Infrarotfotografie ist die Aufnahme von Licht im nahen Infrarotbereich (ca. 700–1000 nm), das für das menschliche Auge unsichtbar ist – erzeugt charakteristische Bilder mit leuchtend weißem Laub, dramatisch dunklen Himmeln und surrealer Stimmung.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Fotografie-Gattungen · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: IR-Fotografie, Infrared Photography, Falschfarben-IR
Was ist Infrarotfotografie?
Digitale Kamerasensoren sind grundsätzlich empfindlich für nahes Infrarotlicht (NIR), jedoch wird dieses durch einen eingebauten IR-Sperrfilter (auch „hot mirror" genannt) fast vollständig blockiert. Infrarotfotografie umgeht diesen Filter – entweder durch einen starken IR-Passfilter vor dem Objektiv (für lange Belichtungszeiten) oder durch eine permanente Kamera-Konvertierung, bei der der Sensor-IR-Sperrfilter durch einen IR-Durchlassfilter ersetzt wird.
Das Ergebnis sind Bilder, die die Welt in einem Licht zeigen, das keine menschliche Augen je direkt sehen kann: grünes Blattwerk erscheint weiß oder cremefarben (weil Chlorophyll IR-Licht stark reflektiert), blauer Himmel wird tiefschwarz (da die Atmosphäre IR-Licht kaum streut), und Hauttöne werden porzellanartig glatt.
Erklärung
Wellenlängen und ihre Wirkung:
- 590 nm (Supercolor IR): Noch viel sichtbares Licht durchgelassen, warme Goldtöne, blauer Himmel leicht verdunkelt – für sanfte False-Color-Effekte
- 665 nm: Guter Kompromiss – noch schnelle Belichtungszeiten möglich, deutlicher IR-Effekt mit weißem Laub
- 720 nm (Klassisch, „Hoya R72"): Standard-IR-Look, schwarz-weißer Himmel, helles Laub, mäßige Belichtungszeiten; dies ist der meistgenutzte IR-Filter
- 850 nm: Extremer IR-Effekt, sehr dunkle Schatten, fast reines Monochrom, lange Belichtungszeiten nötig
- 1000 nm: Medizinisch/technisch, in der kreativen Fotografie selten genutzt
IR-Filter (konventionell): Ein Schraubfilter wie der Hoya R72 oder Haida IR720 wird vor das Objektiv gesetzt. Da der Kamerasensor trotz eingebautem Hot Mirror noch eine Restsensitivität für IR hat, sind Belichtungszeiten von 30 Sekunden bis mehreren Minuten nötig – Stativ unerlässlich. Autofokus und Belichtungsmessung funktionieren in der Regel nicht zuverlässig (Fokusshift: IR wird anders gebrochen als sichtbares Licht – manuelles Scharfstellen oder Fokuskorrektur nötig).
Kamera-Konvertierung: Hierbei baut ein Spezialbetrieb (z. B. Krolop & Gerst in Deutschland, Lifepixel in den USA) den IR-Sperrfilter aus und ersetzt ihn durch einen IR-Passfilter der gewünschten Wellenlänge. Vorteile: normale Belichtungszeiten, korrekter Autofokus, volle Nutzung des Kameraspeichers. Nachteil: Die Kamera lässt sich nicht mehr für normale Fotografie nutzen. Kosten: ca. 250–450 € pro Kamera.
Weißabgleich: IR-Bilder kommen aus der Kamera mit extremem Rotstich. Ein Weißabgleich auf grüne Vegetation oder ein benutzerdefinierter WB auf einem weißen Objekt in der Szene korrigiert das. In der Nachbearbeitung (Lightroom, Photoshop) kann durch Channel-Swapping (Rot- und Blaukanal tauschen) der charakteristische „False Color" Look erzeugt werden (blauer Himmel, rosafarbenes/goldenes Laub).
Beispiele
- Sabine Wenner: Bekannte deutsche IR-Fotografin, die romantische Waldlandschaften und Architektur in unverkennbarem IR-Stil publiziert – u.a. in LFI und auf fotocommunity.de.
- Simon Marsden (Großbritannien): Bekannt für seine atmosphärischen IR-Aufnahmen verlassener Schlösser und Friedhöfe, gedruckt in hoher Auflage in Fine Art Büchern.
- Ansel Adams Silber-Gelatine-Technik: Adams experimentierte früh mit IR-Film (Kodak High Speed Infrared), der für seine dramatisch dunklen Himmel und leuchtenden Schneemassen mitverantwortlich war.
- Richard Mosse, „Infra"-Serie (2010–2013): Mosse nutzte Kodak Aerochrome (einen militärischen IR-Farbfilm) in der DR Kongo – das Ergebnis sind surreal-magentafarbene Dschungelbilder als politische Aussage über Krieg und Schönheit.
- Klaus-Peter Schüftan: Deutscher Landschaftsfotograf mit umfangreichem IR-Werk, regelmäßig in c't Fotografie publiziert.
In der Praxis
Empfohlenes Equipment:
- Umgerüstete Kamera (665 nm oder 720 nm): z. B. Fujifilm X-T20 oder Sony A7 II (konvertiert, ca. 350–500 € gebraucht + Konvertierungskosten)
- Alternativ: Hoya R72-Filter (720 nm, ca. 50–80 €) + Stativ
- Empfohlen: Weitwinkelobjektiv (16–35 mm), da IR besonders bei Weitwinkel durch extreme Kontrastwirkung beeindruckt
Nachbearbeitung (Workflow):
- RAW öffnen in Lightroom
- Weißabgleich auf Eyedropper auf Gras/Vegetation setzen
- Farbton-Sättigungs-Luminanz-Panel: Rottöne hell ziehen (wird zu weiß), Blautöne dunkel
- Bei False Color: Kanalwechsel in Photoshop (Image > Apply Image oder Hue/Sat mit Kanalmixer)
- Schärfen und Entrauschen (Lightroom AI Denoise)
Beste Motive: Laubbäume in voller Belaubung (Mai–September), Wiesen mit Gras, Landschaften mit Wolken, Architektur mit Baumbewuchs.
Vergleich & Abgrenzung
| Merkmal | Infrarotfotografie | Langzeitbelichtung | Astrophotographie |
|---|---|---|---|
| Spektrum | Nahes IR (700–1000 nm) | Sichtbares Licht | Sichtbar + UV/IR |
| Stativ nötig | Bei Filter-Methode ja | Immer | Immer |
| Nachbearbeitung | Spezifisch (WB, Channel) | Moderat | Intensiv (Stacking) |
| Beste Jahreszeit | Sommer (Belaubung) | Ganzjährig | Sommer/Herbst |
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich Infrarotfotografie mit jeder Kamera machen? Prinzipiell ja – fast alle Digitalsensoren haben eine Restempfindlichkeit für IR-Licht. Ein einfacher Test: Halten Sie die Fernbedienung Ihres TV vor die Kamera und drücken Sie eine Taste. Wenn die IR-LED im Livebild leuchtet, ist die Kamera ausreichend IR-sensitiv. Vollformat-Sony-Sensoren (A7-Reihe) gelten als besonders IR-sensitiv; viele neuere Vollformatkameras von Canon und Nikon blockieren IR hingegen sehr effektiv – hier lohnt sich die Konvertierung.
Schadet der IR-Sperrfilter-Ausbau der Kamera? Die Konvertierung ist technisch unumkehrbar und macht die Kamera für normales Fotografieren unbrauchbar. Achten Sie darauf, nur eine Zweit- oder Ersatzkamera konvertieren zu lassen. Die Konvertierung durch Profis (z. B. Krolop & Gerst, Lifepixel) ist präzise und beschädigt die Kamera nicht – der Sensor ist danach vollständig auf IR fokussiert.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Ray, Sidney F. (2002): Applied Photographic Optics. Oxford: Focal Press. (Grundlagen der Lichtphysik und Filterwirkung)
- Mosse, Richard (2013): Infra. New York: Aperture Foundation.
- Krolop & Gerst GmbH (Berlin): Spezialbetrieb für Kamera-Konvertierungen (www.krolop-gerst.de)
- c't Fotografie (2020): „Infrarotfotografie – Spektrum jenseits des Sichtbaren", Heft 5/2020.
- Lifepixel (lifepixel.com): Ausführliche Tutorials zu IR-Filterwirkungen und Konvertierungsoptionen.
