Industriefotografie ist ein kommerzieller Zweig der Fotografie, der Betriebe, Fabriken, Produktionsprozesse, Maschinen und Menschen in industriellen Arbeitsumgebungen für Unternehmenskommunikation, Jahresberichte, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit dokumentiert.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Fotografie-Gattungen · Niveau: Einsteiger
Synonyme / Auch bekannt als: Werksfotografie, Betriebsfotografie, Corporate Industrial Photography, Produktionsfotografie, Unternehmensfotografie
Was ist Industriefotografie?
Industriefotografie bildet die visuellen Grundlagen für die Außenkommunikation produzierender Unternehmen. Sie unterscheidet sich von reiner Produktfotografie (Einzelobjekte im Studio) durch ihren dokumentarisch-reportagehaften Ansatz: Maschinen und Produkte werden im Betrieb gezeigt, Mitarbeitende in ihrer Arbeitsumgebung, Prozesse in ihrem Ablauf.
Typische Auftraggeber sind Maschinenbauunternehmen, Automobilzulieferer, Pharmabetriebe, Energieversorger, Logistikfirmen und Bauwirtschaft. Anwendungsgebiete reichen von Jahresberichten, Unternehmensbroschüren und Websites über Messeauftritte bis zu Pressemitteilungen und Nachhaltigkeitsberichten.
Gesellschaftlich gewinnt Industriefotografie an Bedeutung, da Unternehmen verstärkt Transparenz kommunizieren müssen – Produktionsbedingungen, Nachhaltigkeitsinitiativen und Arbeitssicherheit werden zunehmend bebildert.
Besonderheiten: Licht, Timing, Equipment, Herausforderungen
Licht in industriellen Umgebungen
Fabriken und Produktionshallen sind lichttechnisch herausfordernd:
- Mischlichtsituationen: Deckenfluoreszenz, Glühlicht der Maschinen, Schweißlichtblitze und Tageslichteinfälle durch Oberlichter – alles gleichzeitig. Der Weißabgleich muss individuell für jede Situation eingestellt werden.
- Sehr helle und sehr dunkle Zonen: Funktionsfähige Produktionsanlagen haben extrem kontrastreiche Lichtverteilungen; Bracketing und HDR-Technik kommen häufig zum Einsatz.
- Zusatzlicht: Tragbare Blitze und LED-Dauerlicht-Panels ermöglichen gezielte Aufhellung, ohne den Betrieb zu stören.
Eine häufig unterschätzte Gefahr: Optische Täuschungen durch Stroboskopeffekte rotierender Maschinenteile. Immer mit Sicherheitsabstand fotografieren.
Sicherheit – Pflicht in Industriebetrieben
Persönliche Schutzausrüstung (PSA) ist in produzierenden Betrieben Pflicht:
- Sicherheitsschuhe (S3)
- Schutzhelm (in bestimmten Bereichen)
- Warnweste oder Schutzkleidung
- Gehörschutz (z. B. Gießereien, Pressenwerke)
- Sicherheitsbrille in chemischen Bereichen
Fotografinnen und Fotografen müssen die betriebliche Unterweisungspflicht absolvieren (Sicherheitseinweisung) und dürfen ohne Begleitung keine Produktionsbereiche betreten. Dies ist auch vertraglich zu regeln.
Erlaubnis und Geheimhaltung
Viele Industriebetriebe haben strenge Geheimhaltungsvereinbarungen (NDA). Vor dem Shooting ist zu klären:
- Welche Bereiche dürfen fotografiert werden?
- Welche Maschinen/Baugruppen sind vertraulich?
- Müssen Bildnummern- oder Typenschilder unkenntlich gemacht werden?
- Welche Mitarbeitenden haben eine Fotoeinwilligung unterzeichnet?
Equipment
| Ausrüstung | Empfehlung |
|---|---|
| Kamera | Vollformat, robust, spritzwassergeschützt |
| Zoom-Allrounder | 24–70 mm f/2.8 (vielseitig, innen/außen) |
| Weitwinkel | 16–35 mm f/2.8 (große Hallenanlagen, Panorama) |
| Tele | 70–200 mm f/2.8 (Detail-Aufnahmen aus sicherer Distanz) |
| ISO | 800–6400 (Hallen oft schlecht beleuchtet) |
| Blende | f/2.8–f/5.6 je nach Schärfetiefe-Anforderung |
| Blitz/Dauerlicht | Godox AD600 oder ähnliche transportable Blitze; LED-Panele (z. B. Aputure MC) |
| Stativ | Nur wenn erlaubt und sicher; oft nicht praktikabel in laufender Produktion |
| Drohne | Für Außengelände, große Werksgebäude (Genehmigung notwendig!) |
Beispiele: 5 konkrete Aufnahmen mit Kamera-Settings
- Werkshalle mit Maschinenlinie, Weitwinkel-Überblick
Canon EOS R5 · 16 mm f/8 · 1/100 s · ISO 1600 · vorhandenes Hallenlicht + ein LED-Panel links Lange Produktionslinie führt ins Bild, Deckenlichter als Leitlinie, Mitarbeiter im Vordergrund.
- Schweißer bei der Arbeit, Nachtaufnahme
Sony A7 IV · 50 mm f/2.8 · 1/800 s · ISO 3200 · Licht des Schweißbogens als Hauptlicht Funkenschauer eingefroren durch kurze Belichtungszeit, dunkle Umgebung, dramatische Licht.
- Detailaufnahme Getriebe, Makro
Nikon Z6 III · 100 mm Makro f/5.6 · 1/200 s · ISO 400 · Ringblitz Zahnräder in technischer Präzision, Metallschimmer durch Seitenlicht betont.
- Portrait: Meisterin an CNC-Maschine
Canon EOS R6 II · 85 mm f/2.8 · 1/250 s · ISO 2000 · Maschinenlicht + ein Aufheller links Meisterin schaut in Kamera, Maschine im Hintergrund, Person im Fokus, Kontext erkennbar.
- Luftaufnahme Werksgelände, Drohne
DJI Mavic 3 · f/2.8 äquiv. · 1/800 s · ISO 200 · 80 m Höhe, früher Morgen Gesamtbild des Firmengeländes, Parkplätze und Gebäude sichtbar, Übersicht für Jahresbericht.
In der Praxis
Ablauf eines Industrie-Shootings
- Briefing und Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnen
- Sicherheitseinweisung (obligatorisch, vor dem Betreten)
- Technische Vorbesprechung: Welche Anlagen, Abläufe, Mitarbeitenden sollen abgebildet werden?
- Shooting mit Werksmitarbeiter als Begleitung (Sicherheitspflicht und Orientierung)
- Nachbearbeitung: Farbkorrektur für Mischlicht, ggf. Retusche vertraulicher Elemente
- Freigabe durch Auftraggeber (häufig mehrstufig, Rechtsabteilung kann involviert sein)
Tarife und Honorare
- Halbtags-Einsatz (bis 4 h, inkl. Nachbearbeitung, 10–20 Bilder): 600–1.200 €
- Tagessatz Industrie (bis 8 h, 30–50 Bilder): 1.200–2.500 €
- Komplexe Jahresbericht-Produktionen (Mehrtages-Shooting): Tagessatz × Tage + Tagesausfallkosten
- Nutzungsrechte (Print, Web, International): gesondert nach VG-Bild-Kunst-Empfehlungen
(DJV-Honorarempfehlungen 2023; BVPA Bildhonorare 2023.)
Besondere rechtliche Aspekte
Industrieaufnahmen, die für Werbung genutzt werden, lösen höhere Nutzungsrechtshonorare aus als rein interne Kommunikation. Die Unterscheidung ist vertraglich festzuhalten. Aufnahmen von erkennbaren Mitarbeitenden erfordern Einwilligungserklärungen nach DSGVO.
Vergleich & Abgrenzung
| Gattung | Abgrenzung |
|---|---|
| Produktfotografie Hard Goods | Einzelobjekte im Studio, kein Produktionskontext |
| Architekturfotografie | Gebäude und Räume ohne laufenden Betrieb |
| Reportagefotografie | Oft freier, journalistischer Ansatz; Industriefotografie ist Auftragsarbeit |
| Eventfotografie | Messeauftritte und Firmenevents als Teilbereich |
Häufige Fragen (FAQ)
Brauche ich spezielle Erfahrung, um Industriefotografie anzubieten? Technisches Grundverständnis für Produktionsprozesse ist hilfreich, aber kein Pflichtvoraussetzung – Unternehmen weisen ein. Wichtiger ist die Bereitschaft, Sicherheitsvorschriften strikt einzuhalten, flexibel auf widrige Lichtverhältnisse zu reagieren und mit Schutzkleidung ausgestattet arbeiten zu können. Referenzbilder aus ähnlichen Umgebungen (Architektur, Reportage, Produktfotografie) überzeugen Auftraggeber auch ohne spezialisierte Vorerfahrung.
Welche Versicherungen brauche ich für Industrieeinsätze? Unbedingt erforderlich ist eine Berufshaftpflichtversicherung für Fotografen (Mindestdeckung 3 Mio. € bei renommierten Anbietern wie Berufshaftpflicht24, Exali oder über den DJV). Manche Betriebe verlangen den Nachweis der Betriebshaftpflicht als Voraussetzung für den Zugang. Zusätzlich empfehlen sich eine Ausrüstungsversicherung und bei Auslandseinsätzen eine internationale Reisekrankenversicherung.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Scott Kelby: The Digital Photography Book, Peachpit Press, 2013 (Bd. 5, Kapitel Industrie)
- Mike Kelley: Photographing Architecture, Rocky Nook, 2016
- Bundesverband Professioneller Bildanbieter (BVPA): Bildhonorare 2023, Berlin 2023
- DJV (Deutscher Journalisten-Verband): Honorartabelle Bild 2023, Berlin 2023
- VG Bild-Kunst: Tarife für Nutzungsrechte 2023, Bonn 2023
