Infrarot-Fotografie bezeichnet die Aufnahme von Licht im infraroten Spektralbereich (circa 700–1000 nm) statt im sichtbaren Licht (380–700 nm), was charakteristische Bildwirkungen erzeugt: leuchtend weiße Vegetation, schwarzer Himmel und unwirkliche Landschaftsstimmungen.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Kameratechnik · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: IR-Fotografie, Infrarotaufnahme, Near-Infrared Photography (NIR)
Was ist Infrarot-Fotografie?
Das menschliche Auge nimmt Licht zwischen etwa 380 nm (Violett) und 700 nm (Tiefrot) wahr. Infrarotstrahlung (IR) jenseits von 700 nm ist für den Menschen unsichtbar, wird aber von Digitalsensoren grundsätzlich registriert. Aus diesem Grund besitzen alle digitalen Kameras einen IR-Sperrfilter (auch: Hot Mirror), der direkt vor dem Sensor sitzt und Infrarotlicht herausfiltert, damit die Bilder natürlich aussehen.
Die Infrarot-Fotografie nutzt dieses Licht bewusst — entweder durch Vorfiltern mit einem IR-Durchlassfilter vor dem Objektiv oder, deutlich effektiver, durch die Konvertierung einer Kamera, bei der der werkseitige IR-Sperrfilter entfernt wird.
Erklärung
Der IR-Sperrfilter und seine Entfernung
Der im Kamerawerk verbaute IR-Sperrfilter (Hot Mirror) sitzt als Glasschicht direkt auf dem Sensordeckglas. In einer IR-Kamera-Konvertierung wird dieser Filter von einem spezialisierten Dienstleister entfernt und durch einen von mehreren möglichen Ersatzfiltern ausgetauscht:
- Vollspektrum (Clear Glass): Kein Filter — Kamera nimmt UV, sichtbares Licht und IR auf. Maximale Flexibilität; jede gewünschte Wellenlänge per Vorsatzfilter erreichbar.
- 665 nm-Filter: Leichter IR-Effekt, noch etwas Farbe sichtbar; gut für Portrait mit typischem IR-Look bei kürzerer Belichtungszeit
- 720 nm-Filter: Klassischer IR-Look, Standard für Landschaft; weißes Laub, dunkler Himmel
- 850 nm-Filter: Sehr starker IR-Effekt, nahezu monochrom; kaum Farbe im Bild
- 590 nm-Filter: Goldton-IR, Mischung aus sichtbarem Rot und IR, oft für Falschfarben-IR genutzt
Konversionsanbieter in Deutschland/Europa: Kamera-Konvertierung durch Spezialisten wie Optic Vision (UK) oder Kolari Vision (USA/international). Kosten: ca. 200–400 € je nach Kamera und Filtertyp.
IR-Aufnahme ohne Konvertierung: Vorsatzfilter
Ohne Konvertierung lässt sich mit einem IR-Vorsatzfilter (z. B. Hoya R72 = 720 nm, B+W 093 = 830 nm) vor dem Objektiv fotografieren. Da der kamerainterne IR-Sperrfilter 99 % des IR-Lichts blockiert, dringt nur ein geringer Restanteil durch — was zu sehr langen Belichtungszeiten führt (10–120 Sekunden im Freien). Handhelds sind damit kaum möglich; ein stabiles Stativ ist Pflicht.
Typische Bildwirkungen
Infrarotlicht interagiert anders mit der Natur als sichtbares Licht:
- Vegetation (Chlorophyll) reflektiert IR sehr stark — Laubbäume und Gras erscheinen strahlend weiß (sog. Wood-Effekt)
- Blauer Himmel streut IR kaum — erscheint sehr dunkel bis schwarz
- Wasser und Steine absorbieren IR stärker — wirken dunkel
- Menschliche Haut reflektiert IR mäßig gut — Portraits haben eine porzellanartige Textur
Falschfarben-IR (False Color)
Bei 590-nm- oder 665-nm-konvertierten Kameras ist noch Farb-IR vorhanden. Durch einen Weißabgleich-Trick in der Nachbearbeitung (Kanalvertauschung: Rot- und Blaukanal tauschen) entstehen die charakteristischen Falschfarben: blaues Laub, orangefarbener Himmel. Dieser Look ist für Fine-Art-Aufnahmen sehr beliebt.
Weißabgleich und Belichtung
Der automatische Weißabgleich einer IR-Kamera versagt — das Bild erscheint stark rotviolett. Ein benutzerdefinierter Weißabgleich auf einer Rasenfläche in direktem Sonnenlicht bringt das Bild in neutrale Töne. Im RAW-Workflow lässt sich der Weißabgleich nachträglich korrigieren; bei JPEG-Aufnahmen ist er schwer zu korrigieren.
Die Belichtungsmessung moderner Kameras funktioniert in IR, muss aber je nach Filtertyp leicht angepasst werden — oft 1–2 Blendenstufen Überbelichtung (ETTR) verbessert die Rauschleistung.
Beispiele
- Sony α7 II konvertiert auf 720 nm: Klassisches Landscape-IR mit weißem Laub und dramatischem Himmel
- Fujifilm X-T3 konvertiert Vollspektrum: Maximale Flexibilität, ideal für verschiedene Looks per Vorsatzfilter
- Nikon D810 infrared: Nikon hat spezielle IR-Versionen bestimmter Modelle (D810a) für Astrofotografie mit erweiterter H-alpha-Empfindlichkeit herausgebracht — ähnliches Prinzip
- Hoya R72 Vorsatzfilter an Sony α7 IV: IR-Look ohne Konvertierung, Belichtungszeit ~30 s bei Blende 8, ISO 100
In der Praxis
Infrarot-Fotografie eignet sich besonders für:
- Landschaft und Natur: Im Sommer bei vollem Blattwerk und strahlenden Wolken — der klassische IR-Look
- Architektur: Weiße Steinfassaden mit dramatisch dunklem Himmel
- Fine Art und Konzeptarbeit: Surreale, unwirkliche Bildwelten ohne Nachbearbeitungs-Exzesse
Als Einsteiger-Tipp empfiehlt sich eine gebrauchte DSLR oder spiegellose Kamera (z. B. Sony α550, Nikon D90, Canon 600D) zur Konvertierung kaufen — die Kosten für eine Konvertierung einer Einsteigerkamera plus Kosten für das Gerät sind oft geringer als eine fertige IR-Kamera.
Vergleich & Abgrenzung
| Methode | Aufwand | Bildqualität | Kosten |
|---|---|---|---|
| Vorsatzfilter | Stativ nötig, Belichtungszeit lang | Gut | 50–150 € |
| Konvertierung 720 nm | Kein Mehraufwand, handhelds möglich | Sehr gut | 200–400 € |
| Konvertierung Vollspektrum | Vorsatzfilter je Look nötig | Sehr gut | 200–400 € |
| Dedizierte IR-Kamera | Sofort nutzbar | Excellent | 500–2.000 € (gebraucht) |
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich jede Kamera konvertieren lassen? Grundsätzlich ja, aber bei neueren Kameras ist die Konvertierung aufwendiger (mehr Bauteile, Verklebungen). Manche Hersteller schließen Garantie bei Fremdeingriffen aus — dies ist nach Ablauf der Garantie kein Problem.
Verliere ich die normale Fotografie-Funktion nach der Konvertierung? Bei 720/850-nm-Konvertierung ja — die Kamera ist dauerhaft eine IR-Kamera. Bei Vollspektrum-Konvertierung kann ein UV-IR-Cut-Filter vor das Objektiv gesetzt werden, um normale Bilder aufzunehmen.
Funktioniert Autofokus noch nach der Konvertierung? Phasendetektion-AF (PDAF) und CDAF funktionieren grundsätzlich, können aber leichte Fokus-Shift-Probleme zeigen (IR-Fokus liegt anders als sichtbares Licht). Manuelle Fokussierung oder Live-View-AF (CDAF) sind am zuverlässigsten.
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Weiterführend
- Galer, M.; Horvat, L.: Digital Imaging: Essential Skills, 4. Aufl. Focal Press, 2005.
- Wood, R. W.: „Photography by Invisible Rays", in: The Photographic Journal, Bd. 52, 1910.
- Kolari Vision: Infrared Photography Guide. Kolari Vision (online), 2023.
- Ang, T.: Advanced Photography. DK Publishing, 2009.
- Farace, J.: The Digital Darkroom: Black & White Techniques Using Photoshop. Amherst Media, 2005.
