Paula Scher (* 6. Oktober 1948 in Washington, D.C.) ist eine US-amerikanische Grafikdesignerin und seit 1991 Partnerin bei Pentagram New York, bekannt für ihre großformatige Typografie, die Identität des Public Theater in New York und wegweisende Kommunikationsdesign-Konzepte für Kulturinstitutionen und Konzerne.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Designer & Studios · Niveau: Einsteiger
Biografie / Geschichte
Paula Scher studierte am Tyler School of Art in Philadelphia und begann ihre Karriere 1970 als Werbe-Layouterin, bevor sie Artdirectorin bei CBS Records (1974–1982) und dann bei Atlantic Records wurde. In dieser Zeit entwarf sie über 150 Plattencover und gewann zahlreiche Grammy-Nominierungen für ihr Verpackungsdesign. 1984 gründete sie gemeinsam mit Terry Koppel das Studio Koppel & Scher, das sie 1991 verließ, um als erste Frau Partnerin bei Pentagram New York zu werden.
Ihre Verbindung mit dem Public Theater in New York begann 1994 und prägt seither das visuelle Erscheinungsbild einer der wichtigsten amerikanischen Theaterstätten. Die identitätsstiftende Typografie auf der Basis von Plakatschriften des 19. Jahrhunderts wurde zu einem der bekanntesten Corporate-Identity-Projekte der amerikanischen Designgeschichte. Scher ist außerdem Professorin an der School of Visual Arts in New York, Autorin mehrerer Bücher und Dokumentationsobjekt der Netflix-Dokumentarserie Abstract: The Art of Design (2017), die ihr breitere Öffentlichkeit verschaffte.
Stil & Designphilosophie
Paula Schers Designphilosophie ist geprägt von einem tiefen Respekt für Schrift als bildnerisches Medium. Sie versteht Typografie nicht als Instrument der Informationsübertragung, sondern als visuelle Landschaft, die in einem Blick sowohl Information als auch Atmosphäre transportieren kann. Ihr charakteristisches Mittel ist die Verdichtung: Hunderte von Informationseinheiten werden in einem einzigen typografischen Bild zusammengefasst, sodass ein Plakat sowohl aus der Ferne als Bild als auch aus der Nähe als Text lesbar ist.
Sie schöpft bewusst aus historischen Quellen: Plakatschriften des 19. Jahrhunderts, Jugendstil, russischer Konstruktivismus und amerikanische Volksdruckkunst sind Bestandteile ihres visuellen Vokabulars. Dabei ist sie keine Nostalgikerin, sondern setzt historisches Material ironisch, energetisch und kontextuell neu ein. Ihr Ansatz ist explizit antiminimalistisch: Fülle, Komplexität und Widerspruch sind für sie gestalterische Qualitäten, keine Fehler.
Wichtige Werke
- Public Theater Identität (ab 1994) – Schers visuelles System für das Public Theater in New York, basierend auf historischen Holzlettern-Plakatschriften in maximaler Verdichtung, gilt als Meisterwerk des amerikanischen Kulturdesigns. Es schuf eine starke, unverwechselbare Identität für eine Institution mit einem breiten, diversen Publikum.
- Citibank Corporate Identity (1998) – Das einfache, rot-blau-gebundene Citibank-Logo, unter Schers Beteiligung entwickelt, ist eines der bekanntesten Banklogos der Welt und demonstriert ihre Fähigkeit zum klaren Corporate Design.
- Jazz at Lincoln Center Identität – Scher entwickelte ein flexibles visuelles System, das die Energie des Jazz visuell übersetzt und in Druckmedien, Aussenwerbung und Digitalkommunikation konsistent funktioniert.
- Microsoft Identität (Sonderprojekte) – Zusammenarbeit mit Microsoft für spezifische Kommunikationsprojekte, die die Bandbreite ihres Schaffens illustrieren.
- Plattencover bei CBS Records (1974–1982) – Über 150 Coverentwürfe für Künstler wie William Ackerman und Jazzmusiker der CBS-Stable zeigen ihre frühe Fähigkeit, Musik visuell zu übersetzen.
Einfluss & Bedeutung
Paula Scher gehört zu den einflussreichsten lebenden Grafikdesignerinnen. Ihre Identitätsarbeit für Kulturinstitutionen hat einen Standard gesetzt, der zeigt, wie Design zum integralen Bestandteil einer Institution werden kann – nicht als Dekor, sondern als Ausdrucksmedium ihres Wesens. Das Public Theater ist heute ohne Schers visuelle Identität nicht denkbar.
Ihre Netflix-Dokumentation hat dazu beigetragen, Grafikdesign einem breiten, nicht-fachlichen Publikum zugänglich zu machen und damit zur gesellschaftlichen Aufwertung des Berufsfelds beigetragen. Ihr Buch Make It Bigger (2002) ist ein wichtiges Dokument ihrer Praxis. Kritisch wird angemerkt, dass ihr maximalistischer Ansatz in manchen kommerziellen Kontexten zu Überforderung führen kann und nicht jede Aufgabe gleich gut eignet (Eye Magazine, Nr. 41).
Vergleich & Abgrenzung
Im Unterschied zu Massimo Vignelli, der typografische Beschränkung als Tugend betrachtete, setzt Scher auf typografische Fülle und historischen Pluralismus. Beide sind am Pentagram tätig gewesen, vertreten aber entgegengesetzte designtheoretische Positionen. Gegenüber Stefan Sagmeister, ihrem Pentagram-Kollegen, ist Scher stärker funktional-institutionell orientiert und weniger selbstreferenziell.
Im Vergleich zu Chip Kidd, der ebenfalls Kulturdesign (Buchcover) betreibt, arbeitet Scher großflächiger und typografischer; Kidd ist stärker bildnah und illustrativ.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum gilt die Public-Theater-Identität als so besonders? Die Identität kombiniert maximale typografische Dichte mit historischer Schriftkultur zu einem Bild, das gleichzeitig lesbar und monumentalisch ist. Sie vermittelt die Energie und Zugänglichkeit des Theaters, ohne anbiedernd zu wirken. Gleichzeitig ist das System so flexibel, dass es jede Produktion individuell kommunizieren kann, ohne die Gesamtidentität aufzugeben.
Was ist der Unterschied zwischen Schers und dem minimalistischen Designansatz? Während der modernistische Minimalismus (Vignelli, Rand) auf wenige, klar definierte Elemente setzt und Komplexität als Fehler betrachtet, sieht Scher Komplexität als Spiegelung der Wirklichkeit: Städte, Menschen und Institutionen sind komplex, und ihr Design darf und soll das widerspiegeln.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Scher, Paula: Make It Bigger. Princeton Architectural Press, New York 2002.
- Scher, Paula: Great Design That Changed the World. Interview-Dokumentation.
- Eye Magazine, Nr. 41 (2001): Paula Scher und Kulturdesign.
- Design Observer: Beitrag zu Schers Einfluss, designobserver.com.
- Netflix: Abstract: The Art of Design, Folge 1 (2017) – Porträt Paula Scher.
