← Zurück zu Grafik & Kommunikationsdesign
House of Brands ist ein Markenarchitekturmodell, bei dem ein Unternehmen mehrere vollständig eigenständige Marken betreibt, die nach außen keine erkennbare Verbindung zur Muttergesellschaft haben.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Corporate Design & Branding · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Einzelmarken-Strategie, Markenhaus, Multi-Brand-Strategie


Was ist House of Brands?

Das House-of-Brands-Modell beschreibt eine Unternehmensstruktur, in der jede Marke als unabhängige Einheit agiert. Konsumenten kaufen Pampers, nicht P&G. Sie wählen Gillette, ohne zu wissen, dass hinter beiden Marken das gleiche Unternehmen steht. Die Muttergesellschaft ist bewusst unsichtbar — sie fungiert als stille Managerin eines Portfolios aus Marken, die jeweils ihre eigene Geschichte, ihre eigene visuelle Identität und ihre eigene Zielgruppe haben.

Dieses Modell ist das Gegenteil des Branded-House-Ansatzes (wie bei Apple), bei dem alles unter einer starken Dachmarke vereint ist. Im House of Brands ist das "Haus" das Unternehmen, aber die sichtbaren Bewohner sind die einzelnen Marken — jede mit eigenem Auftritt, eigener Stimme, eigenem Charakter.


Erklärung

Wie funktioniert das Modell?

Im House-of-Brands-System entwickelt und pflegt die Muttergesellschaft für jede Marke eigenständige Ressourcen: eigenes Marketing-Budget, eigene Designsysteme, eigene Marketingteams und oft auch eigene Unternehmenskulturen. Die Marken konkurrieren manchmal sogar innerhalb des eigenen Hauses miteinander — was durchaus gewollt ist.

Vorteile

Zielgruppenflexibilität: Verschiedene Marken können vollständig unterschiedliche Konsumentengruppen, Preissegmente und Werte ansprechen. Ein Unternehmen kann gleichzeitig im Premiumsegment und im Massenmarkt aktiv sein.

Risikoisolierung: Wenn eine Marke in Schwierigkeiten gerät (Produktrückruf, Skandal, schlechte PR), bleibt der Schaden innerhalb dieser Marke. Die anderen Marken sind nicht betroffen.

Wettbewerbsvorteil im Regal: Mehrere eigenständige Marken können im gleichen Produktsegment antreten, ohne sich gegenseitig zu kannibalisieren — weil Konsumenten sie als verschiedene Optionen wahrnehmen.

Akquisitionsfreiheit: Unternehmen können bestehende Marken aufkaufen und in ihr Portfolio integrieren, ohne sie in die eigene Markenidentität auflösen zu müssen.

Nachteile

Extrem hohe Kosten: Jede Marke braucht eigene Marketinginvestitionen. Es gibt kaum Synergieeffekte.

Kein Halo-Effekt: Wenn eine Marke Erfolg hat, profitiert das Mutterunternehmen zwar finanziell, aber nicht in seiner Bekanntheit.

Komplexität: Die strategische Steuerung eines großen Markenportfolios erfordert erhebliche Managementkapazitäten.


Beispiele (5 konkrete Marken-Cases)

1. Procter & Gamble — Das Ur-Beispiel P&G ist das meistzitierte Beispiel für das House-of-Brands-Modell. Das US-amerikanische Konsumgüterunternehmen besitzt über 65 Marken, darunter Pampers (Windeln), Ariel und Tide (Waschmittel), Gillette (Rasur), Oral-B (Zahnpflege), Pantene und Head & Shoulders (Haarpflege), Olay (Hautpflege) sowie Febreze (Raumduft). Jede Marke hat eine eigenständige Markenidentität, eigene Werbung und eigene Positionierung. Auf Produkten ist P&G als Hersteller zwar angegeben, aber nicht prominent beworben. Diese Strategie erlaubt es P&G, im Waschmittelmarkt mit Ariel, Tide, Lenor und Bold gleichzeitig präsent zu sein — alle für verschiedene Konsumentsegmente.

2. Unilever — Rivale mit gleichem Modell Unilever führt über 400 Marken, darunter Dove, Axe/Lynx, Rexona, Ben & Jerry's, Knorr, Magnum und Domestos. Das Faszinierende: Dove und Axe werben mit völlig gegensätzlichen Werten (Körperakzeptanz vs. sexuelle Anziehungskraft), leben aber unter dem gleichen Konzern-Dach. Das wäre im Branded-House-Modell unmöglich.

3. LVMH — Luxus im House of Brands Der Pariser Luxusgüterkonzern LVMH betreibt über 75 Prestigemarken: Louis Vuitton, Dior, Givenchy, Bulgari, Tiffany & Co., Moët & Chandon, Hennessy, Sephora und viele mehr. Die Muttergesellschaft bleibt im Hintergrund, weil Luxusmarken ihre Exklusivität und Heritage aus eigener Geschichte schöpfen — der Verweis auf einen Konzern würde diesen Zauber zerstören.

4. Mars Inc. — Süßes House of Brands Mars, Twix, Snickers, M&Ms, Bounty, Milky Way, Skittles — alle aus dem gleichen Haus, alle mit eigenständiger Identität. Mars führt zudem Tierfuttermarken wie Whiskas und Pedigree sowie Foodmarken wie Uncle Ben's (inzwischen Ben's Original). Die Konsumenten wissen oft nicht, dass diese Marken zum gleichen Unternehmen gehören.

5. IAG (International Airlines Group) — Luftfahrt IAG besitzt British Airways, Iberia, Vueling, Aer Lingus und Level — komplett eigenständige Airlines mit eigenen Markenidentitäten, Logos, Kabinenpersonaluniform-Designs und Kundenansprachen. Eine gemeinsame IAG-Marke existiert in der Wahrnehmung der Fluggäste nicht.


In der Praxis

Für Designerinnen und Designer bedeutet das House-of-Brands-Modell eine vollständige Markenwelt pro Marke zu erschaffen. Es gibt keine gemeinsamen Designrichtlinien des Mutterunternehmens, die einzuhalten wären. Jede Marke bekommt:

  • Eigenes Logo-System
  • Eigene Farbpalette
  • Eigene Typografie
  • Eigene Bildsprache und Fotostil
  • Eigene Tone-of-Voice-Richtlinien
  • Eigenes Packaging-Design

Das ist für Kreativagenturen attraktiv, weil es maximale gestalterische Freiheit bietet. Es bedeutet aber auch, dass Markenkonsistenz ausschließlich innerhalb jeder Einzelmarke zu leisten ist — nicht über das Gesamtportfolio hinweg.


Vergleich & Abgrenzung

MerkmalHouse of BrandsBranded House
Sichtbarkeit der MutterKeine / MinimalSehr hoch
Designfreiheit pro ProduktMaximalBegrenzt
BudgeteffizienzGering (kein Synergy)Hoch
KrisenresistenzHochNiedrig
Neue ProdukteinführungHoher AufbauaufwandNutzt Muttermarke sofort
BeispieleP&G, Unilever, LVMHApple, Google, FedEx

House of Brands unterscheidet sich vom Endorsed-Brand-Modell dadurch, dass bei Letzterem die Muttermarke zumindest als Empfehlung sichtbar ist (z. B. "A Nestlé Product"), während beim House of Brands die Mutter vollständig im Hintergrund bleibt.


Häufige Fragen (FAQ)

Warum versteckt P&G seine Unternehmensmarke so bewusst? Die Logik dahinter ist, dass Konsumenten Markentreue zu spezifischen Produkten entwickeln, nicht zu Unternehmen. Wenn P&G als Absender bekannt wäre, könnten Kunden die Verbindung zwischen konkurrierenden P&G-Marken herstellen — und das Vertrauen in die Eigenständigkeit jeder Marke würde abnehmen. Zudem würde ein Unternehmens-Skandal sofort alle Marken gefährden.

Wie entscheidet ein Unternehmen, ob es eine neue Marke eigenständig oder unter der bestehenden Dachmarke einführt? Diese Entscheidung hängt von der Zielgruppe, dem Preissegment und der strategischen Differenzierung ab. Wenn eine neue Marke eine völlig andere Zielgruppe ansprechen soll oder wenn die Dachmarke für das neue Segment unglaubwürdig wäre, empfiehlt sich eine neue, eigenständige Marke. David Aaker und Erich Joachimsthaler haben in Brand Leadership (2000) hierfür den "Brand Relationship Spectrum" entwickelt.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Aaker, David A. / Joachimsthaler, Erich (2000): Brand Leadership. Free Press, New York.
  • Aaker, David A. (2004): Brand Portfolio Strategy. Free Press, New York.
  • Kapferer, Jean-Noël (2012): The New Strategic Brand Management. 5. Aufl. Kogan Page, London.
  • Wheeler, Alina (2017): Designing Brand Identity. 5. Aufl. Wiley, Hoboken.
← Zurück zu Grafik & Kommunikationsdesign
Infotag · 13. Mai · 15:00 Uhr · Vor Ort

Sei am Mittwoch dabei.
Bring Eltern oder Freunde mit.

Ein halber Nachmittag, der dir drei Jahre Klarheit bringen kann. Kostenlos, unverbindlich, ehrlich.

  • Rundgang durch Studios, Schnitträume und Tonstudio
  • Echte Absolventenfilme sehen
  • 1:1-Beratung zu Bewerbung & BAföG
  • Studierende direkt fragen
  • Kaffee, kein Sales-Pitch
  • Auch online möglich

Platz beim Infotag reservieren

Dauert 30 Sekunden. Bestätigung per E-Mail.
100 % kostenlos · keine Verpflichtung · jederzeit absagbar