Objektivvergütung (engl. Lens Coating) bezeichnet eine oder mehrere dünne Schichten auf Linsenoberflächen, die durch destruktive Interferenz die Lichtreflexion minimieren und so Kontrast und Bildqualität verbessern.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Objektive & Optik · Niveau: Einsteiger
Was ist Objektivvergütung?
Wenn Licht auf eine Glasoberfläche trifft, wird ein Teil davon reflektiert (ca. 4–5% pro Glasfläche bei unbehandeltem optischen Glas). Ein Objektiv mit 12 Linsenoberflächen hätte ohne Vergütung theoretisch nur ca. 60% Lichtdurchlässigkeit – das restliche Licht würde als Streulicht und Geisterbilder (Ghosting) das Bild beeinflussen. Die Vergütung reduziert diesen Reflexionsanteil auf unter 0,1–0,5% pro Fläche.
Erklärung
Das Prinzip der destruktiven Interferenz
Eine Vergütungsschicht ist eine sehr dünne Schicht mit einem Brechungsindex, der zwischen dem der Luft und dem des Glases liegt. Die Dicke der Schicht wird so gewählt, dass sie exakt einem Viertel der Wellenlänge des zu reduzierenden Lichts entspricht (für grünes Licht ca. 550 nm → Schichtdicke ca. 137 nm). Licht, das an der Oberseite der Schicht reflektiert wird, und Licht, das an der Unterseite der Schicht reflektiert wird, sind dann genau eine halbe Wellenlänge phasenverschoben und löschen sich durch destruktive Interferenz aus.
Eine Einfachvergütung (monolayer coating) ist optimal nur für eine Wellenlänge. Mehrschichtvergütungen (Multilayer Coating, MC) verwenden viele Schichten unterschiedlicher Dicke, die über das gesamte sichtbare Spektrum (380–700 nm) Reflexionen minimieren.
Entwicklungsgeschichte
- 1935: Carl Zeiss und Smakula entwickeln die erste kommerzielle Einfachvergütung (patentiert als geheime Rüstungstechnologie)
- 1960er: Mehrschichtvergütungen werden industriell verfügbar; Zeiss führt die *T\-Vergütung** (T-Stern) ein – eine proprietäre Mehrschichtvergütung, die über das gesamte Sichtspektrum wirkt
- 1970er–80er: Standard-Mehrschichtvergütungen werden bei allen Herstellern üblich
- 2000er: Nano-Coating (Nanostrukturvergütung) wird entwickelt; Oberflächen erhalten eine nanostrukturierte „Mottenaugen"-Struktur, die Reflexion noch stärker als konventionelle Schichten minimiert
Wichtige Vergütungstypen und Markennamen
| Marke | Vergütungsname | Besonderheit |
|---|---|---|
| Zeiss | T\* (T-Stern) | Mehrschichtvergütung, Goldstandard seit 1970 |
| Nikon | Nano Crystal Coat (N) | Nanostruktur für ultra-niedrige Reflexion |
| Canon | Super Spectra Coating, Air Sphere Coating (ASC) | Besonders effektiv gegen Flare |
| Sony | Nano AR Coating | Nanoschicht auf kritischen Linsenoberflächen |
| Leica | T\*-Lizenz / eigene Vergütung | Sehr konstant über das Spektrum |
| Sigma | Super Multi-Layer Coating, Nano Porous Coating | Auf Art-Objektiven |
| Fujifilm | HT-EBC (High Transmittance Electron Beam Coating) | Multi-Coat für Fujinon-Objektive |
Auswirkung auf Gegenlicht-Verhalten
Unzureichende Vergütung führt bei Gegenlicht zu:
- Flare: Helle, diffuse Aufhellung des Bildes durch Streulicht
- Ghosting: Geisterbilder der Lichtquelle (Linsenspiegel-Artefakte), oft farbig
- Veiling Glare: Kontrastabfall über das gesamte Bild
Hochwertige Vergütungen (Nano Crystal Coat, ASC) reduzieren diese Effekte dramatisch. Das Nikon AF-S NIKKOR 14-24mm f/2,8G ED mit Nano Crystal Coat gilt im Gegenlicht als eines der besten Weitwinkel-Zooms und setzt Maßstäbe seit seiner Einführung.
Schmutz-Abweisung: Fluorit-Vergütung
Viele moderne Profi-Objektive haben zusätzlich eine fluorhaltige Frontlinsenvergütung (Fluor Coating, ähnlich PTFE): Sie ist wasserabweisend (hydrophob) und ölabweisend, sodass Fingerabdrücke und Wassertropfen leicht abperlende und abwischbar sind. Canon nennt dies „Fluorine Coating" auf L-Objektiven; Nikon und Sony verwenden ähnliche Beschichtungen auf Profi-Linsen.
Auswirkung auf die Bildqualität
Vergütungsqualität beeinflusst messbar:
- Kontrast: Hochwertige Vergütungen steigern den Globalkontrast
- Farbsättigung: Weniger Streulicht → sattere Farben
- Schärfe (wahrgenommene): Höherer Kontrast = höhere wahrgenommene Schärfe
- Farbstich: Schlechte Vergütungen können zu leichten Farbstichen in Gegenlicht-Situationen führen
Beispiele
- *Zeiss Otus 55mm f/1,4, T\-Vergütung:* Gegenlichtaufnahmen zeigen praktisch kein Ghosting; die T\-Vergütung trägt wesentlich zum außergewöhnlichen Kontrast bei (Neupreis: ca. 3.500 Euro).
- Günstiges Drittanbieter-Objektiv ohne MC: Direktes Fotografieren gegen die Sonne zeigt mehrere farbige Geisterbilder und starken Flare – typisch für Einfach- oder schlechte Mehrschichtvergütung.
- Nikon Z 14-30mm f/4 S mit Nano Crystal Coat: Sonnenuntergangspanorama mit Sonne im Bild – minimales Ghosting, hohe Korrektur durch ARNEO Coat (Nikon) und Nano Crystal Coat auf kritischen Linsen.
- Canon EF 24-70mm f/2,8 L II mit ASC: Streitgespräch in der Kritik – bei sehr hartem Gegenlicht minimal überlegen gegenüber Nikon-Pendant; Unterschied marginal, aber reproduzierbar.
- Vintage-Objektiv ohne Vergütung (1950er-Helios): Fotografiert gegen eine Lampe zeigt das Helios 44 massive Flares und Ghosting – einige Fotografen nutzen diesen Look bewusst als Retro-Stilmittel.
In der Praxis
Im Alltag ist die Vergütung primär bei Gegenlicht relevant. Folgende Maßnahmen ergänzen die Vergütung:
- Gegenlichtblende verwenden: Reduziert Streulicht am wirkungsvollsten, unabhängig von der Vergütungsqualität
- Linse sauber halten: Fingerabdrücke streuen Licht und verschlechtern den Gegenlichtschutz drastisch (vgl. Objektivpflege)
- Flares kreativ nutzen: Viele Filmemacher und Fotografen suchen bewusst nach Objektiven mit charakteristischem Flare-Verhalten (z. B. Anamorphot-Charakteristik im Kino)
Vergütungsschäden: Zu aggressives Reinigen kann Vergütungsschichten beschädigen. Lösungsmittel wie Aceton oder Alkohol in zu hoher Konzentration greifen Vergütungen an. Immer sanfte Reinigungsmittel (isopropanolbasierte Objektivreiniger, Brillenputztücher) verwenden.
Vergleich & Abgrenzung
Einfachvergütung (SC) vs. Mehrschichtvergütung (MC): MC ist für das gesamte sichtbare Spektrum optimiert und deutlich effektiver. Moderne Objektive verwenden fast ausnahmslos MC.
Anti-Reflex-Vergütung vs. Fluor-Vergütung: Anti-Reflex-Vergütung optimiert optische Eigenschaften; Fluor-Vergütung schützt die Frontlinse vor Schmutz. Hochwertige Objektive haben beides.
Nanostruktur vs. Schichtvergütung: Nanostrukturvergütungen (Nikon Nano Crystal Coat, Sony Nano AR) nutzen Strukturen statt reiner Schichtdicken-Interferenz und können Reflexionen über einen breiteren Wellenlängenbereich minimieren.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich sehen, ob mein Objektiv eine Mehrschichtvergütung hat? Ja: Halte das Objektiv gegen eine weiße Lichtquelle und schaue schräg auf die Frontlinse. Eine Einfachvergütung zeigt einen einzelnen Farbreflex (oft blauviolett oder gelblich). Eine Mehrschichtvergütung zeigt sehr schwache, beinahe farbneutrale Reflexe oder mehrere überlagernde Farbtöne. Das T\*-Logo (Zeiss) oder ein „N" auf dem Objektivgehäuse (Nikon Nano Crystal Coat) sind direkte Hinweise.
*Ist T\-Vergütung wirklich besser als andere Hersteller-Coatings?* Die T\-Vergütung war bei ihrer Einführung bahnbrechend und bleibt ein Qualitätsmerkmal. Moderne Nano-Vergütungen von Nikon (Nano Crystal Coat) und Sony (Nano AR) sind in manchen Tests gleichwertig oder überlegen, insbesondere im UV-Bereich. Praktisch sind die Unterschiede zwischen hochwertigen Coatings gering und im Foto kaum messbar.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Hecht, Eugene: Optik, 5. Auflage, De Gruyter Oldenbourg, 2014, Kapitel 9.7: Entspiegelung.
- Zeiss Lens Division: T\-Vergütung – Erklärung und Geschichte*, zeiss.com.
- Nikon: Nano Crystal Coat Technologie-Beschreibung:
- Canon: Air Sphere Coating (ASC) Erläuterung:
