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Anamorphe Objektive (Anamorphoten) sind Objektive mit einer zylindrischen Linsengruppe, die das Bild in horizontaler Richtung komprimiert aufnimmt und bei der Projektion wieder gestreckt wird, um ultrabreite Filmformate auf schmalem Filmstreifen oder kleinen Sensoren zu ermöglichen.

Rubrik: Fotografie · Unterrubrik: Objektive · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Anamorphot, Anamorphic Lens, Scope Lens, Cinemascope-Objektiv

Was sind anamorphe Objektive?

Anamorphe Objektive entstanden in den 1950er Jahren, um das CinemaScope-Format (Bildseitenverhältnis 2,39:1) auf Standard-35-mm-Film zu ermöglichen. Ein Komprimierungsfaktor (Squeeze-Faktor) von 2× drückt das Bild horizontal auf die Hälfte zusammen; bei der Projektion wird es wieder gestreckt. Heute werden anamorphe Objektive in der Filmproduktion für ihr charakteristisches Bildgefühl eingesetzt: horizontales Lens Flare, ovale Bokeh-Kreise, leichte geometrische Verzerrungen und eine spezifische Tiefenwirkung, die sphärische Objektive nicht erzeugen können.

Erklärung

Funktionsprinzip des Anamorphoten

Ein anamorphes Objektiv besteht aus zwei optischen Systemen: einem sphärischen Hauptobjektiv und einem zylindrischen Vorsatzoptik (Anamorphot). Zylindrische Linsen brechen Licht nur in einer Richtung (horizontal), nicht in der anderen (vertikal). Das Ergebnis: Das Bild wird horizontal um den Squeeze-Faktor (1,33×, 1,5× oder 2×) komprimiert. Bei der Wiedergabe wird das Bild wieder gestreckt.

Squeeze-Faktoren:

  • 2× Squeeze: Klassisches CinemaScope/Panavision-Format; 24×36-mm-Sensor erzeugt 2,39:1 nach De-squeeze
  • 1,5× Squeeze: Für 16:9-Sensoren → ca. 2,39:1; beliebt bei digitalen Anamorphoten
  • 1,33× Squeeze: Für 4:3-Sensoren → 16:9; sogenanntes „Ultra-Wide-Scope-Light"

Charakteristisches Anamorphoten-Look

Horizontales Lens Flare: Lichtquellen im Bildfeld erzeugen charakteristische lange, horizontale Flare-Streifen (Streaks), die senkrecht zur zylindrischen Achse verlaufen. Meist blau-türkis durch blaues Glas in klassischen Panavision-Objektiven. Dieses Merkmal ist eines der unverwechselbarsten Stilmerkmale des Filmbildes.

Ovales Bokeh: Da die Schärfentiefe in horizontaler und vertikaler Richtung unterschiedlich erzeugt wird, erscheinen Zerstreuungskreise als vertikale Ellipsen (Ovale). Dies unterscheidet sich fundamental vom runden Bokeh sphärischer Objektive.

Raumkompression und Tiefenwirkung: Die Streckung bei der Wiedergabe verändert das Verhältnis von Vorder- zu Hintergrund subtil und erzeugt die charakteristische cinematische Tiefenwirkung.

Charakteristische Unschärfe-Rendering: Horizontale und vertikale Unschärfe werden unterschiedlich aufgelöst, was zu einem leicht asymmetrischen Schärfenprofil führt.

Anamorphote Formate in der Praxis

Panavision Anamorphic: Industriestandard für Hollywood-Produktionen; nur als Leihgabe verfügbar, nicht zu kaufen. Objektive wie das T-Serie und Millennium-DXL-System setzen den Benchmark.

ARRI/Zeiss Master Anamorphic: Hochwertige Kaufobjektive für professionelle Filmproduktion; 1,33× Squeeze für ARRI-Sensoren.

Cooke Anamorphic/i: Bekannt für das „Cooke Look" mit warmem, charakteristischen Rendering.

Sirui 50mm T2.9 1,6× Anamorphic: Erschwinglicher Einstieg für unabhängige Filmemacher, MFT-Anschluss.

Digitale Anamorphoten

Für DSLRs und spiegellose Kameras existieren Schraubvorsatz-Anamorphoten (z. B. Moment Anamorphic Lens, Sirui, Kowa). Diese liefern 1,33× oder 1,5× Squeeze für ultrabreite Bildformate auf 16:9-Sensoren. Bildqualität und Randschärfe sind deutlich geringer als bei Produktionsobjektiven, der charakteristische Look wird aber korrekt erzeugt.

Beispiele

  1. Star Wars (2015 ff.): Panavision Sphero 65 und anamorphe Kombination für den Mix aus klassischem und modernem Look.
  2. Interstellar (2014): Vollständig mit IMAX-Kameras und sphärischen Objektiven – bewusste Abkehr vom Anamorphoten.
  3. La La Land (2016): Panavision Anamorphic für klassischen Hollywood-Scope-Look, horizontale Flares als gestalterisches Element.
  4. Indiefest mit Sirui 50mm Anamorphic auf Sony A7: Erkennbarer Anamorphoten-Look auf kleinem Budget, akzeptabler Look für Social-Media-Content.
  5. ARRI Alexa LF + Master Anamorphic: Standardsetup für internationale Co-Produktionen, die den cinematischen Look beibehalten wollen.

In der Praxis

De-Squeeze im Schnitt: Alle Aufnahmen mit einem Anamorphoten müssen beim Schnitt in NLEs (DaVinci Resolve, Premiere Pro, Final Cut) im Previewfenster de-gequeezt werden. In DaVinci Resolve: Project Settings > Image Scaling > Anamorphic De-squeeze-Einstellung.

Fokussieren: Anamorphote Objektive, besonders Vorsatz-Anamorphoten, sind in vertikaler und horizontaler Schärfeebene unterschiedlich eingestellt. Autofokus funktioniert oft schlecht; manuelle Fokussierung mit Follow Focus empfohlen.

Flare-Kontrolle: Der charakteristische Flare lässt sich durch Ausrichtung der Kamera zur Lichtquelle kontrollieren. Zu viel Flare überwältigt das Bild; Matte Box reduziert ungewolltes Streulicht.

Häufiger Fehler – Falscher Squeeze-Faktor in der Kamera: Viele Kameras bieten in-camera De-squeeze an. Wird der falsche Faktor eingestellt, erscheint das Bild gestaucht oder überstreckt im Sucher – was beim Komponieren falsche Entscheidungen provoziert.

Vergleich & Abgrenzung

FormatSeitenverhältnisSqueezeTypische Anwendung
Spherical 16:91,78:1TV, Online
Anamorphic 2×-Squeeze2,39:1Kinofilm
Anamorphic 1,33×2,39:1 (von 4:3)1,33×Digitale Kinos
Ultra Panavision 702,76:1SpezialPrestige-Kinoproduktionen

Häufige Fragen (FAQ)

Kann man anamorphe Objektive für Standfotografie verwenden? Technisch ja, aber die Bilder müssen in der Nachbearbeitung gestreckt werden. Der Effekt: Ovale Bokeh-Scheibchen und charakteristisches Rendering. Einige Hochzeitsfotografen und Portraitfotografen nutzen dies bewusst als Stilmittel, da der Look unverwechselbar ist.

Warum sind echte Panavision-Anamorphoten nicht käuflich? Panavision vermietet alle Objektive exklusiv, um Qualitätskontrolle und Pflege sicherzustellen. Das Geschäftsmodell sichert Panavision die Kontrolle über den Zustand ihrer Gläser. Zudem schützt es den Wert der Objektivsets, die sonst durch Aufteilung entwertet würden.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Hummel, Rob: American Cinematographer Manual. 10. Aufl. ASC Press, Hollywood 2013.
  • Katz, Steven: Film Directing Shot by Shot. Michael Wiese Productions, Studio City 1991.
  • Probst, Christopher: „Anamorphic Lensing for Digital Cameras". American Cinematographer, Vol. 97, Nr. 4, 2016.
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