← Zurück zu Fotografie
Portraitretusche bezeichnet die nachträgliche digitale Bearbeitung von Portraitfotos mit dem Ziel, das Bild zu optimieren – von der einfachen Farbkorrektur über die Hauttexturreparatur bis zur plastischen Modellierung mittels Dodge & Burn.

Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Portraitfotografie · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Skin Retouching, Portrait Post-Processing, Bildretusche

Was ist Portraitretusche?

Jedes professionelle Portraitfoto wird nachbearbeitet – die Frage ist nur, in welchem Umfang. Portraitretusche reicht von minimalen Korrekturen (Weißabgleich, Helligkeit, Schärfe) über gezielte Hautoptimierungen bis hin zur vollständigen plastischen Neugestaltung von Hauttönen und Volumen. Die zwei zentralen Techniken für professionelle Ergebnisse sind die Frequenztrennung und Dodge & Burn.

Die Kunst der Portraitretusche liegt darin, das Bild zu verbessern, ohne die Erkennbarkeit und Natürlichkeit der Person zu zerstören. Übermäßige Retusche erzeugt eine plastisch-unwirkliche Ästhetik, die vom Betrachter sofort unbewusst wahrgenommen wird.

Erklärung

Arbeitsgrundlagen: Zerstörungsfreies Arbeiten

Professionelle Retusche erfolgt non-destructive (zerstörungsfrei): Alle Änderungen werden auf separaten Ebenen vorgenommen, sodass das Originalbild jederzeit erhalten bleibt und Änderungen rückgängig gemacht oder angepasst werden können.

Grundlegender Workflow:

  1. RAW-Datei in Lightroom oder Camera Raw entwickeln (Grundbelichtung, Weißabgleich, Farbkorrektur)
  2. In Photoshop exportieren (als TIFF oder PSD)
  3. Grobe Korrekturen (Störende Elemente entfernen)
  4. Frequenztrennung
  5. Dodge & Burn
  6. Farbton- und Luminanzanpassungen
  7. Schärfung und Export

Frequenztrennung (Frequency Separation)

Grundprinzip: Die Frequenztrennung teilt das Bild in zwei Ebenen auf:

  • Hochfrequenz-Ebene: Enthält die Hauttextur (Poren, feine Linien, Barthaare).
  • Tieffrequenz-Ebene: Enthält Farbton und Helligkeit (grobe Unregelmäßigkeiten, Rötungen, Schatten).

Der Vorteil: Korrekturen auf der Tieffrequenz-Ebene (z. B. Rötungen entfernen) verändern die darüber liegende Hauttextur nicht – die Haut bleibt natürlich und texturiert.

Durchführung in Photoshop:

  1. Originalbild zweimal duplizieren: Untere Kopie = Tieffrequenz; obere Kopie = Hochfrequenz.
  2. Tieffrequenz-Ebene: Gaußscher Weichzeichner, Radius 2–6 Pixel (abhängig von Auflösung und Gewünschtem).
  3. Hochfrequenz-Ebene: Bild → Berechnungen → Tieffrequenz-Ebene invertiert mit sich selbst kombinieren (Ineinanderkopieren-Modus). Alternativ: Bild → Bildberechnungen oder Hochpass-Technik.
  4. Hochfrequenz-Ebene auf Modus Weiches Licht oder Lineares Licht setzen.

Auf der Tieffrequenz-Ebene arbeitet man mit:

  • Weichem Pinsel in der Farbe der umgebenden Haut (mit Alt-Taste aufnehmen)
  • Patch-Werkzeug
  • Reparatur-Pinsel

Auf der Hochfrequenz-Ebene arbeitet man mit:

  • Klonstempel (einzelne Texturen versetzen)
  • Reparatur-Pinsel

Dodge & Burn (Abwedeln und Nachbelichten)

Grundprinzip: Dodge (aufhellen) und Burn (abdunkeln) sind Techniken, die ursprünglich aus der analogen Dunkelkammer stammen. Digital eingesetzt, modellieren sie die dreidimensionale Form des Gesichts: Bereiche, die näher an der Lichtquelle liegen, werden aufgehellt; Bereiche in Schatten werden abgedunkelt.

Durchführung in Photoshop:

  1. Neue leere Ebene erstellen, mit 50% Grau füllen (Bearbeiten → Fläche füllen → 50% Grau).
  2. Ebenenmodus auf Weiches Licht setzen. Das Grau wird unsichtbar.
  3. Mit weichem weißem Pinsel (niedrige Deckkraft: 5–15%) über helle Bereiche malen (Dodge).
  4. Mit weichem schwarzen Pinsel über dunkle Bereiche malen (Burn).
  5. Ergebnis durch Reduzierung der Ebenentransparenz regulieren.

Einsatzbereiche:

  • Feine Unebenheiten auf der Haut glätten (Abwedeln von hellen Flecken, Nachbelichten von dunklen Flecken)
  • Wangenknochen betonen (helle Partie aufhellen)
  • Lidschatten und Augenringe abschwächen
  • Haare und Konturen dramatisieren

Kombination beider Techniken

Im professionellen Workflow werden Frequenztrennung und Dodge & Burn kombiniert:

  1. Frequenztrennung korrigiert Unregelmäßigkeiten in Farbton und Textur.
  2. Dodge & Burn modelliert Form und Volumen.

Weitere wichtige Retuschetechniken

  • Liquify-Tool: Kleine Formkorrekturen (Nasenspitze, Lippenlinie, Haarlinie). Vorsichtig einsetzen, um Natürlichkeit zu erhalten.
  • Augen aufhellen: Selektive Aufhellung des Weißes mit Burn/Dodge oder Kurven.
  • Zähne aufhellen: Selektion, Entsättigung und Aufhellung.
  • Störende Elemente entfernen: Flecken, Muttermale (nur nach Absprache mit der Person), Haare im Gesicht.

Beispiele

  • Bewerbungsfoto-Retusche: Frequenztrennung zur Beseitigung einer vorübergehenden Rötung auf der Wange, minimales Dodge & Burn an den Wangenknochen. Ergebnis: natürlich und gepflegt.
  • Beauty-Editorial: Vollständige Frequenztrennung der gesamten Gesichtshaut, intensives Dodge & Burn zur dramatischen Modellierung. Hochglanzoptik.
  • Natürliche Porträtretusche (Naturfotografin): Nur Reparatur einzelner störender Elemente (Hautunreinheit), Aufhellung der Augen, keine Frequenztrennung. Ergebnis: authentisch und unbearbeitet wirkend.

In der Praxis

Zeit: Eine vollständige professionelle Beauty-Retusche kann 2–6 Stunden dauern. Für ein Businessportrait reichen meist 30–60 Minuten.

Kalibrierter Monitor: Farb- und Helligkeitskorrekturen erfordern einen kalibrierten Monitor. Unkalibrierte Bildschirme können zu Fehlurteilen führen, die auf anderen Geräten sichtbar werden.

Bildschirmabstand und Pause: Regelmäßige Pausen und Vergleich mit dem Originalbild verhindern, dass die Retusche zu weit geht. Mehr zur Gratwanderung: Hautretusche ohne Überbearbeitung.

Vergleich & Abgrenzung

TechnikHauptzweckEbenentyp
FrequenztrennungHautton und Textur trennenZwei spezifische Ebenen
Dodge & BurnForm und Volumen modellieren50%-Grau-Ebene
Reparatur-PinselEinzelne Makel beseitigenNeue leere Ebene
LiquifyForm leicht verändernSmartfilter

Häufige Fragen (FAQ)

Kann man Frequenztrennung auch in Lightroom machen? Nein. Frequenztrennung ist eine Photoshop-Technik. In Lightroom sind nur einfachere Korrekturen möglich (Pinsel, lokale Anpassungen). Für professionelle Portraitretusche ist Photoshop erforderlich.

Wie viel Retusche ist ethisch vertretbar? Das ist eine berechtigte und aktuelle Frage. Viele Länder und Plattformen fordern Kennzeichnung von retuschierter Körperdarstellung. Grundsatz: Retusche sollte das Bild optimieren, nicht die Person in ein unrealistisches Ideal verwandeln.

Welche Plugins erleichtern die Portraitretusche? Portrait Pro, Luminar Neo (KI-Retusche), Retouche4me (KI-gestützte Frequenztrennung und D&B). Diese Tools können Workflow beschleunigen, ersetzen aber kein handwerkliches Verständnis.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Kabili, J. (2013). Adobe Photoshop CS6: Die professionelle Bildbearbeitung. dpunkt.verlag.
  • Kelby, S. (2015). Das Geheimnis perfekter Portraitfotos. dpunkt.verlag.
  • Eismann, K. (2011). Photoshop Retouching Cookbook. O'Reilly Media.
← Zurück zu Fotografie
Infotag · 13. Mai · 15:00 Uhr · Vor Ort

Sei am Mittwoch dabei.
Bring Eltern oder Freunde mit.

Ein halber Nachmittag, der dir drei Jahre Klarheit bringen kann. Kostenlos, unverbindlich, ehrlich.

  • Rundgang durch Studios, Schnitträume und Tonstudio
  • Echte Absolventenfilme sehen
  • 1:1-Beratung zu Bewerbung & BAföG
  • Studierende direkt fragen
  • Kaffee, kein Sales-Pitch
  • Auch online möglich

Platz beim Infotag reservieren

Dauert 30 Sekunden. Bestätigung per E-Mail.
100 % kostenlos · keine Verpflichtung · jederzeit absagbar