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Optische Vergütung bezeichnet das Aufbringen dünner Schichten auf Linsenoberflächen, um Lichtreflexionen zu minimieren, die Lichtdurchlässigkeit zu erhöhen und Flare sowie Geisterbilder (Ghosting) zu reduzieren.

Rubrik: Fotografie · Unterrubrik: Objektive · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Antireflexbeschichtung, Linsencoating, AR-Coating, Multi-Coating, Nano-Coating

Was ist optische Vergütung?

Jede unbeschichtete Glasoberfläche reflektiert einen Teil des auftreffenden Lichts – je nach Glastyp zwischen 3 % und 6 % pro Fläche. Bei einem modernen Objektiv mit 12–16 Linsenoberflächen würden ohne Vergütung 30–60 % des Lichts durch Reflexionen verloren gehen, verbunden mit erheblichem Kontrastabfall, Flare und Geisterbildern. Optische Vergütungen lösen dieses Problem durch Ausnutzung optischer Interferenz: Schichtdicken von λ/4 (Viertellänge der Lichtwellenlänge) lassen reflektierte Wellen destruktiv interferieren.

Erklärung

Physikalisches Prinzip der Vergütung

Eine Einfachvergütung (Mono-Coating) besteht aus einer λ/4-Schicht mit Brechungsindex nc = √(nGlas). Bei senkrechtem Einfall interferieren die an der Ober- und Unterseite der Schicht reflektierten Wellen destruktiv, wenn ihre Gangdifferenz genau eine halbe Wellenlänge beträgt. Da eine Wellenlänge optimiert werden muss, erscheint die Reflexion der anderen Wellenlängen als Restglanz in Komplementärfarben (violett-magenta für gelb-optimierte Vergütung). Dies erklärt die charakteristischen Farbschimmer vergüteter Linsen.

Multi-Coating

Moderne Objektive verwenden Mehrfachvergütungen (Multi-Coating, MC) aus 7–13 Schichten verschiedener Dicke und Materialien. Jede Schicht unterdrückt andere Wellenlängenbereiche, sodass das gesamte sichtbare Spektrum abgedeckt wird. Reflexionsverluste sinken auf 0,1–0,3 % pro Fläche. Ermöglicht Transmission von 99,7–99,9 % pro Linsenfläche – bei 16 Flächen sind das noch 95–97 % Gesamttransmission.

Herstellerspezifische Vergütungstechnologien

*Zeiss T-Vergütung:* Seit 1935 in Entwicklung, heute state-of-the-art Multi-Coating. Das „T" (T-Stern) ist eine geschützte Produktbezeichnung für Zeiss' eigenes Hochleistungs-Multi-Coating, das für extrem niedrige Reflexionswerte bekannt ist.

Nikon Nano Crystal Coat (N): Nanotechnologie-basierte Schicht aus porösen Nanopartikeln. Sehr niedrige effektive Brechungsindizes möglich (n ≈ 1,05), weit über das klassisch Machbare hinaus. Besonders effektiv bei schrägem Lichteinfall, da klassische λ/4-Vergütungen bei großen Eintreffwinkeln versagen. Kennzeichnung durch goldenes „N"-Symbol.

Canon ASC (Air Sphere Coating): Erzeugt mittels Mikro-Luftblasen in der Schicht einen effektiven Brechungsindex nahe 1,0. Ähnliches Prinzip wie Nano Crystal Coat, andere chemische Umsetzung.

Sony Nano AR Coating: Mehrschichtiges Nano-Coating in Sony G Master Objektiven, kombiniert mit ARNEO-Schicht für vertikalen Lichteinfall.

Sigma Super Multi-Layer Coating: Bewährtes klassisches Multi-Coating in der Art-Serie. Sigma-EX-Objektive besitzen SSC (Super Spectra Coating) für besondere Farbkonsistenz bei Sets.

Fujifilm EBC (Electron Beam Coating): Aufdampfverfahren mit Elektronenstrahl für besonders homogene Schichten; traditionell für Fujinon-Objektive.

*Leica T-ähnliche Vergütung:** Leica setzt ebenfalls auf Zeiss-ähnliche Hochleistungs-Multi-Coatings, im ASPH-Programm mit angepassten Sputtering-Verfahren.

Hydrophobe und oleophobe Schutzschichten

Neben optischen Vergütungen tragen hochwertige Objektive auf der Frontlinse hydrophobe (wasserabweisende) und oleophobe (fettabweisende) Beschichtungen. Diese schützen die Vergütung vor Fingerabdrücken, Wasserflecken und Schmutz. Sie sind chemisch nicht beständig gegen Alkohol-basierte Reinigungsmittel und verschleißen bei häufiger Reinigung.

Beispiele

  1. Zeiss Otus 55mm f/1,4: T*-Multi-Coating, Reflexionen unter 0,2 % – extremer Kontrast, nahezu kein Flare.
  2. Nikon 14-24mm f/2,8 G: Ohne Nano Crystal Coat; mit Nano-Coat-Version N-Kennzeichnung – deutliche Flare-Reduktion nachgewiesen.
  3. Sony FE 24-70mm f/2,8 GM II: Nano AR + ARNEO Dual-Coating – Geisterbilder fast vollständig eliminiert.
  4. Canon EF 16-35mm f/2,8 L II (ohne ASC): Im Vergleich zum f/4 L IS USM (mit ASC) stärkeres Flare bei Gegenlicht – klassisches Beispiel für Coating-Unterschiede innerhalb einer Produktlinie.
  5. Vintage-Objektiv ungvergütet (pre-1950): Stark sichtbare violette Reflexglimmer auf Frontlinse, massiver Kontrastabfall bei Gegenlicht – historischer Vergleichsmaßstab.

In der Praxis

Gegenlicht-Tests: Vergütungsqualität zeigt sich am deutlichsten bei direktem Sonnenlicht im Bildrand oder knapp außerhalb des Bildfeldes. Hochwertige Beschichtungen erzeugen deutlich weniger Ghosting (Geisterbild der Blende) und weniger Schleier.

Reinigung schützt die Vergütung: Weiche, spezielle Mikrofaser-Tücher ohne Druck verwenden. Kratzer auf der Vergütung sind deutlich problematischer als auf der Glasoberfläche selbst, da sie die optische Funktion der λ/4-Interferenz zerstören.

UV-Filter und Vergütungsinteraktion: Minderwerte UV-Schutzfilter mit schlechter Eigenvergütung können mehr Flare erzeugen, als sie verhindern. Nur Filter mit Multi-Coating verwenden (Kennzeichnung „MC").

Vergleich & Abgrenzung

TechnologieHerstellerBesonderheit
T*-CoatingZeissKlassiker, Multi-Layer
Nano Crystal CoatNikonNanopartikel, Schräglicht
ASCCanonLuftblasen-Brechungsindex
Nano AR + ARNEOSonyDual-Layer-Ansatz
EBCFujifilmElektronenstrahl-Aufdampfen

Häufige Fragen (FAQ)

Kann man abgenutzte Vergütungen erneuern lassen? Ja, spezialisierte Optiker können Linsen neu vergüten. Der Aufwand ist erheblich (Demontage, Reinigung, Neubeschichtung im Vakuum), lohnt sich aber bei teuren Sammlerstücken. In der Regel ist dies nur für den Gesamtwert des Objektivs abzuwägen.

Sieht man Vergütungsunterschiede im Bild? Bei normalem Gegenlicht oft kaum. Bei direktem, hartem Gegenlicht (Sonne im Bildrand) werden Unterschiede zwischen einfacher Einzel-Vergütung und Nano-Multi-Coating jedoch deutlich sichtbar: weniger Ghosting, weniger Schleiern, mehr Kontrasterhalt.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Nasse, H. H.: Lens Coatings: Between Science and Legend. Zeiss Camera Lens News, Nr. 36, 2011.
  • Macleod, H. A.: Thin-Film Optical Filters. 4. Aufl. CRC Press, Boca Raton 2010.
  • Leica Camera AG: Vergütungstechnologie bei Leica Objektiven. Technisches Whitepaper, Wetzlar 2019.
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