Schärfentiefe (auch: Tiefenschärfe) bezeichnet den Bereich vor und hinter dem Fokuspunkt, der im Bild noch akzeptabel scharf erscheint; im Portrait wird sie genutzt, um Personen zu betonen und Hintergründe gezielt unscharf zu stellen.
Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: Portraitfotografie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Tiefenschärfe, Bokeh (für die unscharfen Bereiche), Depth of Field (DoF)
Was ist Schärfentiefe im Portrait?
Die Kontrolle über Schärfe und Unschärfe ist eines der mächtigsten gestalterischen Mittel im Portrait. Durch eine geringe Schärfentiefe (flaches DoF) wird die abgebildete Person scharf gestellt, während der Hintergrund in einen weichen Unschärfeschleier übergeht – das sogenannte Bokeh. Diese Technik betont das Motiv, reduziert ablenkende Hintergrundelemente und verleiht Bildern eine ästhetische Qualität, die vielen Betrachtern als „professionell" erscheint.
Umgekehrt kann eine große Schärfentiefe im Umgebungsportrait (Environmental Portrait) gewollt eingesetzt werden, damit der Kontext – z. B. ein Arbeitsplatz oder eine Landschaft – ebenfalls klar erkennbar bleibt.
Erklärung
Die drei Einflussfaktoren
1. Blende (f-Zahl) Die Blende ist der direkteste Parameter. Je offener die Blende (niedrige f-Zahl wie f/1.4, f/1.8, f/2.0), desto geringer die Schärfentiefe. Je geschlossener (hohe f-Zahl wie f/8, f/11), desto größer die Schärfentiefe.
Für Portraits ist ein Bereich von f/1.4 bis f/4 typisch. Bei sehr offener Blende (f/1.4 oder f/1.8) ist die Schärfentiefe so gering, dass manchmal nur ein Auge scharf ist, das andere bereits unscharf. Aus diesem Grund wird für klassische Portraits oft f/2.0 bis f/2.8 empfohlen, um beide Augen sicher in der Schärfe zu halten.
2. Brennweite Längere Brennweiten erzeugen bei gleicher Blende optisch geringere Schärfentiefe. Ein 135-mm-Objektiv bei f/2.8 erzeugt deutlich mehr Hintergrundunschärfe als ein 50-mm-Objektiv bei gleichem f-Wert und gleichem Ausschnitt. Mehr zu den Portrait-Brennweiten: Brennweite und Perspektive im Portrait (50mm, 85mm, 135mm).
3. Abstand Kamera–Motiv und Motiv–Hintergrund Je kürzer der Abstand zwischen Kamera und Modell, desto geringer die Schärfentiefe. Je größer der Abstand zwischen Modell und Hintergrund, desto stärker wird der Hintergrund unscharf. Ein Modell, das 30 cm vor einer Wand steht, lässt sich selbst mit offener Blende kaum vom Hintergrund freistellen. Steht dasselbe Modell 5 Meter vor der Wand, verschwindet diese bei offener Blende fast vollständig im Bokeh.
Bokeh-Qualität
„Bokeh" stammt aus dem Japanischen (ぼけ) und bedeutet sinngemäß „Unschärfe" oder „Verschwommenheit". Im fotografischen Fachjargon bezeichnet es die ästhetische Qualität des unscharfen Bereichs. Gutes Bokeh gilt als:
- Weich und cremig (keine harte Kante zwischen Scharf und Unscharf)
- Runde Lichtbällchen aus Lichtpunkten
- Frei von störenden Doppelkonturen (Onion-Bokeh) oder Ring-Artefakten
Die Bokeh-Qualität wird von der Konstruktion des Objektivs beeinflusst, insbesondere von der Anzahl und Rundung der Blendenlamellen. Hochwertige Portraitobjektive wie das Canon EF 85mm f/1.4L oder das Nikkor 105mm f/1.4 werden gezielt für exzellentes Bokeh entwickelt.
Sensor-Crop-Faktor
Bei Crop-Sensoren (APS-C) erscheint die Schärfentiefe bei gleichem f-Wert und gleicher Bildgestaltung größer als bei Vollformat. Um denselben DoF-Effekt auf APS-C zu erzielen wie auf Vollformat, muss man entweder die Blende weiter öffnen oder näher herantreten.
Schärfentiefe bewusst einsetzen
- Freigestelltes Portrait (geringe DoF): f/1.4 – f/2.8, lange Brennweite, großer Abstand zum Hintergrund. Klassisch für emotionale Einzelportraits, Bewerbungsfotos und Beauty.
- Umgebungsportrait (große DoF): f/5.6 – f/8, kürzere Brennweite oder Weitwinkel. Kontext wird miterzählt. Geeignet für Reportage und Editorial.
- Gruppen-Portrait: Mindestens f/4 – f/8, je nach Anzahl der Personen und ihrer räumlichen Tiefe. Alle Personen sollen scharf sein.
Beispiele
- Einzelportrait: Modell bei 85 mm, f/1.8, Abstand zum Hintergrund ca. 4 Meter. Augen scharf, Hintergrundlichter werden zu weichen Kreisen (Bokeh).
- Umgebungsportrait eines Buchbinders: 35 mm, f/5.6 – das Regal voller Bücher im Hintergrund ist noch erkennbar und kontextuell bedeutsam.
- Gruppen-Familienportrait: 50 mm, f/5.6, alle drei Reihen scharf – hier wäre offene Blende ein Fehler, da Personen in zweiter Reihe sonst unscharf würden.
In der Praxis
Beim Scharfstellen im Portrait sollte der Fokuspunkt immer auf den Augen (genauer: auf dem vorderen Auge bei seitlicher Pose) liegen. Moderner Autofokus mit Eye-Tracking (z. B. Sony Alpha, Canon EOS R, Nikon Z) übernimmt diese Aufgabe sehr zuverlässig. Bei manuellem Fokus und offener Blende ist selbst bei ruhig stehendem Modell äußerste Präzision erforderlich.
Mehr zum Thema Augenfokus: Augen scharf stellen: Techniken und AF-Modi.
Vergleich & Abgrenzung
Schärfentiefe ist nicht identisch mit Schärfe. Ein scharf eingestelltes Bild mit großer Schärfentiefe kann dennoch insgesamt unscharf sein, wenn die Kamera gewackelt hat (Bewegungsunschärfe). Schärfentiefe beschreibt ausschließlich den optisch-physikalischen Bereich, in dem Motive scharf abgebildet werden.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum ist mein Bokeh nicht rund, sondern kantiger? Bei geschlossener Blende (etwa ab f/4 aufwärts) bilden die Blendenlamellen Polygone statt Kreise – das ergibt eckige Lichtflecken. Weit offene Blende und mehr Blendenlamellen minimieren diesen Effekt.
Kann ich Bokeh in der Nachbearbeitung simulieren? Ja, mit Portrait-Modi in Smartphones oder Tools wie Photoshop (Unschärfefilter, Tiefenmaske) oder Lightroom (Maskierung nach Tiefe). Das Ergebnis ist jedoch selten so überzeugend wie echte optische Unschärfe.
Ab welcher Blende sind beide Augen scharf? Grobe Faustformel: Bei Porträtabstand (ca. 1,5 – 2 Meter) und 85 mm sind bei f/2.0 beide Augen bei Frontalpose scharf. Bei 45°-Pose empfiehlt sich f/2.8 oder f/4.
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Weiterführend
- Peterson, B. (2004). Understanding Exposure. Amphoto Books.
- Freeman, M. (2012). The Photographer's Eye. Focal Press.
- Ang, T. (2014). Photography – The Definitive Visual History. DK Publishing.
