger: Pluto Trigger (~60 €) oder günstiger DIY-Sound-Trigger
  • Stativ + Makroobjektiv
  • Pipette oder Tropfenformvorrichtung (z. B. MIOPS Splash, ~180 €) für reproduzierbare Tropfen
  • Hintergrundbeleuchtung: Zweiter Blitz durch bunte Gel-Folie für farbige Hintergründe

Kameraeinstellungen:

  • Modus: Bulb
  • ISO: 100–200 (möglichst wenig Grundrauschen)
  • Blende: f/11–f/16 für genug Schärfentiefe
  • Kameraverschluss öffnen, Triggerereignis abwarten, Kamera schließen

Sicherheit: Bei Glasbruch, Ballistik oder explosiven Gegenständen: Sicherheitsabstand, Schutzscheibe aus Acrylglas vor der Kamera, Augenschutz. Nie ohne sachkundige Aufsicht.


Vergleich und Abgrenzung

MerkmalHigh-Speed-FotografieMakrofotografieLangzeitbelichtung
ZeitskalaMicrosekunden–MillisekundenBeliebigSekunden–Stunden
LichtUltrakurzer BlitzBeliebigUmgebungslicht
TriggerElektronischNicht nötigFernauslöser
HauptmotivDynamische EreignisseStatische DetailsBewegungsablauf

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen einer kurzen Verschlusszeit und einem schnellen Blitz? Kurze Verschlusszeiten (z. B. 1/8000 s) sind die Standardmethode in der Sportfotografie. Der schnelle Blitz geht weit darüber hinaus: 1/30.000 s oder 1/100.000 s sind mit mechanischen oder elektronischen Verschlüssen nicht erreichbar. Bei der Blitz-Methode ist der Raum dunkel – der kurze Lichtpuls des Blitzes allein friert das Motiv ein, unabhängig von der Kameraöffnungszeit.

Brauche ich eine teure Hochgeschwindigkeitskamera? Für Fotoergebnisse (Einzelbilder) nein. Mit einem normalen Kamerabody, einem Kompaktblitz bei minimaler Leistung und einem günstigen Sound- oder Laser-Trigger lassen sich hervorragende High-Speed-Fotos erzielen. Hochgeschwindigkeitskameras (z. B. Phantom-Kameras, ab 50.000 €) werden für Video in Zeitlupe benötigt – das ist eine andere Disziplin.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Edgerton, Harold E. / Killian, James R. (1954): Flash!: Seeing the Unseen by Ultra High-Speed Photography. Boston: Hale, Cushman and Flint. (Klassiker des Genres)
  • White, Corrie (2013): Water Drop Photography. Self-published (verfügbar über Amazon).
  • Pluto Trigger (plutotrigger.com): Zubehör-Hersteller mit umfangreichen Tutorials zu Trigger-Methoden
  • c't Fotografie (2022): „High-Speed-Fotografie – Wassertropfen, Blitze und Trigger-Systeme", Heft 3/2022.
  • Strobist.com (David Hobby): Klassische Ressource für Blitztechnik, inkl. High-Speed-Anwendungen.
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