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Farbräder (engl. Color Wheels) sind kreisförmige Farbkorrekturwerkzeuge, die getrennte Farbtonverschiebungen in den Tiefen (Shadows), Mitteltönen (Midtones) und Lichtern (Highlights) eines Bildes ermöglichen und besonders für cinematisches Colorgrading eingesetzt werden.

Rubrik: Fotografie & Digital Imaging · Unterrubrik: RAW-Workflow & Bildbearbeitung · Niveau: Fortgeschritten

Synonyme / Auch bekannt als: Color Wheels, Farbbalance, Color Balance, Tiefen-Mitteltöne-Lichter-Kontrolle


Was sind Farbräder?

Farbräder stammen ursprünglich aus dem Videogranding und der Filmpostproduktion. In Systemen wie DaVinci Resolve sind Farbräder seit Jahrzehnten Standard. Adobe integrierte das Konzept in Lightroom Classic (unter der Bezeichnung „Farbbalance") und Capture One nutzt ebenfalls Farbräder in seinen Color-Grading-Werkzeugen.

Ein Farbregler besteht aus einem Kreis (dem Rad), der alle Farbtöne des Spektrums darstellt, kombiniert mit einem zentralen Punkt, der in alle Richtungen verschoben werden kann. Verschiebt man den Punkt in Richtung einer Farbe, färbt sich der entsprechende Tonwertbereich leicht in diese Farbe ein. Ein vertikaler Schieberegler daneben steuert die Helligkeit des jeweiligen Bereichs.


Erklärung

Drei Räder – drei Tonwertbereiche

Standardmäßig gibt es drei Farbräder:

  1. Tiefen (Shadows): Beeinflusst primär die dunklen Bildpartien. Klassisch: Tiefen leicht Blau/Teal färben für Cine-Look.
  2. Mitteltöne (Midtones): Beeinflusst den größten Tonwertbereich – die meisten Hauttöne, Hintergründe und Hauptmotive liegen hier.
  3. Lichter (Highlights): Beeinflusst die hellen Bildpartien. Klassisch: Lichter warm (Orange/Gelb) einfärben für Kontrast zu kühlen Tiefen.

In Lightroom gibt es zusätzlich ein viertes Rad: „Global" (wirkt auf alle Tonwertbereiche gleichzeitig).

Teal-and-Orange: Der Kinolook

Der bekannteste Colorgrading-Look ist Teal and Orange: Tiefen werden blaugrün (Teal) eingefärbt, Lichter warm-orange. Dieser Look kontrastiert kühle Schatten mit warmen Lichtern und erzeugt die cineastische Ästhetik vieler Hollywoodfilme. Er funktioniert besonders gut bei Porträts, da die Hautfarbe (Orange-Spektrum) natürlich in die warmen Lichter fällt.

Farbräder in Lightroom (Farbbalance-Panel)

In Lightroom Classic (ab Version 9 / 2019) befindet sich das Farbbalance-Panel im Entwickeln-Modul unter dem HSL-Panel. Es zeigt drei (oder vier) Farbräder. Die Verschiebung des Mittelpunkts im Rad und der Helligkeitsschieberegler sind die einzigen Parameter.

Wichtig: Das Lightroom-Farbbalance-Panel ist eine Überlagerungsfunktion auf die Grundbearbeitung – es ergänzt, aber ersetzt nicht die Gradationskurven oder HSL-Regler.

Farbräder in Capture One (Farbbalance-Werkzeug)

Capture One nennt das äquivalente Werkzeug „Farbbalance" und bietet ebenfalls drei Räder (Schatten, Mitteltöne, Lichter). Die Implementierung ist detaillierter: Es gibt separate Regler für die Breite des jeweiligen Tonwertbereichs – d. h., wo genau die Grenze zwischen Schatten und Mitteltönen liegt, ist anpassbar.

Saturation und Luminanz pro Rad

Neben der Farbrichtung steuert ein Helligkeitsschieberegler an jedem Rad die Luminanz des jeweiligen Bereichs. Damit lassen sich Tiefen verdichten und Lichter ausgleichen, ohne dass Gradationskurven nötig sind.


Beispiele (5 konkrete Beispiele mit Schritt-für-Schritt)

1. Teal-and-Orange Look in Lightroom

  1. Entwickeln-Modul → Farbbalance-Panel öffnen (unter HSL)
  2. Tiefen-Rad: Mittelpunkt leicht nach links-unten in Richtung Blau/Cyan verschieben (~Teal)
  3. Lichter-Rad: Mittelpunkt leicht nach rechts-oben in Richtung Orange/Gelb verschieben
  4. Stärke: Subtile Verschiebungen (1–5 Einheiten) reichen oft aus
  5. Mitteltöne: Neutral lassen oder minimalst nach Warm schieben für Hauttöne

2. Kühlen Abendlook mit warmen Tiefen

  1. Lightroom Farbbalance → Tiefen-Rad: leicht nach Orange-Braun verschieben (Sonnenunterganglicht in den Schatten)
  2. Lichter-Rad: leicht nach Blau für kühlen Himmel
  3. Mitteltöne: neutral oder minimal warm
  4. Zusätzlich: Weißabgleich insgesamt kühler stellen (Temperatur –200 K)

3. Cinematischen Look in Capture One erstellen

  1. Capture One → Werkzeug „Farbbalance" öffnen
  2. Schatten-Rad: Mittelpunkt in Richtung Blau-Grün verschieben
  3. Lichter-Rad: Mittelpunkt in Richtung Gelb-Orange
  4. Breite der Schatten anpassen: mehr Schatten-Breite = größerer Einflussbereich
  5. Als Stil speichern: Stile-Panel → „+" → Neuen Stil erstellen (nur Farbbalance speichern)

4. Porträt: Hauttöne wärmer ohne globalen Weißabgleich

  1. Farbbalance → Mitteltöne-Rad (hier liegen die meisten Hauttöne)
  2. Mittelpunkt minimal nach Orange/Gelb verschieben (1–3 Einheiten)
  3. Lichter-Rad leicht nach Gelb: Glanzlichter auf Haut erscheinen wärmer
  4. Tiefen-Rad neutral lassen → Haare und Schatten bleiben kühl-neutral

5. Split-Toning für Schwarz-Weiß-Bild

  1. Bild auf Schwarz-Weiß konvertieren (HSL → S/W oder Monochrombild öffnen)
  2. Farbbalance → Tiefen-Rad: nach Blau-Grün (kühle Tiefen wie bei Cyanotypie)
  3. Lichter-Rad: nach Gelb-Beige (warme Lichter wie bei Sepia)
  4. Ergebnis: Duotone-Effekt mit zwei komplementären Farbtönen
  5. Sättigungsschieberegler an jedem Rad: Intensität des Effekts steuern

In der Praxis

Farbräder sind das intuitivste Colorgrading-Werkzeug, weil die räumliche Verschiebung des Punktes direkt der Farbrichtung entspricht. In DaVinci Resolve, dem Industriestandard für Filmcolorgrading, sind Farbräder das Basiswerkzeug jeder Color-Session.

In der Fotografie sind Farbräder etwas subtiler einzusetzen als im Film. Während cineastische Looks mit starken Teal-and-Orange-Kontrasten im Film normal sind, wirken starke Farbradfärbungen in der Fotografie schnell unnatürlich – besonders bei Reportage oder Dokumentarfotografie.

Empfohlene Workflow-Reihenfolge: Erst globale Belichtungs- und Weißabgleichskorrektur → dann Gradationskurven für Kontrast → dann HSL für Farbkorrekturen → zuletzt Farbräder für kreativen Look.


Vergleich & Abgrenzung

WerkzeugWirkungsbereichTypischer Einsatz
FarbräderTonwertspezifisch (Tiefen/Mitte/Lichter)Cineastischer Look, Split-Toning
HSL-ReglerFarbbereichsspezifisch (Rot, Grün, Blau...)Selektive Farbkorrektur
Gradationskurven (Kanäle)Tonwert + FarbkanalPräzise Farbkorrektur
WeißabgleichGlobal (Temperatur + Tönung)Grundlegende Farbkorrektur

Häufige Fragen (FAQ)

Ist das Farbbalance-Panel in Lightroom dasselbe wie Split-Toning? Nein. Das frühere Split-Toning-Panel (bis Lightroom 9) erlaubte nur Farbton und Sättigung für Lichter und Tiefen getrennt. Das neue Farbbalance-Panel umfasst drei vollständige Räder (inkl. Mitteltöne) mit deutlich mehr Einflussbereich und Flexibilität. Das Split-Toning-Panel wurde durch Farbbalance ersetzt.

Wie subtil sollten Farbradfärbungen in der Portraitfotografie sein? In der Regel sehr subtil – Verschiebungen von 1–5 Einheiten sind typisch. Bei >10 Einheiten beginnen Hauttöne sichtbar einzufärben, was meist unerwünscht ist. Im Zweifelsfall: Vorher-Nachher-Vergleich (\ in Lightroom) und kritische Beurteilung auf kalibriertem Monitor (Kelby 2020, S. 162).


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Kelby, S. (2020). Das Adobe Photoshop Lightroom Classic Buch. dpunkt.verlag. S. 158–168.
  • Nightingale, D. (2019). A Practical Guide to Digital Photography. Thames & Hudson. S. 202–208.
  • Adobe Help Center: „Color Grading with Color Wheels in Lightroom" – helpx.adobe.com/lightroom-classic
  • Dado, A. (2022). Color Grading in Lightroom Classic. Rocky Nook. S. 44–72.
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