Getty Images vs. Stability AI bezeichnet das seit 2023 laufende Urheberrechtsverfahren, in dem der Bildagentur-Marktführer Getty Images die britische KI-Firma Stability AI wegen der unerlaubten Nutzung von mehr als 12 Millionen lizenzierten Fotos zum Training des Bildgenerierungs-Modells Stable Diffusion verklagt.
Rubrik: GenAI & Content Creation · Unterrubrik: KI-Ethik · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Getty v. Stability AI, Getty Images lawsuit, Stable Diffusion Urheberrechtsklage
Was ist der Fall Getty Images vs. Stability AI?
Im Januar 2023 reichte Getty Images Klage gegen Stability AI in den USA (Delaware) und Großbritannien ein. Getty wirft Stability AI vor, ohne Lizenz und ohne Vergütung der Fotografen über 12 Millionen Bilder aus dem Getty-Images-Katalog – inklusive der charakteristischen Getty-Wasserzeichen – zum Training von Stable Diffusion verwendet zu haben. Der Fall gilt als einer der wichtigsten und weichenstellenden KI-Urheberrechtsfälle weltweit, weil er erstmals direkt die kommerzielle Verwertung von Trainingsdaten durch ein milliardenschweres KI-Unternehmen vor Gericht bringt.
Erklärung
Stable Diffusion, das von Stability AI maßgeblich entwickelte Text-to-Image-Modell, wurde auf dem LAION-5B-Datensatz trainiert – einem riesigen Open-Source-Datensatz, der durch Web-Scraping zusammengestellt wurde und nachweislich Millionen von Bildern enthielt, die unter Getty-Lizenz standen. Besonders pikant: Stable Diffusion reproduziert in bestimmten Prompts den charakteristischen Getty-Images-Wasserzeichenstil, was als indirekter Beweis für das Training auf Getty-Bildmaterial gewertet wird.
Klagegründe: Getty Images stützt die Klage auf mehrere rechtliche Grundlagen: Urheberrechtsverletzung im großen Maßstab (für 12+ Millionen Werke mit Schadensersatz bis zu 1,8 Billionen Dollar möglich nach US-Recht, wenn statische Schadensersatzsätze angewendet werden), Markenrechtsverletzung durch Reproduktion des Getty-Watermarks, Verletzung der Nutzungsbedingungen von Getty Images, und in Großbritannien zusätzlich Verletzung der „Database Rights" unter britischem Recht.
Verteidigung Stability AI: Stability AI bestreitet die Klagegründe und argumentiert, das Training auf öffentlich zugänglichen Webinhalten falle unter Fair Use (US) bzw. sei durch das britische Urheberrecht für Text und Data Mining gedeckt. Stability AI verweist darauf, nicht direkt aus dem Getty-Katalog geschöpft zu haben, sondern auf den LAION-Datensatz vertraut zu haben.
Verfahrensstand 2024/2025: In den USA läuft das Verfahren im Bundesbezirksgericht Delaware; Stability AI hat Anträge auf Abweisung gestellt, diese wurden jedoch teilweise abgelehnt, sodass der Fall vor Gericht geht. In Großbritannien hat das High Court in London im Juli 2024 entschieden, dass der Fall vor britischen Gerichten verhandelt werden kann. Parallel dazu hat Stability AI einen Teil seiner Führungsriege ausgetauscht und kämpft mit finanziellen Schwierigkeiten, was Vergleichsgespräche befeuert. Ein Urteil in der Sache könnte 2025 oder 2026 fallen.
Bedeutung für die Branche: Der Fall hat erhebliche Signalwirkung. Wenn Getty obsiegt, könnte das KI-Unternehmen verpflichtet werden, Stable-Diffusion-Modelle, die auf Getty-Daten trainiert wurden, vom Markt zu nehmen oder erhebliche Lizenzgebühren rückwirkend zu zahlen. Ein Sieg für Stability AI würde de facto bestätigen, dass Web-Scraping urheberrechtlich geschützter Bilder für KI-Training unter Fair Use fällt – mit massiven Implikationen für alle Bildagenturen und Fotografen weltweit.
Parallel zu diesem Verfahren sind dutzende ähnliche Klagen anhängig, u. a. von Midjourney-Fotografen (Anderson v. Stability AI et al.), von Autoren gegen OpenAI und Meta, sowie Verfahren im Musikbereich (Suno/Udio Klagen).
Beispiele
- Getty-Watermark in Stable-Diffusion-Outputs: Nutzer stellten 2022/2023 fest, dass Stable Diffusion mit bestimmten Prompts Bilder erzeugte, die das verschwommene Getty-Images-Wasserzeichen enthielten – ein viraler Beweis für das Training auf Getty-Material.
- LAION-5B-Datensatz: Dieser von einer deutschen gemeinnützigen Organisation zusammengestellte Open-Source-Datensatz war Trainingsbasis für Stable Diffusion. Analysen zeigten, dass er Millionen von Getty-, Shutterstock- und Adobe-Stock-Bildern enthielt, für die keine Trainingslizenzen bestanden.
- Britisches Parallelverfahren: Da Stability AI seinen europäischen Sitz in London hatte, reichte Getty auch am UK High Court of Justice Klage ein; 2024 wurde die britische Klage zur Hauptverhandlung zugelassen.
- Vergleichsverhandlungen 2024: Berichten zufolge führten Getty und Stability AI 2024 Gespräche über eine außergerichtliche Einigung. Ein Vergleich würde Stability AI erhebliche Lizenzgebühren kosten, aber Planungssicherheit bringen.
- Reaktion der Branche: Shutterstock, Adobe und weitere Stockagenturen haben als Reaktion auf den Fall Lizenzmodelle für KI-Training entwickelt und aktiv vermarktet. Shutterstock etwa bietet seit 2023 KI-Unternehmen Trainings-Lizenzen für seinen Katalog an und zahlt Fotografen Beteiligungen.
In der Praxis
Das Verfahren hat bereits heute konkrete Auswirkungen auf den Markt: Viele KI-Unternehmen schließen vorsorglich Lizenzverträge mit Stockagenturen ab (Adobe, Shutterstock, Getty selbst hat Gespräche mit mehreren KI-Unternehmen geführt). Das zeigt, dass das Argument „Fair Use deckt alles ab" nicht mehr unumstritten ist.
Für Fotografen und Bildagenturen bedeutet der Fall: Die Forderung nach Vergütung für die Nutzung ihrer Werke als KI-Trainingsdaten ist juristisch nicht aussichtslos. Opt-Out-Mechanismen und präzise Nutzungsbedingungen gewinnen an Rechtssicherheit.
Für KI-Entwickler und Agenturen: Die Nutzung von Drittanbieter-Bildmaterial ohne explizite Trainings-Lizenz ist ein erhebliches rechtliches Risiko. Die Due-Diligence-Prüfung von Trainingsdaten wird zum Standard-Compliance-Prozess.
Vergleich & Abgrenzung
Getty vs. Stability AI ist Teil einer Welle von KI-Urheberrechtsklagen, unterscheidet sich aber in einigen Aspekten: Anders als Autoren-Klagen gegen OpenAI geht es hier primär um Bildrechte und Markenrecht (Wasserzeichen). Anders als die Suno/Udio Klagen betrifft es keine Stimmähnlichkeiten oder Melodien, sondern das Trainings-Datensatz-Problem in seiner reinsten Form.
Die Klage unterscheidet sich auch von Datenschutzklagen (z. B. gegen Clearview AI), da es nicht um personenbezogene Daten geht, sondern um kommerzielle Kreativwerke und Lizenzrechte.
Häufige Fragen (FAQ)
Was muss ich als Kreativer bei diesem Verfahren beachten? Das Verfahren betrifft zunächst die großen Player direkt. Als Fotograf oder Illustrator sollten Sie jedoch Ihre Nutzungsbedingungen bei Stockagenturen prüfen und sicherstellen, dass KI-Training explizit adressiert ist. Erkundigen Sie sich, ob Ihre Agentur aktiv Opt-Out-Rechte durchsetzt oder Lizenzgebühren aus KI-Training-Vereinbarungen ausschüttet.
Wie entwickelt sich das Verfahren rechtlich weiter? Ein Urteil des Delaware-Bundesgerichts könnte 2025 oder 2026 fallen, sofern es zu keinem Vergleich kommt. Jedes Urteil – ob für Getty oder Stability AI – wird als Präzedenzfall für alle parallelen KI-Urheberrechtsklagen fungieren. Angesichts der hohen Schadenssummen (theoretisch bis zu 1,8 Billionen Dollar bei Anwendung des vollen US-Schadensersatzkatalogs) ist eine außergerichtliche Einigung mit Lizenzmodell wahrscheinlicher als ein Urteil in vollem Umfang.
Weiterführend
- Getty Images v. Stability AI, Ltd., Klageschrift, D. Del., Februar 2023
- Getty Images v. Stability AI Ltd, UK High Court of Justice, 2023/2024
- Brittain, B.: „Getty Images sues AI art generator Stability AI for scraping its content", Reuters, 2023
- Henderson, P. et al.: „Foundation Models and Fair Use", Stanford CRFM, 2023
- Gratz, J.: „Generative AI and Copyright", Journal of the Copyright Society USA, 2023
