Bokeh (jap. boke 暈け, „Unschärfe", „Verschwommenheit") bezeichnet die ästhetische Qualität der unscharfen Bildbereiche, insbesondere des Hintergrunds hinter dem fokussierten Motiv.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Objektive & Optik · Niveau: Einsteiger
Was ist Bokeh?
Der Begriff wurde im englischsprachigen Fotografiebereich Ende der 1990er-Jahre durch das Magazin Photo Techniques popularisiert. Er beschreibt nicht die bloße Tatsache von Unschärfe, sondern deren Qualität: Wirken die unscharfen Bereiche weich und harmonisch, oder sind sie nervös, kantig und störend? Bokeh ist damit zugleich ein optisches Phänomen und ein ästhetisches Urteil.
Erklärung
Die Entstehung von Bokeh
Wenn ein Lichtpunkt außerhalb der Fokusebene liegt, wird er auf dem Sensor nicht als Punkt, sondern als Zerstreuungskreis (Circle of Confusion) abgebildet. Die Form und Füllung dieses Kreises bestimmt das Bokeh:
- Runder, gleichmäßig gefüllter Zerstreuungskreis → cremiges, weiches Bokeh (gilt als ästhetisch hochwertig)
- Donut-förmiger Zerstreuungskreis → charakteristisch für Spiegel- und Catadioptric-Objektive
- Kantiger, polygonaler Zerstreuungskreis → entsteht bei stark abgeblendeten Objektiven durch die sichtbaren Blendenlamellen
Blendenform und Lamellenzahl
Die Anzahl und Krümmung der Blendenlamellen beeinflusst das Bokeh direkt. Objektive mit vielen, gebogenen Lamellen (9, 11 oder mehr) erzeugen runde Zerstreuungskreise auch bei mittleren Blendenwerten wie f/4. Objektive mit wenigen, geraden Lamellen (5–6) erzeugen hexagonale oder pentagonale Formen, die als weniger angenehm gelten. Nur bei voll geöffneter Blende sind Zerstreuungskreise grundsätzlich kreisförmig.
Hochwertige Portraitobjektive wie das Zeiss Otus 85mm f/1,4 oder das Sony FE 85mm f/1,4 GM besitzen 11 gebogene Lamellen und gelten als Maßstab für weiches Bokeh.
Vorderes vs. hinteres Bokeh
Das Hinter-Bokeh (Hintergrundunschärfe) ist das häufig betrachtete. Das Vor-Bokeh (Vordergrundunschärfe) hat andere optische Eigenschaften: Zerstreuungskreise im Vordergrund erscheinen häufig kantiger, weil die Lichtstrahlen anders durch das optische System verlaufen. Viele Fotografen platzieren bewusst Blüten oder Äste im Vordergrund, um diesen Effekt kreativ zu nutzen.
Catadioptric-Objektive (Spiegelobjektive)
Reflex- oder Spiegel-Teleobjektive (z. B. Tamron SP 500mm f/8 Mirror) verwenden eine Kombination aus Linsen und Spiegeln, um eine sehr kurze Baulänge zu erreichen. Sie haben keine einstellbare Blende und erzeugen charakteristische Donut-Bokeh-Ringe – Zerstreuungskreise mit hellem Rand und dunklem Kern. Dieses Bokeh gilt als stilistisches Merkmal, nicht als Qualitätsmerkmal.
Qualitätskriterien für gutes Bokeh
- Weich und cremig: Keine harten Kanten an den Zerstreuungskreisen (keine „Zwiebel-Bokeh"-Ringe durch Glasfehler)
- Runde Kreisform: Auch bei leicht abgeblendeter Blende
- Gleichmäßige Helligkeit: Keine hellen Ränder oder dunkle Kerne
- Keine Doppelkanten: Longitudinale chromatische Aberration erzeugt farbige Ränder am Bokeh (grüner Vorder-, lila Hinterbereich)
- Fließende Übergänge: Kein „Soap Bubble Bokeh" (Seifenblasen-Effekt, der zwar ästhetisch diskutiert wird, aber oft als unnatürlich gilt)
Beispiele
- Sony FE 85mm f/1,4 GM bei f/1,4, 1,5 m Abstand: Cremiges, nahezu perfektes Bokeh mit 11 gebogenen Lamellen – Goldstandard im Portraitsegment, Neupreis ca. 1.800 Euro.
- Canon EF 50mm f/1,8 STM bei f/1,8: Fünf gerade Lamellen erzeugen leicht pentagonale Zerstreuungskreise – bei f/2,2 sichtbar. Trotzdem beliebt wegen Preis-Leistung (ca. 120 Euro).
- Tamron SP 500mm f/8 Mirror: Charakteristische Donut-Ringe bei Hintergrundlichtern; für Wildlifefotografen ein Stilmittel.
- Helios 44-2 58mm f/2 (Vintage, M42): Berühmt für „Dreher-Bokeh" (Swirly Bokeh) durch das optische Design – unscharfe Bereiche scheinen sich spiralförmig zu drehen. Sehr beliebt in der Portraitfotografie der Kreativszene.
- Leica APO-Summicron-M 75mm f/2: Apochromatisch korrigiert – kaum longitudinale CA, extrem neutrales, weiches Bokeh. Neupreis über 4.000 Euro.
In der Praxis
Das Bokeh lässt sich gezielt steuern:
- Blende öffnen (kleine f-Zahl) für mehr Freistellung
- Näher ans Motiv herangehen für weniger Schärfentiefe
- Abstand zwischen Motiv und Hintergrund vergrößern – ein Hintergrund weit hinter dem Motiv erscheint weicher als ein naher
- Längere Brennweite wählen für stärkere Kompression und mehr Bokeh bei gleichem Bildwinkel
In der Portraitfotografie ist weiches Bokeh Pflicht: Hintergrundstrukturen sollen das Gesicht nicht ablenken. In der Produktfotografie hingegen ist oft weniger Bokeh erwünscht, um Kontext zu zeigen. In der Dokumentarfotografie gilt Bokeh als Stilmittel, sollte aber nicht zum Selbstzweck werden.
Vergleich & Abgrenzung
Bokeh vs. Schärfentiefe: Schärfentiefe ist messbar (in Zentimetern), Bokeh ist ästhetisch. Zwei Objektive können identische Schärfentiefewerte haben, aber völlig unterschiedliches Bokeh erzeugen.
Bokeh vs. Motion Blur: Bewegungsunschärfe entsteht durch Motivbewegung oder Kamerabewegung während der Belichtung. Bokeh entsteht durch optische Unschärfe außerhalb der Fokusebene. Beide können im selben Bild vorkommen.
Gutes vs. schlechtes Bokeh: Diese Bewertung ist subjektiv, orientiert sich aber an etablierten Kriterien (s. o.). „Nervous Bokeh" gilt allgemein als störend, weil die Augen des Betrachters ständig zum Hintergrund gezogen werden.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich Bokeh in der Bildbearbeitung nachahmen? Ja, Adobe Photoshop, Lightroom und Affinity Photo bieten Weichzeichnungsebenen. Für einfache Fälle funktioniert das gut; computergeneriertes Bokeh wirkt aber oft flach und verliert die Tiefenwirkung echter optischer Unschärfe. KI-basierte Tools wie das „Porträtmodus"-Feature in neueren Smartphone-Kameras erkennen Kanten und simulieren Bokeh mit zunehmend guten Ergebnissen.
Welches Objektiv liefert das beste Bokeh für unter 500 Euro? Das Sigma 85mm f/1,4 Art (ca. 700 Euro neu, oft unter 500 Euro gebraucht) gilt als Qualitätsreferenz im bezahlbaren Bereich. Für Einsteiger ist das Samyang/Rokinon 85mm f/1,4 (ca. 250–350 Euro) eine solide Alternative mit manuellem Fokus.
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Weiterführend
- Merklinger, Harold M.: The INs and OUTs of Focus, ISBN 0-9695025-0-4, 1992.
- Nasse, H. H. (Zeiss): Bokeh, Zeiss Camera Lens Division, 2010. Frei verfügbar unter zeiss.com.
- Hecht, Eugene: Optik, 5. Auflage, De Gruyter Oldenbourg, 2014. Kapitel 5.
- LensRentals.com – Roger Cicala: Bokeh-Analyse verschiedener Objektive (englisch).
